Fünf Nächte im Unleben eines Kainskindes

(c) 1995 by Shavana & Stayka

This page was last modified: 2005/02/02


WoD Stuff | WoD Fanfics



Kapitel 1: Ein Bißchen in Ehren...

Man schrieb Montag, den 28. Dezember 1981.

Anshara stieg aus dem Flugzeug aus und sah sich irritiert um. Wo war sie hier gelandet? In Frankfurt am Main in Deutschland?

Sie wollte doch eigentlich nach Ägypten! Sie seufzte tragisch. Daran waren nur diese dummen Hinweisschilder in Rumänien schuld. Sie mußte irgendwie die Maschine Bukarest-Kairo mit Bukarest-Frankfurt verwechselt haben...

Nun hatte sie zwei Probleme:

Erstens war es fünf Uhr nachts, und sie brauchte dringend einen Unterschlupf, und zweitens waren ihre Koffer mittlerweile wohl in Kairo, da sie diese offenbar an der richtigen Gepäckaufgabe abgegeben hatte. Anshara durchwühlte ihre Handtasche. Wenigstens hatte sie eine Kreditkarte (American Express) dabei.

Sie mietete sich also eine Suite im Sheraton (ein bißchen Luxus hatte noch niemandem geschadet) und schloß sich für den Tag erstmal im fensterlosen Badezimmer ein, wo sie ihr Bettzeug in die Badewanne verfrachtet hatte und den Schlaf der Gerechten schlief.

Leider war eine enge Badewanne kein geräumiger Sarkophag, und sie fühlte sich beim Aufwachen am späten Nachmittag entsprechend gequetscht. Vielleicht sollte sie sich demnächst doch einmal eine feste Unterkunft mit einem bequemen Sarkophag und einem weißen Schmusekissen mit goldenen Troddeln zulegen, überlegte sie.

* * *

Jean befand sich nun schon mehrere Tage in Frankfurt am Main. Er hatte einfach mal wieder etwas Abwechslung gebraucht, und Reisen war nun mal definitiv eine seiner Lieblingsbeschäftigungen.

Momentan erkundete er das Nachtleben der Stadt, oder eher, was die hier so nannten. Er fand, daß Frankfurt den Vergleich mit Paris in keinster Weise standhielt. Wo in der französischen Metropole farbenfrohes Treiben herrschte, gab es hier nur Grau in Grau.

Den Tag hatte er wie meist schlafend in seinem Hotel verbracht, und nun überlegte er, was er heute Abend unternehmen sollte. Im Winter versank die Sonne zum Glück so früh, daß er noch ein bißchen von dem Leben der Stadt mitbekam.

In den letzten Nächten hatte er schon einige Lokalitäten der Stadt in Augenschein genommen, aber irgendwie war alles nicht so sonderlich aufregend.

* * *

Anshara hatte derweil den Tag weitestgehend verschlafen. Ein Weilchen vor Ladenschluß war es zum Glück schon dunkel genug, daß sie nach draußen einkaufen gehen konnte.

Sie brauchte dringendst neue Sachen, denn da ihre Koffer mit dem anderen Flugzeug an den richtigen Bestimmungsort geflogen waren, war ihr nichts anderes übrig geblieben, als die ganze Zeit in ihrem eleganten Chiffon zu verbringen, und so sah das Kleid nun auch aus.

Also schlenderte Anshara über die immer noch weihnachtlich dekorierten Einkaufsstraßen, und ihre Einkaufstaschen füllten sich. In Frankfurt sprachen zum Glück sehr viele Leute Englisch, so daß sie sich über die Verständigung nicht zu sorgen brauchte. Gleich im ersten Geschäft, das sie heimsuchte, hatte sie sich - sehr zur Verwunderung der Verkäufer - komplett umgewandet und trug nun ein elegantes, schneeweißes langes Abendkleid in vage ägyptischem Stil, zu dem sie sich allerlei goldene Accessoires besorgt hatte. Das Outfit wurde von einem ebenfalls schneeweißen Mantel vervollständigt.

Jean streifte ebenfalls durch die Stadt. Er bewunderte die weihnachtliche Dekoration der City, während er sich nach einer geeigneten Mahlzeit umsah. Doch es war hier viel zu voll, als daß er es wagen konnte, seinen Hunger zu stillen.

Also betrat er eines der Kaufhäuser, wo es ihn prompt in die Schmuckabteilung zog. Vielleicht fand er ja etwas, daß ihm gefiel. Er liebte eigentlich alles, was glitzerte... Eine der dummen Angewohnheiten, die ihn schon des öfteren in ziemliche Schwierigkeiten gebracht hatte.

Bald darauf war er ganz in den Anblick von kristallenen Spiegelfiguren versunken, die das Licht in herrlichen Regenbogenkaskaden reflektierten.

Endlich hatte Anshara wieder eine ausreichende Menge adäquater Kleidungsstücke, und sie überlegte, ob sie sich noch das eine oder andere exklusive Duftwässerchen zulegen sollte.

Eher undamenhaft ächzend wuchtete sie die nun schon ziemlich angewachsenen Taschen, Tüten und Beutel durch die Gegend. Auf dem Weg zu den Parfums durchquerte sie auch die Schmuckabteilung, was sie dazu anhielt, eine klassische Armspange (in ägyptischem Stil) anzuprobieren.

Leider war dies das Quentchen, welches das sprichwörtliche Faß zum Überlaufen brachte, und sie verlor die Gewalt über ihre diversen Einkaufstüten. Diese plumpsten gen Boden, und beim Rettungsversuch leistete Anshara ihnen unsanft Gesellschaft. Mit einem leisen Aufschrei fiel sie inmitten der Einkäufe unzeremoniell auf ihr wertes Hinterteil.

Dieses wahrlich nicht lautlose Verhängnis riß selbst Jean aus seinen Gedanken. Amüsiert betrachtete er das Knäul aus Tüten, Taschen, elegantem weißen Kleid und der schwarzhaarigen jungen Frau mittendrin.

Anshara fluchte einige reichlich unfeine Worte in Altägyptisch, ehe sie begann, ihre Sachen wieder zusammenzusuchen.

Jean verstand zwar kein Wort, aber ihr Tonfall ließ vermuten, daß es sich um Flüche handelte. Er hob eine Tasche auf, die vor seinen Füßen gelandet war und reichte sie der jungen Frau, die ein wenig wirkte wie eine neuzeitliche Version einer ägyptischen Prinzessin. Zumindest hatte sie die Frisur und eine ziemlich ähnliche Haltung wie die Cleopatra in dem dreistündigen Monumentalschinken.

"Danke", sagte Anshara zunächst auf Ägyptisch. Da der junge Mann - der ziemlich hochgewachsene junge Mann (von ihrer Position sah sie fast ausschließlich lange Beine vor sich) - verständnislos dreinblickte, versuchte sie es noch einmal, zunächst auf Arabisch, dann auf Englisch.

"Bitte", erwiderte Jean ebenfalls auf Englisch. Auch wenn es nicht gerade seine bevorzugte Sprache war, so konnte er sich darin inzwischen hervorragend ausdrücken.

Anshara rappelte sich auf und begann, erst einmal ihr Kleid glattzustreichen, ehe sie ratlos auf die verstreuten Einkäufe blickte. Wie sollte sie die bloß ins Hotel transportieren? Dann kam ihr eine Idee, und sie lächelte den Unbekannten strahlend aus ihren bernsteinfarbenen Augen an. Vielleicht gelang es ihr ja, ihn dazu zu bewegen, ihr zu helfen. Und außerdem könnte sie sich ja dann vielleicht nachher einen kleinen Snack genehmigen.

Jean betrachtete amüsiert, wie die 'Prinzessin' (war vielleicht heute irgendwo ein Maskenball?) sich mit den Tüten und Taschen bepackte.

"Kann ich Euch helfen?" fragte Jean. Manchmal kam doch der Gentleman bei ihm durch, die mühevolle Ausbildung durch seinen Erzeuger war doch nicht ganz umsonst gewesen.

"Würdet Ihr das tun?" flötete sie mit einem verführerischen Augenaufschlag.

"Warum nicht?" meinte Jean. "Ich habe nichts weiter vor." Zudem interessierte es ihn doch zu sehr, warum diese Lady in dem komischen Kleid herumlief. Gab es eine Party, von der er nichts wußte?

"Das finde ich überaus nett."

Jean sah auf sie herab - er überragte sie um über 30cm - und nahm ihr die Tüten und Taschen ab.

"Ich fürchte, ich habe wieder einmal viel zu viel eingekauft", seufzte sie. "Aber ich hatte das falsche Flugzeug erwischt, und meine Koffer sind jetzt in Kairo."

"Soso", meinte Jean nicht ganz überzeugt. Das ganze Zeug war ziemlich schwer, ein Wunder wie das Mädchen die Tüten überhaupt anfangs hochgewuchtet hatte.

"Ich bin leider nicht so stark wie Ihr", schmeichelte sie. "Ich habe mich ein wenig übernommen."

"Ich glaube, so stark bin ich auch nicht." Jean sah fatalistisch auf die unförmige Last.

"Hm. Was kann man da unternehmen? Ich wollte die Sachen eigentlich nur ins Hotel bringen. - Ich wohne im Sheraton."

"Nehmt doch ein Taxi", schlug Jean vor. "Vor dem Kaufhaus ist ein Taxistand." Weiter als unbedingt nötig würde er den Kram nicht schleppen.

"Das wäre vermutlich die beste Idee. - Helft Ihr mir, die Sachen dorthin zu wuchten?" fragte sie hoffnungsvoll.

"Wo ich das Zeug eh schon in den Händen habe..." Ob er es nun wieder zu Boden fallen ließ oder zum Taxistand trug, war eigentlich auch egal.

"Sehr gut." Sie bezahlte noch rasch das Parfum (ein exklusiver orientalischer Duft) und den Schmuck mit der Kredit-Karte, ehe sie mit dem schwarzgekleideten Unbekannten gen Taxistand trabte.

Jean war froh, daß es nicht weit war, denn die ganzen Tüten war nicht nur schwer, sondern insbesondere sperrig.

Anshara wandte sich an den ersten der Taxifahrer, der ihrem 'Retter' assistierte, den ganzen Kram im Kofferraum des Wagens zu verstauen.

"Wie kann ich Euch danken, mein Herr?" fragte sie den Mann, der sich immer noch nicht vorgestellt hatte.

"Habe ich doch gern getan", erwiderte Jean, der sich definitiv von der jungen Frau angezogen fühlte, besonders, wenn sie ihn so ansah.

"Würdet Ihr mir eventuell gleich noch behilflich sein, die Einkäufe in meine Suite zu befördern, oder wäre das eine zu große Zumutung für Euch?"

"Wenn es Euch Freude bereitet", meinte Jean amüsiert. Er hatte nichts dagegen, sich abschleppen zu lassen, besonders wenn die Dame so hübsch war.

"Prima." Alleine würde sie bestimmt zweimal hoch und runter rennen müssen. Jean stieg zu Anshara ins Taxi, und sie setzte erneut ein strahlendes Lächeln auf. "Habt Ihr eigentlich einen Namen, oder ist Euch 'Edler Herr' als Anrede recht?"

"Ihr könnt mich anreden, wie Ihr wollt. Ich heiße Jean LeCartres, die meisten nennen mich jedoch Jean." Logischerweise, denn schließlich war das sein Name. Er fragte sich, warum er durch die junge Frau so irritiert war.

"Gut, edler H... - Jean, meine ich."

"Und wie ist Euer werter Name?" Bestimmt hieß sie Cleo oder so, vermutete Jean amüsiert.

"Anshara."

"Hübscher Name," fand er und fragte sich, ob der Name auch ägyptisch war, leider hatte er ziemlich wenig Ahnung von Geschichte.

"Danke." Sie schlug die goldgeschminkten Augen nieder. Alles an ihr schien weiß oder golden zu sein, bis auf die Haare. Selbst ihre Augen wiesen goldene Flecke in schimmerndem Bernstein auf.

Jean beschloß, erst einmal aus dem Fenster zu schauen, um sie nicht so unhöflich anzustarren. Diese junge Dame war überaus anziehend.

Da Jean gerade nicht guckte, klappte Anshara die Sichtblende herunter, um in deren Spiegel erst einmal ihr Make-Up und den Sitz ihrer Frisur zu überprüfen. Es war alles perfekt, wie es sich gehörte.

Jean mußte sich das Grinsen verkneifen, als er dies in der Fensterscheibe beobachtete. Frauen waren doch irgendwie alle gleich.

"Seid Ihr hier aus Deutschland?" wollte Anshara wissen.

"Nein", entgegnete Jean. "Ich bin Franzose."

"Oh." Sie guckte nachdenklich. "Ja, über Frankreich habe ich schon etwas gelesen."

"Ach ja?" kommentierte Jean belustigt. Aus ihrem Mund klang das, als wäre seine Heimat irgendein winziges Land am Ende der Welt.

"Nun, wißt Ihr, ich stamme aus Ägypten..."

"Habe ich schon fast vermutet..." Er war also doch auf der richtigen Spur gewesen.

"Wirklich?"

"Nach Eurem Outfit ist es ziemlich offensichtlich. Es sei denn, Ihr seid Schauspielerin und habt Euch im vollen Kostüm vom Drehort entfernt."

"Hm."

"Nun, für Normalsterbliche ist diese Bekleidung hier eher ungewöhnlich." Er hatte definitiv noch nie jemanden gesehen, der in so einer Aufmachung durch die Einkaufsstraßen lief.

Anshara blickte an den elegant fallenden Falten des fließenden Stoffes herab.

"Ich habe aber alles heute hier gekauft."

"Kaufen kann man alles. Nur es wird nicht unbedingt öffentlich getragen."

"Oh." Anshara sah nach draußen. Das Taxi steckte offenbar im klassischen Abendstau fest.

"Mir scheint, der Stau ist heute wieder einmal besonders schlimm." Vermutlich waren wieder alle Leute unterwegs, um unpassende Weihnachtsgeschenke umzutauschen, wie stets nach den Feiertagen.

"Das ist alles nichts gegen New York oder L.A.", winkte sie ab.

"Aber nervtötend genug."

"Das ist wahr." Anshara guckte ein wenig fatalistisch drein, was aber nichts von ihrer enormen Ausstrahlung wegnahm. Verstohlen musterte sie Jean. Er sah auch ganz hübsch aus, fand sie. Überschulterlange, schwarze Haare, heller Teint und interessante, dunkeltürkisfarbene Augen... Vielleicht konnte sie ihn ja auch mit nach Karnak nehmen und ab und zu von ihm naschen. Der schmeckte bestimmt besser als diese ganzen ungewaschenen Slumbewohner, von denen sie sich in den USA ernährt hatte.

Jean seufzte. Irgendetwas begann, ihn gewaltig an der Lady zu beunruhigen, daher beschloß er, sie lieber so schnell wie möglich an ihrem Hotel abzusetzen.

* * *

Schließlich erreichten sie, unterhalten von ein wenig Small Talk (von "in Ägypten ist es wärmer als hier" bis "es ist hier ziemlich feucht, so ganz anders als in der Wüste"), das Hotel.

Jean half Anshara, die ganzen Pakete aus dem Taxi in die Hotelhalle zu schaffen, wo er das Zeug kurzerhand einem Pagen auflud. Die wurden wenigstens für diese Schlepperei bezahlt.

"Ich danke Euch, Jean", hauchte Anshara und setzte voll auf ihre schon seit jeher eingebaute Stärke der Überzeugungskraft, besonders, was männliche Wesen betraf. "Wollt Ihr nicht auf einen kleinen Drink mit hinaufkommen?"

Jean sah sie mit einem ziemlich unergründlichen Blick an. "Warum nicht?" Irgendwas brachte ihn dazu, ihr zuzustimmen, obwohl ihn seine Sinne warnten.

"Das ist lieb!" Sie trabte mit ihm zum Lift. Jean war zu neugierig, was sie wohl mit ihm vorhatte. Anshara steuerte schnurstracks auf ihre Suite zu, schloß auf und bat ihn herein. Die Räumlichkeiten wirkten ziemlich unbewohnt, nur das Bettzeug auf einer Seite der Liegestatt fehlte.

Jean schaute sich um, entdeckte aber nichts, was irgendwelche Schlüsse zulassen würde. Der Raum sah eben wie ein Hotelzimmer aus.

"Darf ich Euch etwas anbieten - und wenn ja, was?" Anshara trat zu der eingebauten Bar. Sie wollte den hübschen Jungen erst einmal in Sicherheit wiegen.

"Nein, danke", lehnte Jean höflich ab. Da war nichts, was ihm schmecken würde.

"Gut, dann will ich erst einmal Eurem Beispiel folgen." Sie musterte ihn unauffällig. Jean war vielleicht gerade 20 Jahre alt, also genau das richtige Alter... Das einzige Manko war die Tatsache, daß er beinahe zwei Meter lang war. Anshara mußte sich anstrengen, zu ihm aufzusehen. Zum Glück hatte sie keine Probleme mehr mit einem etwaigen steifen Nacken. "Erzählt mir doch etwas von Frankreich", forderte sie ihn auf. "Auf dem Gebiet der modernen Geschichte habe ich leider einige Wissenslücken."

"Ich war schon länger nicht mehr dort", wich Jean aus. Er hatte keine Lust an den Ärger in Paris zu denken, der ihn mal wieder zu einer Reise 'inspiriert' hatte.

"So? Wo wart Ihr denn?"

"So hier und da." In der letzten Zeit war er ein paar Mal quer durch Europa gereist, da er sich irgendwie nirgendwo besonders wohlgefühlt hatte.

"Ihr seid also auch viel auf Reisen gewesen, in der letzen Zeit?"

"Durchaus." Das war alles, was Jean zu dem Thema zu sagen gedachte.

"Dann habt Ihr bestimmt viele fremde Völker und deren Kulturen kennengelernt... Ich finde diese sehr interessant. Ich muß unbedingt mal nach Paris in den Louvre oder in das Britische Museum in London, wo ich gerade mal in Europa bin. - Wüßtet Ihr vielleicht ein paar interessante Galerien oder Museen, die man hier besuchen könnte?"

"Hm, ich bin erst seit ein paar Tagen hier." Und viel gesehen hatte er noch nicht, da er noch nicht dazu gekommen war, sich bei den Zuständigen nach den besonderen Möglichkeiten für nächtliche Besucher zu erkundigen. Ihm waren praktisch nur die normalen Reiseführer und Bildbände geblieben, aber die waren nicht für ihn geeignet gewesen. Tagsüber konnte er wohl kaum die Sehenswürdigkeiten aufsuchen.

"In Europa?"

"Nein, in Frankfurt," erwiderte Jean amüsiert. In Europa war er schon einige Zeit länger, um genau zu sein 343 Jahre. Irgendwie hatte er es bis jetzt immer noch nicht geschafft, den Kontinent zu verlassen.

"Oh. Aber vielleicht könnt Ihr mir einige kulturelle Tips für andere Gegenden geben. Ich bin ja nur versehentlich hier."

"Ich verlasse mich da ganz auf die diversen Reiseführer." Jean dachte daran, daß er noch nie Probleme gehabt hatte, jemanden zu überreden, ihm die Sehenswürdigkeiten der diversen Gegenden zu zeigen.

"Klingt nach einer guten Idee", überlegte Anshara und versuchte, sich in einer bißtechnisch vorteilhaften Position anzuschleichen. Jean betrachtete sie mißtrauisch, da ihr Blick so auf seinen Hals fixiert war.

Auf einmal bemerkte Anshara, daß die Badezimmertür leicht aufstand und überlegte, wie sie dies elegant beheben könnte, vor allem, damit Jean nicht das Bettzeug in der Badewanne entdeckte. Das gäbe nur merkwürdige Blicke und Fragen...

Irgendetwas kam Jean langsam komisch vor, er konnte aber nicht sagen, was. Warum sah sie nun permanent zum Bad?

"Äh, ich muß mich kurz einmal frisch machen", behauptete Anshara und verschwand kurz im Bad. Sie stopfte das Bettzeug erst einmal in die Duschkabine, ehe sie ein wenig an ihrem Make-Up herum malte. Frisch gestylt und nicht mehr ganz so blaß kehrte sie alsbald zurück.

Jean guckte amüsiert. Wie viele Schichten Farbe waren das jetzt wohl? Er konnte das Make-Up schon aus der Entfernung sehen. Anshara sah zu ihm herüber.

"Wollt Ihr nicht Platz nehmen?" Sie deutete auf die Couch. Sitzende Opfer waren leichter zu erwischen als stehende oder sich bewegende. Nur liegende waren noch besser.

"Gerne", sagte Jean und ließ sich am Rand des Sofas nieder. Was hatte sie nur vor, daß sie ihn so durchdringend musterte.

'Prima', dachte Anshara. 'Jetzt ist er in idealer Bißhöhe.'

Jean sah sie aufmerksam an. Was kam nun? Anshara schwebte auf ihn zu und versuchte, ihn mit ihrem Blick gefangen zu nehmen, wie sie es mit Leichtigkeit mit all ihren vorigen Opfern getan hatte. Er guckte zurück. Was waren das für Spielchen? Wollte sie ihn hypnotisieren?

"Ich finde Euch überaus anziehend", hauchte die Frau und kam ein Stück näher, wobei sie ihn nicht aus den Augen ließ.

"Ihr seid auch anziehend", antwortete Jean etwas irritiert, da ihr Blick ihn doch etwas störte. Sie hatte ihn nun erreicht und strich seine Haare auf der linken Seite nach hinten.

Langsam kam sie ihm wirklich zu nahe, fand er und rutschte weg - leider etwas zu spät, denn sie war nahe genug herangekommen und versuchte, nun einen Biß anzubringen. Gerade noch gelang es Jean, auszuweichen, aber nur weil er um einiges schneller war als ein Mensch. Anshara hingegen konnte leider nicht mehr bremsen und biß kraftvoll in die Rückenlehne der Couch.

Als sie sich wieder befreit hatte, gab sie ein paar fürchterliche Flüche von sich. Jean betrachtete sie vorsichtig, aber auch sehr amüsiert. Jetzt wußte er, woran er mit dieser Dame war. Seine Bedenken verflogen, denn mit solch amateurhaften Angriffen konnte er durchaus fertig werden.

Die Couch war an der Bißstelle ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden. Verärgert spuckte Anshara einige Flocken Polsterung aus.

"Ihr seid zu schnell für einen normalen Menschen", stellte sie anklagend, aber auch ein wenig irritiert fest.

"War es schmackhaft?" erkundigte sich Jean mit seinem besten Unschuldsblick. Die Antwort waren ein paar besonders blumige Flüche auf Arabisch.

"Ich verstehe leider kein Wort." Obwohl diese Sprache sehr interessant klang.

Anshara wechselte auf Englisch und ließ die pittoresken Verwünschungen noch einmal mit gleicher Hingabe los. Sie hatte immer noch Schaumstoff im Mund.

"Aha", meinte Jean amüsiert. Schließlich hatte sie sich beruhigt und durchbohrte ihn mit einem sezierenden Blick.

"Ihr seid also auch ein Vampir?" fragte sie neugierig, da er ob der Bißattacke keine Miene verzogen und auch sonst nicht verwundert gewirkt hatte.

"Meint Ihr?" Jean sah sie fragend an. Es war immer besser eine Frage mit einer Frage zu beantworten, wenn man sein Gegenüber nicht genau kannte.

"Ein Werwolf seid Ihr jedenfalls nicht. Die miefen."

"Pfui", kommentierte Jean alleine diesen Gedanken. So dumm konnte sie also doch nicht sein, denn Werwölfe rochen zumeist wirklich nicht gerade angenehm.

"Sag ich doch." Anshara runzelte die Stirn und hörte nicht auf, ihn inquisitorisch zu mustern. Jean beschloß, in gleicher Art zu reagieren und starrte zurück. Anshara trat erneut auf ihn zu.

"Kommt mir bloß nicht zu nahe!" wehrte Jean ab. Er hatte keine Lust, sich verteidigen zu müssen, sowas war anstrengend, und er hatte heute noch nichts zu sich genommen.

"Versucht doch, mich daran zu hindern!"

"Das möchte ich ja eben nicht."

"So? Wie könntet Ihr mich denn hindern? Denkt daran, Kreuze helfen nicht - ich bin eine Priesterin der Ma'at."

"Kreuze nützen nie was." Jean konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Anshara mußte wirklich noch ein ganz junges Kainskind sein, wenn sie solche Vorstellungen hatte.

"So?" Anshara guckte verwirrt. Bei Dracula hatte das immer geklappt. Sie war bislang stets davon ausgegangen, daß die christlichen Symbole ihr deshalb nichts ausmachten, da sie von ihrer Vorgeschichte als Ma'at-Priesterin beschützt wurde. Außerdem war dieser Christus-Heini in ihrer Zeit noch für fast zweitausend Jahre Science-fiction gewesen.

"Woher habt Ihr das nur?" wollte Jean wissen. Normalerweise hätte ihr Erzeuger ihr doch wenigstens die ersten Lektionen geben müssen, bevor er sie allein in die Welt ließ.

"Aus dem Fernsehen", gab Anshara zu, und Jean prustete los. "Was ist daran so witzig?" schmollte sie.

"Wer glaubt schon ans Fernsehen?" Jean konnte nicht verstehen, wie man Informationen über die Kainskinder aus dieser Quelle erwarten konnte.

"In den Büchern stand es aber auch so!"

"Die sind in der Regel von Menschen geschrieben worden." Warum hatte sie denn keinen der Kainiten gefragt? Es gab doch genug, die zu lehren bereit waren, besonders, wenn die Schülerin so niedlich war...

"Bram Stoker behauptete aber, es wäre eine Augenzeugengeschichte gewesen. Zumindest habe ich es so interpretiert."

"Garantiert nicht!" meinte Jean voller Überzeugung. Dracula war eines der schwachsinnigsten und ödesten Bücher, die er je gelesen hatte.

"Woher wißt Ihr das?"

"Ich weiß es nicht, aber seine Bücher sind Quatsch."

"Hm. Und was ist mit den anderen Werken über Vampire?"

"Ein paar enthalten ein bißchen Wahrheit, aber das ist wohl eher Zufall." Die meisten der sogenannten Vampir-Romane waren einfach nur Schund, obwohl bei einigen hätte er nichts dagegen gehabt, wenn sie Wirklichkeit wären. Er hätte sich zu gerne mal in eine Fledermaus oder sowas verwandelt, was ja angeblich jeder Vampir ohne Probleme konnte. Obwohl, wenn jeder Mensch, denn er biß, ein Vampir würde, dann wären die Lebenden wohl schon ausgestorben, dachte er vergnügt.

"Hm. Zum Beispiel? Ich meine, außer der Sache mit der Sonne, denn das habe ich selber herausgefunden. Das tat ganz schön weh!"

"Selbst Schuld." Das war doch wohl eine Sache, die jedes neugeschaffene Kainskind als erstes eingetrichtert bekam.

"Ich? Wieso bin ich daran Schuld?"

"Warum nicht?" fragte Jean zurück.

"Glaubt Ihr, es war meine Idee, daß mich so ein Heini beißt?"

"Das ist es wohl nie." Freiwillig hatte er sich auch nicht beißen lassen. Es war eher so über ihn gekommen, mehr oder weniger. Der Gedanke daran, wie er den Kuß empfangen hatte, ließ Jean erschauern. Es war definitiv keine schöne Erinnerung. Der Schmerz, der Hunger...

"Also ist es auch nicht meine Schuld", beharrte Anshara.

Aus seinen Gedanken gerissen, zuckte Jean mit den Schultern.

"Typisch Mann!" fand Anshara.

"Ich war's ganz bestimmt nicht", wehrte Jean ab. Anshara musterte ihn zum so-und-so-vielten Mal.

"Nein", stimmte sie zu. "Der unverschämte Beißer war kleiner und pummeliger. Außerdem hatte er eine Glatze."

"Wie gut, daß ich keine Ähnlichkeit damit habe", bemerkte Jean amüsiert.

"Stimmt", fand Anshara. Dann fiel ihr etwas Wichtiges ein. "Äh, sag mal, hast du eine Ahnung, warum meine Haare nicht mehr wachsen wollen? Ich hätte so gerne wieder lange Haare, wie ich sie als Kind getragen hatte..."

"Da kannst du bis in alle Ewigkeit warten."

"Wieso das?" quietschte sie entsetzt.

"Sie werden nicht mehr wachsen." Es war genauso hoffnungslos auf das Wachsen der Haare zu warten wie sie abzuschneiden. Er hatte das schon öfter versucht, doch am nächsten Abend hatten sie immer wieder die gleiche Länge wie zuvor. Man mußte sich eben damit abfinden für alle Ewigkeiten in diesem Zustand gefangen zu sein.

"Ich hatte doch früher so eine lange Mähne!" Sie deutete auf ihren Po.

"Ich vermute, da warst du auch noch nicht tot."

"Nein, da war ich vierzehn."

"Jetzt werden sie jedenfalls für immer so bleiben."

"Das ist unfair! Warum waren nur gerade Kurzhaarfrisuren in, als der Typ mich gebissen hat", jammerte sie. Jean schüttelte belustigt den Kopf, während Anshara schmollte. "Dann werde ich mir eben Kunsthaar anschweißen lassen", beschloß sie. "Ich muß schon sagen, als Vampir hat man es nicht leicht."

"Wer hat das behauptet?" Als Untoter hatte man es ganz gewiß nicht einfach.

"Naja, in den Filmen sind doch mindestens neunzig Prozent der Ladies voll geil darauf, gebissen zu werden."

"Wüßte ich aber." Jean mußte sich ganz schön anstrengen, um eine Dame zu überzeugen. Meist gelang es ihm nicht, und ihm blieb nichts anderes übrig, als zu radikaleren Methoden zu greifen, um an seine Nahrung zu kommen.

"So?"

Er sah sie mit einem seiner typischen Unschuldsblicke an.

"Guckt nur weiter so, ich nehme Euch das nicht ab", erkläre Anshara.

"Hm, das klappt sonst immer," meinte Jean, jedenfalls bei den Lebenden.

"Dann sind die anderen Leute ziemlich leichtgläubig", fand sie.

"Vermutlich." Menschen waren schon immer leichter zu täuschen gewesen.

"Außerdem heißt es doch eh, daß Vampire ziemlich immun gegen so etwas sind, oder stimmt das auch wieder nicht?"

"Kommt drauf an, wie überzeugend der andere ist." Er hatte jedenfalls schon Kainskinder erlebt, die jeden sofort in ihren Bann schlugen.

"Hm. - Nebenbei, wie sieht es eigentlich mit dem Einsatz von Knoblauch, Weihwasser, Pfählen und Silberkugeln gegen Vampire aus?"

"Pfähle können uns nicht töten, sie machen uns nur bewegungsunfähig. Silberkugeln schlagen zwar Wunden, aber die heilen wie alles andere schnell. Weihwasser ist einfach Quatsch, naja, und Knoblauch stinkt, aber deshalb muß man nicht davonrennen", erklärte Jean. Wer wußte schon, was die kleine Lady noch alles anstellen würde, wenn ihr nicht jemand die Wahrheit sagte.

"Ha!" machte Anshara triumphierend. "Ihr habt es zugegeben. 'Uns'. Ihr seid also tatsächlich einer!"

"Das war doch wohl offensichtlich." Er hatte doch so viele Fehler gemacht...

"Offensichtlich?" Anshara sah ihn irritiert an. "Ihr seid der erste Vampir, den ich getroffen habe, seit mich dieser ...Heini biß!"

"Naja, so viele gibt es auch wieder nicht." Insbesondere hier in Deutschland waren die Kainskinder nicht sonderlich häufig anzutreffen.

"Ich habe jetzt sechzehn Jahre lang nach irgendeinem Artgenossen gesucht! Ich war schon in England, Hollywood und Transsylvanien - aber alles, was mir da begegnete, waren Fälschungen."

"Soweit ich weiß gibt es in Hollywood nicht nur Fälschungen. In Transsylvanien war ich noch nie."

"Christopher Lee war eine Fälschung. Er hat mich ausgelacht, als ich ihn um ein paar Ratschläge bat", entrüstete sich Anshara. "Dabei hatte ich so gehofft, er könnte mir einiges verraten..."

"Wohl kaum." Diese Schundfilme waren doch nur einfach lachhaft.

"Das war ja das Problem."

Jean lachte. "Dann mußt du es eben anders lernen."

"Zum Beispiel?"

"Aus Erfahrung. Wenn du etwas falsch machst, bist du nachher schlauer, oder du brauchst dir über nichts mehr Gedanken zu machen."

"Humpf", machte Anshara. "Ein paar Sachen habe ich ja schon gelernt. Zum Beispiel, daß man besser nicht in ungewaschene Hälse in den Slums beißen sollte..."

"Wäre sinnvoll", kommentierte Jean trocken. Es konnte ganz schön übel werden, wenn man sich so wahllos ernährte.

"Ich habe mir bei einem Typen eine üble Infektion eingefangen", beklagte sie. "Ich habe mich fast zwei Wochen reichlich tot gefühlt. Ich meine, toter als tot - du verstehst, was ich meine...?"

"Ich denke schon." Er hatte seine Lektion auch gelernt.

"Gut. - Außerdem mußte ich sehr zu meinem Leidwesen feststellen, daß die meisten Ärzte nur tagsüber aufhaben. Seitdem habe ich mit einem Fernstudium der Medizin angefangen. Vielleicht mache ich sogar demnächst mein Examen - vorausgesetzt, das findet auch in einem Raum ohne Fenster statt... Sonst hätte ich ein Problem."

"Unzweifelhaft..."

"Was tust du eigentlich beruflich? Ich meine, wie finanzierst du dein Leben inmitten all der Sterblichen?"

"Ich tue eigentlich gar nichts. Warum auch?" Jean hatte genug Geld, um sich den Luxus zu leisten, den er sich wünschte. Und wenn nicht... Ein oder zwei Diebstähle, und er hatte wieder genug. In der Beziehung hatte er wenig Skrupel.

"Naja, als ich aufwachte, hatte ich nur ein zerfetztes Gewand am Leib, und ich mußte mir etwas einfallen lassen, um nicht allzusehr aufzufallen... Und als ich dann sah, wie die Menschen hier lebten, hatte ich keine Lust, mein Leben arm wie ein Sklave zu fristen. Vor allem, wo es in dieser Zeit all diese tollen neumodischen Geräte gibt! Ich liebe das Fernsehen! Da kann man ohne tagelange Reisen alles Interessante direkt zu Hause betrachten. Und es gibt so tolle Sendungen über die heutigen und früheren Künstler und ihre Werke - es ist einfach phänomenal! Und dann diese tolle Erfindung Kreditkarte - man kann ganz darauf verzichten, Tauschhandel zu betreiben - ach, das gibt es ja jetzt gar nicht mehr so - aber eben Geld mit sich herumzuschleppen..."

Jean ließ den Wortschwall ein wenig fatalistisch über sich ergehen. Aber ihre Begeisterung war echt, und irgendwie hatte sie auch einen Punkt.

"Ohne so eine Kreditkarte wäre es auch erheblich peinlicher gewesen, daß ich das falsche Flugzeug erwischt habe. Überhaupt, Flugzeuge! Wer hätte gedacht, daß normale Menschen jemals wie Osiris oder Joh auf ihren Himmelswagen durch die Lüfte schweben könnten? Und Autos! Selbstfahrende Wagen, die ohne Tiere oder Sklaven zur Bewegung auskommen - obwohl es dafür heutzutage Staus gibt... - Oh, ich hoffe, ich langweile dich nicht, aber es ist schon so lange her, daß ich mich mal mit jemandem unterhalten konnte, der solche Sachen auch versteht... - Wie lange bist du eigentlich schon wach? Ich habe erst sechzehn Jahre gehabt, um mir all die Wunder der heutigen Welt anzusehen..."

"Ich bin seit neunzehn Jahren unterwegs." Daß er 304 Jahre seiner Existenz eingemauert in einem Gewölbe verbracht hatte, verschwieg er lieber. Inzwischen war es fast 16 Jahre her, seitdem er aus diesem 'Grab' befreit worden war, dazu die drei Jahre, die er mit seinem Erzeuger in Paris verbracht hatte, das ergab 19 Jahre, in denen er unter den Kainskindern weilte.

"Oh, dann bist du mir ja nur drei Jahre voraus. Kennst du eigentlich noch andere Vampire? Ich war mir schon absolut einsam vorgekommen..."

"Ja." Zwar pflegte er keinen besonders intensiven Kontakt mit den anderen Kainskindern, aber er kannte durch seine Reisen einige in den verschiedenen Metropolen Europas. Außerdem wußte er genug, um sie in jeder Stadt zu finden. Als Toreador hatte er es da ohnehin einfacher. Da die Mitglieder dieses Clans bekanntermaßen reisewütig waren, wurden Pakte geschlossen, die es den Toreador erlaubten, überall hin zu reisen; selbst in Städte, die von feindlichen Clans kontrolliert wurden.

"Und wie sind die so? Ich meine, könnte ich von denen noch etwas lernen? Ich weiß doch nur so wenig..."

"Kommt darauf an, ob die einem etwas beibringen wollen", gab Jean zu bedenken. Manchmal waren die Älteren ganz schön verschlossen, was die Weitergabe von Informationen betraf.

"Hm. Und wovon hängt das ab?"

"Das habe ich leider auch noch nicht herausgefunden." Er vermutete aber einfach, es kam darauf an, ob derjenige den Frager leiden konnte oder nicht.

"Hm. Haben sie dir denn schon mal etwas beigebracht?"

"Etwas schon." Wenn er auch das meiste selbst lernen mußte, so hatte ihm sein Erzeuger doch einiges erklärt. Leider waren sie nicht sonderlich weit gekommen, weshalb Jean selbst für einen Neugeborenen ziemlich ahnugslos war. Aber das brauchte er nicht jedem erzählen und schon gar nicht der kleinen Ägypterin, die anscheinend noch weniger wußte.

"Und was?"

"So einiges über das Unleben und die Jagd." Es gab so viele Regeln, die man beachten mußte...

"Hm. Jagd? Muß man dafür denn besondere Kenntnisse haben? Ich habe mich einfach immer nur an Leuten gesättigt, die niemand vermissen würde, falls ich mich mal verkalkuliert hätte. Ich habe mir gedacht, nicht aufzufallen wäre am sichersten."

"Naja, vorsichtig muß man schon sein. Aber manchmal macht es schon Spaß, mit der Beute zu spielen und nicht gleich zuzuschlagen." Das war ein Grund, warum er sich so gerne abschleppen ließ - auf der Straße konnte man sich solche Spielchen meist nicht erlauben.

Ansharas Gesicht hellte sich auf. "Stimmt. Wenn es sich um hübsche, junge Männer handelt, ist das schon eine Option."

Jean betrachtete sie amüsiert. "Warum siehst du mich so an?"

"Naja, im Prinzip fällst du ja unter die Kategorie 'hübsche, junge Männer'..."

"Ich bin aber nicht so leicht zu fangen." Was nicht so ganz stimmte, er war ziemlich leicht einzufangen, wenn das Anbegot nur verlockend genug war. Allerdings war er anderen Kainskindern gegenüber immer vorsichtig.

"Das ist wahr. Du bist ziemlich schnell." Anshara betastete noch einmal ihre Zähne. Die waren zum Glück in Ordnung geblieben, nur ein letztes Stück Füllmaterial steckte noch zwischen den Schneidezähnen. Sie zog es heraus. "Aber es wäre auf jeden Fall eine Herausforderung."

"Versuch es doch." Er war sich ziemlich sicher, daß sie ihn nicht erwischen konnte, wenn es um reine Körperbeherrschung ging.

Anshara verzog das Gesicht. "Der Schaumstoff schmeckt ätzend."

"Kann ich mir denken."

"Da fällt mir ein, ich wollte doch mal meine neuen Sachen bewundern. Der Page hatte sie ja im Vorraum abgestellt."

Jean schüttelte den Kopf. Frauen! Anshara trabte davon und kam strahlend mit zweien der prallgefüllten Tüten zurück.

"Und was hast du nun vor?" wollte Jean wissen.

"Hm. Ich hatte eigentlich noch keine Pläne für den Abend. Außer mir ein Bißchen von dir zu genehmigen, was sich ja nun erledigt hat."

"Ich glaube, ich brauche mein Blut noch", bemerkte er. Es war schon schwierig genug, genügend zu bekommen. Spenden konnte er sich nicht leisten.

"Das ist anzunehmen. Naja, eigentlich habe ich keinen Hunger, nur ein wenig Appetit..."

"Tse." Jean stellte fest, daß sie ihn wieder eingehend betrachtete. "Ich lasse mich bestimmt nicht beißen", machte er sie aufmerksam.

"Dabei hast du so einen appetitlichen Hals."

"Mein Hals gehört nur mir allein!"

"Wie schade..."

"Was machen wir nun?" erkundigte sich Jean, um sie von dem Thema abzubringen.

"Wir könnten ein wenig das Nachtleben erkunden", überlegte Anshara. "Ich bin schließlich erst gestern angekommen und kenne mich hier nicht aus."

"Hast du schon die Jagderlaubnis?"

"Jagderlaubnis? Von wem?"

"Vom Prinzen der Stadt." Das konnte ja heiter werden...

"Huh? Deutschland ist doch schon seit längerem keine Monarchie mehr, dachte ich."

"Du weißt wohl gar nichts?" fragte Jean stirnrunzelnd.

"Ja, wer hätte es mir beibringen sollen?"

"Um zu jagen, braucht man die Erlaubnis des Vampirprinzen einer Stadt", erläuterte Jean also.

"Aha. Und wie kriegt man die?"

"Man stellt sich vor und fragt." Jean fragte sich, wie Anshara es geschafft hatte, wirklich gar nichts zu lernen.

"Mehr muß man nicht tun? Dann ist es ja gut", sagte Anshara beruhigt.

"Zu welchem Clan gehörst du eigentlich?" erkundigte sich Jean interessiert. Sie sah nicht nach einer Clanlosen aus.

"Clan?" Blankes Unwissen stand in ihr Gesicht geschrieben.

"Wie hast du nur bis jetzt überlebt?" seufzte Jean ungläubig.

"Naja, in Karnak in meinem Sarkophag und in Amerika meist in diversen Kellern oder Hotels."

"Die Ahnen hätten dich jagen und vernichten können!"

"Und wieso?"

"Weil du keinen Clan angeben kannst und ohne Erlaubnis herumgewildert hast."

"Hm. Und wie kommt man zu einem Clan?"

"Man gehört zum gleichen Clan wie sein Erzeuger."

"Hm. Meiner hat sich leider nicht dazu geäußert. Um genau zu sein, war ich wohl eher ein Unfall."

"Seltsam. So etwas sollte eigentlich nicht passieren. Entweder ist der Nachkomme gewollt, oder es gibt eine Leiche." Natürlich kam es auch vor, daß ein Nachkomme von seinem Erzeuger verstoßen wurde.

Anshara setzte eine eigentümliche Miene auf. "Naja, ich wurde gebissen, und ich habe aus Reflex zurückgebissen. Und dann ist der Typ schwer geschockt abgehauen... Wie sollte ich da etwas über einen Clan erfahren? Der Typ war ziemlich klein, dick und kahl. Hilft das was?"

"Beschreibe ihn doch etwas genauer", forderte Jean. Das klang nicht danach, als wäre sie aufgegeben worden. Er hatte auch noch nie von einem ähnlichen Fall gehört. Normalerweise ging das Erwachen etwas anders vor sich.

"Er sah aus wie ein durchschnittlicher Aufseher oder Hofschreiber. Wohlgenährt, mit einem sehr edlen Tuch gekleidet, und er wirkte ziemlich arrogant. Deshalb ist er wohl auch aus allen Wolken gefallen, als ich zurückgebissen habe." Sie setzte ein ziemlich selbstzufriedenes Lächeln auf.

"Das schränkt die Sache schon ein bißchen ein. Wie sahen die Zähne aus?" Vielleicht konnte er so den Clan bestimmen.

"Normal. Ziemlich gesund. Und sie waren scharf!"

"Ach", machte Jean belustigt. Es gab eigentlich keine Kainskinder mit Zahnproblemen. "Jedenfalls würde ich sagen, daß Nosferatu, Brujah und Gangrel rausfallen." Diese hatten ziemlich deutliche äußerliche Merkmale, die selbst ein Laie erkennen konnte.

"Wie viele Clans gibt es denn überhaupt?"

"Viele. Aber es sind dreizehn Hauptclans." Jedenfalls hatte er das gehört.

"Ah. Und die wären?"

"Ventrue, Gangrel, Malkavianer, Nosferatu, Ravnos, Lasombra, Tzimisce, Setiten, Giovanni, Tremere, Assamiten, Brujah und natürlich Toreador", zitierte Jean aus dem Gedächtnis.

"Und was bist du?"

"Ich bin vom Clan Toreador!"

"Ist das was besonderes? Ich meine, weil du es so betonst."

"Ich denke eben, die Toreador sind etwas besonders." Auf jeden Fall waren sie der kultivierteste Clan, dachte Jean. Und die einzigen die wirkliches Verständnis für Kunst und Schönheit hatten. Sie verstanden es wenigstens zu leben.

"Aha. Leider hilft mir das bislang auch noch nicht weiter", seufzte Anshara und begann, einige der Tüten auf dem Bett auszuleeren. Sie probierte begeistert einige der neuen Schmuckstücke an.

"Ich vermute mal, du könntest Ventrue, Toreador oder einem Clan, der in Ägypten stärker ist, angehören, zum Beispiel den Setiten." Die Ventrue waren der Clan, dem Jean den zweiten Platz in der Rangfolge der Clans zuerkannte. Einige seiner Freunde unter den Kainskindern waren Ventrue, obwohl sie natürlich nicht das gleiche Kunstverständnis hatten wie ein Toreador.

"Hm. Aber wie findet man das genau raus?"

"Keine Ahnung... Ich frage mich, ob vielleicht mein Sinn für's Blut helfen könnte..." Jean hatte sich ein wenig dem Studium der Thaumaturgie gewidmet, aber leider noch nicht alles so ganz verstanden. Er hatte wie üblich die Geduld verloren, als es nicht sofort geklappt hatte. Aber probieren konnte man es ja mal.

"Dann mach mal!"

"Dazu brauche ich Blut." Der Gedanke daran verursachte ein angenehmes Kribbeln. Er könnte heute nacht auch noch eine Mahlzeit gebrauchen.

"Blut?" Anshara sah ihn mißtrauisch an. "Meins?"

"Meins bestimmt nicht."

"Na gut." Anshara ritzte sich mit einem perfekt zugefeilten, goldlackierten Fingernagel in den Arm. "Ein Tropfen! Mehr nicht!"

Jean legte vorsichtig einen Finger in das Blut. "Hm", machte er dann und runzelte die Stirn. Da stimmte was nicht, das war selbst ihm sofort klar.

"Und?" wollte Anshara wissen.

"Hm." Jean überlegte, ob er etwas falsch gemacht hatte. Seine Erfahrungen mit Blutmagie waren nicht gerade nennenswert.

"Was ist denn los?"

"Das ist nicht möglich." Jean hatte das Gefühl, in dem Tropfen Blut steckte mehr Kraft als in dem gesamten Blut von so manchem Kainiten. Er fühlte sich so... alt an.

"Was?"

"Naja, auf jeden Fall hast du vor 14 Stunden zuletzt getrunken." Das war etwas, daß er mit Sicherheit sagen konnte.

"Äh, ja, hab ich."

"Aber der Rest", überlegte Jean ungläubig. "Wann bist du erwacht?"

"Ich bin vor sechzehn Jahren aus dem Sarkophag geklettert."

"Das verstehe ich nicht." Er hatte das Gefühl, sie mußte aus der fünften oder sechsten Generation stammen, aber dann hätte sie älter sein müssen.

"Was und wieso?"

"Du kannst nicht so jung sein!" Jean überlegte, ob er etwas falsch gemacht hatte, aber diese Lektion der Thaumaturgie war wirklich eine der einfachsten.

"Du sprichst in Rätseln."

"Wann wurdest du gebissen?" versuchte Jean es andersherum, da er es einfach nicht hinnehmen konnte, daß Anshara erst 16 Jahre alt war.

"Im neunzehnten Jahr der Herrschaft des Sesostris III., genau einen Tag nach dem Sothis-Aufgang."

"Äh, und das soll mir was sagen?" Er wußte weder wer dieser Sesostris sein sollte noch was ein Sothis-Aufgang war.

"Das war am Ende der zwölften Dynastie."

"Ich sollte vielleicht erwähnen, daß ich von Geschichte null Ahnung habe."

"Banause! - Sagen wir mal so... Hast du schon mal von der Pyramide des Khufu gehört? Die ist etwa 800 Jahre vor meiner Geburt gebaut worden. Hm, soweit ich weiß, wird sie jetzt Cheops-Pyramide genannt."

"Äh... Ich glaube, jetzt habe ich es verstanden..." Jean guckte reichlich perplex aus der Wäsche. Es lag also doch nicht an seiner Unkenntnis.

"Und was ist nun los?"

"Ich bin mir nicht so ganz sicher, aber ich denke, du mußt der 5. oder 6. Generation angehören. Einen so alten Vampir habe ich noch nie gesehen!"

"Ist das gut?" fragte Anshara verwirrt.

"Das weiß ich noch nicht", erwiderte Jean, inzwischen ziemlich mißtrauisch. Ob sie ihm etwas vorspielte? Die Handlungen der Ahnen waren meist nicht verständlich.

"Welcher Generation - was immer das heißen soll - gehörst du denn an?"

"Der elften."

"Und wie viele gibt es insgesamt?"

"Ich glaube fünfzehn."

"Aha." Anshara hatte die Stirn in steile Falten gelegt und sah ausgesprochen nachdenklich aus. Jean betrachtete sie aus einiger Entfernung und wischte sorgsam seinen Finger am Taschentusch ab.

Anshara sah ihm dabei zu. "Und hast du nun herausgefunden, zu welchem Clan ich gehöre?"

"Tremere bist du jedenfalls nicht." Das konnte er schon allein wegen des Alters ausschließen. Die Tremere waren der jüngste Clan.

"Dann bleiben immer noch einige übrig", seufzte sie.

"Ich vermute, du bist Setite, Ventrue oder Toreador."

"Und was sage ich diesem komischen Prinzen?"

"Moment, wir können die Sache vermutlich noch etwas einengen. Du bist ziemlich schnell, was es unwahrscheinlich macht, daß du zum Clan Ventrue gehörst... Leider weiß ich fast gar nichts über die Setiten. Das ist ganz schön schwierig. Aber ich vermute mal einfach, daß du auch eine Toreador bist." Er betrachtete die Haufen edler Gewandungen, die Anshara eingekauft hatte.

"Und warum?" fragte Anshara neugierig.

"Weil du offenbar auch viel für Kunst und Schönheit übrig hast." Und weil er es vorzog, daß sie zu seinem Clan gehörte...

"Doch, das habe ich." Sie seufzte. "Vielleicht werde ich mich auch einmal als freischaffende Künstlerin versuchen. Obwohl es natürlich einfacher ist, schöne Dinge zu sammeln. Vor allem ist das weniger anstrengend."

"Doch, langsam bin ich mir sicher, daß du Toreador bist", meinte Jean belustigt.

"Gut. Also sage ich dem Prinzen also, daß ich Anshara aus dem Clan Toreador bin. Muß man auch die Generation und so nennen?"

"Besser nicht", warnte Jean. "Das gibt nur Ärger."

"Warum das?"

"Du wirst vermutlich älter als der Prinz sein, und sowas mögen die gar nicht so gerne in ihrer Nähe."

"Hm. Was bewirkt denn diese Sache mit der Generation? Daß ich deshalb weiser bin, wage ich zu bezweifeln..."

"Dein Blut ist stärker, unverdünnter."

"Aha." Anshara verstand nicht ganz, was das zu bedeuten hatte.

"Je dünner das Blut ist, desto weniger vampirtypische Eigenschaften hat man."

"Oh. Dabei habe ich das Gefühl, ich habe davon weniger als du..."

"Jeder ist eben anders. Ich kann halt andere Sachen als du." Naja, seine speziellen Fähigkeiten waren nicht gerade atemberaubend. Er hatte irgendwie alles angefangen und nichts richtig beendet.

"Aha. - Ich bin froh, daß ich mich ernähren kann. Na gut, ich bin etwas schneller als ein Mensch, aber dafür vertrage ich keine Sonne."

"Die verträgt kein Vampir."

"Sonst habe ich - glaube ich - keine besonderen Fähigkeiten."

"Doch."

"Was denn?" Sie sah ihn verdutzt an.

"Auf jeden Fall Präsenz." Das war auf keinen Fall zu übersehen, da sie selbst ihn beeinflußte, mußte sie auf einen Menschen um vielfaches stärker wirken.

"Ja, anwesend bin ich..."

"Und wie", kommentierte Jean belustigt. Ihre Ausstrahlung war wirklich ungewöhnlich.

"Was gibt es denn noch an Fähigkeiten?"

"Jeder Clan hat bestimmte Disziplinen, in denen er besonders stark ist. Bei den Toreador sind das die Geschwindigkeit, Präsenz und eine Sache, die sich Auspex nennt."

"Ich komme mir langsam reichlich blöde vor, aber was, bei Djehuti, ist Auspex?"

"Wahrnehmungen, die weiter reichen als die normalen Sinne." Jedenfalls war das die Erklärung, die ihm gegeben wurde. Er hatte nicht besonders viel davon, er konnte seine Sinne willentlich schärfen, was aber auch eine Gefahr bedeutete, denn dabei war er natürlich besonders empfindlich, was äußeres Störungen betraf. Leider hatte er es nie geschafft, die Aura-Wahrnehmung zu meistern, sonst hätte er Anshara gleich als das erkennen können, was sie war.

"Klingt praktisch", fand Anshara.

"Wenn es klappt, schon."

"Wieso 'wenn es klappt'? Wenn ich gucke, dann geht es doch auch, wieso sollte es mit diesen weiter reichenden Wahrnehmungen nicht funktionieren?"

"Man muß sich stark konzentrieren, und das klappt bei mir nicht so."

"Ach so. Dann sollte das bei mir kein Problem sein. Ich habe Jahre mit Meditation verbracht." Sie erwähnte lieber nicht, daß sie dabei meist eingeschlafen war, und daß der Hohepriester darauf ziemlich ungehalten reagiert hatte.

"Ich lasse mich zu leicht ablenken."

"Ah. Aber das kann man lernen", behauptete sie.

"Hm", machte Jean zweifelnd und ließ sich auf der Lehne des Sessels nieder. "Mit dem Lernen habe ich so meine Probleme."

"Ja? Was ist daran schwierig? Man setzt sich hin und liest ein Buch darüber. - Dabei haben diese neumodischen Schriftzeichen, die hierzulande verwendet werden, einen ziemlichen Vorteil gegenüber den alten Hieroglyphen. Man muß nicht gleich neue Bilder für einen Begriff erfinden, den es vorher noch nicht gab, und es ist auch leichter, abstrakte Konzepte zu erfassen..."

"Ich bin froh, daß ich überhaupt lesen kann", seufzte Jean, "da muß es nicht auch noch abstrakt sein."

"Hm. Lesen ist wichtig", befand Anshara.

"Heutzutage schon."

"Früher auch! Vor allem, was geheime Schriften von weisen Mystikern und so betraf..."

"Sowas habe ich nie gesehen."

"Oh. Bei uns wurde so etwas im Tempel aufbewahrt. Offiziell hätte ich es ja auch nicht sehen dürfen, aber ich habe mich immer heimlich hineingeschlichen, um die Geheimen Schriftrollen des Djehuti zu lesen..."

"Tse", machte Jean und rutschte in eine bequemere Position. Anshara redete immer so viel...

"Wollen wir nun etwas unternehmen?" wechselte sie abrupt das Thema. "Wenn ja, muß ich mich nämlich noch umziehen."

"Ups", machte Jean. Das war ein Gedankensprung... "Was sollen wir denn unternehmen?"

"Etwas knabbern gehen zum Beispiel." Sie sah zum Fenster hinaus; der Himmel war bedeckt, und man sah keine Sterne.

"Du hast keine Erlaubnis."

"Aber Hunger", quengelte Anshara.

"Und ich habe eh schon mehr Ärger als ich gebrauchen kann." Momentan hielt es sich zwar in Grenzen, aber wenn er erwischt wurde, während er mit einer 'Fremden' jagte, dann gab es Probleme.

"Dann bring mich zu diesem Prinzen", forderte sie.

"Kann ich nicht. Heute ist gerade wieder so eine Party." Und in eine Versammlung der Ahnen würde er aus so einem unwichtigen Grund bestimmt nicht hereinplatzen.

"Und wo liegt das Problem?"

"Ich bin nicht eingeladen, du bist nicht eingeladen, aber der Prinz."

"Frechheit", fand Anshara. "Der Typ geht auf eine Fête, und deshalb soll ich hungern?"

"Er ist der Prinz", erklärte Jean schulterzuckend. Und er war definitiv zu mächtig, um sich mit ihm anzulegen.

"Und ich bin die Reinkarnation von Ma'at!"

"Das solltest du besser nicht so laut verkünden. Ich glaube nämlich nicht, daß das bei dem Prinzen so gut ankommt."

"Hm. Was ist der denn für ein Typ?"

"Ich habe ihn nur einmal gesehen. Er ist eben ein Prinz. - Was soll ich dazu sagen?" Um einem Prinzen zu trotzen, mußte man schon stark sein, denn es war nicht nur der Herrscher der Stadt, dem man widerstehen mußte, sondern auch seine Brut, die sich meist in seiner Nähe befand.

"Ich habe überhaupt noch keinen Prinzen gesehen."

"Naja, so anders sehen die auch nicht aus. Ich weiß nur, daß es besser ist zu gehorchen, sonst wird's unangenehm."

"Aber wenn er auf der Fête ist, kann er mich auch nicht erwischen", überlegte Anshara.

"Er nicht, aber es gibt überall Spione." Jedenfalls vermutete er das, denn Prinzen wußten meist alles, was in ihrer Stadt vorging.

"Hm. Bis die mich melden, bin ich wieder weg."

"Es könnte eine Blutjagd ausgerufen werden, und das ist gar nicht lustig." Allerdings passierte sowas sehr selten. Und Anshara war anscheinend nicht gefährlich genug, um sowas nötig werden zu lassen.

"Also, bis jetzt hat mich noch niemand erwischt - und ich streife schon seit sechzehn Jahren durch die Weltgeschichte", gab sie zu bedenken.

"Ich glaube nicht, daß dich jemand explizit gejagt hat."

"Naja, aber ich habe mich bislang auch nirgendwo vorgestellt. Oder gibt es in New York, Los Angeles, San Francisco und so keine Prinzen?"

"Doch."

"Na, siehst du."

"Tu was du willst." Jean vermutete, es würde eh keinen interessieren, was Anshara tat, da sie ja wohl noch nichts Gravierendes angestellt hatte.

"Tu ich immer", meinte Anshara fröhlich.

"Dachte ich mir schon."

"Also können wir futtern gehen. Und im Zweifelsfall behaupte ich einfach, ich wollte diskret sein und den Prinzen nicht bei seiner Party stören..."

"Na schön", meinte Jean.

"Wir könnten den Prinzen natürlich auch ausrufen lassen..."

"Ich denke, du kannst auch bis morgen warten", winkte Jean schnell ab.

"Siehst du."

"Ich gebe mich ja schon geschlagen." Es brachte eh nichts über etwas zu diskutieren, was wahrscheinlich nicht mal ein Problem war.

"Brav", sagte sie mit einem koketten Augenaufschlag.

"Nur heute", meinte Jean.

"Abwarten." Sie maß ihn mit einem vielsagenden Blick.

"Hm?" Jean guckte fragend.

"Nichts weiter", wich Anshara aus. Sie würde ihn jedenfalls nicht so schnell entkommen lassen, besonders, wo er soviel wußte, was sie bislang noch nicht gelernt hatte.

"Wolltest du dich nicht umziehen?" wechselte Jean das Thema, es machte ihn nervös, so betrachtet zu werden.

"Oh, natürlich - das hätte ich fast vergessen." Sie raffte einige der Kleider zusammen und verschwand in einem angrenzenden Zimmer.

Jean sah ihr amüsiert hinterher.

Etwa zehn Minuten später kehrte Anshara in einem tief dunkelroten, bodenlangen Samtkleid mit goldenen Applikationen zurück. Ihre zierlichen Füße steckten in goldenen Sandalen, und sie war an Hals, Armen, Ohren und Haaren mit Goldschmuck verziert. Sogar ein goldenes Fußkettchen glitzerte um ihren Knöchel.

Jean sagte lieber nichts zu diesem Aufzug. Es sah ja hübsch aus, war aber für eine kleine Beutejagd denkbar ungeeignet. Nun, jedem das seine...

"Gehen wir?" fragte sie.

"Wenn du fertig bist?"

"Oh, Moment..." Sie griff nach einem Parfumflacon und nebelte sich ein, ehe sie ein goldgesäumtes, bodenlanges schwarzes Cape mit Kapuze um sich hüllte.

"Du bist nicht zu übersehen, und vor allem kann einem dieser Duft nicht entgehen."

"Gefällt er dir nicht?"

"Er ist ein bißchen extrem."

"Das ist ganz normal orientalisch."

"Naja, jedenfalls finde ich dich so schneller", meinte er diplomatisch.

"Du bist zu freundlich."

"Manchmal", meinte Jean und bequemte sich, von der Lehne zu rutschen.

"Soll ich dir behilflich sein?" Anshara streckte ihm eine Hand entgegen.

"Immer", meinte Jean und ließ sich nach oben ziehen. "Danke."

"Also laß uns happa-happa gehen. - Du weist den Weg."

"Wohin?"

"Zum Futter natürlich!"

"Seufz", machte Jean. "Na schön, hier geht's lang." Er war nicht gerade begeistert, hier den Führer machen zu müssen, denn in Frankurt kannte er sich kaum aus. Und Anshara in seine höchstpersönlichen Jagdgründe zu führen kam nicht in Frage.

"Es muß aber frisch gewaschen und am besten noch knackig sein."

"Auch noch Ansprüche stellen."

"Was dachtest du? Daß ich in jeden hergelaufenen Hals beiße? Nicht mehr!"

"Dann hoffe ich, daß du Seife dabei hast," meinte Jean leicht ironisch.

"Nein, aber ein paar Erfrischungstücher."

Jean schüttelte sich. "Naja, wenn's nicht anders geht."

"Damit sind sie gleich desinfiziert, und außerdem hat meine Sorte Zitronengeschmack."

"Ich denke eher Zitronenduft - schmecken tun die alle gleich."

"Nein", widersprach Anshara. "Manche schmecken nach Bergamotte, andere nach Eau de Cologne, und die hier nach Zitrone."

"Alles nicht mein Geschmack." Inzwischen waren sie vor dem Hotel angekommen, und Jean sah sich suchend um.

"Hauptsache sauber", fand Anshara.

"Hast du irgendwelche Vorschläge, wo wir uns umsehen sollten?"

"Wie wäre es mit einem Schwimmbad? Was immer da herauskommt, sollte auf jeden Fall frisch gewaschen sein."

"Gut. Ich kenne zwei, die etwas weiter weg sind. Ich hoffe nur, daß die jetzt noch geöffnet haben."

"Hm. In Amerika ist fast alles immer rund um die Uhr geöffnet."

"Wir sind in Deutschland", machte Jean sie aufmerksam. "Nehmen wir ein Taxi?"

"Ist auf jeden Fall bequemer."

"Gut." Jean rief ein Taxi herbei, und sie ließen sich zum Bezirksbad Sachsenhausen fahren. Im Auto unterhielten sie sich sicherheitshalber nur über diverse Belanglosigkeiten. Bald darauf standen sie vor dem Gebäude.

"Ich hoffe, hier kommt gleich eine leichte Mahlzeit heraus", äußerte sich Anshara, als sie auf ein Opfer warteten.

"Hoffen wir es. - Ich sehe mich mal kurz um, ob es hier ein verschwiegenes Eckchen gibt, wo wir uns dem Futter widmen können." Er verschwand lautlos in den Schatten, und Anshara wartete. Ein antikes Seniorenpaar ließ sie unbehelligt; alte Leute waren nicht so schmackhaft, fand sie.

Kurz darauf tauchte Jean wieder auf.

"Das Bad hat einen hübschen, finsteren Hinterhof", verkündete er.

"Praktisch", fand Anshara.

"Eben. - Nur, wie kriegen wir die Leute dahin?"

"Am besten k.o.-schlagen und hinschleifen", schlug sie vor.

"Dann mach mal."

"Ich? Du bist groß und stark!"

Jean musterte sie. "Wer ist denn hier soooo hungrig?"

"Ich will einen Snack, kein Menü in neun Gängen."

"Es darf aber nicht zu schwer sein."

"Ich kann mit anpacken", bot sie an.

"Vollkommen unauffällig", meinte Jean kopfschüttelnd und lehnte sich an die Mauer.

"Hm." Anshara sah sich um. "Ich kann mich auch malerisch hindrapieren, und du rufst jemanden unter dem Vorwand, daß ich Hilfe brauche."

"Ich verstecke mich lieber so lange, bis ich weiß, daß diese Hilfe nicht stärker ist als ich."

"Feigling", moserte sie. "Bist du nicht stärker als ein dummer Sterblicher?"

"Kaum. Jedenfalls nicht stärker als so ein Zweizentnerpaket, das dir bei meinem Glück zu Hilfe eilt."

"Du kannst ihm doch eins von hinten auf die Rübe geben."

"Hast du eine Keule in der Tasche?"

"Nein, nur eine Zahnbürste", erklärte sie nach kurzer Suche in dem goldfarbenen Handtäschchen. Jean guckte sie ziemlich irritiert an. "Sag bloß, du putzt dir nicht die Zähne, nachdem du jemanden gebissen hast", erkundigte Anshara sich ungläubig.

"Nicht, wenn es sich vermeiden läßt." Wo sollte er auch eine Zahnbürste verstauen, er trug eigentlich selten Handtaschen mit sich herum...

"Wie stillos", kommentierte sie.

"Laß uns lieber voranmachen, sonst wird es hell, und wir stehen immer noch hier."

"Gut. Mach mal!"

"Immer ich", maulte Jean.

"Einer gibt die Kommandos, und einer führt sie aus", erklärte Anshara huldvoll.

"So? Und warum sollte ich mich von dir herumkommandieren lassen?"

"Du siehst danach aus", erklärte sie, nachdem sie ihn seelenruhig gemustert hatte.

Jean ließ seiner Meinung darüber auf Französisch vollen Lauf. Ägyptische was-auch-immers waren anscheinend ziemlich nervig.

"Abgesehen davon bin ich eine arme, schwache Frau, und du mußt mich doch beschützen", säuselte sie mit aller Hingabe und einem herzzerreißenden Blick aus ihren Bernsteinaugen.

"Ich muß gar nichts", behauptete Jean, obwohl ihm doch eher nach dem war, was Anshara forderte. Sie wirkte auf einmal so zerbrechlich, so hilflos...

"Nebenbei, würdest du mir bei Gelegenheit mal deine Muttersprache beibringen?" wechselte sie das Thema, und die Illusion des schwachen Weibchens zerplatzte wie eine Seifenblase. "Deine Flüche klangen nämlich interessant."

Jean gab ein paar weitere von sich. Er hatte Hunger, und so bekam er nie was. Anshara lauschte interessiert. Das klang wirklich toll. Aber was hatte er nur...?

Schließlich ließ Jean sie stehen und verschwand auf der anderen Seite der Eingangstür im Schatten. Er hatte langsam genug von den Diskussion, er brauchte etwas Handfestes zwischen den Zähnen.

Anshara schüttelte den Kopf. War der empfindlich! Während sie sich noch über das sensible Wesen Jeans wunderte, kam ein Teenager aus der Tür, und sogar alleine. Sie beschloß, sich ein Schlückchen zu genehmigen und lockte den Jungen unter Einsatz ihrer weiblichen Waffen in den Hinterhof. Nach knapp 1.1 Litern hatte sie genug und leckte so lange an der Wunde herum, bis diese spurlos verschwunden war. Jetzt konnte er erzählen, was er wollte, es gab keine Beweise mehr.

Auf sich gestellt hatte Jean auch keine Probleme, zu seinem Nachtmahl zu kommen. Er hatte eine junge Frau in den Schatten gelockt und die Bewußtlose dann in der Nähe der Eingangstür abgelegt. Gerade kletterte er über eine Mauer, um zu sehen, ob Anshara sich noch im Hinterhof befand. Dort lag jedoch nur der ohnmächtige Junge, also ging Jean erneut zum Eingang des Bades. Anshara stand in einer Ecke und wischte verärgert mit einem Erfrischungstuch am Ärmel ihres Kleides herum.

"Oh, hallo Jean", begrüßte sie ihn. "Hast du wohl gespeist?"

"Eher eilig," meinte dieser. Er hatte sich irgendwie einen ungünstigen Platz ausgesucht und die junge Frau war zu schwer gewesen, als daß er sie weiter als ein paar Meter hätte tragen können.

"Ts! Ich konnte mir Zeit lassen; ich wollte ja nur ein paar Tröpfchen."

"Tse", machte Jean. Nach ein paar Tröpfchen hatte ihm das nicht ausgesehen.

"Junges Blut hat immer so ein frisches Aroma." Sie ließ ihre Zunge über die wieder völlig normal wirkenden Zähne gleiten. "Es ist um einiges besser als Konserven."

"Stimmt. Notrationen schmecken nie gut." Obwohl tiefgekühltes Blut auch so seinen eigenen Reiz hatte.

"Aber noch schlimmer finde ich Tierblut", meinte sie angewidert und schüttelte sich. "Vor allem Schwein ist eklig!"

"Das geht doch noch", widersprach Jean. Er fand Ratte viel ekliger.

"Ich mag's nicht."

"Naja, ich auch nicht. Aber es gibt schlimmeres. Sei froh, wenn du es nie hast trinken müssen."

"In der Wüste mußte ich ab und zu auf Kamele ausweichen."

"Kamel hatte ich noch nie; die gibt's hier auch nicht so oft." Jean stieg auf die kleine Begrenzungsmauer um ein Blumenbeet und balancierte darauf herum.

"Die sind praktisch. Da ist viel Saft drin."

"Ich dachte, die speichern Wasser in ihren Höckern."

"Das schon." Anshara mußte sich fast den Kopf verrenken, um zu ihm aufzusehen. "Aber Blut haben sie auch ausreichend. - Und was unternehmen wir jetzt? Gibt es hier irgendwo was, wo etwas los ist?"

"Hier in der Stadt ist nicht viel los", fand Jean und sprang von der Mauer herunter. "Mir ist das alles irgendwie zu öde."

"Und wie sieht es zum Beispiel mit Kunstgalerien aus?"

"Die haben nachts zu." Es gab zwar einige, die spezielle 'Öffnungszeiten' für Kainskinder hatten, aber er hatte leider die Adressen noch nicht bekommen.

"Dann sollten wir uns bei Gelegenheit einschließen lassen, damit wir die Sachen in Ruhe begutachten können." Sie setzte sich auf die Mauer und ließ die Beine baumeln. "Irgendwie mag ich Deutschland nicht. Die haben hier viel zu vampirunfreundliche Öffnungszeiten. Wie soll man zum Beispiel im Sommer in irgendeine Boutique gehen, wenn die nur von 09:00 bis 18:30 Uhr offen haben?"

"Ich war noch nie im Sommer hier." Außerdem gab es immer Mittel und Wege...

"Ein weiser Entschluß. - Amerika ist viel praktischer, da hat fast alles rund um die Uhr auf. Wie sieht es eigentlich in den anderen europäischen Ländern aus?"

"Verschieden."

"Hm. Ich will mir auf jeden Fall bei Gelegenheit Frankreich angucken", überlegte sie. "All die wundervollen Bauwerke und Museen... Aber bis dahin sollte ich lieber Französisch lernen."

"Durchaus."

"Vielleicht versuche ich mich aber auch mal an Deutsch. Auch wenn ich das Land wegen der Öffnungszeiten nicht mag, ich bin jetzt hier, und da käme die Landessprache nicht unpraktisch."

"Die Sprache ist ziemlich schwer. Ich habe gelernt, was ein Tourist wissen muß, und es hat mich genug an Zeit gekostet."

"Die Sprache scheint komplex zu sein, aber die Schriftzeichen sind einfach. Obwohl sie lange nicht so hübsch sind wie Hieroglyphen."

"Ich glaube, ich hab mal Hieroglyphen in einem Museum gesehen. Das sind doch so komische Bildchen in Stein - obwohl du recht hast, sie sehen ganz nett aus."

"Banause", seufzte Anshara. Jean zuckte mit den Schultern. Er interessierte sich halt nicht so sehr für ägyptische Schriftzeichen.

"Das alte Ägypten war eine Hochburg künstlerischen Schaffens - damals wurden noch Weltwunder mit bloßen Händen erbaut", deklamierte Anshara.

Jean grinste. "Aber bestimmt nicht mit den eigenen."

"Bin ich verrückt? Durch mich spricht die Göttin Ma'at. Eine Göttin befiehlt, und ihre Diener schaffen!"

"Man merkt's", kommentierte Jean trocken. Anshara guckte betont unschuldig. "Wir sollten langsam hier verschwinden", empfahl er.

"Sicher. Ich bin gesättigt. Der Junge war zart und schmackhaft."

Jean lachte amüsiert. "Und wohin nun, edle Dame?"

"Irgendwohin, wo etwas los ist. Wie wäre es mit einer Oper? Oder ist es dafür hier wieder einmal zu spät?"

"Kein Ahnung", seufzte Jean, er hatte doch nicht den Kulturkalender im Kopf.

"Hm. Gibt es denn vielleicht gepflegte Tanzveranstaltungen am Abend?"

"Was verstehst du unter 'gepflegt'?"

"Keine NDW- oder Punk-Disco."

"Auch nicht mein Fall", meinte Jean. "Leider spielen die insbesondere die Neue Deutsche Welle hier überall..."

"Ich habe es im Radio gehört, seit ich hier angekommen bin. Ich vermute, es ist gut, daß ich die Texte nicht verstehe."

"Ganz genau. - Obwohl, verstanden habe ich auch nichts. Es muß wohl eine tiefere Bedeutung haben, als ich mit meinen Touristen-Deutschkenntnissen verstehen kann."

"Vielleicht ist es ja Slang oder so?"

"Keine Ahnung. Ich bin kein Sprachengenie."

"Hm, vielleicht versuche ich mich ja doch einmal an diesem Deutsch. Oder ich könnte Deutsch und Französisch lernen."

"Also eine Mixtur?" grinste er.

"Seufz!"

"Und was machen wir jetzt?"

"Wie wär's mit 'einen draufmachen'? Leider kenne ich mich jedoch hier nicht aus."

"Ich doch auch nicht."

"Vielleicht könnte man ja jemanden aufgabeln, der sich hier auskennt."

"Dann gabel mal." Jean sah sie erwartungsvoll an.

"Ich? Ich gehöre dem schwachen Geschlecht an, das geschützt, gehegt und gepflegt werden muß!" Anshara klimperte heftig mit den Wimpern.

"Ich dachte, du ziehst es vor zu denken, während ich die Arbeit mache."

"Da hast du einen Punkt. - Also komm mit!" Sie erhob sich, trabte davon und zog ihn kurzerhand mit sich. Jean trottete hinter ihr her. Anshara blickte nach oben und seufzte tragisch.

"Ich habe es lieber, wenn Sterne am Himmel stehen. Das sieht viel ästhetischer aus als diese traurigen Wolken."

"Stimmt. Sterne sind hübscher", nickte Jean.

"Ich habe zu Hause ein schwarzes Kleid aus einem Stoff, in dem lauter Sterne zu funkeln scheinen..." Langsam gelangten die beiden in Richtung Stadtkern zurück. Auf einer Brücke hielten sie kurz an. Unten floß der Main in nachtschwarzem Schweigen.

"Das sieht bestimmt toll aus", befand Jean.

"Allerdings. Aber es liegt natürlich in Karnak in meinem Kleidersarkophag."

Jean guckte sie amüsiert an. "Hast du für alles einen eigenen Sarkophag?"

"Naja, einen für mich und einen für meine Klamotten. Worin schläfst du denn?"

"Im Bett. Jedenfalls meistens."

"Oh."

"Was dachtest du denn? Daß ich in einem muffigen Sarg in einer tiefen Gruft nächtige?" Anshara hatte definitiv zu viele Vampirfilme gesehen.

"Äh, ja... Eigentlich schon", gab sie zu.

"Sowas! Das ist doch viel zu unbequem. Ich liebe große, weiche Betten." Besonders, wenn sie noch mit einem kleinen Mitternachtssnack gefüllt waren...

"Oh, mein Sarkophag ist riesig und weich gepolstert. Und ich habe Kissen und Decken darin. Es ist echt gemütlich in dem Teil."

"Mich würde der Deckel stören." Jean schüttelte sich, er hatte etwas dagegen, in so engen Räumen eingesperrt zu sein.

"Hm. Man kann ihn offen lassen. Ich für meinen Teil mag aber keine Skorpione und so ein Viehzeug in meinem Bett."

"Ich bin auch froh, daß diese Zeiten vorbei sind. Früher gab es ja ziemlich viel Krabbelzeug in den Betten."

"Seufz, mir ist es bislang noch nicht gelungen, das ganze Ungeziefer aus meiner Höhle zu bekommen..."

"So?" fragte Jean amüsiert.

Anshara nickte eifrig. "Skorpione, Käfer und Schlangen. Obwohl, die Schlangen kann ich ja noch tolerieren..."

Jean schüttelte sich und sah von der Brücke ins Wasser. "Zum Glück gibt es heutzutage ja Insektenspray."

"Gegen Skorpione?"

"Keine Ahnung. Aber vielleicht gibt es dagegen ja Köderfallen."

"Das wäre eine Idee. Oder ich müßte mir doch endlich mal eine vernünftige Wohnung zulegen. In meiner Höhle gibt es auch kein warmes Wasser, nur ziemlich weit hinten unten einen kleinen, kalten Wasserfall."

"Hm", machte Jean. Das war jedenfalls nicht sein Stil. Er liebte es, im Luxus zu schwelgen.

"Ich muß mir irgendetwas überlegen, wie ich meinen Sarkophag unauffällig von dort wegtransportiert bekomme."

"Das Ding ist bestimmt schwer", kommentierte Jean und stützte sich auf die Brüstung, um besser das Wasser unter ihm betrachten zu können.

"Eben. Ich hatte schon mal nachgefragt - wenn ich nach Amerika übersiedeln würde, kostete mich allein das Übergepäck im Flugzeug ein Vermögen! Und Schiffen traue ich nicht. Die sind zu lange unterwegs, und wenn die untergehen, hat man nach einiger Zeit ein definitives Problem mit der Sonne..."

"Unzweifelhaft."

"Aber ich weiß ohnehin noch nicht, ob ich überhaupt nach Amerika will. Die haben da so strenge Einwanderungsbestimmungen."

Da Jean von dem dunklen Wasser absolut fasziniert war, hörte er wieder mal nicht zu.

Anshara seufzte tragisch. Irgendwie war das alles sehr kompliziert. Als sie noch als Priesterin der Ma'at im Tempel in Karnak lebte, war alles viel einfacher gewesen.

Wie zur Antwort gab nun auch Jean einen Seufzer von sich. Er fand die dunklen Wellen so hübsch. Eigentlich war ihm noch nie aufgefallen, daß Wasser so toll aussehen konnte.

"Ist was?" erkundigte sich Anshara. Daß er sich ihre Probleme so zu Herzen nahm... Jean reagierte jedoch gar nicht, er war völlig in den Anblick des Mains versunken. Langsam ging es ihr auf, daß Jean ihr wohl gar nicht zugehört hatte. Frechheit.

Jean legte sich noch etwas weiter über die Brüstung, denn das war bequemer, und er konnte besser gucken. Anshara überlegte, ob sie ihn einfach hinunterschubsen sollte, als kleine Rache dafür, daß er sie so sträflich mißachtete. Aber nein, lieber nicht, er konnte ihr bestimmt noch einiges beibringen.

Jean hatte Anshara derweil schon total vergessen, wie er fast immer alles vergaß, wenn ihn etwas faszinierte. Sie hingegen fand ihn unverschämt, sie einfach so zu ignorieren. Immerhin war sie die Verkörperung der Ma'at und somit gebührte ihr ein gewisser Respekt. Anshara schmollte, als zehn Minuten des Schweigens vergangen waren, doch Jean reagierte immer noch nicht.

Schließlich war sie so gefrustet, daß sie sich von der Brücke schlich und sich ein weiteres Opfer suchte. Als sie noch lebte, hatte sie ihren Frust mit Süßigkeiten gestillt, die zu ihrem persönlichen Glück nicht angesetzt hatten, und nun mußte eben Blut her.

Es dauerte noch einige Zeit, bis sich Jean von dem Anblick des Wassers losreißen konnte, und da war Anshara schon verschwunden. Er zuckte mit den Schultern und ging weiter hinunter in die Stadt. Auf dem Weg stolperte er über einen bewußtlosen Körper. Jean seufzte. Das Opfer konnte nur von Anshara stammen, dabei sollte gerade sie sich besser in acht nehmen. Wahrscheinlich war es besser, wenn er sich in Gegenrichtung davon machte, dachte er. Es würde seinem Ansehen sicher abträglich sein, wenn er mit ihr gesehen wurde.

Zu seinem Pech hatte Anshara ihn jedoch gerade erspäht, als er sich umwenden wollte.

"Ah, du erinnerst dich noch, daß es mich gibt", stellte sie spitz fest. Jean sah sie fragend an. "Ich habe mit dir geredet, und du hast mich ignoriert. Ich war für dich gar nicht da", warf sie ihm vor.

"Ich habe nichts gehört," sagte Jean, was absolut der Wahrheit entsprach.

"Du bist ein ungehobelter Klotz!" Sie sah ihn schmollend an.

"Wenn du es sagst", entgegnete Jean ziemlich eingeschnappt. Was konnte er dazu, wenn sein angeborener Schönheitssinn mit ihm durchging?

"Oh ja! Du weiß offenbar nicht, wie du dich einer Dame gegenüber zu verhalten hast."

"Einer Dame gegenüber verhalte ich mich immer perfekt."

"Du bist ein Rüpel!" Sie stampfte mit dem Fuß auf.

"Wenn man mich ärgert..."

"Ich habe dich geärgert? Du hast mich ignoriert!"

"Du hättest mich ja auf dich aufmerksam machen können."

"Die einzig wirksame Methode dazu wäre vermutlich gewesen, dich in den Main zu werfen, aber das hätte dir vermutlich nicht gefallen."

"Ist ja auch egal. Am besten gehen wir jeder wieder seiner eigenen Wege."

"Du mußt mir aber vorher noch einiges beibringen", widersprach sie. "Vor allem, was diese Clans und so betrifft."

"So? Muß ich? Du behinderst mich bloß."

"Wobei?"

"Bei allem."

"Du bist gemein."

Jean guckte genervt. Wäre er ihr doch bloß nie begegnet. Anshara erwiderte den Blick mit einer Miene, als würde sie im nächsten Augenblick in Tränen ausbrechen. Natürlich hatte Jean nun ein Problem, als er ihr direkt in die Augen sah. Diese goldschimmernde Bernsteinfarbe faszinierte ihn ungemein, und er vergaß mal wieder die ganze Umgebung. Mühevoll riß er sich jedoch diesmal davon los und guckte sicherheitshalber an Anshara vorbei.

"Was hast du?" fragte sie jammervoll. Warum gelang es ihr nicht, ihn einfach um den Finger zu wickeln, wie sie es sonst immer bei ihren Opfern getan hatte?

"Nichts. Es ist nur ungünstig, wenn wir hier herumstehen."

"Und wo sollen wir hin? Ich meine, ich habe eine ganze Suite im Hotel, du könntest gerne mitkommen."

Jean schüttelte den Kopf. "Da ist es mir zu hell."

"Es sind immerhin zwei Badezimmer ohne Fenster da."

"Soll ich den ganzen Tag baden?"

"Hm. Falsch ist sowas nicht. Ich liebe es, in duftenden Ölen zu baden und mich ausgiebig zu pflegen."

"Naja, mir wäre das jedenfalls zu lange."

"Ach, so zwei, drei Stunden kann ich das schon aushalten..."

Jean warf ihr einen amüsierten Blick zu. "Ich schlafe tagsüber lieber."

"Im Sommer sind die Tage ewig lang, da kann man nicht die ganze Zeit schlafen."

"Es ist Winter."

"Na gut, da bade ich auch schon mal, wenn es dunkel ist."

"Ich werde jedenfalls den ganzen Tag im Bett zubringen, wie es sich gehört", erklärte Jean.

"Hm. Kommst du dann am Abend bei mir vorbei?" Sie klimperte mit den Wimpern und schmachtete ihn an. Hübsch war er ja, das mußte sie ihm lassen. Wenn er ein Sterblicher wäre, hätte sie ihn schon lange angeknabbert.

"Wozu?" fragte Jean. Sie musterte ihn schon wieder so komisch.

"Du mußt mich doch zu diesem Prinzen bringen. Außerdem wäre es praktisch, wenn du mir eine Liste der Angehörigen des Toreador-Clans geben könntest, die mitterweile ausgelöscht sind, damit ich einfach einen von denen als Erzeuger benenne. Wer nicht mehr da ist, kann schließlich nicht gefragt werden, ob die Story wahr ist."

"Ich habe keine Liste", meinte Jean. "Ich kenne nicht viele der Älteren." Eigentlich kannte er außer einigen Prinzen überhaupt keine der Ahnen.

"Oh. Das ist dumm. Aber das müßte doch irgendwie herauszufinden sein."

Jean zuckte mit den Schultern. "Ich interessiere mich nicht sonderlich für sowas." Man hielt sich am besten so weit wie möglich von den Älteren fern.

"Meinst du, ich kann einfach einen Erzeuger erfinden?"

"Ich glaube nicht, daß irgendjemand alle kennt."

"Im Zweifelsfall gehöre ich dann zu so etwas wie einer vergessenen Seitenlinie - ein Kind vom Toreador-Chef, das irgendwie nie erwähnt wurde, oder so."

"Ich glaube, das wird auch gar nicht so genau nachgeprüft."

"Prima. Dann behaupte ich einfach, meine Erzeugerin sei Anetmut, und das ist nicht mal gelogen. Immerhin war dies der Name meiner sterblichen Mutter."

Langsam wurde Jean ungeduldig. Sie standen immer noch ziellos herum. Abgesehen davon konnte er Ansharas Fragen ohnehin kaum beantworten.

"Und du holst mich dann am Abend ab, um mich dem Prinzen vorzustellen?" bohrte sie nach.

"Du läßt mir sonst ja doch keine Ruhe."

"Prima!" Sie strahlte ihn an, während er vor sich hingrummelte. "Bin ich dir soooo zuwider?" Ein Blick aus großen, tragisch blickenden Bernsteinaugen traf ihn mittschiffs.

"Nein", beeilte Jean sich zu sagen.

"Dann bin ich beruhigt."

Er musterte sie, und Anshara schlug scheu die Augen nieder.

"Ich glaube, ich gehe besser", fand er.

"Aber versetze mich nicht", forderte sie.

"Wenn ich daran denke..."

"Denke daran!" Sie kniff die Augen zusammen und sah ihn prüfend an.

"Sowas fällt mir aber schwer."

"Ich könnte auch dich abholen", überlegte sie.

"Wenn du mich findest. Ich wohne mal hier, mal da", erklärte Jean vergnügt. "Ich finde meist jemanden, der mir sein Bett anbietet."

"Hm", machte Anshara. Jean sah sie an.

"Und du gehst immer ins Hotel?"

"Naja, am Anfang habe ich mir in Amerika immer irgendwelche dunklen Keller und verlassene U-Bahn-Schächte gesucht."

"Pfui." Jean verzog das Gesicht.

"Naja, ich mußte doch erst einmal herausfinden, wie hier alles abläuft. Als ich in Karnak erwachte und erstmals all diese neumodischen Dinge sah, mußte ich doch erst lernen, wie alles hier funktionierte und so. Weißt du, daß dieses 'Rad' eine echt geniale Erfindung ist? Bei uns gab es immer nur Schlitten..." Ansharas Gesicht leuchtete förmlich auf, als sie über die neuzeitlichen Wunder reflektierte, und Jean musterte sie amüsiert. "Und während ich mir alle diese neumodischen Sachen beibrachte, hatte ich irgendwie keine Zeit, mich um ein Haus oder eine Wohnung zu kümmern. Vor allem, wo ich dauernd durch die Gegend gezogen bin, um andere meiner Art zu finden. Schwierig war es ja auch, erst einmal Ausweise für mich zu beschaffen, etc...." Jean sah sie weiter an. "Ich würde mir ja gerne ein Haus zulegen", fuhr Anshara fort, "wenn ich nur wüßte, wo..."

"Wo immer es dir gefällt."

"Hm. Gerade das muß ich noch herausfinden."

"Aha."

"Deutschland gefällt mir jedenfalls nicht so sehr. Wegen der dummen Öffnungszeiten."

"Mir auch nicht."

"Hm. Von Ägypten habe ich langsam die Nase voll, vor allem, weil die ihre ganze Kultur offenbar total vergessen haben. Wir waren einmal die Künstler und Architekten - und was ist geblieben? Nichts!"

"Ist halt schon länger her."

"Hm. Hast du eigentlich eine richtige Bleibe, oder wohnst du nur in Hotels bzw. bei ...'anderen Leuten'?"

"Ich habe ein Haus in der Nähe von Paris, aber ich bin selten da."

"Ah. Wie ist Frankreich denn als Wohnort?"

"Mir gefällt es."

"Hm." Anshara dachte darüber nach. "Vielleicht kann man sich ja auch ein paar Häuser in verschiedenen Ländern zulegen."

"Wenn man das Geld hat..."

"Oh, ich müßte mal gucken. Ich habe durch den Verkauf einiger der Grabbeigaben für Nefer-Arishi ein gewisses Vermögen erlangt. Obwohl ich natürlich die interessantesten Gegenstände behalten habe." Sie setzte ein sehr selbstzufriedenes Lächeln auf. "Und außerdem habe ich den Erlös gut angelegt. Da bekomme ich einiges an Zinsen."

"Natürlich." Jean betrachtete sie amüsiert.

"Aber du sagtest doch, daß du langsam los wolltest, nicht?" Sie warf ihm einen höchst koketten Blick zu.

"Und?"

"Bringst du es wirklich über das Herz, mich alleine hier stehen zu lassen?" Sie sah verloren gen Boden.

"Es fällt mir schwer", gab Jean zu, und es wurde nicht leichter, als sie ihn schmachtend von unten anguckte. Anshara seufzte herzerweichend.

"Wenn ich nur wüßte, was ich nachher hier so ganz alleine unternehmen kann! - Es sind bestimmt noch sechs Stunden bis Sonnenaufgang."

"So ungefähr." Man sah es Jean förmlich an, daß er nicht wußte, was er tun sollte.

"Hach, weißt du, ich will endlich mal etwas richtiges erleben! In Ägypten und Amerika mußte ich immer alleine für meine Unterhaltung sorgen, und irgendwie scheine ich nie die wirklich interessanten Ecken entdeckt zu haben."

"Hm", machte Jean.

"Gibt es hier vielleicht interessante Nachtclubs, wo nicht nur die letzten Hänger herumsitzen? Ich habe leider immer noch keinen Reiseführer."

"Doch, da gibt es einige", sagte Jean. Deren Adressen hatte er schon vor zwei Tagen bekommen.

"Und? Sind die interessant?"

"Durchaus", meinte Jean nachdenklich. Vor allem das Dark Mirror gefiel ihm ausgesprochen gut, insbesondere, da dort erlesene Getränke nach seinem Geschmack serviert wurden.

"Zeigst du mir mal einen?" Anshara sah ihn hoffnungsvoll an.

"Wenn du mir versprichst, dir Regeln zu beachten."

"Wenn du mir sagst, was diese beinhalten..."

"Nicht beißen, nicht hauen, nichts kaputtmachen."

"Doch, das kann ich versprechen", befand Anshara nach kurzem Nachdenken. "Ich bin satt, und für Schlägereien habe ich ohnehin nichts übrig."

"Nun gut, dann nehme ich dich mit", beschloß Jean.

"Prima. - Äh, bin ich denn passend gekleidet?"

"Durchaus."

"Und was ist mit dem häßlichen Fleck an meinem Ärmel?" Sie hielt ihm den dunkelroten Stoff vor die Nase, von dem sich der winzige Blutspritzer kaum abhob. "Meinst du, ich kann damit gehen?"

"Hm. Man sieht es eigentlich nur, wenn man genau hinguckt."

"Du meinst, es wirkt nicht peinlich?"

"Wer schaut schon so genau?"

"Naja, jemand mit einem Auge für Perfektion."

"Ich finde, es gibt interessantere Stellen, wo man hingucken kann..."

"So?" Sie sah ihm belustigt direkt in die Augen, und Jean senkte sicherheitshalber sofort den Blick. Anshara hatte irgendwie einen ziemlichen Einfluß auf ihn, wenn er ihr zu lange in die Augen sah.

"Warum schaust du immer weg, wenn ich deine faszinierende Augenfarbe betrachten will?" fragte Anshara verwundert.

"Du irritierst mich."

"Oh. Das liegt nicht in meiner Absicht", behauptete sie, obwohl sie nichts dagegen hätte, Jean einzupacken und mitzunehmen. Er war einfach zu hübsch, um ihn unbeachtet stehen zu lassen.

"Nicht?"

"Naja, ich meine, ich habe nicht vor, dich zu irritieren..."

"Was ist denn dann deine Absicht?"

"Hm. Da bin ich mir noch nicht ganz klar drüber. Auf jeden Fall bist du ein Sammlerstück."

"Ach ja?" fragte Jean belustigt.

"Perfekt für eine Ausstellung." Sie ließ ihren Blick anerkennend über ihn wandern. "Bedauerlicherweise wirst du wohl kaum auf dem Podest stehenbleiben, das ich als angemessen für dich empfinde. Hm. Vielleicht werde ich eine Hieroglyphe allein für dich kreieren." Jean musterte sie zweifelnd. Weder der Gedanke an das Podest noch der an seine persönliche Hieroglyphe sagte ihm sonderlich zu. "Sag mal, bist du eigentlich künstlerisch veranlagt oder nur ein Modell?" erkundigte sie sich weiter.

"Ich bin das, was man vor mir erwartet." Wenn er wollte, konnte sich Jean perfekt auf die Wünsche anderer einstellen.

"Oh. Und das wäre?"

"Kommt auf die Erwartung an. Ich bin ziemlich vielseitig."

"Klingt gut." Anshara strahlte ihn an. Sie sollte ihn wirklich aufheben und mitnehmen. "Kannst du vielleicht auch Klamotten entwerfen und schneidern?" fragte sie hoffnungsvoll. Das wäre sehr praktisch.

"Hm, weniger", antwortete Jean. Er fand, daß Nähen eine reine Beschäftigung für Frauen war.

"Schaaade", seufzte sie. Ein eigener Schneider wäre eine tolle Angelegenheit gewesen.

"Und nun?"

"...darfst du mich in einen exclusiven Nachtclub entführen." Sie sah ihn schmachtend an.

"Mit dem schmutzigen Kleid?" neckte er sie.

"Oh, vermutlich hast du recht. Ich sollte mich lieber umziehen."

Jean betrachtete sie nachdenklich. Sie stieß einen tragischen Seufzer aus.

"Was ist los?"

"Ich überlege, was ich am besten anziehen sollte. Was ist den für so einen Club passend?"

"Was hübsches."

"Dann muß ich noch mal zum Hotel zurück."

Sie nahmen sich erneut ein Taxi, und auf dem Rückweg hielt sie ihren Arm stets so, daß der 'furchtbare Fleck' von ihrem Körper verdeckt war. Jean musterte Anshara die ganze Zeit verstohlen. Er fragte sich, woran es wohl lag, daß er sie so anziehend fand.

Back to Top of Page


Kapitel 2: Dark Mirror

Mittlerweile war der 29. Dezember 1981 schon gut zwei Stunden alt.

Im Hotel durchsuchte Anshara ihre ganzen Taschen und Tüten sowie den Berg auf ihrem Bett nach einem passenden Gewand.

"Welches von den Kleidern würdest du denn für angemessen halten?" wandte sie sich nach gut zehn ratlosen Minuten an Jean. Dieser hatte ihre ergebnislose Suche leicht amüsiert beobachtet.

"Ich finde alle hübsch", erwiderte er. Auch wenn er einiges als ausgesprochen unpassend für einen Club-Besuch empfand.

"Seufz. Hast du eine Lieblingsfarbe? - Ich kann mich doch nur so schwer entscheiden."

"Schwarz ist mir eigentlich am liebsten." Da er schon als Kind nur Schwarz getragen hatte, war das wahrscheinlich schon eher eine Gewohnheit denn eine Vorliebe.

Anshara wühlte sich erneut durch die Berge. "Da habe ich doch auch etwas", murmelte sie und zog ein ärmelloses, bodenlanges Kleid mit über Kreuz verlaufenden Trägern hervor. Zwei separate Ärmel folgten nach, bevor sie im Bad verschwand, sich umzog und ihr Make-Up neu arrangierte. Als sie wieder erschien, betrachtete Jean sie ausgiebig.

"Hübsch", kommentierte er, und sie strahlte ihn umwerfend an, ehe sie einen Knicks zelebrierte, wie sie es schon mal im Fernsehen gesehen hatte.

"Danke, edler Herr", lächelte sie.

"Ich glaube, ich sollte mich jetzt auch umziehen", kommentierte er seinen Aufzug aus schwarzer Jeans, schwarzem Sporthemd und ebensolchen Schuhen. Er kam sich neben Anshara irgendwie unpassend vor.

Sie machten sich also auf zu Jeans Absteige. Da er das Zimmer ohnehin hauptsächlich als Kleiderlager benutzte, hatte nicht viel Wert auf luxuriöse Ausstattung gelegt.

"Das ist aber ein winziges Zimmer", fand Anshara. Außerdem sah es aus, als hätte gerade eine Bombe in einem Konfektionsgeschäft für ausschließlich schwarze Kleidung eingeschlagen.

"Dafür ist der Raum fensterfrei", entgegnete Jean und stöberte in der Unordnung herum. Er warf den größten Teil der Sachen einfach auf die andere Seite des Zimmers.

"Das ist ja auch einiges an Sachen", bemerkte sie.

"Das hat sich so im Laufe der Zeit angesammelt." Die Kleiderflut war auf einen Kaufrausch vor zwei Wochen zurückzuführen.

"Na, dann gewande dich mal um!"

"Wenn ich mich nur entscheiden könnte", seufzte er.

"Hm. Was ist damit?" Mit einem zierlichen Fuß deutete sie auf eins der schwarzen Häuflein. Jean warf einen Blick darauf.

"Ich glaube, ein Hausmantel wäre unpassend", kommentierte er belustigt.

"Naja, es war schwarz..."

"Wie du vielleicht siehst, sind meine ganzen Sachen schwarz", erwiderte er erheitert.

"Dabei würde dir Türkis bestimmt auch prima stehen."

"Meinst du?" fragte Jean zweifelnd. In einer anderen Farbe konnte er sich gar nicht vorstellen.

"Klar. Das paßt zu deinen Augen."

"Stimmt, die sind türkis."

"Naja, momentan bleibt dir wohl keine andere Wahl als schwarz..."

"Genau." Jean fischte endlich etwas passendes vom Boden auf. Er stieg aus seinen Schuhen, die im nächsten Moment in einer Ecke landeten und zog sich um. Anshara betrachtete ihn ungeniert und fand, daß er wirklich unverschämt gut aussah.

"So, ich bin fertig", verkündete Jean schließlich.

"Stimmt", befand Anshara. "Du siehst höchst vollendet aus."

"Vollendet?" Er hob amüsiert die Augenbrauen.

"Ja. Perfekt. Man kann sich mit dir sehen lassen."

"Was für ein Kompliment... - Gehen wir zum Club!"

"Ich bin schon überaus gespannt." Anshara reichte ihm ihren Arm, den er galant ergriff.

"Auf geht's."

Im Taxi ließen sie sich zum Nachtclub chauffieren. Der Wagen hielt in einer Straße etwas außerhalb der City Frankfurts. Über der Tür des Etablissements stand in neonfarbenen Lettern der Name Dark Mirror.

"Hm", machte Anshara, als sie die Neonbuchstaben erblickte. "Man sollte doch eigentlich meinen, daß deutsche Etablissements auch deutsche Namen tragen, oder?"

Jean zuckte mit den Schultern. "Eher selten, scheint mir."

"Merkwürdige Leute, diese Deutschen."

Die beiden betraten die Bar, und Anshara sah sich interessiert um. Alles war in Schwarz und Rauchglas eingerichtet. Am meisten faszinierten sie jedoch die glänzenden schwarzen Spiegel an den Wänden. Ihr Abbild wirkte irgendwie geheimnisvoll darin. Jean sah sich ebenfalls um, allerdings hatte er weniger Blicke für die Einrichtung, er war schließlich schon mal hier gewesen.

Anshara war derweil in ihrer Reflektion in dem schwarzen Glas versunken. Sie sah wirklich atemberaubend aus, das mußte sie selbst zugeben. Das einzige, was fehlte, war passender Schmuck, aber der Rest - Perfektion. Diesmal stand Jean etwas genervt neben ihr, bis er ihr schließlich auf die Schulter tippte.

"Huh?" verdutzt sah sie sich um. "Was ist? Wer? - Oh, Jean..."

"Willst du noch länger in der Tür stehenbleiben?" Sie versperrte ziemlich den Weg.

"Äh, ich habe nur eben den Spiegel gesehen. Ich habe irgendwie vergessen, mir den passenden Schmuck anzulegen..."

"Ich finde, du siehst auch ohne schön aus." Eigentlich fand er sie ohne das ganze Glitzerzeug viel aufregender.

"Gut." Ein strahlendes Lächeln erhellte ihr Gesicht. Sie liebte Komplimente. Jean zog sie von der Tür weg zu einem nur Kainskindern zugänglichen Raum, der von einem Ghul bewacht wurde. Er führte sie zu einem Tisch, und Anshara nahm graziös Platz. Er ließ sich ebenfalls nieder und ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen. Leider war niemand da, den er kannte.

"Äh, Jean, was sagen wir eigentlich, wenn ein Kellner kommt und wir etwas bestellen sollen?"

"Laß mich nur machen", winkte er ab.

"Gut. Ich vertraue mich ganz dir an", hauchte sie mit einem ihrer besten hingebungsvollen Blicke. Sie liebte es, etwaigen Herren die Illusion zu geben, daß diese die Entscheidungen trafen.

Als der Kellner erschien, flüsterte Jean ihm etwas zu. Der Mann nickte und verschwand. Der Club war bekannt dafür, daß er jeden noch so ausgefallenen Wunsch zu erfüllen wußte.

Kurz darauf wurde die Getränke gebracht. Jean betrachtete gerade fasziniert einige Kristalle, die an langen Schnüren von der Decke hingen, während Anshara einen Spiegel hinter ihm entdeckt hatte, in dem sie sich optimal bewundern konnte.

Schließlich bemerkte Jean die Weinkelche und nahm seinen in die Hand. Fasziniert betrachtete er das Spiel des Lichts in den Façetten des kostbaren Kristallglases. Anshara war mehr von dem Kelchinhalt selber gefesselt. Rubinrot, dickflüssig und von einem gar köstlichen Duft...

Jean hielt ihr den Kelch entgegen, und sie stieß mit ihm an. Er betrachtete sie amüsiert, als sie einen vorsichtigen Schluck nahm.

"Mhm", machte sie anerkennend. Der Inhalt schmeckte beinahe besser als frisches Blut, fand sie.

"Zufrieden?"

"Und wie! Dieses Lokal weiß seine Gäste zu verwöhnen."

"Durchaus", stimmte Jean zu und nahm noch einen Schluck aus dem Kelch, wobei er Anshara über den Rand weg beobachtete. Allerdings wußten sie hier auch sehr gut, wie man den Gästen das Geld aus der Tasche zog, die Preise waren horrend.

Anshara nippte geziert von ihrem Trinkgefäß und erhob dieses schon fast zu einer Kunstform.

"Gefällt es dir hier?" fragte Jean.

"Oh ja", erklärte Anshara begeistert. "Es hat Stil."

"Eben", meinte Jean und spielte mit einer der schwarzen Rosen herum, die auf dem Tisch standen.

"Und es hat einen gut bestückten Getränkekeller." Sie nippte ein weiteres Mal von dem Kelch.

"In der Tat. Einiges ist besonders exquisit", erklärte Jean.

"Ich bin durchaus versucht, einige der Varianten zu probieren."

"So? Sei aber vorsichtig", warnte er amüsiert.

"Ich merke schon, dieses Gebräu ist ziemlich potent", stimmte Anshara zu.

"Es gibt hier noch ein paar 'stärkere' Getränke."

"Hm, dabei hielt ich schon dieses hier für nicht ganz ungefährlich." Sie nahm einen weiteren Schluck.

"Ist es auch nicht", kommentierte er belustigt.

"Was haben die nur damit gemacht?"

"Ich weiß es nicht genau - sie haben das Blut mit irgendetwas versetzt." Die Rezepte der Mixturen waren ein gut gehütetes Geheimnis.

"Ah. Das müßte man mal selbst ausprobieren. Bei meinen Medizinstudien habe ich gelesen, daß es eine Behandlungsmethode gibt, bei der mit Ozon versetzte Eigenblut-Injektionen verabreicht werden. Ich frage mich, wie so etwas wohl schmecken würde..."

Jean zuckte mit den Schultern.

"Mal sehen", überlegte Anshara, "vielleicht mache ich eine Naturheilpraxis auf, wenn ich mein Fernstudium abgeschlossen habe."

Sie guckte so grüblerisch in die Ferne, daß Jean sich ein amüsiertes Lächeln nicht verkneifen konnte, ehe er sein Glas leerte. Er hatte vor, noch das eine oder andere von dem zu probieren, was ihm empfohlen worden war.

Als Anshara ihren Kelch geleert hatte, bestellte Jean eine weitere Runde, die diesmal in silberfarbenen Pokalen serviert wurde, welche von außen beschlagen waren. Anshara nahm den ihren in die Hand.

"Huch", machte sie, "das ist ja eisgekühlt!"

"Genau", entgegnete Jean und prostete ihr zu. Sie stießen abermals an, und nach dem ersten Schluck guckte Anshara erstaunt.

"Wow", machte sie. Ihr Gegenüber warf ihr einen herausfordernden Blick zu, und sie senkte schüchtern die Lider. Was Jean nicht erwähnt hatte, war die Tatsache, daß das eisgekühlte Blut für die Kainskinder eine ähnliche Wirkung hatte wie Alkohol für die Menschen. Er bemerkte dies schon nach den ersten Schlucken, und er war gespannt, wie Anshara darauf reagierte.

Diese hatte sich bislang eigentlich nur von Frischblut ernährt und fiel prompt auf das 'Rauschmittel' herein. Schon bald warf sie Jean unentwegt begehrliche Blicke zu, was diesen natürlich ungemein amüsierte. Er erwiderte ihre Blicke diesmal direkt, wohl wissend, daß auch er nicht mehr ganz 'nüchtern' war.

Anshara fragte sich nur am Rande, weshalb sie sich auf einmal so ...kuschelig fühlte. Ob das an dem Tiefkühlblut lag? Auf jeden Fall rutschte sie erst mal ein Stück näher, um seine herrlich türkisfarbenen Augen eingehend zu bewundern. Die Farbe war wahrhaft himmlisch und erinnerte sie an ihr lange vergangenes sterbliches Leben, wenn der Himmel über Karnak am frühen Nachmittag diese Tönung angenommen hatte.

Jean stützte das Kinn auf die Hände und betrachtete sie eingehend. Er fand dieses Spiel aufregend.

Derweil fuhr Anshara in ihrer Betrachtung fort. Seine Haare, so reflektierte sie, schienen wie der Himmel zu Mitternacht zu sein - samtige Dunkelheit mit tiefblauen Lichtern, wo der Schein der Lampen darauf fiel.

"Noch etwas zu trinken?" fragte Jean, da sie ihren Pokal unbemerkt geleert hatte.

"Gerne", schnurrte sie wohlig und rutschte ein weiteres Stück in seine Richtung.

"Es ist nicht ungefährlich", warnte er sie.

"Hm. Momentan fühle ich mich eigentlich richtig gut", seufzte sie und ergriff seine Hand.

"Ich denke, du bist ein bißchen angeheitert."

"Kann sein. Aber es gefällt mir." Mittlerweile hatte sie Jeans Standort erreicht, und er guckte sie amüsiert an.

"Du bist heute extrem kontaktfreudig, oder wie sehe ich das?"

"Hm... Ich würde gerne etwas kuscheln", stellte sie mit einem besonders hingebungsvollen Blick fest. Ein bißchen verwunderte sie das doch, denn sie war schon seit längerem nicht mehr auf eine solche Idee gekommen.

"Ach ja?" fragte Jean vergnügt, woraufhin sie ihren Kopf an seine Schulter legte. Nun, solange sie nicht an seinen Hals wollte, konnte er das tolerieren.

"Ich mag dich", fand sie. "Du bist echt schön für einen Mann." Jean gefiel ihre Bewunderung natürlich. "Aber bestimmt hast du das schon des öfteren gehört..."

"Doch", gab er zu.

"Seufz. Und wie oft?"

"Ich habe nicht gezählt."

"Hm", machte Anshara. Aus irgendeinem Grund gefiel ihr das gar nicht. "Das sind ein paar zu viele", fand sie.

"Kann ich nicht sagen," protestierte Jean. Das konnte man ihm nicht oft genug sagen.

"Hm." Offenbar war sie entschieden anderer Ansicht.

Derweil hatte Jean je einen weiteren Becher geordert. Nach dem nächsten Schluck saß Anshara auf seinem Schoß.

"Ich glaube, nach diesem Drink sollten wir lieber gehen", kommentierte Jean. Wer wußte schon, was Anshara in ihrem Rausch noch anstellen würde.

"Meinst du?" Sie begann, seine Frisur zu zerpflücken.

"Na", machte Jean und schüttelte den Kopf.

"Oh, das bietet sich gerade so schön an", fand sie und fing die Strähnen wieder ein.

"Ich denke, wir gehen sicherheitshalber jetzt sofort", bestimmte Jean. Bevor Anshara noch auf irgendwelche dumme Gedanken kam.

"Na gut. Aber ich habe noch nicht ganz ausgetrunken."

"Dann tue das. Es ist nicht klug, noch länger hier zu verweilen."

"Stimmt." Als sie einen Blick in die Runde warf, bemerkte sie, daß einige Leute schon belustigt zu ihnen herüberguckten. Sie kippte rasch den Rest der Flüssigkeit herunter. Jean sah sie an.

"Wie wäre es, wenn du dich nun von mir erhebst?"

"Na gut..." Sie stand auf und machte einen etwas unsicheren Schritt. "Hups!"

Jean fing sie auf, und sie schmiegte sich in seine Arme. Er winkte dem Kellner und bezahlte schnell die Getränke.

"Jetzt komm, ich bringe dich zu deiner Unterkunft zurück."

"Du kannst auch gerne bleiben", gurrte sie.

"Ich bin kein Fan von Badewannen."

"Schaaade", seufzte Anshara und sah schmachtend zu ihm hoch. Jean seufzte ebenfalls und zog sie hinter sich her zu einem Taxi. Er versuchte, sie möglichst unauffällig in ihre Suite zu verfrachten und schwor sich, nie wieder jemandem eisgekühltes Blut zu servieren, der es nicht vertrug.

Es gelang ihm tatsächlich, sie zu ihrer Suite zu tragen (die Tatsache, daß das Hotel einen Fahrstuhl hatte, half dabei beträchtlich). Als er sie aber in ihrer ausgepolsterten Wanne ablegen wollte, zog sie ihn zu sich herab, woraufhin Jean das Gleichgewicht verlor und gegen die Kante der Wanne prallte. Er fluchte sehr blumenreich auf Französisch.

"Oooh", machte Anshara mitleidig und begann, ihn zum Trost zu streicheln.

"Nie wieder", schwor sich Jean.

"Was?" Sie schaute ihn tragisch an.

"Nie wieder gehe ich mit jemandem in den Club, der nichts verträgt."

"Ich habe so etwas halt noch nie zuvor probiert", verteidigte sie sich.

"Dafür bin ich nun ziemlich lädiert."

"Das tut mir leid. Soll ich dich trösten?"

Jean seufzte und versuchte, sich darauf zu konzentrieren seine lädierten Rippen zu heilen. Leider war er auch nicht ganz nüchtern, so daß ihm die Konzentration ziemlich schwerfiel. Anshara zupfte an seinem extravaganten Hemd herum, um sich die Bescherung anzusehen, während Jean immer noch vor der Wanne kniete und versuchte seine Gedanken zu sammeln.

Als Anshara ihn endlich von dem Hemd befreit hatte, mußte sie feststellen, daß er wirklich ein wenig zerdetscht aussah. Aber mehr war nicht passiert, und so begann sie erneut mit seinen Haaren herumzuspielen. Da Jean jedwede Makel an seiner Person verabscheute, nahm er sich soweit zusammen, daß er sich heilen konnte, auch wenn es ihn einiges an Kraft kostete.

Als er wieder perfekt aussah, seufzte Anshara und betrachtete ihn ausgiebig. Jean ließ sich erschöpft über die Kante der Wanne hängen.

"Seufz", gab er von sich. Anshara kicherte und gab ihm einen Kuß. Irgendwie war der echt süß.

"Wie gut, daß wir allein sind", befand Jean. "Ich habe mich total blamiert."

"Klar", kicherte sie und sah ihn belustigt an.

"Etwa nicht?" fragte Jean und rührte sich immer noch nicht.

"Ich finde dich niedlich."

"Ich finde mich eher was ganz anderes..."

"So?" Anshara legte den Kopf schief und peilte von ihrem Kissenlager in der Wanne zu ihm hoch.

"Ja", meinte Jean und hob den Kopf. "Total blöd. Ich habe wahrscheinlich wieder mal sämtliche Ahnen blamiert, weil ich mit ihnen verwandt bin."

"Sie brauchen es ja nicht zu erfahren", schlug Anshara vor. "Außerdem bin ich doch auch eine davon - oder wie war das? - und ich fühle mich nicht sonderlich blamiert."

"Du hast aber im Clan nicht viel zu sagen. Und was mich betrifft, so gab es einen ziemlichen Kampf, ob mir überhaupt der Status eines Neugeborenen gewährt werden konnte." Normalerweise gewährte man niemandem, der so jung und unerfahren war wie er, diesen Status. Allerdings war es auch nicht möglich gewesen, daß er zu seinem Erzeuger zurückkehrte.

"So? Warum das?"

"Es gab einige, die behaupteten, ich wäre nicht in der Lage, für mich alleine zu sorgen."

"Es scheint dir doch zu gelingen, oder?"

"Wenn ich an heute denke, eher nein." Es war einfach nicht zu übersehen, daß er kaum Erfahrungen hatte. Ganz zu schweigen davon, daß seine Kenntnisse in den diversen Diziplinen ziemlich zu wünschen übrig ließen.

"Hm." Anshara griff erneut nach Jeans Haaren. Die waren so schön weich und seidig...

"Was hast du nur mit meinen Haaren", fragte er fatalistisch.

"Die gefallen mir." Sie sah ihn bewundernd an.

"Was ist daran so besonders?"

"Naja, sie haben eine praktische Länge, und sie sind so schön weich."

Jean hob amüsiert die Augenbrauen. 'Schön weich' war eine ungewöhnliche Beschreibung für seine struppige Mähne.

"Ich finde das manchmal eher unpraktisch. Es ist andauernd verfitzt und hängt überall drin."

"Mir gefällt es jedenfalls", erklärte Anshara. Jean schüttelte den Kopf, um seine Haare wieder zurückzuerobern. Anshara seufzte und gab nicht auf, danach zu angeln. Schließlich erhob sich Jean, um sich in Sicherheit zu bringen.

"Ooooch, Jean..." Anshara setzte sich in der Wanne auf. "Warum willst du schon gehen?"

"Soll ich nicht?" fragte er und versuchte sich an einigen Konzentrationsübungen.

"Nein."

"Es ist fast Tag." Und er hatte garantiert keine Lust, sich der Sonne auszusetzen.

"Hier ist es dunkel."

"Schon", gab Jean zu. "Aber es ist ein Badezimmer."

"Seufz."

Jean tat es ihr gleich. Er wollte eigentlich gar nicht gehen, aber bleiben eigentlich auch nicht. Und nun sah sie ihn schon wieder mit diesem herzzereißenden Blick aus ihren Bernsteinaugen an.

"Nun gut, ich bleibe", entschloß er sich, da er es ja doch nicht übers Herz bringen würde, sie so einsam zurückzulassen.

"Prima." Anshara schmachtete ihn an, was er tunlichst zu ignorieren versuchte. Wer wußte, was geschehen würde, wenn er der Versuchung nachgab, also beschäftigte er sich erst einmal mit seinem Spiegelbild.

"Da ist eine Bürste auf der Ablage", machte sie ihn kichernd aufmerksam. Jean seufzte ziemlich gestreßt und striegelte sich erstmal gründlich. Anshara fand das sehr praktisch, denn dann konnte sie ihn gleich wieder richtig zerstrubbeln.

Schließlich legte er die Bürste beiseite, ehe er sich ausgiebig dehnte und streckte. Eigentlich war es jar Zeit für ein bißchen Training. Auch Vampire verloren Fähigkeiten, wenn sie nicht regelmäßig etwas dafür taten, und seine Talente waren nun einmal fast ausschließlich körperlicher Art.

Anshara betrachtete ihn anerkennend. Er sah nicht nur toll aus, sondern er bewegte sich auch noch mit einer unnachahmlichen Grazie. Und für heute war er erstmal hier...

Jean versank versank wieder einmal völlig in Gedanken; er betrachtete sich doch zu gerne im Spiegel. Außerdem war er momentan ohnehin in einer merkwürdigen Laune. Er versuchte ein paar Bewegungen, die mal seine volle Geschwindigkeit ausnutzten und war durchaus damit zufrieden.

Anshara seufzte hingebungsvoll. Jean war wahrhaft anbetungswürdig schön, und man sollte ihn irgendwo ausstellen. Da sie laut gedacht hatte, hörte Jean ihre Äußerung und guckte amüsiert.

"Was dachtest du? Deshalb wurde ich erwählt." Er lächelte. "Und ich gebe zu, ich liebe es, bewundert zu werden." Weshalb er sich auch ganz gerne als Modell für diverse Künstler zu Verfügung gestellt hatte.

"Stimmt. Du hast was", fand sie.

"Ich weiß", stimmte er zu. "Und ich versuche permanent, es zu intensivieren."

"So? Wie denn?"

"Indem ich meine Bewegungen verbessere, an Eleganz und Geschick gewinne. An meinem Aussehen kann ich ja nicht viel ändern." Leider, dachte Jean, er wäre gerne etwas muskulöser gewesen.

"Wozu auch? - Hm. Ich glaube, an meinen Bewegungen könnte ich auch mal arbeiten. Auch wenn ich früher im Tempel in Tanz und eleganten Schreiten unterwiesen wurde, helfen 3809 Jahre im Sarkophag der Kondition nicht sonderlich."

"Vermutlich." Auch die Jahre, die Jean eingesperrt verbracht hatte, hatten sich in seiner Form niedergeschlagen. Er stellte einen Fuß an die Wand, um ein paar Dehnübungen zu absolvieren.

"Hm", überlegte Anshara, "vielleicht sollte ich mal ein Fitneßstudio aufsuchen."

"Ich war mal im Ballett", eröffnete Jean überraschend. Allerdings nicht lange, da es langsam auffiel, daß die ganzen Tänzerinnen pötzlich an Blutarmut litten...

"Oh", machte Anshara und ließ ihre Blicke wieder über seinen wohlgeformten Körper schweifen. "Kannst du noch etwas davon? Und führst du mir das eine oder andere mal vor?"

"Ich glaube nicht, daß das für dich so interessant wäre. Ich benutze nur noch ein paar Übungen davon. Hauptsächlich Drehungen." Viel mehr hatte er auch nie gelernt.

"Mhm. Ich kann noch die diversen Tänze, die die Priesterinnen im Tempel aufführen mußten und auch die, die die Mädchen in der Schule lernten."

"Ja?" Jean sah sie an. "Tanzen kann ich weniger. Ich finde dieses Geschreite eher öde." Er dachte an die Tänze, die zu seiner Lebzeit aktuell gewesen waren. Das heutige Gehopse war doch kein Tanzen.

"Oh. Ich tanze gerne. Aber bei uns sah das wohl anders aus als die neumodischen Sachen, die du wohl gelernt hast." Anshara entstieg der Badewanne und wiegte sich graziös zu unhörbarer Musik.

Jean betrachtete sie anerkennend.

"Hübsch", fand er. Er beschloß, es sicherheitshalber zu vermeiden, sie direkt anzusehen, damit sie ihn nicht wieder mit ihrem Blick einfangen konnte. Anshara fand es irritierend, daß er so oft wegsah, wenn sie ihn anschaute. Momentan schien er vollständig von den Bodenfliesen fasziniert zu sein.

"Huhu, Jean", machte sie und guckte zu ihm hin. "Warum läßt du mich so selten in deine Augen blicken?"

"Nun, das ist ein komisches Gefühl." Er runzelte die Stirn. "Ich vergesse alles um mich herum, und das passiert mir ohnehin viel zu oft." Er guckte jetzt doch wieder richtig hin. "Du hast Augen wie eine Katze", stellte er fest. "Oder doch eher wie ein Wolf."

"Lieber wie eine Katze. Die sind heilig. Wölfe mag ich nicht."

"Naja, es gibt auch Katzen mit gelben Augen. Ich hatte auch mal eine Katze, aber die hatte dieselbe Augenfarbe wie ich."

"Du hattest?"

"Ich habe mich nicht freiwillig von ihr getrennt", sagte Jean ein wenig betrübt. Er vermißte Diable, der Kater hatte ihn oft über seine Einsamkeit hinweggetröstet.

"Oh. Eine verlorene Katze ist ein großer Trauerfall", stimmte Anshara zu. In ihrer alten Heimat trug die ganze Familie beim Tod der Hauskatze Trauer, und das Tier wurde auch wie ein Mensch einbalsamiert und bestattet.

"'Sie' war eigentlich ein 'er'", führte Jean aus. "Er war so schön flauschig und ganz schwarz."

Anshara seufzte mitleidsvoll, trat zu ihm und strich durch seine Haare. Schwarz und flauschig waren die auch. Sie fand es amüsant, daß der Kater auch noch Jeans Augenfarbe gehabt haben sollte.

"Das war nicht meine Idee", sagte er, als ob er ihre Gedanken gelesen hätte. "Das hat mein Erzeuger so eingerichtet."

"Ach, hat er dich passend zum Kater ausgesucht?" erkundigte sie sich belustigt.

"Hm. Weiß ich nicht. Jedenfalls hat er mich genauso behandelt." Er hatte sie beide permanent herimkommandiert, weshalb sie auch des öfteren ausgerissen waren.

"Dann ist es ja gut. Schließlich soll man Katzen verehren."

"Davon hat er wohl nicht so viel gehalten." Jean verzog das Gesicht bei der Erinnerung.

"Wie bitte? Er hat es gewagt, eine Katze zu mißhandeln? Wenn ich den in die Finger kriege..."

"Dem Kater hat er nie etwas getan. Der gehorchte ihm ja notgedrungen. Ich vermute, daß er sich immer noch irgendwo herumtreibt, aber er wird mich vermutlich gar nicht mehr erkennen."

"Hm. Wenn er doch dein Erzeuger ist..."

"Ich spreche von dem Kater, nicht von Simon!"

"Oh." Anshara kicherte los, und Jean guckte beleidigt. Sie kriegte sich nicht mehr ein, und das führte natürlich dazu, daß er nun total einschnappte.

"Ooooch, armes, schwarzes Katerchen." Sie vergrub ihre Hände in seiner Mähne. Unwillig befreite Jean sich.

"Laß das! Ich mag das nicht." Er haßte es, wenn sich jemand über ihn lustig machte.

"Schade", seufzte sie, aber Jean war nun verärgert und trug dies auch deutlich zur Schau. Dies hinderte jedoch nichts daran, daß Anshara ihn einfach nur süß fand und ihn gewinnend anlächelte. Diesmal senkte Jean nicht den Blick, sondern versuchte, Anshara niederzustarren. Sie setzte ein betont süßes Lächeln auf und näherte sich ihm mit ausgesucht verführerischen Bewegungen, so wie es sie die Tanzmeisterin gelehrt hatte.

Jean stand regungslos da. Es fiel ihm schwer, ihr zu widerstehen, aber er hatte beschlossen, diesmal seine ganze Kraft darauf zu konzentrieren. Anshara runzelte die Stirn. Er leistete ihr auf einmal Widerstand, bemerkte sie verwundert.

"Was ist?" stichelte Jean. "Ist das alles, was du kannst?"

"Püh!" Sie stampfte verärgert den Fuß auf. "Das ist unfair! Du wehrst dich ja!"

"Was dachtest du?"

"Daß du meinem unnachahmlichen Charme erliegst, wie es sich gehört!"

"Ich denke gar nicht daran."

Sie setzte einen Schmollmund auf und klimperte mit den Wimpern. Irgendwie mußte er doch einzuwickeln sein. Jean guckte irritiert. Es war so seltsam, wenn sie plötzlich von einer Stimmung zur anderen wechselte.

"Was hast du nur, daß du so ärgerlich bist?" Sie schenkte ihm ein schmelzendes Lächeln, trat auf ihn zu und schmiegte sich an ihn. Jean fand das absolut unfair, da er sich nicht konzentrieren konnte, wenn sie so gemeine Mittel verwendete. Und jetzt strich sie ihm noch sanft über die Wange und sah ihn aus großen, schimmernden Augen an! Das hatte Anshara jedoch schon vor ihrem Start ins Unleben perfekt beherrscht, und es hatte ihr die Erleichterung fast aller ihr auferlegten Strafen verschafft.

"Ich hasse es, wenn mich jemand so manipuliert", beschwerte sich Jean.

"Das ist keine Manipulation", behauptete sie. "Ich agiere nur zu deinem besten."

"Ich bin nicht dumm", widersprach Jean. "Du manipulierst mich mit allen Mitteln, die dir zur Verfügung stehen."

"Aber ich bin doch nur eine arme, schwache Frau..." Sie sah schüchtern zu Boden.

"Dafür kannst du mich anscheinend mit Leichtigkeit in die Knie zwingen", seufzte er.

"Dabei bist du doch so groß und stark", säuselte sie. Es fiel ihr gar nicht so leicht, dabei eine ernsthafte Miene beizubehalten, aber wenn sie zu kichern begann, würde das den ganzen Effekt vernichten.

"Wenn du mir schmeichelst, ändert das nichts an der Tatsache."

"Findest du das denn sehr schlimm?" Sie fuhr mit den goldlackierten Fingernägeln über seine Vorderfront.

"Ich fühle mich gefangen", beschwerte er sich. Anshara musterte ihn interessiert und war sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Jean hingegen fand die Situation höchst beunruhigend. "Und was hast du nun vor?" fragte er nach einer unbehaglichen Pause.

"Du könntest mir doch ein bißchen über die hiesigen Gepflogenheiten erzählen. Ich meine, die Verhaltensformen unter Vampiren und so."

"Wenn du willst", entgegnete Jean. "Was möchtest du denn wissen?"

"Zunächst einmal, was welcher Clan für Sitten und Gebräuche hat. Das dürfte wohl nicht unwichtig sein."

"Hm", machte Jean. "Ich bin kein Etikette-Gelehrter."

"Schade. Dann erzähle mir doch einfach alles, was du für wichtig empfindest."

"Ich vermute, du hast Zeit", seufzte er.

"Alle Zeit der Welt, wenn ich richtig informiert bin."

"Leider", kam es von ihrem Gegenüber. Er spielte nicht so gerne den Alleinunterhalter und außerdem hatte er auch nicht viel zu sagen. Er gab ein paar Regeln, sicher, aber das meiste beruhte auf seinen Erfahrungen und die konnte er irgendwie nur schwer in Worte fassen.

"Ooooch Jean", schmachtete sie ihn an.

"Nun gut. Es gibt sechs Traditionen, die den Gesetzeskodex der Kainskinder bilden." Damit konnte er auf jeden Fall anfangen, die Traditionen mußte ein junges Kainskind eh immer lernen.

"Der was bitte?" fragte Anshara irritiert.

"Der Kainskinder", wiederholte Jean geduldig.

"Aha. Das sind also wir? Warum heißt das so?"

"Wer sagt schon, er sei ein Vampir?" gab er zurück. "Außerdem hat das irgendwas mit Kain und Abel zu tun."

"Kain und Abel?" Anshara runzelte nachdenklich die Stirn, dann erhellte sich ihr Gesicht. "Hatte das nicht irgendwas mit diesem neumodischen Christenglauben zu tun?"

"Doch", stimmte Jean zu. "Aber viel Ahnung habe ich nicht davon." Er war eingeschlafen, als sein Erzeuger ihm die Geschichte erzählt hatte.

"Ich habe mal irgendwo gelesen, daß diese 'Bibel' an die achthundert Jahre nach meiner Zeit geschrieben wurde. Aber offenbar gibt es Vampi- Kainskinder doch schon viel länger!"

"Ich sage ja, ich weiß es nicht. Man hat mir gesagt, es wäre vom Namen Kains abgeleitet, und ich habe es so akzeptiert. Egal, wer das war."

"Ah. Ich vermute, das war irgendein Publicity-Gag", konstatierte Anshara. Jean zuckte mit den Schultern.

"Jedenfalls sagt man nicht, man ist ein Vampir. Das ist unfein."

"So, aber Kainskind ist feiner, obwohl es aus so einem absurden monotheistischen Glauben stammt?" Anshara schüttelte den Kopf. Wie sollte es einem einzelnen Gott gelingen, für alles zuständig zu sein, was auf der Welt vorging? Obwohl, bei dieser ganzen neumodischen Technologie mußte sich der ägyptische Pantheon auch gewaltig vermehrt haben. Jetzt brauchte man auf jeden Fall neue Götter für Autos, Fernseher, Telekommunikation und was der Dinge mehr waren.

"Ist eben so."

"Hm. Das kann zumindest keiner nachprüfen", sinnierte sie. "Praktisch. - Und was war das nun mit diesen Traditionen?"

"Die erste Tradition betrifft die Maskerade: Du sollst Dein wahres Wesen niemandem enthüllen, der nicht vom Geblüt ist. Wer solches tut, verwirkt seine Blutrechte."

"Klingt plausibel", fand Anshara. "Ist akzeptiert." Jean ignorierte dies.

"Die zweite Tradition betrifft die Domäne. Die Domäne ist Dein eigener Belang. Alle anderen schulden Dir Respekt, solange sie sich darin aufhalten. Niemand darf sich gegen Dein Wort auflehnen, solange er in Deiner Domäne weilt."

"Das finde ich gut", kommentierte Anshara. "Ist auch akzeptiert."

"Die dritte Tradition regelt die Nachkommenschaft. Du sollst nur mit Erlaubnis Deiner Ahnen andere zeugen. Zeugst Du andere ohne Einwilligung Deiner Ahnen, sollen sowohl Du als auch Deine Nachkommen erschlagen werden."

"Huch! Hoffentlich hatte mein Beißer eine Erlaubnis", meinte Anshara schaudernd.

"Wer weiß", äußerte Jean. "Die vierte Tradition sagt, daß ein Kainskind Rechenschaft schuldet. Wen du erschaffst, der ist Dein eigenes Kind. Bis der Nachkomme auf sich selbst gestellt ist, sollst Du ihm alles befehlen. Du trägst seine Sünden."

"Aha. Naja, bislang bin ich noch kinderlos."

Jean sah sie ärgerlich an. Er haßte es, unterbrochen zu werden, vor allem, wo es ihm doch ohnehin nicht ganz leicht fiel, die Traditionen exakt zu rezitieren. "Die fünfte Tradition betrifft die Gastfreundschaft. Ehre die Domänen anderer. Wenn Du in eine fremde Stadt kommst, so sollst Du Dich dem vorstellen, der dort herrscht. Ohne das Wort der Aufnahme bist Du nichts."

"Oh-oh", machte Anshara. "Naja, das will ich ja morgen abend ändern."

"Die sechste Tradition behandelt die Vernichtung. Es ist Dir verboten, andere von Deiner Art zu vernichten. Das Recht zur Vernichtung liegt ausschließlich bei Deinen Ahnen. Nur die Ältesten unter Euch sollen die Blutjagd ausrufen."

"Mhm. Die Traditionen klingen weitgehend sinnvoll", stellte Anshara fest. "Ich bin aber dafür, noch eine siebte Tradition einzuführen: 'Es ist okay, die Traditionen zu brechen, so lange man sich nicht erwischen läßt.'"

"Das 'nicht erwischen lassen' solltest du dir hinter die Ohren schreiben," meinte Jean amüsiert. Das war eine Regel, die man ruhig über die Traditionen stellen konnte.

"Immer. Ich bin doch eh schon ein Verstoß gegen Nr. 3 und Nr. 5."

"Naja, so ganz hält sich wohl keiner daran."

"Dann bin ich beruhigt."

"Aber man sollte die Traditionen zumindest kennen."

"Hoffentlich nicht auswendig... Was ist sonst noch wichtig, um unter den 'Kainskindern' zu überleben?"

"Du solltest mit keinem streiten, der stärker ist als du."

"Guter Punkt. Aber da ich eh nur eine arme, schwache Frau bin, habe ich gar keine Intention, mich in Schlägereien verwickeln zu lassen." Sie sah ihn betont hilflos an.

"Streitereien kann sich nur jemand erlauben, der wirklich stark bist. Ich muß daran noch arbeiten."

"Also, ich fände es lustig, Leute, die so furchtbar stark sind, zu manipulieren, damit sie sich selber die Köpfe einschlagen", überlegte Anshara mit einem betont lieben und unschuldigen Lächeln.

"Ich lasse solche Sachen lieber. Aber das mußt du selber wissen." Jean war lieber vorsichtig, vor allem, was die Älteren betraf.

"Sag mal, was zieht man eigentlich an, wenn man bei so einem Prinzen vorstellig wird?" wechselte Anshara das Thema.

"Egal. Es gibt keine Vorschrift." Jedenfalls hatte er nie von einer solchen gehört.

"Hm... Ich will doch einen guten Eindruck machen." Sie stellte sich vor den Spiegel und probierte ein paar Diademe aus. Jean betrachtete sie.

"Du machst schon ausreichend Eindruck."

"Gut." Sie legte den Schmuck wieder beiseite. "Und, muß ich noch etwas wissen, um nicht negativ aufzufallen?"

"Mir fällt momentan nichts ein."

"Gut." Anshara beschloß, rasch ihre Kleidungsstücke aus dem dummerweise mit Fenstern versehenen Schlafzimmer in den fensterlosen Vorraum zu verlegen, bevor die Sonne aufging und die außenliegenden Zimmer in tödliches Licht tauchte. Auch das andere Bettzeug verfrachtete sie in die Wanne des zweiten Bades. Auch wenn der Vorraum geräumiger war, so lag sie nicht gerne auf dem Präsentierteller, wenn sie schutzlos schlief.

"Was hast du vor?" fragte Jean. "Willst du dich jetzt schon anziehen?"

"Nein, ich möchte nur ein paar Kleider ausprobieren."

"Dann mach mal." Jean fühlte sich langsam müde und setzte sich auf den Rand der Wanne, während Anshara in den Kleidern herumwühlte. Er schüttelte über sich selbst den Kopf. Warum war er nicht nach Hause gegangen?

"Wie sieht das aus?" erkundigte sich Anshara und führte ihm ein extravagantes violettes Kleid vor.

"Hübsch."

"Ist es nicht vielleicht ein wenig zu gewagt?" Sie wechselte in ein züchtigeres, goldbraunes Kostüm.

Jean ließ sich in die Wanne rutschen und hängte die Beine über den Rand, da er etwas zu groß dafür war. Er betrachtete Anshara aus halbgeschlossenen Augen. Mittlerweile führte sie ihm schon das fünfte Gewand vor, und er hatte das Gefühl, er hatte einige dazwischen verpaßt. Staunend ob soviel Elan fragte er sich, wie lange sie wohl noch durchhielt.

Als sie bei Nummer 10 (in Metallicgrün) angelangte, war Jean eingeschlafen. Anshara stemmte entrüstet die Arme in die Seiten. Dieser Banause! Aber was sollte es, dann würde sie sich jetzt auch erst einmal hinlegen. Sie drapierte sich in die Wanne des zweiten Bades und begab sich ebenfalls zur Tagruhe.

Back to Top of Page


Kapitel 3: Der Prinz von Frankfurt

Beim Untergang der Sonne erwachte Jean, wie jeden Abend. Mühsam entknotete er sich und kletterte aus der Wanne. Ein Bett war definitiv bequemer. Seufzend streckte er sich und verfrachtete das Bettzeug in eine Ecke. Er hatte Lust auf ein Bad. Das einzige, was er bedauerte, war die Tatsache, daß seine Sachen nicht hier waren.

Anshara, die bereits etwas früher erwacht war, planschte schon seit geraumer Zeit in ihrem duftenden Ölbad und fühlte sich ausgezeichnet. Als sie den Fluten entstiegen war und sich in einen Morgenmantel hüllte, hatte ihre Haut einen schwachen goldockerfarbenen Schimmer über der normalen fahlen Blässe eines Kainskindes.

Während Jean noch in den Fluten weilte, transportierte Anshara die Kleider wieder in das Schlafzimmer zurück und ordnete sie zu gleichfarbigen Stapeln. Wenn sie sich nur entscheiden könnte...

Dieses Problem hatte Jean nicht. Widerstrebend mußte er nach Beendigung seines Bades erneut in seine zerknautschten Sachen steigen. Als er in den Hauptraum der Suite ging, stand Anshara vor dem Spiegel und hielt sich gleichzeitig ein blaues und ein rotes Kleid an.

"Guten Abend", begrüßte er sie.

"Oh, hallo Jean!" Sie wandte sich zu ihm um. "Was soll ich nur anziehen?" seufzte sie.

"Was immer dir gefällt", erwiderte er. "Zieh einfach eins."

"Seufz!" Schließlich entschied sie sich für das weiße pseudoägyptische Gewand mit den goldenen Accessoires. Jean betrachtete sie amüsiert. Aber dieses Kleid stand ihr wirklich ausgezeichnet, fand er. Danach ging noch die übliche Make-Up-Malerei los, und als sie aus dem Bad kam, war sie ausgiebig mit Goldpuder bestäubt.

"Fertig?" Jean sah sie fragend an.

"Moment! Mein Schmuck!" Eilig streifte sie sich ein halbes Dutzend Armspangen über, ehe sie in ihre Sandalen stieg. Jean seufzte. Frauen!

"So - sehe ich präsentabel genug aus?" fragte sie endlich.

"Du siehst irgendwie ägyptisch aus," meinte Jean diplomatisch. Er fand sie weniger 'dekoriert' einfach schöner.

"Das ist ja auch nicht verkehrt; immerhin bin ich von da. - Hach, ich bin schon total aufgeregt..."

Jean kritzelte etwas auf einen Zettel und drückte ihr diesen in die Hand.

"Hier ist die Adresse."

"Soll ich da etwa alleine hingehen?" quietschte sie geschockt.

"Was sonst?" fragte Jean.

"Und wenn ich nun aus Unwissenheit einen furchtbaren Fauxpas begehe?"

"Dann bin ich nicht da."

"Graaa!" Sie stampfte wieder mir dem Fuß auf. "Es ist deine vornehme Pflicht als Gentleman, mir, einer hilflosen Lady, über solche Hürden hinwegzuhelfen", erklärte sie.

"Du mußt entweder allein da hingehen oder dich von deinem Erzeuger vorstellen lassen. So ist der Brauch."

"Hm. Letzteres entfällt ja leider. Aber gibt es denn unter den Kainskindern keine Gentlemen, die eine Dame einem Adligen vorstellen würden?"

"Du kannst ja einen fragen."

"Eigentlich hatte ich dich für einen Gentleman gehalten", seufzte sie mit Trauermiene.

"Mich?" fragte Jean betont überrascht.

"Dich!"

"Bin ich aber nicht. Außerdem müßte ich mich erst umziehen." Auch wenn es keine Bekleidungsvorschriften gab, so sollte er da besser nicht auftauchen.

"Und wo liegt das Problem?"

"Ich brauche garantiert genauso lange wie du."

"Ooooch Jean..." Sie sah ihn wieder schmelzend an. "Bitte, bitte, komm mit!" Ihr Blick enthielt nun ein Flehen, dem er einfach nicht widerstehen konnte. Er war doch kein Unkainskind.

"Aber ich muß mich erst umziehen."

"Ist doch klar." Sie angelte nach ihrer Handtasche und dem weißen Mantel und folgte Jean, der schon auf dem Weg nach draußen war.

Schließlich erreichten sie das billige Hotel. Da an der Rezeption wieder einmal keiner war, schnappte sich Jean den Schlüssel und stürmte die Treppen hinauf. Anshara ging gemessenen Schrittes hinterher.

Sein Zimmer sah immer noch aus wie ein Schlachtfeld. Jean sammelte ein paar der herumliegenden Klamotten auf und verschwand im Bad. Anshara setzte sich aufs Bett und wartete, wobei sie das eine oder andere Kleidungsstück hoch hob und interessiert beäugte. Rüschenhemden, einfache Hemden, enge Hosen...

Jean ließ sich Zeit. Erstmal striegelte er ausgiebig seine Mähne, dann half er seinem Aussehen mit ein wenig Make-Up nach, bevor er sich umzog. Irgendwie konnte er sich wieder einmal nicht entscheiden... Schließlich beschloß er, daß er nun doch fertig war. Er trug eine enge Hose, ein weites Hemd, kurze Stiefel und eine extravagante Jacke, natürlich alles wie immer in Schwarz.

"Das sieht nett aus", fand Anshara, nachdem sie ihn ausgiebig gemustert hatte.

"Ich weiß." Jean wühlte in den Schubladen herum, und sie sah ihm interessiert dabei zu. Er ließ ein Messer in den Stiefeln verschwinden, bevor er nach weiteren Sachen kramte, die er in die Jackentaschen stopfte. Schließlich verschwand er noch einmal im Bad und kehrte mit einer extravaganten, glitzernden Halskette zurück.

"Können wir jetzt los?" fragte Anshara.

"Ja."

"Gut. - Oh, ich bin ja schon soooo aufgeregt!"

"Tse", meinte Jean belustigt.

"Naja, was sagt er, was sage ich, was sagen die anderen..."

"Woher soll ich das wissen? Mich beschäftigt eher, was sage ich, wo ich dich her habe?"

"Aus dem Kaufhaus", entgegnete Anshara ohne nachzudenken.

"Haha!"

"Ist doch die reine Wahrheit..."

"Wer glaubt mir, daß ich dich in einem Kaufhaus aufgegabelt habe?"

"Naja, warum sollte man es dir nicht glauben?"

"Weil das kein Grund ist, dich mitzunehmen. Da kann ich schon eher die Sache mit dem Sofa erzählen."

"Das wirst du nicht! Das ist peinlich."

"Für mich nicht. Ich war schneller."

"Püh! - Aber was ist denn nun an dem Kaufhaus schlimmes?"

"Du hattest kein Schild um. - Woher sollte ich wissen, was du bist?"

"Ich bin doch einfach umwerfend, oder? Du hast mich einfach als Snack mitgenommen, genau wie ich dich. Wo liegt das Problem?"

"Dann hätte ich auch zubeißen müssen."

"Du wolltest erst mit mir spielen."

"Und? Naja, ich wollte dann eben zuerst von dir ein Schlückchen probieren, und du warst leider schneller. Aber das mit dem Sofa erzählst du nicht!"

"Schade. Das wäre bestimmt ein paar Lacher wert."

"Püh", schmollte sie. Jean grinste.

"Nun komm. Ich denke mir schon was aus, falls überhaupt einer fragt."

"Gut." Anshara folgte ihm brav.

"Außerdem ist der Prinz ein Ventrue, der hat sowieso andere Interessen als eine Toreador-Dame."

"Zum Beispiel?"

"Geld und Macht. Und seine Brut."

"Wie öde", fand Anshara.

"Er ist öde, aber laß dir das bloß nicht anmerken." In Jeans Augen war dieser mehr ein Geschäftsman als alles andere und somit total uninteressant.

"Keine Sorge, ich werde ihn ganz hoheitlich behandeln."

"Gut."

"So, und wo steckt er nun?"

"In einem barocken Palast in Höchst. Wir nehmen ein Taxi."

Sie riefen ein Taxi und stiegen ein. Das Fahrzeug brachte sie in knapp einer halben Stunde zu der fürstlichen Residenz des Prinzen.

"Ich hoffe, du weißt dich angemessen zu benehmen", äußerte Jean an Anshara gewandt, als sie vor dem Portal standen.

"Das hoffe ich auch", meinte sie, nun erstaunlicherweise eher kleinlaut, als sie die über die über 100 Meter lange Straßenfront des Bolongaro-Palastes betrachtete.

"Ich habe nämlich keine Lust, hier achtkant wieder rauszufliegen."

"Ich auch nicht." Jean musterte sie - sah man da nicht eine gewisse Panik in Ansharas Blick? Gut, dann würde sie hoffentlich vorsichtig vorgehen.

"Bringen wir es hinter uns", meinte er und schob Anshara zur Tür. Sie sah ihn über die Schulter hinweg hochgradig unbehaglich an, ehe sie die Schelle betätigte.

"Du wolltest hier hin", machte Jean sie gnadenlos aufmerksam.

"Nein, du sagtest, ich müßte..."

Die Tür wurde geöffnet, und ein ziemlich grimmig dreinschauender Typ musterte sie fragend.

"Bitte?"

"Ich - äh - möchte gerne bei dem ehrenwerten Prinzen von Frankfurt vorstellig werden..."

Der Türöffner hob amüsiert die Augenbrauen. Aufgrund der englischen Ansprache war zu vermuten, daß es sich um ein reisendes Kainskind handelte, das die Jagderlaubnis in Frankfurt benötigte. Aber er tat seiner Pflicht Genüge und fragte lieber nach, natürlich ebenfalls auf Englisch.

"Wozu?"

"Es ist - äh - geschäftlich."

"Aha", meinte er. Sie versuchte, diskret zu sein. Ein Pluspunkt. Der Türsteher trat zur Seite, um die beiden einzulassen. Jean war noch schweigsamer als sonst und sagte momentan erst einmal gar nichts.

"Danke", sagte Anshara huldvoll und stolzierte in den Palast. Jean folgte ihr, während der Typ die Türe schloß, um dann voranzugehen, um ihnen den Weg zu weisen. Anshara sah sich interessiert um. Dieser Prinz schien nicht schlecht zu leben - die Einrichtung war nur vom Feinsten und auch das nur aus der obersten Preisklasse.

"Hier entlang, bitte." Der Typ öffnete eine Tür und winkte sie herein. Anshara schwebte graziös hindurch. Sie versuchte, die Fassung zu bewahren und möglichst elegant zu wirken. Der erste Eindruck machte schließlich viel aus, und sie wollte nicht wie der allererste Frischling hier hineinstolpern.

Jean wurde an der Tür aufgehalten, während Anshara sich in einem Saal mit frühklassizistischen Wanddekoration und Deckengewölbe befand, an dessen anderem Ende sich einige elegant gekleidete Personen aufhielten. Sie blickte sich ein wenig unsicher um - wo blieb nur Jean? Offenbar blockierte der Hausdiener die Tür und ließ ihn nicht durch. Anshara unterdrückte ein geschocktes Aufquietschen und biß die Zähne zusammen, wobei sie dafür dankbar war, daß die Fangzähne nur dann ausklappten, wenn sie beißen mußte. Ein wenig steif ging sie auf die Versammlung der Vamp- pardon, Kainskinder zu.

Derweil diskutierte Jean lautstark mit dem Türposten, da er ebenfalls hineinwollte. Das veranlaßte die Ansammlung am anderen Ende des Raums, sich geschlossen umzudrehen, um festzustellen, was los war.

Zu diesem Zeitpunkt war Anshara etwa auf der Mitte des Weges, wo sie verharrte und noch einmal nachsah, ob Jean nicht doch noch kam, um ihr zu Hilfe zu eilen. Das wäre ihr entschieden lieber, als all den Leuten alleine gegenüberzutreten. Leider war Jean immer noch mit dem Hausdiener beschäftigt.

"Oh, wir bekommen Besuch", sagte einer der jünger erscheinenden Männer in der Gruppe am anderen Ende des Raumes. Als sie den Kommentar hörte, beschloß Anshara, betont schüchtern zu Boden zu gucken. Das wirkte meistens. Sofort verzog auch ein Großteil der Leute - nämlich fast alle der männlichen Anwesenden - das Gesicht zu einem Grinsen, das soviel aussagen wollte wie 'ah, leichte Beute'. Anshara spähte vorsichtig ein Stück nach oben.

"Guten Abend", sagte sie halblaut in dem Saal und ärgerte sich, daß sie der deutschen Sprache (noch) nicht mächtig war.

"Guten Abend", erwiderte der 'junge' Mann, der gerade gesprochen hatte.

"Ich möchte gerne mit dem Prinzen sprechen", erklärte Anshara mit vornehmer Zurückhaltung und niedergeschlagenen Augen.

"Und was wollt Ihr von ihm?"

"Ich möchte ihn in einer - ä-hem! - geschäftlichen Angelegenheit sprechen."

"Habt Ihr einen Termin?"

"Nein. Aber es ist dringlich!"

"Unzweifelhaft." Der Mann, ein blauäugiger Blondschopf, der wie Anfang zwanzig wirkte, näherte sich Anshara. Diese betrachtete angestrengt ihre Fußspitzen. Eigentlich müßte sich ja flach auf dem Boden liegen, wenn dieser Prinz wie ein Pharao zu behandeln wäre... "Wenn Ihr mir sagt, was Ihr wollt, dann kann ich entscheiden, ob der Prinz Zeit hat."

"Äh, es geht um die Erlaubnis zur Jagd..."

"Aha", meinte der Blondschopf. "Wie wäre es, wenn Ihr mir Euren Namen verrietet?"

"Anshara. Ich heiße Anshara."

"Und?"

"Und was? Nur Anshara. Ich komme aus Ägypten."

"Ihr seid von den Toreador?" stellte er eher fest, als daß er fragte.

"Ja! - Woher wißt Ihr das?" Ziemlich erstaunt sah sie ihn direkt an.

"Intuition."

"Oh." Sie guckte ihn groß aus ihren Bernsteinaugen an, und er betrachtete sie amüsiert. Er war auch ein gutes Stück größer als sie, aber nicht so groß wie Jean.

"Ich bin übrigens Chris - kurz für Christopher."

"Sehr erfreut, edler Herr."

Chris grinste. "Ich werde mal fragen, wie es um Eure Erlaubnis steht", meinte er und ging durch eine andere Tür.

"Laß ihn rein", meinte er im Vorbeigehen zu dem Türsteher, der immer noch mit Jean diskutierte, "sonst läßt er aus Frust wieder etwas mitgehen." Jean guckte ziemlich ärgerlich, schwieg aber lieber, als er den Saal betrat. Anshara, die die Bemerkung auch gehört hatte, sah zu ihm herüber und hob eine Augenbraue.

"Wieder?" fragte sie leise, als Jean zu ihr getreten war. Er tat, als höre er nichts. "Jean...!" flötete sie. "Was hast du 'mitgehen' lassen?"

"Ich lasse nie etwas mitgehen. Ich habe überhaupt nichts gemacht."

"Die scheinen das wohl anders zu sehen." Als Jean mit den Schultern zuckte, musterte Anshara ihn belustigt.

Der Türsteher beäugte ihn immer noch eindringlich, was Jean nicht besonders zu behagen schien. Anshara beschloß, ersteren etwas abzulenken und warf ihm einen ziemlich verbotenen Blick zu. Leider reagierte er nicht darauf, sondern ließ Jean nicht aus den Augen.

"Er kann mich einfach nicht leiden", seufzte Jean. "Aber zum Glück mag Chris mich."

"So scheint es. - Nebenbei, welchen Clan gehört eigentlich Chris an?"

"Ventrue."

"Hm. Sieht man ihm nicht an."

"Du hast doch noch nie einen gesehen."

"Das nicht, aber ich wundere mich, warum der sofort wußte, welchem Clan ich angehöre. Wir haben länger dafür gebraucht."

"Er hat geraten."

"Hm. Die Chancen waren 12:1 dagegen."

"Da ich mit dir gekommen bin, war es leicht. Schließlich schleppe ich keine Clanfremden mit mir herum."

"Hm. Da hast du einen Punkt."

Eine der Ladies aus der Gesellschaft näherte sich Jean mit wiegenden Schritten auf hohen Stöckelabsätzen.

"Hallo Jean", gurrte sie.

"Guten Abend, Camille", erwiderte er und sah die blondgelockte Schönheit ein wenig ungeduldig an. Was wollte die nur wieder? Anshara musterte die Lady stirnrunzelnd. Die sollte es wagen, sich an Jean zu vergreifen! Immerhin hatte sie ihn erst kürzlich zu ihrem Eigentum erklärt, da sie ihn noch brauchte, um in all die Feinheiten des Kainskindseins eingeführt zu werden. Camille hängte sich bei Jean ein.

"Du warst schon zwei Nächte nicht mehr hier", tadelte sie.

"Ich hatte zu tun", verteidigte er sich. Er konnte Camille nicht leiden, da sie ihm immer so unangenehm auf die Pelle rückte, und um so mehr, wenn sie etwas von ihm wollte. Besorge mir doch dies, schenke mir das, so ging es die ganze Zeit.

"Jean, wo willst du hin?" fragte Anshara pikiert und zog ihn von dem ...Blondchen weg und manövrierte sich zwischen Camille und ihm. Jean guckte mehr als irritiert. Was war denn nun los? Anshara sah ihn betont tragisch an. "Du wolltest mich doch beschützen", erklärte sie, ehe sie einen bösen Blick zu 'Camille' herüberwarf.

"Wollte ich?" fragte Jean eher verwirrt. Camille erwiderte Ansharas böse Blicke.

"Du hattest mir etwas versprochen", machte sie Jean aufmerksam.

"So?" fragte Anshara Camille mit vernichtendem Unterton. Die war doch bestimmt auch eine Ventrue und hatte somit nichts an Jean zu schaffen.

Inzwischen war Chris zurückgekehrt.

"Miss Anshara, der Prinz gibt Euch die Erlaubnis." Zu Jean gewandt fuhr er fort: "Was hast du denn heute wieder angestellt?" Er sah von Anshara zu Camille und zurück.

"Ich? Überhaupt nichts. Warum soll ich eigentlich immer etwas gemacht haben?" wollte Jean wissen.

"Das ist überaus aufmerksam vom Prinzen", meinte Anshara erfreut und warf Chris einen hinreißenden Blick zu. "Bitte sagt ihm meinen tiefempfundenen Dank."

"Werde ich tun", entgegnete Chris, ehe er sich an Blondlöckchen wandte. "Camille, ich bin sicher, Andreas vermißt deine Gesellschaft schrecklich." Er drehte sie um und gab ihr einen leichten Schubs in Richtung auf einen braunhaarigen Mann.

"Danke", strahlte Anshara Chris an, ehe sie sich wieder zu Jean gesellte.

"Ich will hier keinen Ärger", eröffnete Chris. "Leider ist dieser üblicherweise unvermeidbar, wenn Jean hier auftaucht."

"Ist das so? Ich finde ihn eigentlich ziemlich harmlos", fand Anshara.

"Meist", meinte Chris amüsiert, was ihm einen bösen Blick von Jean einbrachte. "Aber man sollte nachher auf jeden Fall sicherheitshalber das Silber zählen."

"Ts ts." Anshara warf ihm einen belustigt-tadelnden Blick zu.

"Jetzt hör aber mal auf", protestierte Jean. "Es ist über dreihundert Jahre her, seitdem ich Tafelsilber geklaut habe." Chris grinste bloß.

"Ah, jetzt verstehe ich, warum du sagtest, du machst dir über deine Finanzen keine Gedanken", sinnierte Anshara. Jean murmelte etwas vor sich hin.

"Ich würde nichts von Wert herumliegen lassen, wenn er in der Nähe ist", riet Chris ihr.

"Keine Sorge, ich habe Kreditkarten mit Geheimnummer."

"Da besteht wohl keine Gefahr", stellte Chris fest.

"Es reicht langsam", beschwerte sich Jean. "Oder soll ich hier mal verkünden, womit du deinen Lebensunterhalt bestritten hast?"

"Huch", machte Chris und grinste über das ganze Gesicht. "Das kommt davon, wenn man beim falschen Verein anheuert, das sage ich dir ja schon jahrelang."

"Womit habt Ihr denn Euren Lebensunterhalt verdient", fragte Anshara und sah Chris erwartungsvoll an.

"Laßt Euch das von Jean erzählen. Der war länger da."

"So?" Anshara wandte sich an diesen und klimperte mit den Wimpern.

"Ich würde dir zu gerne den Hals umdrehen", sagte Jean zu Chris. Dieser grinste ihn unverschämt an.

"Das könntest du nie!"

"Oooooch, Jean..." bat Anshara und schmiegte sich an ihn.

"Ihr seid allesamt Sadisten", fand Jean.

"Och, jetzt hat er uns durchschaut." Chris zwinkerte Anshara zu.

"Ich bin bestimmt keine Sadistin", schmollte sie mit ihrem besten Unschuldsblick.

"Eher ein Klammeraffe", maulte Jean.

"Tse, du bist heute aber schlecht gelaunt", erwiderte Chris.

"Ich bin kein Klammeraffe, ich bin eine arme, schwache Frau, die deines Schutzes bedarf", säuselte sie.

"Dabei soll sie doch nur für mich nachsehen, ob du nicht wieder was eingesteckt hast", meinte Chris vergnügt. "Ich weiß ja, wie du es haßt, wenn ich das mache."

"Was soll ich?" fragte Anshara irritiert, dann guckte sie belustigt. "Ach so..." Sie begann mit einer ausführlichen Leibesvisitation bei Jean, dem das überhaupt nicht gefiel.

"Ich glaube, mir ist es doch lieber, wenn du das machst, wenn es denn unbedingt sein muß", wandte er sich an Chris.

"So?" Chris hob amüsiert die Augenbrauen. Das waren ja ganz neue Töne. Anshara guckte leicht schmollig.

"Hast du wenigstens etwas gefunden?" fragte Jean ziemlich gestreßt.

"Nein, leider nicht", seufzte sie. Chris lachte.

"Das erstaunt mich aber." Er angelte nach der glitzernden Kette, die Jean um den Hals trug. "Und wo hast du die her?"

"Gekauft", maulte Jean.

"Wie öde."

"Ich kann ja gerne noch mal nachgucken", schlug Anshara vor. Jean warf ihr einen Blick zu, bei dem eigentlich der Erdboden unter ihr hätte nachgeben müssen. Sie ließ sich davon aber nicht im mindesten beeindrucken. "Soviel Schönheit, wie du eingebaut mit dir herumträgst, muß doch ausgiebig erkundet und bewundert werden", fand sie.

"Laß das ja bleiben", warnte er.

"Seit wann stellst du dich so an?" wollte Chris wissen. "Sonst hattest du doch nie was dagegen."

"Genau", echote Anshara. "Warum stellst du dich so an?"

"Ich bin kein Gegenstand!"

"Habe ich das behauptet?"

"Er hat heute seinen schlechten Tag", meinte Chris belustigt. "Ich muß Euch jetzt verlassen, ich habe noch einiges zu tun."

Anshara winkte ihm fröhlich zu. "Bis dann."

"Tschau", meinte Chris und kehrte zu den anderen Ventrues zurück.

"Der ist niedlich", fand Anshara. "Aber offenbar ziemlich beschäftigt."

"War Chris schon immer." Er hatte sich in den letzten 326 Jahren kein bißchen verändert.

"Was hat er denn früher beruflich gemacht?"

Jean zuckte mit den Schultern. "So dies und das." Eigentlich war Chris ein englischer Student gewesen, der zu Bildungszwecken Europa bereiste. Doch in Paris war ihm dann das Geld ausgegangen. Jean hatte ihn kennengelernt, als er versucht hatte, dessen Geldbörse zu klauen. Natürlich war es ihm gelungen, nur war diese absolut leer gewesen.

"Hm. Mir kam es vor, als ob du auf etwas Bestimmtes angespielt hattest."

"Er wußte schon, was ich meine." Chris hatte damals versucht, eine Arbeit zu finden, was nahezu unmöglich war, denn wer wollte schon einen Fremden einstellen, dem man zudem ansah, daß er aus der obersten Gesellschaftsschicht stammte. Ein paar Mal hatte er dann auch im Les Belles ausgeholfen, dem Bordell, in dem Jean seinen Lebensunterhalt verdiente. Allerdings war er mit seinen 24 Jahren für die dort verkehrende Kundschaft zu alt. Auf jeden Fall waren Jean und er Freunde geworden, und diese Freundschaft hatte auch überstanden, daß sie nun beide zu den Kainskindern gehörten.

"Ich weiß es aber nicht", schmollte Anshara.

"Mußt du es denn wissen?"

"Ja."

"Dann frag ihn doch."

"Er sagte aber, ich sollte dich fragen."

"Weil er weiß, daß ich nichts dazu sage. Immerhin habe ich es ihm versprochen. Außerdem ist das alles zu einer anderen Zeit, in einem anderen Leben gewesen."

"Oh. Aber es würde mich doch einmal interessieren", beharrte sie.

"Chris erzählt dir bestimmt gerne von den ganzen Abenteuern, die er damals erlebt hat."

"Ooooch, Jean", bat Anshara, "erzähle mir doch von deinen Abenteuern."

"Mir ist doch nichts besonderes passiert."

"So, du hast also immer nur zugeguckt, wenn Chris etwas erlebt hat?"

"Wenn ich dabei war", sagte Jean zustimmend. "Meist war ich anderweitig beschäftigt."

"Hm. Und wie?"

"Warum willst du das denn alles wissen?"

"Pure, weibliche Neugierde."

"Ich war früher mal ein Dieb", erzählte Jean schließlich.

"Das klingt ja überaus interessant! Was hast du denn so alles geklaut?"

"Was mir gefiel."

"Das ist ja aufregend! Und man hat dich nie erwischt?"

"Natürlich nicht. Sonst wäre ich wohl kaum hier."

"Wow", machte Anshara. "Bringst du mir das auch bei?"

"Heutzutage ist das viel zu schwierig", wehrte er ab.

"Schade. Dabei sind gerade heute schöne Sachen immer so exorbitant teuer."

"Das ist wahr", nickte Jean und spielte mit seiner Kette herum.

"Aber vielleicht lassen sich dennoch Mittel und Wege finden..."

"Hm", machte er.

"Meinst du, es ist so schwierig?"

"Es geht."

"Dann bringe es mir bei", forderte sie.

"Ablenkung ist alles", erklärte Jean.

"Ah, das ist einfach." Anshara setzte ihr bezauberndstes Lächeln auf.

"Eben", meinte er belustigt und zog eine Geldbörse aus seiner Tasche.

"Wem gehört die denn?" fragte Anshara leise.

"Chris."

"Oh." Sie kicherte. "Ich dachte, der kennt dich."

"Sicher. Aber ich habe sie mitgenommen, weil er mich geärgert hat."

"Komisch, ich habe das gar nicht bemerkt."

"Du warst auch damit beschäftigt, mich zu durchsuchen."

"Oh. Naja, es hat halt Spaß gemacht. - Jean, das mit dem Stehlen mußt du mir beibringen. Das ist echt praktisch."

"Ich weiß. Aber ich sollte das jetzt besser zurückgeben." Er spielte mit der Börse herum, ehe er zu Chris ging und sie ihm feierlich überreichte. Chris guckte reichlich verdattert, und Jean grinste ihn an, bevor er sich eilig aus dem Staub machte. Anshara fand das ziemlich witzig.

"Ich glaube, ich gehe jetzt lieber", wandte Jean sich an sie.

"Und ich glaube, ich komme mit", sagte sie.

Die beiden machten sich aus dem Staub. Beim Verlassen des Hauses drückte einer der Ventrue Jean noch einen Zettel in die Hand.

Back to Top of Page


Kapitel 4: Umzugsaktionen

"Und was hast du nun vor?" wollte Jean von Anshara wissen.

"Also, ich bin vorgestellt worden, das wäre also erledigt. - Wie wäre es, wenn du mir das mit dem Klauen beibringst?"

"Das dauert aber länger."

"Macht nichts. So schnell werde ich wohl nicht eingehen."

"Wahrscheinlich nicht", meinte Jean und sah sich suchend um, ehe er eine fatalistische Miene aufsetzte. "Wir werden wohl ein Stück laufen müssen, denn wie du vermutlich auch schon bemerkt haben wirst, gibt es hier weit und breit kein Taxi."

Anshara seufzte tragisch und sah zu ihren zarten, goldenen Sandalen.

"Ich hätte mir doch andere Schuhe anziehen sollen."

"Stimmt", kommentierte Jean belustigt.

"Ich werde es überleben", hoffte sie.

"Wie man es nimmt." Jean grinste schief, was Anshara zum Kichern brachte.

"Irgendwie fühle ich mich ziemlich lebendig dafür, daß ich untot bin."

"Das ist eine Frage der Definition", bemerkte er. "Kann man Untote als lebendig bezeichnen oder nicht?"

"Tot sind wir eigentlich nicht, sonst wären wir doch nicht untot." Übermütig hängt sie sich bei Jean ein. "So, und jetzt laß uns zurückwandern. - Hm, vielleicht sollte ich mir doch lieber ein anderes Hotel suchen. Das mit der Badewanne ist wirklich nicht ideal."

"Dem kann ich nur zustimmen." Er hatte nicht gerade bequem geschlafen.

"Wüßtest du vielleicht ein besser geeignetes Hotel? Ich brauche auf jeden Fall einen großen Ankleidespiegel."

"Hm", machte Jean. "Ich kenne nicht viele Hotels. Wir hätten Chris fragen sollen."

"Ich habe aber keine Lust, nochmal zurückzugehen."

"Ich kann ja nachher mal anrufen."

"Das ist eine gute Idee. - Ah, Telefone sind eine geniale Erfindung", verkündete Anshara begeistert. "Wir mußten früher immer für alles Boten losschicken."

"Stimmt."

"Also, wohin gehen wir zuerst? Zu mir, zu dir oder aus?"

"Was immer du willst."

"Sag mal, muß ich mich umziehen, wenn wir ausgehen wollen?"

"Nein, warum?"

"Weil ich auf jeden Fall perfekt aussehen will." Sie zog einen Taschenspiegel heraus, um ihr Make-Up zu überprüfen.

"Es ist alles in Ordnung", beruhigte Jean sie. "Du siehst doch gut aus."

Widerstrebend packte sie den Spiegel wieder weg. Jean sah die Straße entlang. Es war noch ein ganzes Stück bis zum Taxistand, und Anshara seufzte.

"Was ist los?"

"Das!" Sie deutete auf den schmutzigen Schnee- und Streusalzmatsch auf dem Bürgersteig. "Ich werde mir den Nagellack auf den Zehennägeln ruinieren."

"Was für eine Katastrophe", stellte Jean amüsiert fest.

"Eben", sagte Anshara ernsthaft besorgt.

"Wer trägt hier auch Sandalen?"

"Na, ich. Was für Schuhwerk sollte ich sonst zu diesem Gewand tragen?"

Jean schüttelte den Kopf. Frauen...

"Wie weit ist es denn noch?"

"Nur noch ein Stückchen", erwiderte er. "Nun komm." Er stapfte weiter durch den Schneematsch, und Anshara schlitterte hinter ihm her. Auf dem Weg schwieg er und wickelte sich enger in seine Jacke. Warum mußte es jetzt auch noch anfangen zu schneien? Seine Begleiterin teilte diese Meinung. In Ägypten war es meist trocken und warm... Ihrer beider Kleidung weichte langsam aber sicher von dem Schneeregen durch, und sie fühlten sich zunehmend unbehaglich.

"Ich glaube, wir sollten das Umziehen dem Ausgehen vorziehen", kommentierte Anshara. "Ich bin total naß."

"Glaubst du, ich bin trockener?" Jean hüpfte über eine Pfütze, und Anshara trippelte an deren Rand vorbei. Die Sohlen ihrer Sandalen waren viel zu glatt für irgendwelche Eskapaden.

Kurze Zeit später waren sie endlich am Taxistand angekommen und beidesamt klatschnaß. Sie ließen sich zu Jeans Absteige fahren.

Dort angekommen, angelte Jean nach dem Schlüssel, da der Portier natürlich wie üblich nicht anwesend war und stürmte die Treppe hinauf. Anshara wetzte hinterher, wobei sie ihr triefendes Kleid hoch hielt, um nicht darüber zu stolpern.

In seinem Zimmer fandete Jean erst einmal nach Handtüchern, was durch die Tatsache erschwert wurde, daß diese ebenso schwarz waren wie seine restlichen Sachen. Endlich hatte er einige entdeckt und warf Anshara ein Handtuch und ein Badetuch zu. Sie sah aus wie ein begossener Pudel und rubbelte erst einmal an ihren Haaren herum, ehe sie diese einwickelte. Dann warf sie ihre Schuhe von sich und stieg nach kurzem Überlegen (eigentlich war es ja unschicklich, aber andererseits war es so eklig naß) aus dem Kleid, bevor sie sich in das Badetuch wickelte.

Auch Jean versuchte als erstes, seine Haare zu trocken, da ihm das Wasser mittlerweile in stetigen Strom in den Rücken lief. Dann befreite auch er sich von den nassen Kleidungsstücken und suchte nach etwas Trockenem.

"Äh, Jean, hast du eventuell auch etwas für mich?" fragte Anshara. "Mein Kleid ist total hinüber."

"Ich habe nur meine Sachen, aber du kannst dich gerne bedienen, wenn du willst."

"Oh, danke!" Sie wickelte sich in ein schwarzes Rüschenhemd, das ihr fast bis zu den Knien reichte, ehe sie in eine Hoste stieg, deren Beine sie mehrfach hochkrempeln mußte. Auch die Ärmel des Hemdes waren viel zu lang für sie.

Jean kleidete sich ebenfalls an, ehe er sich seinen Haaren widmete. Zu Ansharas Outfit sagte er lieber nichts, obwohl sie in seinen Sachen irgendwie putzig aussah.

"So kann ich wohl nicht rausgehen?" fragte sie, und Jean konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

"Nur wenn dich keiner sieht."

"Was soll ich denn machen? Mein Kleid ist naß und schmutzig."

"Du kannst es waschen und trocknen", schlug Jean vor. "Im Badezimmer habe ich so ein Waschzeug für unterwegs."

"Nun gut. Ich werde es versuchen."

Sie verschwand mit dem Kleid im Bad, während Jean begann, seine Haare zu striegeln. Das tat er mit Hingabe. Er summte vor sich hin und wartete auf Anshara. Dabei fischte er den Zettel aus der Tasche, den er im Herrenhaus erhalten hatte. Aha, die Liste mit den speziellen Öffnungszeiten der Museen etc. Er legte das Papier zum Trocknen auf den Tisch.

Schließlich kam sie aus dem Badezimmer.

"Naja, ich habe es halbwegs hingekriegt. Es hängt jetzt zum Trocknen da drin. Aber morgen muß es unbedingt in die Reinigung."

"Kann ich mir denken."

"Wie spät ist es eigentlich?"

"01:37 Uhr."

"Seufz!" Anshara überlegte kurz. Das hieß, es war schon der 29. Dezember... "Was sollen wir nur machen - so kann ich nicht hinaus", bemerkte sie. Die Sachen schlackerten ziemlich an ihr herum.

"Ich bin eben ein bißchen größer."

"Ein bißchen", seufzte Anshara amüsiert. Sie reichte ihm etwa bis zur Brust.

Jean setzte sich in den Kleiderhaufen, der das Bett bedeckte und begann wieder, seine Haare zu striegeln. Dabei konnte er irgendwie gut nachdenken.

"Oh, laß mich mal", sagte Anshara, ging zu ihm hin und deutete auf die silberne Bürste. Er drückte sie ihr in die Hand, woraufhin Anshara begann, seine Haare zu bearbeiten. Die waren so schön lang...

Dies ließ sich Jean nur zu gerne gefallen. Er wurde gerne verwöhnt.

"Sobald ich einen Friseur finde, der das macht, lasse ich mir lange Haare anschweißen", beschloß Anshara. Jean lachte.

"Ich wünschte mir manchmal, ich hätte kürzere..."

"Sollen wir tauschen?" Sie hielt inne. Jean sah sie über die Schulter an.

"Nein, danke. - Na, schon fertig?"

"Oh, nein, natürlich nicht." Sie nahm ihre Tätigkeit wieder auf. "Sag mal, was hältst du von einer Frisur mit Zöpfen rechts und links und offenen Haaren hinten?"

"Ich bin doch kein Mädchen!"

"Ich habe das in einem Geschichtsbuch gesehen, und es wirkte verwegen", sagte sie. Jean sah sie mißtrauisch an.

"Ich mach mal", beschloß sie und bearbeitete ihn. Jean ließ sich das nicht allzu begeistert gefallen. "Das sieht süß aus", erklärte sie schließlich und hielt ihm einen Spiegel vor die Nase.

"Kann ich nicht finden", maulte er.

"Na gut, dann mache ich die Zöpfe wieder los", seufzte sie und bürstete seine Haare erneut durch. Das gefiel Jean erheblich besser, was er ihr auch mitteilte. "Prima!" strahlte sie. Nachdem er sich eine bequemere Sitzposition eingenommen hatte, ließ er Anshara machen.

Eine Stunde später...

"Hast du immer noch nicht genug?" fragte er belustigt.

"Naja", machte sie ein wenig verlegen und beschloß, nun doch einmal ein Päuslein einzulegen.

"Von mir aus kannst du gerne weitermachen..."

"Könnte es sein, daß du genußsüchtig bist?"

"Nur ein bißchen", gab er amüsiert zu.

Anshara kicherte und legte die Bürste beiseite.

"Weißt du", begann sie plötzlich, "ich frage mich die ganze Zeit, wo ich mir am besten ein Domizil zulegen könnte, das auch tagsüber praktisch ist..."

"Wir sollten doch Chris fragen", entgegnete Jean.

"Ich meine nicht ein Hotel, sondern einen festen Wohnsitz. Ich habe mich nur noch nicht entschieden, wo..."

"Am besten da, wo du dich eben auf Dauer niederlassen willst."

"Das ist doch das Problem! Amerika gefällt mir nicht. Ägypten nicht mehr... - Ich meine, früher war es eine Hochkultur, die ihresgleichen suchte, aber jetzt? Hm. - Welches Land gefällt dir denn am besten? Frankreich? Aber Italien soll auch ganz schön sein..."

"Ich bin Franzose", stellte Jean fest. "Doch Italien finde ich auch ganz nett."

"Die haben da wunderschöne Kirchen", schwärmte Anshara. "Das habe ich im Fernsehen gesehen."

"Das stimmt", fand er. "Die sind schön."

"Und der Schiefe Turm von Pisa steht in Italien."

"Genau."

"Jean, was denkst du, wo wohl das meiste in Sachen Action, Abenteuer und Kunst los ist?"

"Italien dürfte aufregend sein, aber ich ziehe Paris vor."

"Gibt es da Häuser zu vernünftigen Preisen?"

"Paris ist nicht gerade billig."

"Seufz, dann solltest du mir beibringen, wie man am besten eine Bank ausraubt", erklärte sie, und Jean lachte.

"Ich bin jedenfalls froh, daß ich das Haus schon vor einiger Zeit gekauft habe. Vor allem, weil mir auch die modernen Häuser irgendwie nicht gefallen." Er liebte sein altes Haus, das versteckt in einem wundervollen Garten lag.

"Hm. Und wie soll ich eine vernünftige Bleibe finden?"

"Suchen."

"Du bist ein Herzchen", stellte Anshara fest.

"Meinst du?" fragte Jean amüsiert. "Gut, daß ich das weiß."

Anshara musterte ihn nachdenklich.

"Weißt du, ich werde am besten bei dir einziehen", verkündete sie. "Zumindest, bis ich ein eigenes Haus habe."

"Darauf habe ich irgendwie schon gewartet."

"Du hast doch bestimmt irgendwo ein Eckchen für zwei Sarkophage..."

"In der Garage oder im Stall bestimmt."

"Püh", schmollte Anshara.

"Was erwartest du? Daß ich so ein Ding in meinem schönen Haus dulde?"

"Na klar! Immerhin sind ägyptische Sarkophage künstlerisch wertvoll."

"Sie passen aber nicht zu meinen Möbeln."

"Alle möglichen Museen würden sich darum reißen, sie zu besitzen!"

"Ich habe kein Museum."

"Aber Jean...!" Sie guckte ihn wieder mal höchst tragisch an. "Könntest du nicht ein Ägyptisches Zimmer einrichten?"

"Hm. Schwierig. Ich habe doch so wenig Platz", meinte er.

"So wenig? Ist es nicht ein ganzes Haus, das du dein eigen nennst?"

"Aber es hat nur zwanzig Zimmer."

"Wofür brauchst du die alle?"

"Für mich."

"Und du hast wirklich kein Plätzchen für mich?" Sie warf ihm wieder einen ihrer grandiosen herzzerreißenden Blicke zu.

"Naja, ich könnte mich ein bißchen einschränken", räumte er ein. "Aber nur wenn du weiter so nett zu mir bist."

"Das läßt sich einrichten." Prompt stürzte sich Anshara erneut mit der Bürste auf ihn. Immerhin war Jean so hübsch, daß sie ihn sowieso nicht aus den Fingern lassen wollte. Jean betrachtete sie über die Schulter hinweg. Er war fasziniert, daß sie auch in seinen schwarzen Sachen in keinster Weise düster wirkte. Sie schien irgendwie von ihnen heraus zu leuchten, obwohl dieser Eindruck natürlich auch von dem ganzen goldenen Make-Up herrühren konnte. Überhaupt war auch ihre Hautfarbe eher goldschimmernd als bleich, was vermutlich an der Tatsache lag, daß sie wohl von vorneherein eine etwas dunklere Hautfarbe gehabt hatte.

"Das könnte ich mir stundenlang gefallen lassen", äußerte er zufrieden.

"Du bist genußsüchtig."

"Ich glaube nicht, daß ich das leugnen kann."

"Hm, ich muß mir jetzt nur etwas einfallen lassen, wie ich die Sarkophage nach Paris kriege."

"Frachtdienst", schlug Jean vor und streckte sich.

"Das sind ein paar Tonnen..."

"Ich glaube, dann sollte ich dir besser ein Zimmer im Keller einrichten", überlegte er. Sonst brächen nachher irgendwelche Zimmerdecken und -böden zusammen.

"Gut. Also eine Kellerwohnung. Ist akzeptiert", erklärte sie und schlang die Arme um Jean. "Du bist ein Schatz", fand sie.

"Das kannst du ruhig öfter machen", kommentierte er vergnügt.

"Oh. Ich dachte, du magst keine 'Klammeraffen'?!"

"Bei offiziellen Anlässen nicht. Und Camille ist in keinster Weise mein Typ. Sie ist ziemlich berechnend."

"Hm. Was will sie denn von dir?"

"Wenn ich das so genau wüßte", seufzte Jean. "Sie versucht auf jeden Fall, mir andauernd ihren Willen aufzuzwingen."

"Ich dachte, Leute aus verschiedenen Clans haben nicht sonderlich viel miteinander zu tun - oder habe ich das nicht richtig verstanden?"

"Das heißt nur, sie gehören nicht einer Blutlinie an. Daß sie nichts miteinander zu tun haben, würde ich nicht unbedingt sagen."

"Aha." Anshara runzelte nachdenklich die Stirn. Es war zu dumm, daß ihr Jean nicht irgendein Buch empfehlen könnte, in dem das alles mit den Kainskindern schön übersichtlich und verständlich beschrieben wurde. "Wie läuft das denn überhaupt mit Bekanntschaften unter Mitgliedern unterschiedlicher Clans? Ich meine, können die sich zum Beispiel ineinander vergucken und so?"

"Es soll schon vorgekommen sein, aber gesehen habe ich das noch nie. Warum fragst du?"

"Weil ich mich in diesen ganzen Sachen, die zum Vamp- äh, Kainskindsein dazugehören, nicht auskenne."

"Wer kennt sich da schon aus", sinnierte Jean.

"Hm. Da muß es doch irgendwelche Leute geben", beharrte Anshara. "Ich meine, wenn die Erzeuger, wie du erwähntest, ihren Kindern allerlei Sachen beibringen, so müssen die das doch auch mal gelernt haben und so weiter."

"Da habe ich noch nie nachgefragt", gab Jean zu.

"Oh."

Er ließ sich rücklings ins Bett fallen. "Ich interessiere mich eben nicht für so etwas."

"Ich wünschte, ich fände jemanden, den ich da ausgiebig befragen könnte", seufzte sie.

"Es gibt so viele Geschichten", meinte Jean. "Ich vermute, die Älteren wollen einfach gar nicht die Wahrheit sagen."

"Na warte, ich werde mal sehen, daß ich einen von denen erwische", drohte Anshara. "Dann werde ich ihn so lange schütteln, bis er mir alles sagt, was ich wissen will. Hm. Wo könnte ich denn einen finden?"

"Keine Ahnung. Außerdem möchtest du das gar nicht wissen. Die sind höchst gefährlich."

"Gefährlich? Warum?"

"Es ist einfach so."

Anshara zog einen Schmollmund.

"Das ist alles so unergiebig", quengelte sie.

"Ich vermute, das ist alles Absicht", meinte Jean. "Die Älteren behalten ihr Wissen lieber für sich."

"Das ist unfair", beschwerte sich Anshara.

"Natürlich", sagte Jean. "Aber es ist eben so." Er betrachtete Ansharas unzufriedenen Gesichtsausdruck, aber er konnte ja nichts dazu.

"Gibt es denn keine Lehrbücher darüber?" versuchte sie noch einen Vorstoß.

"Nein, es gibt nur, was du dir zusammenreimst."

"Das ist ja frustrierend!"

"Mir ist es ziemlich gleich", erklärte er schulterzuckend.

"Dann hast du es in dieser Hinsicht gut", stellte sie fest. Sie seufzte hingebungsvoll und beschloß, bei Gelegenheit auf eigene Faust die Fahndung nach tiefergründigem Infomaterial über die Kainskinder aufzunehmen. Aber erst mußte sie das mit dem Umzug geregelt kriegen.

"Mir reicht es, daß ich tun und lassen kann, was ich will", meinte Jean.

"Das ist ein Anfang", gab Anshara zurück. "Weißt du, ich habe schon immer nach Wissen gesucht. In meinem Sarkophag habe ich sogar noch einige der Rollen über die Magie des Djehuti, die ich dem Hohepriester entwendet habe..."

"Ich glaube nicht, daß ich damit etwas anfangen könnte."

"Nicht? Da sind einige hochinteressante magische Rituale drin. Obwohl ich zugeben muß, daß ich die noch nicht so ganz verstanden habe. Djehuti hat sich da wohl nicht immer so klar ausgedrückt."

"Ich verstehe davon selten irgendetwas. Ich meine, von Ritualen, Magie und so. Die sind mir ein Rätsel."

"Ich fand das schon immer faszinierend. Leider waren die Sachen geheim, und der Hohepriester höchst sauer, wenn er mich mit den Rollen erwischte... Ich frage mich die ganze Zeit, ob ich sowas nicht tatsächlich könnte, wenn ich es mal ausprobieren würde."

"Keine Ahnung", äußerte Jean.

"Sag mal, was war das eigentlich mit dem Blut, über das du mein Alter herausgefunden hast?"

"Naja, das ist so eine Sache, die man kann oder nicht", behauptete Jean.

"Oh, kann ich es mal versuchen?"

Jean musterte sie mißtrauisch. "Warum?"

"Naja, weil ich wissen will, ob ich es auch kann."

"Hm."

"Also?"

"Na schön." Er ritzte sich in den Arm, und Anshara testete.

"Du fühlst dich satt an", stellte sie fest.

"Bin ich auch."

"Aber sonst merke ich nichts. Vermutlich kann ich es wohl doch nicht."

"Wenn du überhaupt etwas merkst, dann geht es auch", widersprach Jean.

"Oh", machte sie verdutzt. "Hm, aber das klingt logisch."

"Jetzt versuche es mal mit deinem Blut", wies er sie an.

Sie ritzte sich mit der anderen Hand den Arm.

"Hm. Fühlt sich ...dicker an", erklärte sie in Ermangelung einer anderen Vokabel.

"Ist es ja auch."

"Faszinierend", sagte Anshara. "Wie konntest du aber so ziemlich genau sagen, zu welcher Generation ich gehöre?"

"Erfahrung, vermute ich."

"An wie vielen Leuten hast du das denn ausprobiert?"

"An einigen", sagte Jean.

"Und wie bekommst du die dazu, dir eine Blutprobe abzuliefern?"

"Ooch", lächelte er, "meist geben sie es ganz gerne her."

"Und warum?"

"Die Neugeborenen sind ziemlich neugierig, das ist bekannt. Und offenbar soll man doch etwas lernen."

"Ah. Gut. Dann muß ich auch mal bei ein paar Leuten nachfragen, ob ich das mal testen darf."

"Aber trinke ja kein Blut von einem anderen Kainskind", warnte Jean.

"Weshalb nicht?"

"Weil dir das gewaltige Probleme bringen kann. So ein Blutsband wird man schlecht los."

"Was versteht man denn unter einem Blutsband?"

"Du wirst der Sklave von demjenigen, dessen Blut du trinkst."

"Oh. Das klingt aber gar nicht gut."

"Ist es auch nicht. Meist hat man ohnehin das Blutsband zu seinem Erzeuger."

"Stimmt. Von dessen Blut hat man zwangsläufig getrunken. Obwohl - ich merke von so etwas nichts."

"Es schwächt sich mit der Zeit ab, wenn es nicht erneuert wird."

"Dann bin ich beruhigt."

"Aber deshalb sollte man um so vorsichtiger sein. Wenn du kein Blutsband hast, dann wirst du dir beim ersten Schluck eins einfangen."

"Also sollte man am besten nur Sterbliche beißen", erkannte Anshara. "Oh, bei Osiris, dann habe ich ja Glück gehabt, daß du mir ausgewichen bist!"

"Sicher."

Sie runzelte die Stirn. "Hm. Warum hast du mich denn nicht einfach von dir trinken lassen, wenn mich das zu deiner Sklavin gemacht hätte?"

"Du hättest mich auch töten können, indem du mein ganzes Blut ausgetrunken hättest. Und wenn ich dein ganzes Blut austränke, hieße das für mich, daß ich eine Generation aufsteigen würde."

"Oh! Dann muß ich ja auf dich aufpassen..."

"Keine Sorge, ich würde so etwas nicht tun."

"Sicher? Warum nicht?" Sie sah ihn groß an.

"Es ist verboten", erklärte Jean. "Und zudem ist das abartig."

"Gut." Sie guckte erleichtert.

"Siehst du."

"Du bist lieb", fand sie.

"Ich habe eben meine Prinzipien."

Anshara lächelte ihn an und wuschelte in seinen Haaren herum.

"Wozu hast du mich eigentlich stundenlang gekämmt?" fragte er amüsiert.

"Naja, damit ich dich wieder zerstrubbeln kann."

"Na gut, genehmigt."

"Danach kämme ich dich auch wieder", versprach sie. "Was sollen wir denn heute abend unternehmen?" wollte sie wissen.

"Was immer du willst."

"Was hältst du von Einkaufen? Du brauchst unbedingt ein paar Sachen in Türkis."

"Brauche ich?"

"Oh ja! Passend zu deinen wundervollen Augen."

Jean sah sie an. "Findest du die Farbe wirklich schön?"

"Oh ja! Das ist die Farbe des Himmels über Karnak am frühen Nachmittag."

"Da war ich noch nie."

"Dort habe ich mein sterbliches Leben verbracht."

"Ich habe immer nur in Paris gelebt", sinnierte Jean.

"Und wie lange? Ich meine, jetzt bist du ja gerade in Frankfurt, das heißt, du warst nicht immer in Paris."

"Jetzt lebe ich ja auch nicht so unbedingt." Er grinste sie an. "Oder bist du anderer Meinung?"

"Hm. Ich habe mich eigentlich noch nicht so ganz damit abgefunden, daß ich nicht mehr leben soll", überlegte Anshara. "Sagte nicht Descartes etwas wie 'Cogito ergo sum' - 'ich denke, also bin ich'? Ich meine, ich denke, daher müßte ich doch sein? Und überhaupt heißt 'untot' doch soviel wie 'nicht tot'..."

"Aber auch nicht lebendig", wandte Jean ein.

"Hm. Was ist lebendig? Ich las, Leben hat als Merkmale Individualität, Stoffwechsel, Bewegung, Reizbarkeit, Fortpflanzung, Vererbung und Entwicklung. Besitzen die Kainskinder diese Charakteristika nicht auch? Wenn ja, so sind wir doch lebendig."

"Ich bin kein Philosoph", erklärte Jean.

"Abgesehen davon, so lange ich mich so lebendig fühle, bin ich es eigentlich auch."

"Naja, tot fühle ich mich auch nicht."

"Prima."

Jean musterte Anshara nachdenklich, die ihm ein strahlendes Lächeln schenkte. Sie fühlte sich gerade äußerst gut. Er fand es amüsant, daß sie förmlich von innen heraus vor sich hinleuchtete. Aus alter Gewohnheit warf er einen Blick auf die Uhr.

"Wie spät ist es?" wollte auch Anshara wissen.

"Es ist fast sechs Uhr."

"Oh, bald Schlafenszeit. Wo kann ich mich denn hier ausbreiten?"

"Du kannst gerne in der Wanne schlafen."

"Das ist schlecht. Da hängt mein Kleid und tropft vor sich hin."

"Stimmt, das ist ungünstig. Hast du eine andere Idee?"

"Wie wäre es, wenn wir die Sachen vom Bett räumen? Die Liegefläche ist groß genug für zwei."

Jean sah sie amüsiert an.

"Du willst in meinem Bett schlafen?"

"Auf dem Boden schlafe ich jedenfalls nicht. Außerdem ist es vermutlich einfacher, das Bett freizuräumen als den Boden."

Jean lachte und sah ihr dabei zu, wie sie den Kram auf den Stuhl und den Tisch beförderte, die neben dem Bett und einem Spiegel die einzigen Einrichtungsgegenstände des Zimmers waren.

"Ach du Schreck", stellte sie nach einer Aufräumarbeit fest. "Die Bettwäsche ist ja grauslig geblümt! Hast du deshalb den ganzen Kram daraufgepackt?"

"Könnte sein. Ich habe etwas gegen geblümt", bemerkte er belustigt.

"Soso." Sie streckte sich kurzerhand auf der einen Seite des Bettes aus. "Und hier kommt garantiert keine Sonne oder ein Fremder hinein?" versicherte sie sich noch einmal.

"Sonne bestimmt nicht", meinte Jean, "wie du vielleicht am Fehlen eines Fensters bemerkt haben dürftest. Und auch sonst kommt hier niemand vorbei. Man zahlt hier schließlich, um seine Ruhe zu haben."

"Das gefällt mir. In meinem Hotel rennt dauernd der Zimmerservice herum."

"Das Wort kennen die hier gar nicht - was ein Grund ist, warum ich diese Hotels vorziehe."

"Da hast du einen Punkt", befand Anshara. Sie krabbelte unter das Oberbett. "Bei Efu Ra, langsam bin ich echt müde", seufzte sie. Jean betrachtete sie amüsiert.

"Dann schlaf gut."

"Ja - guten Tag, Jean", murmelte sie, rollte sich zusammen und entschlummerte.

Jean rutschte leise vom Bett. Er war noch nicht sonderlich müde und wollte sich noch ein wenig im Hotel umsehen, bis die Sonne aufging.

* * *

Man schrieb Mittwoch, den 30. Dezember 1981, etwa 17:00 Uhr.

Anshara erwachte und guckte sich verwirrt um. Wo war sie nur? Das hier war definitiv nicht ihre Badewanne - ihr momentanes Lager war erheblich bequemer.

Jean war gerade erst wieder in sein Zimmer zurückgekehrt und suchte im Dunkeln nach seinen Klamotten.

Anshara saß kerzengerade im Bett. Da war wer!

"Jean?" fragte sie vorsichtig.

"Ja", erwiderte er und fluchte leise, als er gegen den Stuhl rempelte.

"Was tust du da?" wollte sie wissen.

"Ich renne vor den Stuhl."

"Und warum?" erkundigte sie sich interessiert.

"Weil ich im Dunkeln nichts sehe."

"Komisch. Die Vampire im Fernsehen konnten das immer perfekt."

"Siehst du was?" fragte Jean ironisch.

"Hm. Nein", gab sie zu und seufzte. "Schöne Kreaturen der Nacht sind wir..."

"Immer nur mit Taschenlampe", grinste Jean. "Aber da du ja offensichtlich wach bist, kann ich ja auch das Licht anmachen." Nach kurzer Fahndung hatte er den Lichtschalter erwischt.

"Ich kann wieder sehen!" verkündete Anshara theatralisch.

"Was für ein Wunder."

"Genau." Sie kicherte. Im Dunkeln hatte Jean eine weitere Spur des Chaos durch den Raum gezogen. Er befreite sich erst einmal aus dem Haufen Klamotten, der sich um seine Füße herum angesammelt hatte.

"Nächstes Mal mache ich gleich Licht", beschloß er.

"Das wäre sicherlich weiser."

"Ich wollte dich eben nicht wecken."

"Du bist lieb", seufzte Anshara und warf ihm einen hingebungsvollen Blick zu.

"So?" meinte Jean. "Ich dachte nur daran, wie ich reagiere, wenn man mich weckt."

"Und wie? Ungehalten?"

"Kaum... Ich war schon immer ein Langschläfer."

"Naja, ich bin halt nachtaktiv. Wenn es dunkel wird, werde ich wach."

"Ich glaube, kaum ein Kainskind ist tagaktiv. Das kostet enorme Kraft."

"Das wäre ziemlich blöd, vor allem, wenn man eh nicht raus kann, weil die Sonne scheint."

"Das ist aber nicht unpraktisch, wenn man anderen seiner Art eins auswischen will."

"So lange es einem auch gelingt, tagsüber dahin zu kommen, wo die sich aufhalten. - Hm, meinst du, man könnte in einem Astronautenanzug und mit einer Schweißerbrille auch tagsüber raus?"

"Ich möchte es lieber nicht probieren. Das wäre mir zu gefährlich."

"Eigentlich müßte auch ein Taucheranzug reichen", überlegte Anshara weiter. "Stell dir vor, man zöge einen Taucheranzug unter so einen Tschador, oder wie die Dinger heißen, die die Frauen neuerdings im Iran tragen müssen. Dann könnte man doch auch tagsüber raus."

"Ich wäre mir nicht so sicher, ob das klappt. - Hast du gut geschlafen?" wechselte er das Thema.

"Doch, habe ich. Und du hast es offenbar auch überlebt - oder habe ich dich zwischendurch rausgeschmissen?"

"Nein, ich war gar nicht hier. Ich war frühstücken und spazieren."

"Oh. Den ganzen Tag lang?"

"Nein, ein Nickerchen habe ich auch gemacht."

"Ah. Ich dachte schon, du hast noch ein paar Tricks drauf, um tagsüber nicht so k.o. zu sein."

"Das nicht. Ich schlafe tagsüber sogar ganz gerne, vor allem, wenn ich gut gefuttert habe", erklärte Jean.

"Hm. Ein bißchen Appetit hätte ich jetzt auch", meinte Anshara. "Und was hat dir der Küchenchef serviert?"

"Ein Zwei-Gänge-Menü", entgegnete er.

"Ts, gleich zwei Gänge!"

"Ich konnte dem Angebot nicht widerstehen."

"Ist auch etwas für mich dabei? Ich dachte da an das Blut eines rassigen Italieners oder etwas kühles Britisches..."

"Habe ich nicht gesehen. Obwohl - ich glaube, ganz oben wohnt so ein Maler; der ist Italiener, wenn ich mich recht entsinne."

"Wie alt?"

"Mitte zwanzig, vermute ich."

"Perrrrrfekt", schnurrte Anshara. "Meinst du, es wird ihn stören, wenn ich mich ein wenig von ihm bediene?"

"Keine Ahnung, da habe ich noch nie genascht. Ich interessiere mich nicht so sehr für italienische Maler."

"Hm. So lange sie schmackhaft sind oder gute Künstler, finde ich sie sehr interessant."

Jean grinste nur, aber er war ja auch rundum satt und gut gelaunt, was zum Teil daran lag, daß die Spender nicht ganz nüchtern gewesen waren.

"Na gut, dann will ich mir mal eben ein Schlückchen zum Frühstück genehmigen. Er wohnt ganz oben?"

"Ja."

"Gut. Ich bin gleich wieder da."

Anshara wetzte die Treppen hinauf zum obersten Geschoß. Die erste Tür führte zum Arbeitsplatz einer ...Hosteß, wie sie feststellte. Sie grinste die Frau und ihren Kunden entschuldigend an und war dann sogar schon im zweiten Anlauf richtig.

Der Raum des Malers war von dichten Rauchschwaden erfüllt, und Anshara war froh, daß sie nicht mehr atmen mußte. Die Bilder, die überall herumstanden, wirkten höchst psychedelisch, und überall standen Pinsel, Becher mit Lösungsmitteln, Farben, übervolle Aschenbecher, leere Pizzakartons und mehr oder weniger leere Flaschen mit hochprozentigem Inhalt herum.

Der Maler selbst lag halb quer auf dem Bett und halb auf dem Boden und schlief offenbar seinen Rausch aus. Anshara hob eine Augenbraue und beschloß, einen Biß zu wagen. Der Typ würde es bestimmt nur als bösen Traum betrachten, wenn er es überhaupt mitbekam.

Mhm, dachte sie, das schmeckte nach mehr. Sie trank ausgiebig, aber nicht genug, um den Mann zu gefährden. Nach einer Dreiviertelstunde war sie wieder unten bei Jean und ziemlich lustig drauf.

"Hallo Jean", begrüßte sie ihn leicht schwankend und hickste kurz. "Hups!"

"Gut gespeist?"

"Oiii, und wie!" seufzte sie wohlig und ließ sich neben ihn auf die Matratze fallen.

"Tse, er war wohl wieder mal total zu?"

"Naja, er lag auf dem Bett und scharchte."

"Sag ich ja."

"Aber es war - berauschend!"

"Ich kann es erahnen."

"So?" Sie stützte sich auf einem Ellenbogen auf und versuchte, Jean mit ihrem Blick zu fixieren. Leider erwies sich das als nicht so einfach, da er sich auf und ab und im Kreis bewegte.

"Ich kenne mich ganz gut in diesem Hotel aus."

"Aha." Sie drehte sich auf den Rücken und begann, vor sich hinzusummen.

"Das ist ein weiterer Grund, warum ich diese Absteigen liebe", erklärte er.

"Düdeldü", machte Anshara und rollte sich wieder herum.

"Du bist betrunken", stellte Jean fest. "Vermutlich solltest du dich etwas zurückhalten, was Alkoholiker und sonstig Bekiffte betrifft."

"Woran erkennt man die denn?"

"Am Geruch und Geschmack."

"Ja, der Geschmack hatte etwas..."

"Säufer!"

"Wenn man schon nichts mehr an Süßigkeiten essen kann, dann braucht man eine Ersatzbefriedigung."

"Aber nicht so."

"Wo liegt das Problem? Wir können schließlich nicht an Leberzirrhose sterben, würde ich sagen."

"Das ist wohl wahr", stimmte Jean zu. "Aber in deinem jetzigen Zustand könnte dich jeder mit Leichtigkeit erledigen."

"Meinst du, es würde irgendjemand übers Herz bringen, mich zu erledigen?" Sie sah ihn tieftodtraurig aus ihren goldbraunen Augen an.

"Ja", antwortete er.

"Die sind ja gemein!" Eine dicke Träne lief ihr die Wange herunter.

"Nun heul doch nicht", bat Jean.

"Aber wenn die mir doch was tun wollen?"

"Hier ist doch keiner."

"Du paßt immer auf mich auf?" fragte sie hoffnungsvoll.

"Das werde ich wohl nie schaffen."

"Warum nicht?" Sie schniefte.

"Ich kann doch nicht immer bei dir bleiben." Er betrachtete Anshara. Hoffentlich hatte sie erst einmal genug von alkoholhaltigem Blut. Sie guckte ihn schon wieder so tragisch an.

"Seufz", machte Jean. "Du bist eine ziemliche Last."

Natürlich verursachte das einige weitere Krokodilstränen.

"Jetzt hör auf zu weinen, sonst bist du gleich wieder hungrig!"

"Nein, ich habe überhaupt keinen Appetit", jammerte sie.

"Ich hoffe, du weißt jetzt, was du tust, wenn du jemanden beißt, der volltrunken ist."

"Ja. Ich spucke sofort wieder alles aus."

"Brav. Hoffentlich merkst du dir das für längere Zeit."

"Das nächste Mal suche ich mir einen Diabetiker. Ich brauche unbedingt etwas Süßes zum Trost."

"Oooch", machte Jean belustigt. Anshara seufzte und tupfte mit einem Taschentuch an ihrem Gesicht herum.

"Das ist doof mit den Tränen aus Blut", schimpfte sie.

"Dann heul eben nicht."

Sie guckte ihn an, und prompt flossen wieder ein paar Tränen.

"Frauen", meinte Jean.

"Ich bin total deprimiert", jammerte sie.

"Ich auch."

"Warum bist du deprimiert?"

"Weil du mich deprimierst. Dabei hatte ich so gute Laune."

"Das tut mir leid..." Natürlich liefen wieder Tränen über ihr Gesicht. Jean reichte ihr ein Taschentuch. "Danke..."

"Du siehst furchtbar aus." Jean holte einen nassen Waschlappen aus dem Bad. Anshara schaute ihn tragisch an, und er machte sich daran, die Bescherung zu beseitigen. Sie hielt still und ließ ihn machen. "So, jetzt geht's wieder", verkündete er schließlich.

"Danke."

"Und heul nicht wieder los!"

"Ich werde es versuchen", schniefte sie.

"Ich glaube, ich kann dich doch nicht alleine lassen", stellte er fest.

"Du bist lieb", fand sie.

"Ich habe eher das Gefühl, ich bin gewaltig blöd", meinte Jean. "Hätte ich ein Kind, könnte es nicht schlimmer sein."

"Bin ich wirklich soooo schlimm?" Anshara sah ihn tragisch an.

"Ziemlich."

Nur ganz knapp gelang es ihr, einen neuerlichen Tränenstrom zu unterdrücken.

"Aber das wird schon noch werden", hoffte er. "Normalerweise lernt jedes Kainskind seine Lektionen. Ich muß nur meine Meinung revidieren, daß du schon eine Neugeborene bist."

"Was bin ich denn dann? Noch gar nicht auf der Welt?"

"Nahe dran."

"Seufz. Ich hatte ja niemanden, der mir irgendwas beigebracht hätte..."

"Dich darf man wirklich nicht ohne Aufsicht herumlaufen lassen."

"Ich habe immerhin schon sechzehn Jahre überlebt."

"Das war reines Glück." Jean setzte sich zu ihr auf das Bett. "Du wirst es schon lernen", versprach er.

"Meinst du?" Sie sah ihn hoffnungsvoll an.

"Bestimmt", versicherte er und nahm sie in den Arm. Anshara legte den Kopf an seine Schulter; er war wirklich lieb. Irgendwie war ihr bislang nie zu Bewußtsein gekommen, wie alleine sie die ganze Zeit wirklich gewesen war. Jean strich ihr über den Rücken. Was hatte er sich da nur angelacht?

Anshara schlang die Arme um seine Mitte. Jetzt hatte sie ja endlich jemanden, der ihr alles Wichtige erklären konnte. Jean schwieg. Was konnte er auch schon sagen? Die kleine Lady war bestimmt nicht vernünftig ansprechbar, so lange sie so betrunken war. Er betrachtete sie nachdenklich. Anscheinend hatte sie vorerst nicht vor, ihn loszulassen; dabei wurde er langsam ein wenig unruhig, da er aufgrund der guten Mahlzeit voller Tatendrang steckte.

Etwa eine halbe Stunde später hatte sie sich jedoch ausreichend beruhigt, daß sie sich nun doch noch von ihm löste.

"Na, geht es wieder besser?" erkundigte er sich fürsorglich.

"Doch." Anshara nickte. "Und was machen wir nun?"

"Ich weiß nicht", gab Jean zu. "Du hast mich ganz aus dem Konzept gebracht."

"Das tut mir leid."

"Macht nichts. Jetzt bin ich wenigstens wieder nüchtern."

"Ich glaube, ich auch", stellte sie fest.

"Hoffentlich. - Also, hast du eine Idee, was du unternehmen willst?"

"Ich richte mich ganz nach dir." Wenn sie sich hier besser auskennen würde, wüßte sie bestimmt, was sie unternehmen könnte, dachte sie ein wenig frustriert.

"Was würde dir denn gefallen?"

"Etwas alkoholfreies... - Wie wäre es mit einem Museum? Ich habe in Deutschland noch keins gesehen."

"Es gibt hier einige schöne Museen", erklärte Jean. "Da wäre das Goethe-Museum, das Senkenbergische Naturhistorische Museum, Museen für Kunsthandwerk, Vor- und Frühgeschichte und Völkerkunde, die Städtische Skulpturensammlung, das Städelsche Kunstinstitut..."

"Nehmen wir eins, wo gerade eine größere Kunstausstellung ist", schlug sie vor. "Und wie kommen wir um diese Uhrzeit da hinein?"

"Die schönsten Museen, Galerien und Kunstausstellungen haben private Eingänge für Kainskinder."

"Hey, das ist praktisch! - Aber ich fürchte, ich muß mich erst umziehen", bemerkte sie mit einem Blick auf ihr ausgeliehenes Outfit.

"Ich auch", stimmte Jean zu.

"Am besten, du machst den Anfang", sagte sie. "Immerhin sind wir gerade hier, wo deine Klamotten sind."

"Stimmt auffallend."

"Und was meine Sachen betrifft - ich denke, ich sollte erst einmal hier einziehen."

"Hier hast du jedenfalls deine Ruhe."

"Und wir brauchen nicht andauernd hin und her zu kurven. - Meinst du, hier gibt es noch ein Zimmerchen für mich?"

"Ich bin sicher, ich kann das organisieren", befand Jean und zog sich um. Jetzt konnte man sehen, daß er einige hübsche Zeichnungen auf der Haut trug. Anshara stand auf und betrachtete ihn näher. Die Bilder waren neu. Es handelte sich um bunte Schmetterlinge, die über seinen Rücken und um seine Taille flatterten.

"Das sieht putzig aus", bewunderte Anshara ihn. "Wo hast du die her?"

"Von den Zwillingen."

"Deinem Frühstück?"

"Genau, vom Frühstück", meinte Jean belustigt. "Die beiden sind süß."

"Männlich oder weiblich?"

"Weiblich."

"Hm. Gibt es so etwas auch in männlich?" wollte sie wissen.

"Hier im Haus nicht." Jean zog sich rasch fertig an.

"Dann muß ich mich wohl mal in der Nähe umsehen, ob es da etwas Gesundes, Nüchternes und Appetitliches für mich gibt. Den Maler von oben rühre ich jedenfalls nicht noch einmal an."

"Der ist auch nichts besonderes. Aber im dritten Stock, auf Zimmer 32, wohnt ein Musiker, der ganz hübsch ist."

"Naja, morgen ist auch noch eine Nacht. Jetzt muß ich erst einmal meinen Kram hierhin transportieren. Hilfst du mir bitte beim Tragen?"

"Was bleibt mir anderes übrig?"

"Prima! Du bist ein Schatz." Sie schmatzte ihm einen Kuß auf die Wange.

"Dann können wir gehen."

"Gut." Anshara schlüpfte in die goldenen Sandalen und wickelte sich in ihren weißen Mantel.

Bald waren sie in Ansharas Hotel, und diese warf sich in ein dezentes, dunkelblaues Kostüm, ehe sie ihre Kleiderstapel in Ermangelung von Koffern in diverse Tüten verpackte. Jean sah ihr dabei zu. Schließlich war alles gepackt, und Anshara ging zur Rezeption, wo sie mit ihrer Kreditkarte bezahlte und auscheckte. Jean wartete geduldig mit den ganzen Tüten in den Händen, ehe sie losdüsten. Aufgrund des Gepäcks nahmen sie diesmal ein Großraum-Taxi.

In seiner Absteige gelang es Jean problemlos, das Zimmer neben seinem für Anshara zu bekommen (eine ausreichende Menge Geld sorgte dafür, daß der vorherige Bewohner in einen anderen Raum einquartiert wurde).

"Hey, du bist gut", freute sie sich.

"Selbstverständlich."

Sie mußten einen Moment warten, bis frisches Bettzeug und ein neues Handtuch in das Zimmer gebracht wurde, dann verstauten sie Ansharas Sachen dort. Sie hatte kurzerhand die großen Handtücher aus dem Sheraton mitgehen lassen und guckte betont unschuldig ob Jeans belustigtem Blick.

"Jetzt kannst du es dir ja gemütlich machen", sagte er.

"Es ist doch schon gemütlich. Der Rest folgt, wenn ich mich wieder umgezogen habe. - So, und jetzt laß und die Kunst besichtigen."

* * *

Sie fuhren zum Museum, und Jean führte Anshara durch eine Hintertür hinein.

"So, jetzt kannst du gucken."

"Wow!" quietschte sie begeistert und düste von einem Bild zum nächsten und von einer Plastik zur anderen, wie ein Schmetterling von Blüte zu Blüte. Jean folgte ihr amüsiert. Eine Chromplastik faszinierte Anshara besonders, da sie sich in dieser mehrfach spiegelte. Jean sah ihr über die Schulter.

"Hübsch", kommentierte er, doch sie reagierte nicht. "Hallo", machte Jean und legte ihr einen Arm um die Taille.

"Hm?" Sie sah irritiert zu ihm hoch. "Oh! Huhu, Jean..."

"Vergiß mich nicht", sagte er lächelnd.

"Bestimmt nicht." Sie legte den Kopf an seine Brust. Jean lachte leise und zerfluste ihre Frisur.

"Die Plastik ist wirklich schön", erkannte er an.

"Und sie spiegelt so hübsch", stimmte Anshara zu. "Hm." Sie spähte in das glänzende Metall. "Dir fehlt noch der rechte Wuschellook", stellte sie fest und strich durch seine Haare. Jean senkte den Kopf, so daß ihr seine Haare ins Gesicht hingen, worauf sie loskicherte. Das kitzelte! Er lachte.

"Selbst schuld."

"Ein bißchen." Sie zerstrubbelte ihn methodisch, und er näherte sich ihrem Hals. Irgendwie animierte ihn diese komische Plastik dazu, und er fuhr ihr mit der Zunge über den Hals, auch wenn er nicht vor hatte zu beißen. Anshara quietschte auf. Das kitzelte noch mehr als die Haare.

"Du bist ganz schön anziehend", flüsterte Jean ihr ins Ohr. Sie lächelte und sah ihm geradewegs in die Augen. Sie fand ihn schließlich auch irgendwie verlockend. "Zum Glück bin ich nicht hungrig", meinte Jean heiter.

"Ansonsten könnte ich dir gerne ein Gläschen spenden. Aber nicht mehr! Soviel habe ich schließlich nicht gefuttert."

"Meinst du, das wäre sinnvoll?"

"Hm. Ich glaube, hundertprozentig nüchtern bin ich immer noch nicht..."

"Das würde mir nicht viel machen."

"Gut." Sie kuschelte sich an ihn, und Jean blieb reglos stehen. "Hier gefällt es mir", äußerte sie und malte mit dem Finger imaginäre Muster auf seine Vorderfront.

"Mir auch", gab Jean zu. "Was ist heute nur los?" sinnierte er. "Du bist heute ganz extrem aufregend."

"Vielleicht war ja auch etwas in diesen Zwillingen, das dich angetörnt hat", vermutete sie, was Jean zu einem Grinsen verleitete.

"Möglich. Aber du unterstützt es auch noch", kommentierte er die Tatsache, daß sie ihn nun mit beiden Händen ausgiebig erkundete.

"Nur ein bißchen..." Sie rieb ihre Wange an seiner Brust.

"Es reicht aber..." Behutsam schob er Anshara von sich. "Sehen wir uns lieber weiter um."

"Na gut." Sie suchte sich eine weitere Plastik zur Kontemplation aus, ehe sie wieder von einem Ausstellungsstück zum nächsten hüpfte. Jean betrachtete sie nachdenklich und hielt lieber einen gewissen Sicherheitsabstand zu ihr. Er war sich nicht ganz im Klaren darüber, was ihn derart zu ihr hinzog, also ging er lieber auf Nummer sicher.

Anshara war absolut begeistert von dem Museum und strahlte Jean an. "Wir müssen unbedingt noch zu einigen der anderen Museen gehen", bestimmte sie.

"Wo immer du hingehen willst", meinte Jean.

"Moment, jetzt doch noch nicht. Erst muß ich das hier durchhaben. - Komm mit in den nächsten Saal!" Sie ergriff seine Hand und zog ihn mit sich in die nächste Halle. Anshara summte fröhlich vor sich hin, während Jean hinter ihr her trottete. Diesmal erspähte er eine Spiegelskulptur, in deren Anblick er unversehens versank. Anshara trat hinter ihn und legte ihm von hinten die Arme um die Mitte. Jean wurde aus seiner Versenkung gerissen und sah sie verdutzt an.

"Kuckuck!" machte sie. Jean drehte sich zu ihr um und betrachtete sie.

"Museen sind etwas schönes", erklärte er.

"Stimmt! Vor allem, wenn man sie für sich alleine hat. - Weißt du was, hier könnte man bestimmt eine tolle Party veranstalten."

"Lieber nicht hier", wehrte er ab. "Nachher geht etwas zu Bruch, und es gibt Ärger."

"Na gut. Aber ich hätte trotzdem Lust, mal eine Fête zu veranstalten."

"Dazu mußt du dir erst noch einen Namen unter den Toreador machen, sonst kommt keiner."

"Hm." Darüber mußte sie noch meditieren. "Oh, da ist eine Sonderausstellung", wechselte sie erst einmal das Thema. "Picassos Werdegang..."

"Gucken wir nach." Sie betraten den angrenzenden Saal, und sie betrachteten die Bilder. Genial oder nicht, Picasso war einfach nicht Jeans Geschmack. Anshara war ähnlicher Ansicht.

"Das könnte ich auch - nur besser", kommentierte sie gnadenlos.

"Ich habe für moderne Kunst nicht viel übrig", gab Jean zu.

"Obwohl", sie deutete auf ein paar frühe Bleistiftskizzen des Meisters, "Zeichnen konnte er ja. Ich frage mich nur, warum er es dann nicht getan hat", sinnierte sie, als sie einige jüngere Werke beäugte.

"Laß uns lieber etwas anderes angucken." Sie kehrten in einen Saal mit einigen weiteren Klassikern zurück.

"Die gefallen mir besser." Anshara betrachtete diverse Werke von Dürer und Bosch.

"Stimmt."

Als Jean einige antike Spiegel entdeckte, war er natürlich gleich wieder absolut fasziniert von seiner Reflektion. Anshara blieb neben ihm stehen, was ihn dazu verleitete, sie ebenfalls in seine Kontemplation mit einzubeziehen.

"Du bist ein ganzes Stück größer als ich", stellte Anshara fest. "Vielleicht sollte ich mir ein paar Schuhe mit hohen Absätzen zulegen."

"Das wäre was", meinte Jean amüsiert.

"Obwohl - Stelzen wären vermutlich wirkungsvoller."

"Aber nicht so hübsch." Er reckte sich, um sich in voller Größe im Spiegel bewundern zu können.

"Hey, du sollst dich nicht noch größer machen." Anshara legte die Arme um ihn, als ob sie ihn unten auf einer etwas passenderen Größe für sie fixieren wollte. "Sonst muß ich immer eine Leiter mit mir herumschleppen, nur damit ich dir hin und wieder mal in die Augen sehen kann."

"Ach?" machte Jean amüsiert. "Willst du das denn?"

"Klar - bei der Farbe..." Sie hüpfte ein Stück in die Höhe.

"Was soll denn das?"

"Das ist ein Größenausgleich."

Jean ließ sich auf ein Knie sinken. "Besser?"

"Oh ja!" Nun konnte sie ihn mit der Zunge am Hals kitzeln.

"Eh, du solltest das nicht herausfordern."

"Du hast es doch auch getan!"

"Und ich hätte auch beinahe zugebißen."

"Ich beiße dich doch nicht!" Sie sah zu Jean herab und schlang ihm die Arme um den Hals.

"Sicher?"

"Ich bin so gut wie satt."

"Das bedeutet nicht, daß du nicht beißen kannst."

Jean fand die Perspektive amüsant. Es war irgendwie komisch, daß momentan Anshara größer war als er. Sie vergrub das Gesicht in seiner Mitternachtsmähne, und er legte ihr die Arme um die Taille.

"Das ist lustig", fand Jean. "Lange kann ich das aber nicht durchhalten. Es ist schwierig, so das Gleichgewicht zu halten."

"Schade. Dabei bist du in der Größe so praktisch."

Er richtete sich wieder auf, und da Anshara sich an seinem Hals festhielt, wurde sie ebenfalls in die Höhe geliftet.

"Du bist ganz schön anhänglich."

"Und du bis gerade sehr erhebend."

Jean hielt sie fest. "Zum Glück bist du nicht so schwer." Er stellte sie wieder auf die Füße. "Oh, wir haben übrigens gerade den letzten Ausstellungsraum durch."

"Hm. Was könnten wir denn jetzt machen?"

"Was möchtest du denn?"

Sie musterte ihn ausgiebig.

"Was möchte ich denn? - Wie wäre es mit ein bißchen spielen? Ich meine knuddeln und so..."

Jean sah sie amüsiert an. "Dagegen habe ich noch nie was gehabt."

"Prima. Wo gehen wir hin - zu dir oder zu mir?" Sie warf ihm einen koketten Blick zu.

"Ich glaube, bei dir ist es aufgeräumter."

"Noch", stimmte sie zu. "Und unterwegs können wir ja noch eine kleine Stärkung zu uns nehmen."

"Ich bin total satt", erklärte Jean.

"Du hattest auch zwei Gänge. Ich brauche einen alkoholfreien Nachtisch."

"Gehen wir die Abkürzung zurück zum Hotel, da sollten wir etwas finden.

Jean führte Anshara wieder quer durch die Stadt. Sie trabte neben ihm her und peilte in die dunkelen Gassen.

"Schon was im Auge?" fragte er.

"Da hinten", flüsterte sie. "Ein nichts böses ahnendes Opfer..."

"Dann fang es dir."

Anshara schlich sich an die Person an. Es handelte sich um einen halbstarken Jungen, dem offenbar der Rest seiner Gang abhanden gekommen war. Aus einem Hinterhalt überfiel sie ihn und nahm ein, zwei tiefe Schlucke. Jean spielte derweil ihren 'Schatten'. Er beobachtete sie doch so gerne. Sie 'versorgte' gerade die Wunden, damit keine Spuren zurückblieben, ehe sie sich wieder nach ihrem Begleiter umsah.

Jean stand kaum zwei Schritte hinter ihr und wartete geduldig.

"Bei Anubis", rief sie leise aus. "Du kannst dich vielleicht hinterrücks anschleichen..."

"Ich bin nicht geschlichen", meinte Jean. "Ich bin ganz normal gegangen. Du hast nur nicht darauf geachtet."

"Hm." Anshara musterte ihn nachdenklich. "Na gut, ich bin jetzt jedenfalls auch bestens gesättigt."

"Fein. Verschwinden wir. Ich glaube nämlich, hier sind noch andere Typen unterwegs."

"Das wären dann vielleicht einige zuviel", stimmte sie zu und hängte sich wieder bei ihm ein.

"Genau. Ich bin nun mal kein Kämpfer, und von Waffen habe ich auch nicht viel Ahnung", erklärte Jean. "Da ist Vorsicht immer besser."

"Äh, wenn du kein Kämpfer bist, was bin ich denn dann?" Sie schmachtete ihn an.

"Eine arme, schwache Frau, die meines Schutzes bedarf", schlug er vor.

"Du hast es endlich erkannt", stellte sie befriedigt fest. Jean grinste. Vorsichtig um sich schauend nahm er wieder Kurs auf das Hotel. Er wollte nicht überrascht werden, denn Anshara war schließlich wirklich nicht zur Kämpferin geboren.

Schließlich kamen sie am Hotel an, wo sie wie stets die Schlüssel eigenhändig aus dem Kasten an der unbesetzten Rezeption angeln mußten, ehe sie zu ihren Zimmern hinaufgehen konnten. Fürsorglich schloß Jean Ansharas Tür auf.

"Danke", strahlte sie ihn an. "Du bist ein echter Gentleman."

"Nur wenn es sich lohnt", erklärte er spitzbübisch.

"Soso." Sie kicherte und sah betont schüchtern zu Boden. Jean lehnte im Türrahmen.

"Nun? Gilt deine Einladung noch?"

"Na klar!" Sie ergriff seine Hände und zog ihn in ihr Zimmer. Er warf die Tür mit dem Fuß zu und sah sie erwartungsvoll an. Anshara legte den Kopf schief und guckte ein wenig verlegen. "Äh, du bist besser informiert", begann sie. "Was tun Kainskinder in der Regel, wenn sie der trauten Zweisamkeit frönen?"

"Hm. Ich vermeide sowas sonst lieber", sagte er. "Es ist halt nicht üblich. Ich meine, ich bin gerne mit anderen zusammen, aber nicht unbedingt zu zweit, denn meist wollen nur die mit einem allein sein, die Böses im Schilde führen..."

Anshara sah ihn schockiert an.

"Wer sollte etwas Böses mit dir anstellen? Schlimmstenfalls gehörst du zum Angucken in eine Vitrine..."

"Ach weißt du, es gibt so viele Intrigen", erläuterte er. "Da sind immer welche, die einen entweder aus dem Weg schaffen wollen oder dessen Freunde treffen wollen."

"Irgendwie hätte ich nicht gedacht, daß es auch unter Vamp- äh, Kainskindern, auch so zugeht wie früher unter den Priesteranwärtern im Tempel", seufzte sie.

"Ich weiß zwar nicht, wie es da zuging, aber ich vermute mal, es war ähnlich. Ein guter Rat: Achte immer auf deinen Rücken!"

"Gut." Sie schlang die Arme um seine Mitte und kuschelte sich an ihn. "Aber du tust mir doch nichts, oder?" fragte sie hoffnungsvoll.

"Bestimmt nicht", versicherte er. "Außerdem kann ich mich momentan ohnehin nicht rühren", setzte er belustigt hinzu.

"Dabei bist du doch soviel stärker als ich..."

"Frauen haben meist ihre eigenen Methoden."

"Dabei macht mich deine überwältigende Präsenz noch besonders schwach", hauchte sie und warf ihm einen ihrer unwiderstehlichen Blicke zu, ehe sie mit ihren Fingernägeln über seine Vorderfront strich. Jean betrachtete das fasziniert. Anshara war erstaunlich, aber vermutlich lag das daran, daß ihr niemals jemand irgendwelche Vorschriften gemacht hatte. Er hielt sich ja doch meist an die Dinge, die sein Erzeuger Simon ihm eingetrichtert hatte, resümierte er. Sie schob die Tüten vom Bett und Jean dorthin.

"So, und was hast du nun vor?" fragte er neugierig.

"Nun, ich will herausfinden, was Vamp- Kainskindern noch so möglich ist außer Blut trinken."

Jean sah sie fragend an.

"Na, es heißt doch immer, daß Vampire so erotisch sind", fuhr sie fort. "Aber es wäre doch echt langweilig, wenn sie selbst nichts davon hätten, oder?"

"Ich finde nicht, daß alle Vampire erotisch sind", äußerte er amüsiert.

"Hm, naja, die meisten aus dem Fernsehen schon."

"Tse", machte er. "Es gibt genug, die sind so aufregend wie diese Bettwäsche, und manche sind sogar noch öder."

"Hm." Anshara runzelte die Stirn und betrachtete das Blümchenmuster. "Obwohl, bei diesem Prinzen von Frankfurt schienen einige niedliche herumzulaufen. Zum Beispiel dieser Chris..."

"Stimmt, Chris ist durchaus niedlich."

"Aber bis jetzt finde ich dich am schönsten", fand sie und guckte ihn verzückt an wie ein Kritiker den Geniestreich eines alten Meisters.

"Bis jetzt hast du ja auch nur eine Handvoll von Kainskindern gesehen."

"Du meinst also, es gibt noch hübschere als dich?"

"Vermutlich."

"Das finde ich gut."

Jean lachte. "Du wirst sie schon noch irgendwann sehen."

"Prima. Aber jetzt werde ich erst mal gucken, was an dir so alles dran ist." Sie begann, ihn aus dem Hemd zu wickeln.

"Ich habe mich nicht verändert", machte er sie aufmerksam.

"Tut nichts zur Sache", wischte sie den Einwand weg und inspizierte noch einmal das Bodypainting. Es war immer noch intakt. Danach befreite sie ihn von den weiteren Kleidungsstücken.

"Warum bist du eigentlich an mir so interessiert?"

"Du bist der erste Va- - das muß ich mir endlich mal abgewöhnen - du bist das erste Kainskind, daß ich treffe und das ich untersuchen kann."

"Ich bin auch ein sehr geduldiges Exemplar."

"Gut." Sie wuschelte in seinen Haaren herum.

"Und was kommt jetzt?" wollte er wissen.

"Bei Isis, ich arbeite noch daran", erklärte sie kopfschüttelnd. Woher sollte sie das denn eigentlich wissen? Es mußte halt ausprobiert werden. Jean schaute sie erwartungsvoll an. Er ämüsierte sich kolossal über die kleine Lady.

Kurzerhand setzte sie sich auf ihn drauf und strich über seine Brust. Jeans Haut war extrem hell und reichlich kühl. Sehr faszinierend.

"Willst du mich plattdrücken?"

"Glaubst du, das gelingt mir?" Sie kicherte, immerhin wog sie - wenn es hoch kam - 45kg.

"Naja, ein bißchen halte ich schon aus."

"Na, siehst du." Sie sah ihm in die Augen, und er erwiderte den Blick. "Meine Güte", seufzte sie, "das ist vielleicht lange her, seit ich mir so einen hübschen Jungen geangelt habe..."

"Ach?"

"Ja, an die 38 Jahrhunderte..."

"Daran kannst du dich noch erinnern?"

"Die Zwischenzeit habe ich doch zum Glück verschlafen."

"Stimmt", grinste Jean. "Du warst ja in der Konserve."

"Du bist frech", schmollte sie. "Hm, ich glaube, du solltest mal unter die Dusche, sonst ist das erstaunlicherweise frisch bezogene Bett gleich völlig ruiniert." Sie erhob sich und zog Jean von der Liegestatt. "Ich werde dich schrubben", erklärte sie mit Blick auf die bunten Schmetterlinge.

"Ich wehre mich nicht."

"Brav." Sie befreite sich nun ebenfalls von allen überflüssigen Kleidungsstücken, schob ihn ins Bad und drehte das Wasser auf. Jean streckte sich dem feuchten Naß entgegen.

"Nun sieh mal zu, wie du die Farbe abkriegst..."

"Mal sehen." Sie plantschte ausgiebig mit ihm herum, seifte ihn durchgehend ein und kitzelte ihn nach Bedarf. Jean fand das witzig und warf ihr diverse Blicke über die Schulter zu. "So, ich glaube, jetzt bist du wieder weitestgehend normalfarbig."

"Prima", sagte er und betrachtete Anshara. Ihr Make-Up sah momentan höchst verschmiert aus, da sie sich mehr um seine Säuberung gekümmert hatte, also erbarmte er sich ihrer und schrubbte sie auch. Sie schnurrte behaglich ob der guten Pflege.

"Tse, du schnurrst ja", bemerkte er fasziniert. "Ich denke, ich habe das Make-Up von dir entfernt. Zumindest bist du nicht mehr ganz so golden..."

"Und - sehe ich jetzt schlimm aus, so ganz ohne Make-Up?"

"Finde ich eigentlich nicht."

"Gut." Sie lächelte ihn an, und als er das Wasser abgedreht hatte, reichte sie ihm die aus dem Sheraton entwendeten Badetücher, damit sie sich einwickeln konnten. Je ein weiteres Handtuch wurde um den Kopf geschlungen, um die Haare zu trocknen, und dann patschten sie in den Schlafraum zurück.

Jean ließ sich auf das Bett fallen, schloß die Augen und seufzte. Anshara ließ sich neben ihm nieder, nahm einen Zipfel seines Badetuchs und begann, ihn trocken zu rubbeln. Er blieb einfach so liegen und genoß es, derart verwöhnt zu werden.

"Na, wie fühlst du dich?" fragte sie belustigt.

"Gut", seufzte er zufrieden.

"Prima." Sie pellte ihn ein Stück aus dem Handtuch und malte mit dem Fingernagel Muster auf seine Haut. Jean öffnete kurz die Augen, um zu sehen, was sie tat, da es sich aber um nichts Gefährliches handelte, schloß er sie wieder. "Wie wäre es, wenn du auch mal zur Abwechslung mich verwöhnst?" fragte Anshara nach einer guten Weile.

"Was hättest du den gerne?"

"Streicheleinheiten!"

Jean richtete sich auf und sah Anshara amüsiert an.

"Dann komm doch näher." Folgsam rutschte sie zu ihm hin, und er machte sich nun über sie her. Sie war irgendwie süß fand er, vor allem, da sie prompt wieder zu schnurren begann wie die heiligen Katzen ihrer alten Heimat. "Das klingt niedlich", kommentierte er.

Sie strahlte ihn hingebungsvoll an, bevor sie seine Haare verwuschelte, die immer noch ein wenig feucht waren. Da das aber kein optimales Ergebnis brachte, streichelte sie ihn lieber wieder.

"Daran könnte ich mich gewöhnen", erklärte Jean.

"Das läßt sich einrichten. Schließlich ziehe ich demnächst zu dir." Sie kicherte und gab ihm einen Kuß auf die Nasenspitze.

"Aber deine Steinkisten kommen in den Keller", forderte er.

"Natürlich. Wenn sie durch den Fußboden brächen, gingen sie doch kaputt, und es sind unersetzliche Kunstschätze."

"Gut." Jean schüttelte den Kopf und seufzte. Seine Haare waren immer noch reichlich naß. "Wie spät ist es eigentlich?" fragte er.

"Noch nicht Mitternacht", entgegnete Anshara. "Vielleicht halb Zwölf. Weshalb fragst du?" Sie fuhr mit den Fingerspitzen über seinen Hals.

"Nur so." Er streckte sich und fand es ziemlich aufregend, wie sie sich an seinem Hals zu schaffen machte.

"Njam, das sieht absolut verlockend aus", sagte sie und fuhr mit der Zunge über die Stelle, wo sich seine Halsschlagader befand.

"Mh", machte Jean. "Das gefällt mir." Sie kitzelte ihn mit der Zungenspitze und war erstaunt, wie still er hielt. Offenbar fand er das ebenso aufregend wie sie. Jean versuchte, Ansharas Blick einzufangen und versank prompt in diesem schimmernden Bernstein. Er hatte schon lange nicht mehr soviel Spaß gehabt, fand er. Sie hingegen begeisterte sich an Jeans dunkeltürkisfarbenen Augen. Offenbar war doch etwas dran an der Legende um Vampire und Erotik...

Irgendwann gegen Morgen wurden sie dann der Spielchen überdrüssig und sanken ob des dräuenden Tages in den normalen Schlaf der Kainskinder.

Back to Top of Page


Kapitel 5: Silvester

Man schrieb Donnerstag, den 31. Dezember 1981, etwa 16:30 Uhr.

Anshara erwachte aus tiefem erholsamen Schlaf und fand es wie immer erstaunlich, daß sie nicht mehr gähnen mußte, auch wenn sie noch müde war. Jean regte sich ebenfalls langsam wieder, da die Dämmerung nahte. Er streckte sich ausgiebig.

Anshara bedauerte, daß es so dunkel hier war, daß sie ihn nicht ausreichend bewundern konnte.

"Guten Abend", kam es von Jean.

"Guten Abend", flötete sie. "Soll ich das Licht anmachen?"

"Wenn es unbedingt sein muß..."

"Klar! Schließlich muß ich nachgucken, ob du immer noch so toll aussiehst wie gestern."

"Bestimmt", erwiderte er belustigt und tastete nach Anshara. Diese hatte sich wie ein Kätzchen zusammengerollt, und er erwischte ihre Seite. "Ah, da bist du", stellte er fest und arbeitete sich zum 'oberen Ende' vor. Anshara kicherte; das fühlte sich lustig an. "Jetzt hab ich dich", verkündete er, als er eine Haarsträhne von ihr erwischte.

"Hilfe! Ich bin gefangen", rief sie aus und rollte sich auseinander, damit sie sich Jean zuwenden und von ihm zur Vergeltung auch einige Haarsträhnen einfangen konnte. Die waren immer noch weich und seidig, auch wenn sie jetzt ziemlich verstrubbelt waren.

"Irgendwie wäre es doch einfacher, wenn ich mehr sehen könnte", fand er.

"Stimmt. Machst du das Licht an?"

"Falls ich den Schalter finde..." Jean tappte in Richtung Tür.

"Vorsicht, da steht irgendwo der Stuhl", warnte Anshara.

"Hm, ich habe ihn noch nicht gefunden", meinte Jean und schaltete das Licht an. "Ich hasse das jeden Abend auf's Neue", seufzte er, als die Helligkeit ihn blendete.

"Du mußt einfach die Augen vorher zumachen und dann gaaanz vorsichtig öffnen", riet sie.

"Dazu ist es jetzt zu spät", erklärte Jean und kletterte ins Bett zurück. Anshara sah ihn mitleidig an und verwuschelte ihn ausgiebig. Im Licht sah sein Hals wieder so verführerisch appetitlich aus... Natürlich bemerkte er, daß sie schon wieder seinen Hals betrachtete. So etwas konnte er nicht durchgehen lassen, er rutschte zu ihr hin und begann, nun auch ihren Hals freizulegen. Prompt quietschte sie auf.

"Hilfe!"

"Ist was?"

"Du beraubst mich jedweden Schutzes..."

"Kann ja gar nicht sein." Jean näherte sich immer weiter ihrem zarten, schlanken Hals.

"Ich fühle mich dir wehrlos ausgeliefert." Ihr bernsteinfarbener Blick traf ihn mitschiffs, und er guckte zurück.

"Bist du auch."

"Solltest du mich nicht beschützen?"

"Aber doch nicht vor mir."

"Na klar auch vor dir!"

"Nö", meinte er leise ganz nahe an ihrem Ohr.

"Hm..." Sie rutschte ein wenig herunter und nahm Kurs auf seinen Hals, ihn ihn dort mit ihrer Zungenspitze zu kitzeln. Jean versuchte seinerseits, and ihren Hals zu kommen, und so tobten und kicherten sie herum, bis sie aus dem Bett fielen.

"Au", beschwerte er sich. "Warum lande eigentlich immer ich unten?"

"Weil du als Gentleman mich vor Schaden bewahren mußt", erklärte sie. Er knurrte etwas unverständliches, und sie kicherte, bevor sie sich erhob und ihm die Hand reichte, um ihn hochzuziehen. Jean machte sich absichtlich schwer, und da Anshara nicht die stärkste war, führte das dazu, daß sie umkippte und erneut auf ihm landete. Übermütig packte er sie und rollte mit ihr herum, so daß sie unten lag.

"Hey", protestierte sie, "wenn ich noch atmete, würde ich jetzt keine Luft mehr kriegen!"

"Tust du aber nicht", gab er belustigt zurück.

"Wüstling", rief sie. Diese Bezeichnung fand sie gut; sie hatte sie mal in einem Film im Fernsehen gehört.

"Aber sicher", entgegnete Jean. "Ich mag es nicht, wenn mein Frühstück wegläuft."

"Ich dein Frühstück?" quietschte sie entrüstet.

"Ich habe Hunger."

"Ich auch", erwiderte sie. "Da kriegst du nicht viel aus mir heraus."

"Ooch, ich denke, es reicht durchaus."

"Pöh! Laß uns lieber etwas jagen gehen", schlug sie vor.

"Ich habe schon etwas gefangen", erklärte er zufrieden.

"Hm. Naja, wenn man es recht betrachtet, bist du ja auch nicht zu verachten." Anshara peilte wieder seinen Hals an, ehe sie sich unvermittelt ein Stück drehte. Dadurch rollte Jean von ihr herunter, und sie nutzte den Schwung, um ihn nach unten und sich wieder auf ihn hinauf zu befördern.

"Tse, ich dachte, du bist eine schwache Frau", meinte er belustigt.

"Bin ich auch. Aber dafür kenne ich mich mit ein paar Gesetzen der Mechanik ganz gut aus..."

"Aha. Und was hast du nun vor?"

"Frühstücken?" schlug sie vor.

"Worauf wartest du dann?"

"Gute Frage..." Sie knabberte vorsichtig an seinem Hals herum. Bei Ammut, sie hatte Hunger. Sie mußte sich schwer zusammenreißen, nicht tatsächlich zuzubeißen, insbesondere, wenn das stimmte, was Jean ihr über das Trinken des Blutes eines anderen Kainskindes erzählt hatte.

Jean fand es ziemlich irritierend, daß er eigentlich gar nicht den Drang verspürte, sich gegen sie zu wehren. Er betrachtete das Ganze ziemlich neugierig.

"Was machst du da eigentlich?"

"Ich kämpfe mit mir", seufzte sie. "Da war doch etwas, das du mir erzählt hast, was es bewirkt, wenn man das Blut anderer Vampire trinkt. Und da ich dich eigentlich nicht ganz austrinken will, stehe ich nun vor einem Problem."

"Und das wäre?"

"Naja, ich glaube nicht, daß es mir gefallen würde, deine Sklavin zu werden, nur weil ich dich versehentlich beiße. Immerhin bin ich als Verkörperung der Ma'at meine eigene Herrin. - Hm. Oder willst du mal beißen?"

Sie hielt ihm ihr Handgelenk hin.

"Nö", meinte er. "Da nicht." Aber andererseits war es doch wieder verlockend, überlegte er, und dieser Gedanke machte ihm beinahe ein wenig Angst.

"Ts." Sie sah ihn amüsiert an und verwuschelte seine Frisur. "Und ich dachte, du wolltest mich als Frühstück..."

"Ich bin doch nicht verrückt und tue etwas, das ungeahnte Konsequenzen haben könnte."

"Also gehen wir doch jagen?" fragte sie erwartungsvoll. Sie zog es vor, öfter mal einen kleinen Snack zu futtern als so lange zu warten, bis der Hunger übermächtig wurde und sie ihre Opfer eventuell versehentlich tötete. "Außerdem wollten wir doch ein paar Sachen für dich einkaufen."

"Wie du willst." Jean war mit den Gedanken woanders; er beschäftigte sich immer noch mit den Implikationen eines Blutbandes. Was bedeutete das wohl wirklich, fragte er sich. Er hatte eigentlich nie ein richtiges gehabt, denn er hatte bisher nur ein einziges Mal das Blut eines Kainskindes getrunken, und das war bei seinem Erwachen gewesen.

"Ich bin sicher, es sähe toll aus, wenn du auch einmal etwas in Türkis oder Weiß tragen würdest", erzählte Anshara gerade. "Überleg mal, ein elegantes, schneeweißes Rüschenhemd zu einer schwarzen Hose, oder ein Ensemble in Türkis und Weiß. Oder Türkis und Schwarz..." Sie musterte ihn ausgiebig.

"Ich ziehe schwarz vor."

"Du müßtest es einmal ausprobieren", riet sie ihm eindringlich. "In Schwarz siehst du toll aus, aber das andere würde bestimmt auch super wirken."

"Hm", machte er zweifelnd. Er mochte aber am liebsten schwarz.

"Komm!" Anshara erhob sich und versuchte noch einmal, ihn hochzuziehen, und diesmal ließ er es zu.

"Wohin denn?"

"In die City. Um die Zeit sollten die Geschäfte noch offen sein."

"Ganz wie du willst. Ich ziehe mich nur rasch an."

Er verschwand in seinem Raum, während Anshara in einen eleganten weißen Hosenanzug mit weißen Stiefeln und ihrem weißen Mantel stieg. Ein langer, roter Schal vervollkommnete das Outfit. Gerade als sie mit den letzten Korrekturen am Make-Up fertig war, trat Jean bei ihr ein. Er trug schwarze Jeans und eine gleichfarbige Lederjacke.

Sie machten sich zu Fuß auf den Weg in die City. Anshara hängte sich bei ihm ein, und Jean übernahm die Führung. Als sie ihren Kopf an seinen Oberarm schmiegte, schaute er belustigt zu ihr herunter.

"So kuschelig heute?"

"Mir ist danach." Sie sah zu ihm auf. "Weißt du, ich stelle mir gerade vor, wie fantastisch du wohl in einem weißen Rüschenhemd aussiehst..."

"Das wirst du wohl nie zu sehen kriegen."

"Ooooch, Jean", schmeichelte sie.

"Ich bin zu blaß für weiß."

"Das müßte man ausprobieren", fand sie. "Immerhin bin ich ja auch nicht gerade das Werbeplakat für ein Sonnenstudio."

"Aber du bist dunkler als ich. Und überhaupt, ich trage einfach kein Weiß."

"Seufz!" Anshara guckte ziemlich betrübt.

Schließlich hatten sie eine der Haupteinkaufsstraßen erreicht.

"Hm, mir kommt es so vor, als ob hier heute ziemlich wenig los ist", stellte Jean irritiert fest. Anshara sah sich ebenfalls um. Die Geschäfte sahen aus, als wären sie allesamt geschlossen.

"Stimmt. Ist heute irgendetwas besonderes los?"

"Was haben wir denn heute für ein Datum?"

"Moment, wann bin ich in Frankfurt angekommen? Montag? Ich glaube, da war der 28. Oh! Dann ist heute ja der 31. Dezember!"

Jean seufzte. "Dann gibt es heute nichts mit einkaufen."

"Und was können wir dann unternehmen? - Sag mal, gibt es eigentlich auch Silvesterparties für Kainskinder?"

"Sicher."

"Meinst du, wir könnten zu einer gehen?"

"Was für eine Party würdest du denn vorziehen?"

"Am liebsten eine extravante Party mit interessanten Leuten und schönen Kostümen."

Jean lachte. "So ein Zufall! Ich habe noch irgendwo eine Einladung für genau solch eine Feier herumfliegen."

"Oh! Und du meinst, ich kann mitkommen?"

"Ich denke, das sollte sich irgendwie einrichten lassen."

"Prima! Nur - als was kann ich mich denn kostümieren?"

"Ich kann mich erinnern bei deinen Sachen ein goldenes Kleid gesehen zu haben. Zieh es an und sage, du stellst Cleopatra dar."

"Cleopatra?" Anshara runzelte die Stirn. "Ach, stimmt, das war diese dumme Griechin, die Ägypten total heruntergewirtschaftet und an die Römer verkauft hat."

"Die ist aber hier ziemlich bekannt."

"Hm. Das war fast zweitausend Jahre nach meiner Zeit. Aber gut, dann spiele ich eben diese komische Griechentante, wenn das ohne großen Aufwand geht. Auch wenn ich eine echte Ägypterin bin."

"Ich glaube nicht, daß hier jemand den Unterschied merkt."

"Du hast Recht, die Leute hier sind in dieser Hinsicht alle Banausen."

"Eben. Aber nun laß uns zum Hotel zurückgehen, damit wir uns umkleiden können. Vor allem muß ich noch die Einladung suchen. Die war nämlich schwarz."

"Du brauchst unbedingt ein paar nicht-schwarze Sachen", konstatierte Anshara.

"Nicht-schwarze Einladungen wären viel sinnvoller", fand Jean.

Während sie zurück wanderten, war Anshara ganz froh, daß sie nicht mehr außer Puste geraten konnte, denn das war ja doch eine ziemliche Strecke.

Im Hotel angelte Jean wie üblich nach den Schlüsseln, als er ein Kuvert in Ansharas Fach entdeckte.

"Eh, du hast Post!" Er nahm den Brief und reichte ihn ihr.

"Post? Ich?" Sie war total perplex. "Danke." Sie öffnete den Umschlag und holte eine schwarze Karte sowie einen offenbar handgeschöpften Büttenpapierbogen heraus. "Stilvoll", kommentierte sie und faltete den Bogen auf, bevor sie den Brief überflog.

Der Brief war von Chris, der sie zu dem Maskenball im Palast des Prinzen einlud, da er sie für eine 'unwiderstehliche Bereicherung der Festivität hielt und zudem ihre Bekanntschaft gerne intensivieren würde'.

"Oh! Chris hat mich zu dem Maskenball eingeladen", faßte sie den Inhalt zusammen.

"Dachte ich mir." Jean hatte natürlich die Schrift auf dem Umschlag erkannt.

"Das finde ich ganz allerliebst von ihm." Sie strahlte über das ganze Gesicht.

"Na, dann laß uns nach oben gehen, sonst kommen wir noch zu spät."

Anshara stürmte in ihren Raum und begann, sich zielgerichtet in einen königlichen Traum aus Gold zu gewanden. Sie legte diesmal auch ausreichende Mengen an Schmuck an, und das einzige, was ihr schlußendlich noch fehlte, war nur die klassische Geierhaube, aber ansonsten gab sie eine passable Cleopatra ab.

Jean hingegen stellte auf der Suche nach seiner Einladung erst einmal das Zimmer auf den Kopf, ehe er sie nach einiger Zeit in der Schublade fand, wo er sie hineingelegt hatte, damit er sie schnell wiederfand. Dann stand er vor dem Problem, was er als Kostüm tragen konnte. Am besten ginge er wohl als Schwarzer Mann, dachte er ironisch.

Während er immer noch grübelte, klopfte es und Anshara schwebte in sein Domizil. Sie sah wieder einmal atemberaubend aus, aber das half ihm nicht weiter.

"Ich weiß nicht, was ich anziehen soll", jammerte er.

"Soll ich dir eins meiner Gewänder ausleihen?" bot sie ihm an.

"Die sind zu kurz!"

"Hm, stimmt. Wie wäre es, wenn du als Dieb gingst?"

"Und wie sieht das aus?"

"Ich dachte, so wie du", kicherte sie. "Nimm einfach einen Beutel mit und packe etwas vom Tafelsilber ein."

"Sehr witzig", meinte Jean. "Ich glaube, da wären einige Leute ziemlich stinkig."

"Na gut, dann nimm eben einen leeren Beutebeutel mit."

"Den habe ich eh immer dabei", erklärte er belustigt.

"Ts!" Sie schüttelte amüsiert den Kopf, woraufhin ihr Schmuck klingelte.

"Du klimperst ja."

"Ich kann doch nicht völlig schmucklos herumlaufen."

"Stimmt, das wäre ja so gut wie nackt", zog er sie auf. "Seufz, ich weiß immer noch nicht, was ich nehmen kann."

"Ein Bettlaken?"

"Ich bin kein Geist."

"Dann gehe einfach als du selbst. Wenn dich jemand fragt, was du darstellst, gucke ihn irritiert an und sage wie selbstverständlich 'Jean LeCartres!' Ich bin sicher, dann gibt keiner zu, daß er das nicht kennt, weil eine Bildungslücke doch peinlich wäre."

"Naja, immerhin habe ich mal das Tafelsilber von Louis XIV geklaut. Ist aber schon länger her."

"Hier hättest du immerhin das Silber eines Prinzen zur Verfügung."

"Das ist mir aber nicht schön genug."

"Ich hoffe, wenigstens sein Getränkekeller entspricht deinen Ansprüchen..."

"Weiß ich noch nicht. Bis jetzt habe ich noch nichts davon gekriegt." Jean starrte immer noch ratlos auf den Kleiderhaufen.

"Na, dann wird es ja Zeit, das zu ändern. - So, und jetzt wirf dich in etwas elegantes!

"Also gut." Jean zog sich um, und Anshara guckte ihm interessiert zu. Er war wirklich außerordentlich hübsch, dachte sie und stieß einen Seufzer aus. Als er ihren Blick bemerkte, grinste er sie an.

"Und ich muß eine Hieroglyphe für dich entwerfen", befand sie. "Eine, die auch deine Schönheit und Grazie mit einfängt."

"So?" Er warf sich demonstrativ in Pose. Anshara umkreiste ihn und betrachtete ihn ausgiebig.

"Ja", hauchte sie entzückt.

"Meinst du, sie könnte mir gerecht werden?"

"Schwerlich, aber ich will es versuchen."

Jean lachte und grub wieder in den Schubladen herum, aus denen er eine Menge glitzernden Schmuckes zu Tage beförderte. Anshara bewunderte die Stücke.

"Schön, nicht?" fragte er.

"Oh ja!" Sie trat näher und begutachtete die beiden Handvoll, die Jean ihr entgegen hielt. "Toll!"

"Fand ich auch. Ich konnte sie einfach nicht liegen lassen." Er spielte mit dem Geschmeide herum.

"Kann ich voll und ganz verstehen. Sowas muß ich mir unbedingt auch mal zulegen." Immerhin hatte sie fast ausschließlich goldenen und silbernen Schmuck. Jean schüttelte amüsiert den Kopf, ehe er sich ein paar der Schmuckstücke in die Taschen steckte.

"Ah, das ist dein Kostüm", erkannte Anshara und gluckste auf. "Perfekt!"

Lachend stopfte Jean sich auch noch seine Einladung in die Tasche. Er war froh, daß Anshara eine eigene von Chris erhalten hatte, sonst wäre es vielleicht doch etwas peinlich geworden. Er als Toreador sollte schließlich am besten wissen, wie unpassend es war, einen ungeladenen Gast auf eine Party mitzubringen, auch wenn die Ventrue es nicht ganz so eng sahen.

"Bist du soweit?"

"Fast", entgegnete Jean. "Ich nehme lieber noch meinen Umhang mit, falls es wieder schneit."

"Gute Idee." Sie holte ihren Mantel, und binnen fünf Minuten saßen sie im rasch herbeigerufenen Taxi und waren auf dem Weg zur Party.

* * *

Das Fahrzeug hielt vor dem Bolongaro-Palast. Jean beglich die nicht unbeträchtlichen Fahrtkosten, bevor sie zur Tür gingen und schellten. Der grimmig dreinblickende Ghul vom letzten Mal öffnete ihnen.

"Sie wünschen?"

"Wir sind geladen", erklärte Anshara hoheitsvoll und überreichte ihm ihre Karte. Jean tat es ihr gleich.

"Treten Sie ein."

Anshara wickelte sich aus ihrem Mantel und überreichte ihn dem Türsteher, Jeans Umhang folgte in hohem Bogen, dann schritten sie gemessen in Richtung Festsaal. Jean folgte absichtlich immer zwei Schritte hinter ihr.

Im Saal herrschte schon reges Treiben. Es waren gut einhundert Leute anwesend, Kainskinder und Ghuls; vermutlich handelte es sich um einen Gutteil der in Frankfurt ansässigen Untoten. Alle waren verkleidet, und das machte es Anshara nicht leicht, Chris zu finden, bei dem sie sich doch noch für die Einladung bedanken wollte. Sie seufzte und hielt sich also sicherheitshalber an Jean.

"Stürzen wir uns hinein", meinte er zu ihr.

"Oh ja! Mal sehen, was es zu trinken gibt."

"Mir scheint, du bist ein kleiner Säufer."

"Ich hatte heute noch kein Frühstück."

"Ich auch nicht", sagte Jean erheitert. "Du hast dich ja gewehrt."

"Aber so stark doch auch wieder nicht", fand sie.

"Vielleicht versuche ich es noch mal."

"Oh ja", meinte Anshara. "Das soll doch so erotisch sein..."

"Ich denke schon", stimmte Jean zu. "Obwohl ich das natürlich noch nie bei einem Kainskind gemacht habe."

"Hm. Ich habe lediglich meinen Erzeuger ins Bein gebissen, und das war nicht sonderlich erotisch gewesen."

"Da fehlte wohl das Vorspiel", meinte Jean belustigt und grinste sie an. "Und nun laß uns etwas zu trinken suchen."

"Oh ja! Etwas gut gekühltes und gewürztes!"

"Auf keinen Fall."

"Oooooch Jean..."

"Damit du dich wieder peinlich benimmst? Nein, danke."

"Ich habe mich nicht peinlich benommen", schmollte sie.

"Weil ich dich rechtzeitig nach Hause gebracht habe."

"Ich habe dich nur bewundert."

"Aber auf eine ziemlich besitzergreifende Art und Weise."

"Na klar." Sie strahlte ihn an. Jean hatte derweil Kurs auf das Buffet genommen, wobei Anshara, die sich bei ihm eingehängt hatte, ihn begleitete. Sie mußte dieser Camille auf jeden Fall von vorne herein klar machen, wem Jean gehörte.

An dem langen Tisch angelangt, musterte Jean die diversen Karaffen, Flaschen und Krüge interessiert. Das roch sehr gut und war natürlich alles nur vom Feinsten. Anshara war derselben Meinung. Sie nahm einen edlen Kristallkelch und hielt ihn Jean entgegen.

"Würdest du mir bitte etwas einschenken?"

Er suchte eine Karaffe mit besonders köstlich duftendem Inhalt heraus und goß ihren Kelch damit voll. Sie nippte vorsichtig davon.

"Schmeckt nach mehr", fand sie. "Und es scheint eher harmlos zu sein."

"Stimmt."

"Schaaade. Die 'gefährlichere' Mixtur im Dark Mirror war erheblich aufregender."

"Ich weiß." Er schenkte sich etwas aus einem anderen Krug ein und probierte einen Schluck. Vorzüglich.

"Darf ich mal probieren?"

"Sicher." Er hielt ihr sein Glas hin, und sie nippte davon.

"Huch!" machte sie. "Schmeckt definitiv nach mehr."

"Lieber nicht", warnte er sie.

Natürlich hörte sie nicht auf ihn und nachdem sie ihr Getränk beendet hatte, nahm sie ebenfalls aus diesem Krug. Jean schenkte sich ebenfalls ein zweites Glas ein und lehnte sich an eine der Säulen, um sich die Gäste anzusehen. Anshara folgte seinem Blick.

"Hübsche Kostüme", kommentierte sie.

"Der Inhalt ist teilweise auch ganz hübsch."

"Stimmt." Sie musterte ein rothaariges, männliches Wesen, das fast so niedlich war wie Jean. "Aber ich habe Chris noch nicht entdeckt." Jean sah sich um.

"Er ist da vorne", sagte er und wies auf einen der Herren. Chris trug das Kostüm eines Piraten.

"Niedlich", fand sie. "Ich muß mich rasch für die Einladung bedanken." Anshara trabte zu Chris herüber und machte einen Knicks. "Guten Abend, edler Herr", begrüßte sie ihn. "Ich wollte Euch meinen Dank für die liebe Einladung aussprechen."

"Oh, Anshara", äußerte er. "Es freut mich, daß Ihr uns mit Eurer Anwesenheit beehrt."

"Ihr seid zu freundlich." Sie senkte ihren Blick, und der Genuß der zwei Gläser Blut hatte eine leichte Röte auf ihre Wangen gezaubert. Chris lächelte sie an.

"Amüsiert Ihr Euch gut?"

"Oh ja, sehr! Die dargebotenen Getränke sind wahrhaft exquisit, und überhaupt ist diese Festivität überaus anregend. Wißt Ihr, es ist meine erste große Party, die ich besuchen darf!"

"So?" machte Chris neugierig.

"Nun, bislang war ich hauptsächlich in Ägypten, und da ist nicht viel los. Bei dem kleinen Abstecher, den ich in die Vereinigten Staaten gemacht habe, hatte ich leider andere Dinge zu tun, als Parties zu besuchen..."

"Dann seid hiermit besonders herzlich in unserer Gesellschaft willkommen."

"Ich danke Euch." Sie sah wieder schüchtern zu Boden. Männer - Kainskinder oder andere - waren immer am besten zu dirigieren, wenn sie meinten, die Oberhand zu haben.

"Schenkt Ihr mir einen Tanz?"

"Oh gerne, wenn Ihr mir verzeiht, daß ich die hiesigen Tänze nicht beherrsche? Ihr müßtet es mir erst einmal zeigen."

"Sicherlich." Chris nahm ihren Kelch und stellte ihn auf einem Tisch ab, ehe er sie zur Tanzfläche führte. Anshara betrachtete die anderen Tänzer und machte gedanklich Notizen, wie sie ihre Füße bewegten. Chris wartete auf ein neues Musikstück und wirbelte sie dann zum Walzertakt herum. Anshara machte begeistert mit. Das war lustig, fand sie, so ganz anders als die ägyptischen Tänze, die sie in der Schule und im Tempel gelernt hatte.

"Das ist ja gar nicht so schwer", fand sie schließlich.

"Stimmt", meinte Chris belustigt, als sie ihm nicht mehr auf die Füße trat.

"Zu Hause haben wir nur alleine oder in Gruppen getanzt", erklärte Anshara. "Aber das hier macht mehr Spaß." Sie strahlte ihn aus ihren Bernsteinaugen an und beschloß, ihn möglichst um den Finger zu wickeln. Man konnte nie wissen, wo man alles Verbündete brauchen konnte.

"Dann können wir ja noch einen Tanz wagen", schlug Chris vor.

"Gerne." Sie warf ihm einen weiteren hinreißenden Blick zu, und als er den Blick erwiderte, bewunderte sie seine herrliche tiefblaue Augenfarbe. Fast wie Lapislazuli, dachte sie. Chris fand Anshara einfach süß.

"Würdet Ihr mir noch einen Schluck zu trinken holen?" bat sie nach dem dritten Tanz.

"Natürlich." Chris holte ihr ein neues Glas mit einer Mixtur, die er sehr schmackhaft fand.

"Ich danke Euch." Sie schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln, und Chris bewunderte sie ausgiebig. Schließlich guckte sie einmal in die Runde, um sich noch einmal die anderen Gäste anzusehen.

"Sucht Ihr jemanden?" erkundigte sich Chris.

"Nein", wehrte sie ab. "Ich schaue mir nur all die interessanten Kostüme an!" Eine schlanke, hochgewachsene Lady in einem schillernden Schmetterlingskostüm hatte es ihr besonders angetan.

"Es sind einige bezaubernde dabei", stimmte Chris zu.

"Allerdings. - Wer ist eigentlich Euer ehrenwerter Prinz?" fragte sie. Sie wollte doch zu gerne wissen, wie so ein Prinz aussah.

"Da vorne." Chris deutete auf einen älteren Herren im eleganten Nadelstreifenanzug.

"Er sieht sehr distinguiert aus", kommentierte sie ehrfürchtig. "Und er herrscht über ganz Frankfurt?"

"Ja."

"Oh." Bevor sie den Prinzen unhöflich anstarrte, beschloß sie, lieber noch einen Schluck zu trinken. "Lecker", fand sie.

"Das ist mein Lieblingsgetränk", erklärte Chris.

"Kann ich verstehen."

"Habt Ihr inzwischen schon etwas von Frankfurt gesehen?"

"Ich war bislang im Dark Mirror und in einem Kunstmuseum, aber die Stadt bietet ja noch weit mehr von Interesse, was ich noch besichtigen muß."

"Durchaus, obwohl Frankfurt natürlich nicht mit den wirklichen Metropolen mithalten kann."

"Ich finde, jede Stadt hat ihre interessanten Plätze", sagte Anshara. "Man muß nur wissen, wo man die Schönheiten finden kann. Wenn man genau hinsieht, ist ja selbst eine einzelne Schneeflocke ein Objekt exquisiter Schönheit", sinnierte sie. "Oder die Farbe dieses köstlichen Getränks..." Sie hielt den Kelch ins Licht, und die Flüssigkeit schimmerte in dunklem Rot, das in den Façetten des Kristalls reflektierte.

"Eure Abstammung läßt sich nicht leugnen", bemerkte Chris belustigt.

"Hm?" machte sie verdutzt. Sie war gerade ganz in den Lichtreflexen von dem dem gewürzten Blut versunken gewesen. Chris schüttelte belustigt den Kopf. Toreador...

"Seid Ihr eigentlich mit Jean verwandt?"

"Nicht direkt", meinte sie. "Obwohl wir sicherlich irgendwo einen gemeinsamen Ahnen haben dürften."

"Ich dachte, Ihr wäret näher verwandt", überlegte Chris. "Immerhin seid Ihr zusammen gekommen."

"Wir trafen uns zufällig", erzählte Anshara. "In einem Kaufhaus. Ich war gerade dabei, mir allerlei hübsche Kleider zu kaufen..."

"Aha." Er glaubte ihr kein Wort. Das paßte gar nicht zu seinem alten Freund.

"Oh, ich glaube, ich sollte mich gleich wieder zu Jean begeben, sonst fühlt er sich noch total verlassen."

"Jean? Nie."

"Bestimmt", beharrte sie.

"Er hat noch nie länger getrauert", meinte Chris vergnügt. "Normalerweise hat er immer gleich Ersatz parat."

"Das werde ich ihm schon noch austreiben", versprach Anshara bestimmt.

"Naja, er ist noch jung genug..."

"Eben. Er kann noch erzogen werden", beschloß sie.

"Möglich. Obwohl er manchmal recht schwer von Begriff ist." Chris fand das ungemein amüsant. Jean hatte schon immer eine magische Anziehungskraft gehabt, was Probleme betraf.

"Nun, dann werdet Ihr mich doch sicher entschuldigen? Ich muß mich um ihn kümmern." Sie sah zu Jean herüber. "Und er muß wirklich demnächst mal einige Kleidungsstücke in anderen Farben bekommen", meinte sie. "Weiß und Türkis..."

"Das wird ihm nicht gefallen", machte Chris sie aufmerksam.

"Macht doch nichts."

"Er wird sich sträuben."

"Ich liebe es, wenn sie sich ein wenig wehren", erklärte Anshara übermütig.

"Soso", kommentierte Chris amüsiert. "Aber Ihr habt recht, es hat schon seinen Reiz. Dann wünsche ich Euch viel Erfolg."

"Danke." Anshara setzte ein siegesgewisses Lächeln auf und trabte zu Jean zurück, während Chris sich wieder einigen anderen Gästen zuwandte.

Jean hatte das Ganze ziemlich mißmutig betrachtet und dabei ausreichend dem Inhalt der diversen Karaffen zugesprochen.

"Huhu Jean", flötete Anshara und eilte zu ihm. Er sah sie an.

"Huhu."

"Sollen wir auch mal tanzen?" fragte sie. "Chris hat mir gezeigt, wie das geht."

"Hm", brummte Jean.

"Nun?" Sie legte den Kopf schief und schaute ihn fragend an.

"Ich mag jetzt nicht."

"Schaaade..." Sie guckte ihn herzzerreißend an, doch er beachtete es dieses Mal gar nicht. Schmollend schenkte sie sich ihren Kelch wieder voll. Auch Jean widmete sich lieber seinem Glas.

"Was hast du denn?"

"Nichts."

"Du scheinst dich nicht sonderlich zu amüsieren."

"Muß ich das denn?"

"Eigentlich schon, dachte ich. Immerhin ist das hier eine Party."

"Ich widme mich dem vorzüglichen Buffet. Was soll ich sonst tun?"

"Zum Beispiel mit mir tanzen", schlug sie vor.

"Ich tanze nicht gerne. Frag doch Chris, der ist darin perfekt."

"Ich wollte aber lieber dich fragen."

"Warum?"

"Weil ich dich lieber mag als Chris."

Jean betrachtete sie nachdenklich.

"Nun, erweist du mir die Ehre, mich auf die Tanzfläche zu entführen?"

"Du läßt mir ja doch keine andere Wahl."

"Stimmt." Sie himmelte ihn an.

"Dann komm." Er reichte ihr die Hand, und sie schwebte mit ihm auf's Parkett. Auch wenn er Gegenteiliges behauptete, konnte Jean sehr gut tanzen, und Anshara war begeistert. Ihr Partner war extrem schweigsam und hatte bereits nach zwei Tänzen genug. Er führte sie wieder zum Buffet.

"Das war wundervoll", fand sie und suchte sich einen neuen Kelch, den sie ihm zum Auffüllen entgegenhielt. Jean nahm sich ebenfalls ein frisches Glas, bevor er wahllos nach einem Krug griff und ihnen beiden einschenkte. "Danke." Anshara nippte von der diesmal warmen Flüssigkeit, die exotisch gewürzt war. Bis jetzt hatte sie bei all dem Angebot noch nichts erwischt, was ihr nicht geschmeckt hatte.

Als sie ihren Blick über die Leute schweifen ließ, war Anshara immer noch am meisten von der Schmetterlingslady fasziniert, die aufpassen mußte, daß sie mit ihren schillernden Flügeln nirgends anstieß. Auch Jean betrachtete die anwesenden Gäste, allerdings hatte er noch niemanden gefunden, der ihm gefiel. Deshalb blieb er am Buffet und probierte die verschiedenen Krüge und Karaffen durch. Vielleicht kam ja noch eine interessante Person.

Anshara blieb in seiner Nähe, denn sie kannte schließlich außer ihm und Chris hier niemanden. Plötzlich entdeckte Jean eine alte Bekannte und steuerte auf sie zu. Die hochgewachsene, dunkelhaarige Dame trug ein edles Kleid in blutrotem Samt und sah absolut hinreißend aus. Anshara kniff die Augen zusammen und folgte ihm.

"Bonsoir, Angel", begrüßte Jean die Schönheit, als er sie erreicht hatte und verabreichte ihr einen vollendeten Handkuß.

"Ah, Jean, mon ami, quelle surprise", erwiderte sie überrascht, und Anshara musterte die Frau mißtrauisch. Offensichtlich kannten Jean und die sich.

"Seit wann bist du hier?" fragte Jean weiter auf französisch.

"Erst seit ein paar Stunden", entgegnete Angélique, genannt Angel.

"Und ich dachte schon, du gehst mir aus dem Weg."

"Mais non", rief sie mit einem strahlenden Lächeln. "Deine Gesellschaft ist mir immer angenehm."

Anshara guckte fragend zu Jean hoch. Sie hatte nicht ein Wort verstanden. "Wer ist die Lady?" erkundigte sie sich.

"Das ist Angélique", verkündete Jean, als ob dies Erklärung genug wäre. Angel betrachtete Anshara mit einem amüsierten Blick.

"Bonsoir, Mademoiselle. Quelle plaisir de faire votre connaissance."

"Äh, Guten Abend, Miss Angélique", antwortete Anshara auf Englisch, denn das war garantiert nicht falsch. Sie hoffte nur, daß es sich bei dem Redeschwall der Französin nicht um eine Beleidigung gehandelt hatte und beschloß, so bald wie möglich Französisch und Deutsch zu lernen.

"Und wie ist Euer Name?" erkundigte sich Angélique in Englisch mit schwerem französischen Akzent.

"Anshara." Eigentlich hätte Jean sie vorstellen müssen, fand sie ein wenig ärgerlich. Der war jedoch völlig damit beschäftigt, Angel anzuhimmeln.

"Ihr kennt Jean?" fragte Anshara interessiert.

"Naturellement", sagte Angélique. "Schon lange. N'est-ce pas, mon ami?"

"Durchaus."

"Aha", machte Anshara und ließ die Frau sicherheitshalber nicht aus den Augen, insbesondere, da Jean schon wieder deren Hand nahm und ihr in die tiefgrünen Augen sah.

Angélique hingegen fragte sich, was Jean wohl vor hatte. Sie kanntewn sich zwar wirklich schon länger, da sie auch zu den Pariser Toreador gehörte, aber normalerweise benahm er sich definitiv nicht so.

"Ihr kennt Euch gut?" fragte Anshara, mittlerweile ziemlich pikiert.

"Sehr gut", behauptete Jean, was Angel zu einem amüsierten Lächeln verleitete. Offenbar hatte er vor, diese kleine Cleopatra-Imitation zu ärgern.

"Humpf", machte Anshara.

Nun unterstütze Angélique Jean insofern, als das sie ihm nun auch schmachtende Blicke zuwarf. Das erinnerte sie an eine ihrer Lieblingsrollen als Schauspielerin, und sie steigerte sich so richtig hinein. Anshara schmollte. Jean war schließlich ihr Eigentum! Auch wenn er es bislang noch nicht wußte...

Sie fragte sich, was er an der so toll fand. Gut, sie war einen halben Kopf größer als sie, aber das war doch kein Grund, daß die beiden sich so anschmachteten. Und nun führte Jean diese Angel auch noch auf die Tanzfläche und ließ sie einfach stehen! Anshara schäumte. Dieser Unhold! Der würde noch was erleben. Sie mußte sich nur etwas passendes überlegen.

"Qu'est-ce que tu as en vue de faire?" erkundigte sich Angélique bei Jean, während sie über das Parkett schwebten. "Was hast du nun vor?"

"Moi? Gar nichts."

"Tu nicht so. Ich kenne dich zu genau."

"Du hast mich wie immer durchschaut."

"Ce n'est pas un problème. Du bist ziemlich berechenbar."

"Püh", machte Jean.

"Aber was ist mit dieser Anshara?"

"Was soll mit ihr sein?" fragte Jean zurück.

"Ah, das also", meinte Angel amüsiert. "Sei vorsichtig mit dem, was du tust."

Derweil meditierte Anshara darüber, wie sie heimlich etwas passieren lassen könnte, das z.B. Angéliques Kleid ruinieren würde, so daß sie sich überstürzt davon machen müßte. Nur, wie wäre es unauffällig genug, daß man es nicht zu ihr zurückverfolgen konnte?

Unterdessen führte Jean Angel zu einer der Sitzgruppen im Saal, möglichst weit weg von Anshara und brachte ihr ein Glas.

"Tu me ne révéles pas, si?" fragte er bittend. "Du verrätst mich doch nicht?"

"Non", erwiderte sie. "Du hast mir ja auch schon öfter geholfen."

Anshara beschloß, sich zu Chris zu begeben. Vielleicht konnte der ihr ja behilflich sein.

"Oh, Anshara", rief Chris aus. "Wollt Ihr mir wieder Gesellschaft leisten?"

"Oh ja", himmelte sie ihn an. "Würdet Ihr mir einmal von Euren Reisen erzählen?"

"So? Auf einmal?"

"Nun, Jean erzählte mir, daß Ihr immer die interessanten Abenteuer erlebt hat, während er nur zuguckte."

"Ach?" machte Chris amüsiert. "Es war aber eher anders herum."

"In der Tat? Hm." Sie runzelte die Stirn. "War bei diesen Abenteuern eventuell auch eine Angélique dabei?" Sie betrachtete ihn aufmerksam.

"Oh, Angélique", äußerte Chris mit einem besonderen Ton in der Stimme. "Sie ist wundervoll."

"Ach?"

"Aber ja! Ganz Paris liegt ihr zu Füßen."

"So? Müßte ich sie kennen?" fragte Anshara gnadenlos.

"Selbstverständlich! Jeder kennt sie."

"Und was ist an ihr so bemerkenswert?"

"Einfach sie. Leider ist sie meist ziemlich unnahbar."

"Offenbar nicht immer."

"Jean hat da selten Probleme."

Anshara grummelte etwas Undefinierbares vor sich hin; es handelte sich um irgend etwas Unfeines in Altägyptisch.

"Was ist mit Euch?

"Nichts weiter", behauptete sie. Irgendwie mußte es ihr doch gelingen, diese Tusse von Jean zu entfernen.

"Soso", kommentierte Chris amüsiert. "Mir scheint, Euch gefällt etwas nicht."

"Es ist nichts weiter." Sie warf einen bösen Blick in Richtung Angélique, und prompt platzte es aus ihr heraus. "Es ist diese Tusse!" erklärte sie und deutete in die Richtung wo Jean mit ihr saß.

"Könnte es sein, daß Ihr eifersüchtig seid?" erkundigte sich Chris mehr als belustigt.

"Ich? Nein! Wie kommt Ihr darauf?" beeilte sie sich zu sagen.

"War nur so ein Gefühl..."

"Könnt Ihr mir nicht helfen, die von Jean zu entfernen?" bat sie.

"Warum sollte ich? Damit würde ich schließlich mich Eurer bezaubernden Gesellschaft berauben."

"Weil Ihr ein Gentleman seid, der doch sicherlich einer unglücklichen Lady hilft..." Sie seufzte und guckte betrübt drein. "Das ist alles so unfair."

"Immerhin ist Jean mein Freund - Ihr müßt Euch schon alleine überlegen, wie Ihr ihn zurückgewinnen könnt."

"Hm. Kann nicht irgendein Ghul einen Kelch Blut auf ihr Kleid schütten?"

"Habt Ihr denn einen?"

"Eben nicht."

"Hm", machte Chris. "Das ist ein Problem."

"Deshalb benötige ich ja Eure Hilfe. Es braucht doch nur ein Ghul versehentlich zu stolpern..."

"Ich kann das leider nicht tun."

Anshara seufzte herzergreifend. Eine Szene würde sie bestimmt nicht machen, das wäre weit unter ihrer Würde. Da Chris immer noch nichts unternahm, sah sie ihn nun an wie ein waidwundes Reh.

"Tse. Wollt Ihr mich umstimmen?" Chris lachte. "Das klappt bei mir aber nicht."

"Hm. Warum nicht?" Sie schaute ihn stirnrunzelnd an. "Bei Jean klappt das in der Regel."

"Ich habe zuviel Erfahrung mit solchen Tricks. Jean ist noch ein Kind."

"Hm. Ich dachte, Ihr kennt Euch schon länger. Warum ist er dann ein Kind und Ihr offenbar nicht mehr?"

"Weil er erst seit neunzehn Jahren unter den Kainskindern weilt, und ich dagegen 326 Jahre."

"Oh. Und was hat Jean in der Zwischenzeit gemacht? In einem Sarkophag überwintert?"

"So ähnlich. Aber das soll er Euch selbst erzählen."

"Er ist gerade mit dieser Angélique zusammen", machte Anshara Chris anklagend aufmerksam.

"Dann hat er wohl keine Zeit."

"Eben", grummelte sie. "Man sollte diese Angel in eine Kiste packen und den Deckel draufnageln!"

"Das würde Euch nicht gelingen. Angel ist schon ein wenig älter, und von einem Kind wie Euch würde sie sich so etwas bestimmt nicht gefallen lassen."

"Ich? Ein Kind?" Anshara guckte ärgerlich. "Ich bin -" Sie schluckte das 'die Verkörperung der Ma'at gerade noch herunter. Jean hatte gesagt, das würde nicht so gut ankommen.

"Ihr seid ein Kind", erklärte Chris.

"Pah!"

"Das ist doch nicht zu übersehen; Ihr seid so unerfahren."

"Püh!"

"Aber süß."

"Wie alt ist denn diese Angélique?" fragte Anshara.

"Abgesehen davon, daß man eine Dame nicht nach sowas fragt, weiß ich es auch nicht." Er guckte sie amüsiert an. "Und was habt Ihr nun vor?"

"Ich werde Pläne schmieden", verkündete sie. "Und in der Zwischenzeit abwarten..." Sie sah tragisch in die Ferne.

"Ooooch", machte Chris vergnügt. "Ihr müßt mich nun entschuldigen; ich muß mich erst einmal wieder um die anderen Gäste kümmern."

"Hm. Wie wäre es, wenn Ihr Euch um diese Angélique kümmert und sie zum Tanzen auffordert?"

"Ich bin nicht ihr Typ, und außerdem würde ich ungerne stören."

"Ach bitte, Chris!" Anshara sah ihn flehentlich an.

"Aber dann habe ich etwas bei Euch gut."

"Hm. - Ja", sagte sie nach einigem Überlegen.

"Versprochen?"

"So lange es mich nicht gefährdet - versprochen."

"Gut. Dann werde ich die beiden mal trennen." Chris betrachtete Jean und Angélique, die momentan damit beschäftigt waren, abwechselnd aus einem Kelch zu trinken. Anshara, die dies auch erspäht hatte, fand das ziemlich frech. Sie setzte sich schon mal in eine günstige Startposition, um sich gleich wieder auf Jean stürzen zu können. Chris zwinkerte ihr zu und ging zu den beiden hinüber.

"Darf ich um diesen Tanz bitten?" fragte er Angel. Diese sah überrascht auf.

"Mais oui", entgegnete sie. Langsam hatte sie Jean genug geholfen, fand sie, da kam Chris gerade recht. Jean guckte schmollend, das Spielchen mit Angélique war so nett gewesen.

Kaum war die dunkelhaarige Schönheit verschwunden, schwebte Anshara zu Jean und okkupierte kurzerhand deren Platz.

"Hallo Jean, na, hast du nett mit deiner Mutter geplaudert?" gurrte sie.

"Du kennst meine Mutter gar nicht", entgegnete er.

"Ts, und ich dachte, es wäre diese Dame gewesen." Sie warf einen niederträchtigen Blick in Angéliques Richtung.

"Meine Mutter war blond."

"Wie wäre es denn mit diesem Tanz?" frangte Anshara.

"Schon wieder tanzen? Hm. Eigentlich hatte ich was anderes vor, aber da man ja hier keine Ruhe hat..."

"Du bist heute reizend", fand sie und zog ihn auf die Tanzfläche. Sie schmiegte sich an ihn; sie würde ihm schon demonstrieren, was er an ihr hatte. "Woher kennst du diese Angélique?"

"Aus Paris."

"Aha. Und wann hast du sie getroffen?"

"Warum?"

"Chris meinte, sie wäre schon ziemlich alt und entsprechend stark. Ich will wissen wie stark."

"Sie ist auf jeden Fall stärker als du."

"Hm." machte Anshara. "Das ist frustrierend, daß ich so schwach bin. Ich wäre gerne stärker..."

Jean sah sich schon wieder suchend nach Chris und Angel um.

"Was findest du nur an der?" wollte Anshara wissen.

"Sie ist schön."

"Bin ich das nicht?"

"Doch", gab Jean zu.

"Und was hat die, was ich nicht habe?"

"Klasse."

"Graaa!" machte sie erbost. "Du würdest doch 'Klasse' nicht mal erkennen, wenn sie dir ins Gesicht springen würde!" Sie warf ihm einen tödlichen Blick zu. Aber was sollte man von so einem unhobelten und ignoranten Lümmel auch erwarten?

"Du mußt dich ja nicht mit mir abgeben."

"Das hast du nicht ganz unrecht." Nun war sie es, die ihn einfach stehen ließ. Anshara ging hoheitsvoll zum Buffet. Jean sah ihr amüsiert nach. Er ließ sich doch nicht so beleidigen... Er beschloß, eine Runde durch den Saal zu machen und sich eine Lady zu suchen, die ihn nicht derart ärgerte.

Anshara trank zwei gut gefüllte Kelche angenehm gewürzten Blutes aus. Von so einem hergelaufenen Heini ließ sie sich doch nicht beleidigen! Verärgert bemerkte sie, daß Jean mit einer hübschen blonden Dame tanzte, und so bemühte sie sich, möglichst verloren zu wirken, damit sich jemand um sie kümmerte. Sie hatte beschlossen, die zuständige Göttin für sie die Auswahl treffen zu lassen, denn wenn sie sich selbst einen Typen aussuchte, der sie wieder enttäuschte, dann war es ihre Schuld - und im anderen Fall war die Göttin dafür verantwortlich. Zu ihrer Frustration wurde sie im allgemeinen Trubel leider übersehen. Nur Jean beobachtete sie unbemerkt und war besorgt, als er sah, wie sie einen Krug nach dem anderen durchprobierte. Gleich war sie wieder betrunken, und was würde dann geschehen?

Zum Glück nahm er nicht wahr, daß Anshara immer nur ein Tröpfchen in ihren silbernen Kelch goß und daran nippte; schließlich hatte sie nicht vor, noch einmal die Kontrolle über sich verlieren.

Als er das 15. Glas zählte und erblickte, wie sie herzzereißend in die Runde spähte, eilte er sorgenvoll zu ihr hin.

"Meinst du nicht, du trinkst zuviel?"

"Was kümmert es dich?" deklamierte sie leidend. "Du findest mich ja nicht der Beachtung wert."

"Das habe ich nie gesagt."

"Und warum hast du mich dann so grausam beleidigt und bis ins Innerste verletzt, indem du mich einfach stehen ließest wie ein... ein... was-weiß-ich?" Sie schniefte.

"Weil du mich wie dein Eigentum behandelt hast."

"Du solltest dich eher geschmeichelt fühlen, daß ich dich erwählt habe!"

"Das gefällt mir aber nicht. Ich bin weder dein Sklave noch sonst etwas in der Richtung."

"Habe ich das je behauptet?" Sie guckte ihn verwundert an.

"Du tust so, als könntest du permanent über mich verfügen."

"Ist mir gar nicht aufgefallen. - War es denn so schlimm?"

"Ich will tun, was ich möchte", maulte er.

"Kannst du doch auch. Naja, so lange du dir nicht irgendwelche anderen Gespielinnen suchst."

"Warum denn nicht?"

"Weil mich das irritiert." Anshara guckte gen Boden. "Naja, vielleicht bin ich ja doch ein klitzekleines bißchen eifersüchtig..."

"Wie kommt das?" wollte Jean wissen.

"Hm. Du hast doch auch so komisch geguckt, nur weil ich mit Chris getanzt habe."

Jean überging das lieber und beschloß, ein wenig zerknirscht zu gucken. Immerhin war er ziemlich gemein zu ihr gewesen.

"Und was jetzt?" fragte er. "Vertragen wir uns wieder?"

Anshara schaute ihn prüfend an.

"Nur wenn du zurücknimmst, daß ich keine Klasse habe." Dies hatte sie ziemlich in ihrer Eitelkeit getroffen.

"Na gut, ich nehme es zurück", sprang er über seinen Schatten.

"Gut. Dann mag ich mich wieder mit dir vertragen", erklärte sie hoheitsvoll.

"Fein."

"Und was unternehmen wir nun?"

"Ich wollte eigentlich noch einige Tänze absolvieren."

"Doch wohl hoffentlich mit mir?" Sie sah ihn kokett an.

"Ich habe doch schon mit dir getanzt."

"Ooooch Jean! Du kannst das so gut."

"Findest du? Ich halte mich eher für mittelmäßig."

"Mir gefällt es."

"Dann tanze ich noch mal mit dir", eröffnete er großzügig.

"Ts", machte Anshara und schüttelte den Kopf, ehe sie ihm die Hände reichte. Jean führte sie zur Tanzfläche und gewährte ihr ein paar Tänze, mehr als er ursprünglich vorgehabt hatte.

"Jetzt habe ich aber genug", meinte er nach einer Weile.

"Stimmt. Die Tanzerei hat mich ziemlich durstig gemacht. Ich könnte etwas zu trinken gebrauchen."

"Ts, mir scheint du bist eine ziemliche Säuferin."

"Naja, wo es hier so leckeres Blut gibt. Das ist absolut kein Vergleich zu den Typen, die ich bislang getrunken habe", fand sie.

"Man beißt eben nicht überall hinein. - Ah! Gleich beginnt das Feuerwerk", stellte Jean fest, als immer mehr der Gäste nach draußen auf die Terrasse strömten.

"Ist es schon so spät?" fragte Anshara erstaunt. Irgendwie war die Zeit wie im Fluge vergangen.

"Ja. Sollen wir hinausgehen? Von der Terrasse können wir es am besten sehen."

"Oh ja! Sie hängte sich bei ihm ein, und sie flanierten im Strom der anderen Gäste zur Terrasse. Erstaunlicherweise war der Himmel heute sternenklar, und die Luft klirrte vor Kälte. Der Garten des Palastes war völlig finster; man konnte nicht viel mehr als Schatten erkennen.

Jean setzte sich auf das Geländer der Terrasse, während Anshara sicherheitshalber stehen blieb.

"Noch zehn Minuten", erklärte er.

"Ich bin schon höchst gespannt", meinte Anshara und betrachtete den Himmel. "Oh! Eine Sternschnuppe!"

"Wo?"

"Da!" Sie deutete in die ungefähre Richtung, aber da war der fallende Stern schon erloschen.

"Seufz", machte Jean. "Irgendwie ist heute eine komische Nacht."

"Hm. Ist irgend etwas anders als sonst?"

"Mir ist einfach anders." Er beobachtete den Himmel. Noch fünf Minuten bis Mitternacht... Es fiel eine weitere Sternschnuppe, und diesmal erspähte er sie, wie sie ein Stück den Himmel entlang huschte, um kurz darauf spurlos zu vergehen. Jean seufzte. Er fand Sternschnuppen hübsch, aber leider waren sie so vergänglich.

"Hast du dir etwas gewünscht?" erkundigte Anshara sich.

"Ja", erwiderte er. "Das gehört doch dazu. - Gleich müßte das Feuerwerk anfangen."

"Stimmt." In der Ferne schossen bereits einige Übereifrige Raketen ab.

"Ich hoffe, es ist des Wartens wert." Jean setzte sich schon einmal in eine günstige Position, um ja nichts zu verpassen. Anshara huschte rasch noch einmal hinein, um zwei Pokale eisgekühlten Blutes zu holen, von denen sie einen Jean überreichte.

"Danke." Er spielte mit dem Glas herum und stieß mit ihr an, als die Glocken aller Kirchen Mitternacht verkündeten. Anshara leerte das Glas in einem Zug, um möglichst wenig vom Feuerwerk zu verpassen, das sie andächtig betrachtete. Jean nippte nur von seinem Kelch und stellte ihn auf das Geländer. Er war von den farbenprächtigen Raketen, die den Himmel erhellten, ebenfalls völlig fasziniert.

Anshara war völlig in den Farben versunken, auch wenn sie es ärgerlich fand, daß die bunten Sternchen nur so kurze Zeit aufleuchteten. Wie sollte man sie da in aller Ruhe bewundern? Jean erwachte erst wieder aus seinem ehrfürchtigen Staunen, als die letzte Rakete schon fünf Minuten vergangen war. Anshara trauerte den bunten Bildern am Himmel nach. Jetzt dauerte es wieder so lange, bis das nächste Feuerwerk fällig war. Vielleicht sollte man einmal eins außer der Reihe als Kunstwerk veranstalten.

"Seufz", machte Jean. Solch vergängliche Kunstwerke waren frustrierend.

"Stimmt, es war viel zu kurz", bedauerte Anshara.

"Was machen wir nun?" wollte er wissen. "Ich bin ziemlich niedergeschlagen."

"Gehen wir hinein. - Ich hätte auch noch Stunden zusehen können", meinte sie.

"Ich auch." Jean rutschte vom Geländer und nahm sein Glas wieder auf. Er betrachtete es gedankenverloren, als er hinter Anshara herlief, die ins Haus zurückkehrte. Sie stellte ihren Pokal irgendwo ab; er würde schon von irgendeinem Dienstboten eingesammelt und gespült werden.

"Ich habe keine Lust mehr zu bleiben", erklärte Jean. "Du brauchst wegen mir aber noch nicht zu gehen."

"Ach weißt du, das Feuerwerk ist vorbei, ich habe genug getrunken - also, was soll ich jetzt noch hier?"

"Gut."

Anshara verabschiedete sich rasch von Chris und bedankte sich noch einmal für die Einladung, ehe sie in die Runde winkte und mit Jean den Saal verließ. Jean hatte einen Ghul angewiesen, ein Taxi zu ordern, und sie brauchten nur kurz zu warten, bis es erschien.

Die Fahrt verlief schweigend, da beide noch ziemlich in Gedanken versunken waren.

* * *

"Seufz", machte Anshara, als sie vor dem Hotel standen und das Taxi abgefahren war. "Irgendwie geht die Zeit immer so schnell um. Kaum hat man sich versehen, ist ein Jahrzehnt um..."

"Stimmt."

"Irgendwie finde ich das beunruhigend."

"Wir werden doch nicht älter."

"Naja, trotzdem. Mir kommt es so vor, als ob alles um einen herum zerfällt", erklärte sie.

"Ich lebe wohl noch nicht lange genug, um sowas beurteilen zu können."

"Du mußt dir nur Ägypten ansehen! Das Land ist ruiniert!"

"Naja", meinte Jean. "Dazu kann ich nicht viel sagen."

"Sieh es dir doch nur an - sogar die großen Pyramiden bröckeln!"

"Ich habe sie nie gesehen."

"Oh, Jean, ich muß sie dir unbedingt mal zeigen. Auch wenn sie schon lange nicht mehr so toll aussehen wie früher..."

"Wir haben ja Zeit. Sehr viel Zeit", sagte er vergnügt.

"Oh ja! Alle Zeit der Welt..."

"Das auch."

"Es gibt so viele interessante Sachen, die wir mal besichtigen können. Zum Beispiel möchte ich zu gerne mal den schiefen Turm von Pisa sehen, die Kanäle von Venedig, die sixtinische Kapelle in Rom..."

"Das wirst du schon noch alles zu sehen bekommen", versicherte Jean ihr lächelnd.

"Das wäre wundervoll. Und dann ist da noch dein Frankreich - Notre Dame, der Eiffelturm..."

"Da das alles in Paris liegt, wirst du es vermutlich recht bald sehen."

"Toll! Zuerst den Louvre, dann die Sorbonne... Und den Arc de Triomphe!"

"Ich werde dir schon alles zeigen", versprach er.

"Prima!" Sie strahlte ihn an.

"Ich glaube, wir sollten langsam hineingehen."

"Oh, stimmt. Ich werde froh sein, wenn ich gleich den ganzen Schmuck loswerden kann. Die Menge ist sogar für mich zuviel."

"Hm, laß mal sehen." Jean hob Anshara hoch. "Du hast recht."

Bei der natürlich unbesetzten Rezeption vollführte Jean das übliche Ritual des Angelns nach den Schlüsseln, ehe sie nach oben gingen. Im Gang vor den Zimmern blieben sie stehen.

"Was sollen wir heute noch anstellen?" erkundigte er sich. "Auf eine andere Party habe ich eigentlich keine Lust, und in den Clubs ist überall Fête..."

"Das ist ein Problem", stimmte sie zu. "Was können wir denn heute noch anstellen? Hm." Sie musterte ihn nachdenklich. "Kommst du noch ein bißchen zu mir?"

"Hm", machte nun auch Jean und maß Anshara mit einem nachdenklichen Blick.

"Hilfst du mir, mein Kostüm abzulegen?"

"Warum nicht."

"Prima."

Sie gingen in Ansharas Zimmer, und Jean musterte sie von oben bis unten.

"So, und was soll nun abgelegt werden?" fragte er.

"Alles, was golden ist." Sie stellte sich in Pose.

"Aha. - Euer Wunsch ist mir Befehl." Er begann, alles goldene von ihr zu entfernen, und sie trug nicht wenig davon. Schließlich stand sie gänzlich im Freien. Jean betrachtete ihr Make-Up und den Nagellack.

"Den Rest Gold kriege ich aber so nicht ab." Er kniete vor ihr auf dem Boden nieder und sah zu ihr hoch.

"Und was befiehlst du jetzt?"

"Hm, was befehle ich?" Sie betrachtete ihn amüsiert. "Erhebe dich vom Boden, mein Hübscher und laß mich sehen, was unter deiner finsteren Verpackung steckt."

"Wie Ihr wünscht", meinte Jean und stand auf, woraufhin Anshara ihn methodisch entpackte. Ein Haufen schwarzer Kleidungsstücke bildete sich neben dem goldenen.

"Ich muß mich korrigieren", stellte Anshara nach eingehender Betrachtung fest. "Du bist nicht nur hübsch, sondern eher wunderschön."

"Selbstverständlich."

Sie umkreiste ihn andächtig.

"Rundum perfekt!"

"Wie es sich gehört. - Und jetzt?"

"Laß mich dich anknabbern!" Sie knabberte zunächst vorsichtig an seinem Beinen und Armen herum, bis sie sich seinem Hals näherte.

"Da kommst du nie 'ran", kommentierte er belustigt.

"Stimmt", seufzte sie. Selbst wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellte, reichte das nicht ganz. Jean sah auf sie herunter.

"Also?"

"Du bist zu groß", schmollte sie. "Leg dich hin!" Sie zog ihn kurzerhand zu ihrem Bett.

"Gut."

Anshara krabbelte zu ihm und begann, ihn allüberall anzuknabbern. Jean betrachtete sie; Anshara war mit ziemlicher Begeisterung bei der Sache, und das ließ er sich all zu gerne gefallen.

"Was hast du mit mir vor?"

"Ich werde dich mit Haut und Haaren verspeisen."

"Meinst du, ich bin bekömmlich?"

"Das muß ich erst ausprobieren. - Wenn du magst kannst du ja auch mal meine Geschmacksrichtung erkunden." Sie hielt ihm ihren Arm an, und Jean knabberte, ziemlich vorsichtig.

"Schmeckt nach Farbe", fand er.

"Püh. Du kannst mich ja gerne abschrubben."

"Ich liege gerade so schön..."

"Ich bin nicht ganz eingefärbt." Sie hielt ihm ihre Schulter hin.

"Stimmt. Das schmeckt nicht nach Farbe. Hast du noch andere Geschmackrichtungen?"

"Ich könnte dir noch Parfüm und Badeöl anbieten."

"Ich glaube, ich habe nur eine Geschmacksrichtung."

"Macht nichts." Sie arbeitete sich weiter an ihm entlang. Jean räkelte sich genüßlich, das gefiel ihm immer besser. Anshara hingegen mußte sich immer mehr zusammennehmen, nicht doch einmal stärker zuzubeißen.

Jean sah sie mit einem merkwürdigen Blick an. Er war anscheinend ziemlich weit weg mit seinen Gedanken und gab zufriedene Geräusche von sich. Anshara gluckste; das hörte sich putzig an. Sie widmete sich ihm geraume Zeit weiter.

"Das kannst du ruhig öfter machen", fand er schließlich.

"Gerne, so lange du dich mir so willig hingibst..."

"Ich bin meist ziemlich willig", bemerkte Jean.

"Ich merke das schon."

"Allerdings darfst du keine Aktionen von mir erwarten."

"Warum nicht? Ich hätte nichts dagegen, auch mal verwöhnt zu werden."

"Solange du nicht von mir abläßt, keine Chance. Ist sowas wie ein Reflex."

"Nun gut..." Sie gab ihn frei und legte sich besonders präsentabel zurecht. Jean drehte sich auf den Bauch und betrachtete sie erst einmal.

"Wo fange ich an?"

"Wo immer du willst..."

"Gut." Er biß ihr leicht in den Zeh, und sie quietschte auf.

"Das kitzelt", kicherte sie. Jean nahm sich ihre Finger vor. Anshara gluckste. Das war lustig. Als er nun ihre Hand bearbeitete, begann sie zu schnurren.

"Eine Miezekatze!" fand er.

"Genau." Sie maunzte zufrieden.

"Du bist echt süß", erklärte er und sah ihr aus kürzester Entfernung in die Augen.

"Das beruhigt mich." Sie erwiderte seinen Blick

"Du hast goldene Punkte in den Augen", stellte er fasziniert fest.

"Klar. Damit mein Goldschmuck besser zu mir paßt."

"Stimmt." Jean gab ihr einen Kuß. Das fand sie besonders anregend, und sie schlang die Arme um ihn. Alles ihrs!

Er guckte belustigt, ließ aber nicht von ihr ab, wobei Anshara es überaus praktisch fand, daß sie keine Luft mehr holen mußte. Jean gingen ähnliche Gedanken durch den Kopf.

Schließlich gab er sie doch wieder frei und flüsterte ihr einige Dinge auf Französisch ins Ohr.

"Hm? Was willst du mir mitteilen?" erkundigte sie sich.

"War nicht so wichtig", wehrte er ab.

"Du mußt mir dieses dumme Französisch beibringen", seufzte sie. "Am besten sofort."

"Aber dann verstehst du meine spontanen Äußerungen."

"Genau. Aber ich dachte, wenn ich doch mit nach Paris will, sollte ich es auf jeden Fall können."

"Na schön."

"Super. Was heißt z.B. danke?"

"Merci."

"Ah! - Merrsee", sagte Anshara mit ziemlich amerikanischem Akzent.

"Furchtbar." Jean verzog das Gesicht. "Deine Aussprache ist schrecklich."

"Dann müssen wir eben üben."

"Zweifellos." Er machte es ihr noch einmal vor, und sie sprach ihm folgsam nach.

"Wie lange werde ich wohl brauchen, bis ich es richtig kann?"

"So ein- bis zweihundert Jahre."

"Waaaaas?"

"Was dachtest du?"

"Englisch habe ich in knapp fünf Jahren gelernt."

"Naja, früher oder später wirst du wohl auch des Französischen mächtig sein. Allerdings wird vermutlich jeder merken, daß du eine Ausländerin bist."

"Naja, hauptsache, ich verstehe es und kann mich darin verständigen. Hm. Aber Deutsch muß ich auf jeden Fall auch noch lernen", beschloß sie.

"Eigentlich hatte ich nicht vor, noch lange hier zu bleiben."

"Aber man kann ja nie wissen", fand sie. "Vielleicht erwische ich ja irgendwann wieder einmal ein falsches Flugzeug..."

"Ich nehme dich an die Leine", wurde sie von Jean beruhigt. "Ich verlaufe mich selten. - Wann fliegen wir?"

"Das ist mir ziemlich egal. Ich bin ohnehin nur irrtümlich hier. - Meine einzige Sorge gilt meinen Sarkophagen und den anderen Sachen, die wir noch aus meiner Höhle in Karnak holen müssen."

"Darum werde ich mich schon kümmern. - Was hältst du davon, wenn wir jetzt rasch packen, uns danach in die Falle hauen und am Abend losfliegen?"

"Gut." Anshara seufzte. "Wobei mir einfällt, daß ich gar keine Koffer besitze - nur die Einkaufstüten..."

"Hm, dann packen wir alles in meine Koffer. Ich habe mehr als ich brauche, da ich mir hier noch einen ganzen Satz gekauft habe."

"Das ist ja praktisch." Sie zog ihn erneut an sich und küßte ihn zum wiederholten Male. Das machte wirklich Spaß.

"Ich glaube, wir sollten langsam packen."

"Gut." Sie erhob sich von ihrem Lager und zog sich ein einfaches Kleid über, ehe sie begann, ihre Kleidungsstücke zusammenzuraffen, um sie in Jeans Zimmer hinüberzuschaffen. Auch er zog sich rasch an, bevor er ihr dabei half.

Diesmal gingen sie ein wenig früher ins Bett, da sie noch eine anstrengende Nacht vor sich hatten.

* * *

Am Abend des 1. Januar 1982 hatte Jean zwei Plätze für einen Last-Minute-Flug von Frankfurt nach Paris gebucht.

Die beiden bezahlten den noch ausstehenden Betrag für das Hotel und fuhren in einem Großraumtaxi mit den ganzen Koffern zum Flughafen Frankfurt/Main, wo sie zunächst das Gepäck aufgaben.

Im Flughafen hielt Jean Anshara wohlweislich an der Hand, damit sie nicht in einen falschen Flieger steigen konnte.

"Ich bin ja schon so gespannt auf Paris", rief sie aus.

"Ich hoffe, es gefällt dir."

"Sobald ich beginne, die Leute dort zu verstehen, bestimmt."

"Die meisten können auch Englisch, obwohl der Prinz von Paris in der Regel darauf besteht, Französisch zu sprechen. Er sagt immer C'est la langue suprême - pourquoi il me faut que je parle en une autre?"

"Und das heißt?"

"Französisch ist die Sprache, warum sollte ich eine andere verwenden?"

"Oh."

"Nun komm, unser Flug wird gerade aufgerufen!"

Sie gingen durch die Kontrollen in die Air France Maschine, wo sie von einer Stewardess zu ihren Plätzen gewiesen wurden.

"So, bald sind wir in Paris", verkündete Jean.

Ce conte sera continué à Les premières nuits à Paris


Back to Top of Page | WoD Stuff | WoD Fanfics


This page belongs to Stayka's World of Darkness Page at http://Technocracy.info

© by Stayka deyAvemta - Email: control@technocracy.info


Valid XHTML 1.0! Valid CSS!