Paris à Nuit

(c) 1995/96 by Shavana & Stayka

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Kapitel 1: Stille Nacht

Man schrieb Dienstag, den 17. Dezember 1985, 16:51 Uhr.

Ausnahmsweise war es Anshara St.Germain bereits um diese unheilige Zeit gelungen sich anzukleiden. Sie wartete auf ihren Gefährten Jean LeCartres und bewunderte sich in der Zwischenzeit im Spiegel. Doch, ihr Anblick war durchaus annehmbar, fand sie - der blauschwarze Pagenkopf, der ein ovales Gesicht mit goldschimmerndem Teint umrahmte, die großen, bernsteinfarbenen Augen mit den goldenen Flecken und dazu passend natürlich der goldockerfarbene, warme Hosenanzug. Das einzige, was sie wie stets störte, war ihre - wie sie fand - viel zu geringe Größe von nur 1.60m.

Als sie ihre Musterung im Spiegel abgeschlossen hatte, lag Jean immer noch im Bett. Vor Sonnenuntergang erhob er sich nie freiwillig aus den Federn, also trabte Anshara in sein völlig schwarz eingerichtetes Zimmer, das er folgerichtig Chambre de la Nuit, also Nachtzimmer, nannte.

Anshara hatte sich im Chambre du Soleil - dem Sonnenzimmer - häuslich eingerichtet, dessen Farben optimal zu ihr paßten, denn der Raum war mit exquisiten antiken Möbeln eingerichtet, die alle aus einem goldschimmernden Holz bestanden und teilweise mit passendem Stoff bezogen waren.

In Jeans Zimmer herrschte völlige Dunkelheit, und sie schaltete das Licht ein. Sein blasser Teint bildete einen starken Kontrast zum nachtfarbenen Interieur, und Anshara ließ ihre Blick zärtlich über seine beinahe elfenhaft schönen Züge gleiten, ehe sie sich zu ihm herabbeugte, um ihn mit einem sanften Kuß zu wecken.

Jean schlief nach dem fünften Kuß immer noch wie tot, woraufhin sie nun rabiatere Methoden anwandte und ihn rüttelte und schüttelte. Wer sich von einem Kuß nicht wecken ließ, war selbst dran schuld. Es dauerte noch eine Weile, bis er endlich die Augen öffnete.

"Jean! Anziehen!"

"Was ist denn?" knurrte er.

"Wir müssen noch die Weihnachtsgeschenke für Michelle, Natalie, Simon, Yvette, Marc und Marcel kaufen!"

Gestreßt zog sich Jean die Decke über den Kopf.

"Nun komm schon! Wie sieht es denn aus, wenn wir es dieses Jahr schon wieder vergessen?" Sie zog ihm die Decke weg.

"Ich vergesse es jedes Jahr."

"Eben. Und das finde ich sehr peinlich."

"Warum?"

"Weil wir von den genannten Personen bislang noch immer etwas bekommen haben. Naja, zugegeben, von Simon nicht, aber ich finde, wir sollten ihm auch mal was schenken."

"Muß das sein?"

"Sicher. Er hat mir ein Ritual beigebracht, mit dem ich meine Haare wachsen lassen kann. Allein schon dafür."

"Hm", machte Jean, der das nicht als Grund für ein Geschenk ansah.

"Und er hat mir wirklich viel über die Kainskinder beigebracht."

"Hm", wiederholte er. Zumindest sagte Anshara jetzt immer 'Kainskinder' und nicht 'Vampire' wie zu Anfang, als er sie getroffen hatte.

"Was könnten wir ihm denn schenken?"

"Woher soll ich das wissen?"

"Immerhin ist er dein Erzeuger." Jean seufzte. Sicher, vor etwa 350 Jahren hatte er von Simon den Kuß empfangen, der ihn in die Reihen der Untoten aufgenommen hatte, aber deshalb hatte er noch lange kein gutes Verhältnis zu ihm.

"Na und? Frag du ihn doch!" Anshara schien erheblich besser mit ihm auszukommen als er, Jean, aber vermutlich lag das daran, daß sie die meisten Männer um den Finger wickeln konnte, untot oder nicht. "Am besten, du denkst dir einfach etwas aus, immerhin kennst du ihn mittlerweile auch schon drei Jahre lang."

"Naja, so halb... Er sagt nicht sehr viel über sich", bemerkte sie. "Und jedes Mal, wenn ich irgendwo nachhake, kriege ich nur dieses dumme Grinsen als Antwort."

"Es gibt so gut wie niemanden, der weiß, was Simon verbirgt."

"Aber wenigstens ist er ein guter Lehrer. Und er ist auch nicht ganz so schlimm, wie du am Anfang immer behauptet hast."

"Das kommt immer auf seine Stimmung an, und in letzter Zeit hatte er erstaunlicherweise recht gute Laune. Vermutlich liegt es daran, daß er momentan keinen Ärger mit den anderen Kainskindern hat. Er ist wohl zu sehr mit dir beschäftigt..."

"Naja, er weiß schließlich soooo viel und ich soooo wenig..."

"Wenn Du es sagst."

"Zugegeben, in Medizin und altägyptischer Geschichte kenne ich mich besser aus, aber sonst hätte ich ja nichts, was ich ihm im Austausch für sein Wissen in Thaumaturgie und Informationen über die Kainskinder anbieten kann."

Jean guckte gestreßt. Er fand diese ganze Lernerei ziemlich öde und eroberte sich demonstrativ die Decke zurück.

"Jean, es ist schon 17:12 Uhr! Jetzt komm schon, ich habe keine Lust, alleine loszuziehen."

"Du bist ein Quälgeist." Seufzend kletterte er aus dem Bett. Er haßte es, so früh aufzustehen.

"Brav!" Zur Belohnung gab Anshara ihm einen Kuß und ein paar Streicheleinheiten, was er sich zu gerne gefallen ließ. Unterdessen dirigierte sie ihn in Richtung Bad.

"Ich hasse es, mich gleich wieder in diesen Trubel stürzen zu müssen", murrte er.

"Och Jean..." Sie klimperte mit den Wimpern. "Wir brauchen doch nur die Geschenke."

"In der Stadt ist es um die Zeit aber immer so voll."

"Dann finden wir bestimmt auch den einen oder anderen Happen zu trinken."

"Stimmt, ich bin ziemlich hungrig", gab Jean zu und streckte sich, ehe er sich kurz abduschte und danach anzog. Ganz entgegen seiner Gewohnheit brauchte er diesmal nicht viel länger als eine halbe Stunde dafür.

Anshara bewunderte ihn wie stets - die makellose, fast weiße Haut, die dunkeltürkisfarbenen Augen, das lange, schwarze Haar... Sie seufzte. Er war einfach schön.

"Ist was?"

"Dein Anblick ist wie stets unvergleichlich", erklärte sie und verschlang ihn mit den Augen. Jean grinste. "Es ärgert mich, daß du so wundervoll hochgewachsen bist und ich dagegen so klein", fuhr sie fort. Tatsächlich war er ganze fünfunddreißig Zentimeter größer als sie.

"Klein aber süß", fand er, und sie schwebte zu ihm hin und schmiegte sich an ihn.

"Laß uns loswandern", sagte sie. "Ich hoffe nur, daß Marc den Wagen vollgetankt hat. Gestern war er schon auf Reserve."

"Du fährst doch immer damit herum, also könntest du auch tanken."

"Du weißt doch, daß ich den Tankverschluß nie aufkriege."

Jean sah zur Decke und seufzte. "Frauen!"

"Der geht nun mal so schwer", schmollte sie.

"Schwächling."

"Mal sehen, vielleicht mache ich demnächst mal Bodybuilding", erklärte sie in einem Tonfall, der eher so klang wie 'so bald aber bestimmt nicht'.

"Könnte Dir bestimmt nicht schaden."

"Das ist aber anstrengend", seufzte sie. "Außerdem bist du doch groß und stark."

"Immer ich."

"Wer sonst?"

"Das ist ja das Problem", maulte Jean. "Du solltest dir vielleicht einen Bodyguard zulegen."

"Ich könnte Marc fragen..."

"Der ist mein Ghul. Such dir selber was."

"Michelle ist leider nicht stärker als ich..."

"Selbst schuld. Du hättest Dir eben auch einen Sterblichen mit Muskeln als Ghul aussuchen sollen."

"Kann ich etwas dafür, daß sie mich beim Einbruch in die Blutbank erwischt und dann erklärt, daß sie ein absoluter Vampirfan ist und auch einer werden will?"

Anshara hatte Michelle dieses so gerade eben ausreden können, aber wenigstens ein Ghul wollte die ehemalige Krankenschwester werden. Glücklicherweise hatte François Villon, der Prinz von Paris, ihr erlaubt, einen Ghul zu erschaffen, und seither waren Michelle und sie gut befreundet und hatten sogar eine gemeinsame Naturheilpraxis eröffnet.

"Du solltest ja nicht alleine losziehen. Ich hatte dir doch gesagt, daß du das noch nicht kannst."

"Püh!" Sie schmollte ihn an. Jean gan ihr einen Kuß, ehe sie zur Garage gingen, wo ihr silbergrauer Mercedes 230 Automatik stand. Die Farbe war ein Kompromiß gewesen, da Jean lieber einen schwarzen Wagen gehabt hätte und Anshara weiß bevorzugte.

Sie fuhren durch den dichten Abendverkehr in die City, wo sie mit viel Glück einen Parkplatz fanden. Von dort war es nur ein kurzer Weg bis zu den Hauptgeschäftsstraßen.

"Jetzt müssen wir nur sehen, wo wir am besten die Geschenke bekommen."

"Du bist der Experte."

"Hm... Michelle kaufe ich einen schönen Seidenschal", begann Anshara mit ihrer Aufzählung. "Marc mag doch alte Sherrys, oder habe ich das falsch in Erinnerung?"

"Nein, das stimmt."

"Für Marcel dachte ich an einen neuen Walkman, da auch sein letzter vorgestern wegen Überbeanspruchung den Geist aufgegeben hat, Yvette... Hm, was kann man Yvette schenken?"

"Keine Ahnung", entgegnete Jean schulterzuckend.

"Was mag sie zum Beispiel an Musik?"

"Weiß ich nicht."

"Hm... Sie sagt so selten etwas über sich."

"Ich weiß nur, daß sie permanent liest oder vor dem Computer hängt."

"Dann sollten wir ihr ein paar interessante Bücher besorgen."

"Das wird ihr bestimmt gefallen."

"Gut. Natalie bekommt Pastellkreiden, und dann bleibt eigentlich nur noch Simon. Was für ein Glück, daß ich das Geschenk an Chris schon abgeschickt habe."

"Die Post braucht um die Weihnachtszeit auch ewig."

"Eben. Habe ich noch jemanden vergessen?"

"Ja, mich."

"Gar nicht wahr. Das Geschenk für dich habe ich schon bestellt, als du noch geschlafen hast. Es ist manchmal sehr praktisch, daß du so lange und tief schläfst."

"Schmoll", machte Jean. Zu seinem Bedauern war er furchtbar neugierig.

"Es ist ein sehr schönes Geschenk", erzählte sie. "Genau das richtige für dich. Ich bin sicher, du bist begeistert, wenn du es Weihnachten auspacken darfst."

"Weihnachten", seufzte Jean.

"In einer Woche", stimmte Anshara zu, und Jean seufzte. "Du bist nicht zufällig neugierig?"

"Ich? Nö, überhaupt nicht", behauptete er. "Ich habe leider noch gar kein Geschenk für irgendjemanden. Mir fällt einfach nichts ein."

"Das solltest du aber ändern. Laß einfach deine Phantasie spielen."

"Ich habe keine, das weißt du doch."

"Also, wenn du mich verwöhnst, kann ich mich eigentlich nicht über einen Mangel an Phantasie beklagen."

"Dann ist es ja gut", kommentierte er belustigt.

"Ich könnte dich ja beraten. Oder wir könnten den Leuten gemeinsam etwas schenken."

"Wie du willst." Jean betrachtete ein Schaufenster. "Vielleicht fällt mir ja auch selber etwas ein. Mal sehen, was ich so finde."

"Hast du auch schon etwas für mich?"

"Nö. Mir ist noch keine Idee gekommen."

"Oh." Anshara setzte einen Schmollmund auf.

"Ich hasse diese Überlegerei am frühen Abend. Aber es hat ja auch noch etwas Zeit."

"Eine Woche."

"Also massig Zeit - wo willst du nun hin?"

"Gibt es hier irgendwo einen esoterischen Buchladen?"

"Ja, da vorne. 'Akchara' heißt das Geschäft. Yvette hat dort schon öfter eingekauft, und sie erzählte, daß sie dort auch Material von Wert neben dem ganz normalen esoterischen Kram entdeckt hatte."

Sie wanderten zu der Buchhandlung, wo Anshara prompt einen Vorhang aus schwarzblauem Samt erspähte, der mit allerlei silbernen antiken magischen Symbolen dekoriert war. Sie hatte die Zeichen schon einmal auf einigen der Schriftrollen des Thoth gesehen, die sie vor Urzeiten aus dem Tempel der Ma'at geklaut hatte, als sie noch unter den Lebenden weilte. Schnurstracks steuerte sie auf den Vorhang zu und passierte ihn, da ihre vampirischen Sinne allerlei mystische Energien dahinter verspürten. Jean folgte ihr neugierig.

Eine Verkäuferin versuchte, sie aufzuhalten, wurde aber von einem herrischen Blick auf ihren Platz verwiesen, und Anshara betrat den indirekt erleuchteten Raum hinter dem Vorhang.

"Was suchst du hier?" fragte Jean neugierig.

"Interessante Lektüre für Simon und Yvette." Die prallgefüllen Regale, die einen Großteil des Raumes einnahmen, waren mit antiken Bänden überladen, aber neben ledergebundenen Wälzern fanden sich auch Schnellhefter mit Computerausdrucken auf Endlospapier.

Lautlos trat ein schwarzgekleideter junger Mann zu ihnen. Bis auf ein aufrechtes silbernes Pentagram an einem Lederband um den Hals trug er keinen Schmuck.

"Suchen Sie etwas Bestimmtes?" Er hatte eine angenehme Stimme, mit der er seinen Kunden offenbar Vertrauen einzuflößen versuchte.

"Ja", entgegnete Anshara, die just in diesem Moment einen Entschluß gefaßt hatte. "Einmal bräuchte ich Schriften zur Pflanzenmagie der Schamanen und zum anderen würde mich interessieren, ob sie auch neuzeitliche Kommentare zu den Schriften des Djehuti - pardon, Thoth - haben."

Jean guckte ziemlich gelangweilt in die Regale. Fast ausschließlich Bücher, stellte er fest. Wie öde. An einer Seite des Raumes stand ein kleiner Tisch mit einer Decke aus schwarzem Samt, auf der ein silberner Kerzenleuchter stand. Ein Tarotdeck aus anscheinend antiken, mit Blattgold verzierten Karten lag darauf. In einer hohen Glasvitrine neben dem Tisch befanden sich diverse magische Gegenstände, einige davon offenbar aus echten menschlichen Knochen. Jean war besonders von den silbernen Talismanen fasziniert.

Der Verkäufer führte Anshara zu einem Regal, in dem mit Leder und Menschenhaut eingebundene Bücher standen, und sie nahm das eine und andere alte Buch heraus und blätterte darun, wobei sie sich ärgerte, daß sie weder Latein, noch Altgriechisch, noch Hebräisch beherrschte. Aber wenigstens sprach sie mittlerweile Französisch perfekt. Naja, nicht ganz perfekt, denn Jean fand bei ihrer Aussprache immer etwas, an dem er herummäkeln konnte.

Da sie sich offenbar ernsthaft für die Ware interessierte, wurde Anshara ausführlich beraten. Zwischendurch wandte sie sich kurz an Jean.

"Die Sachen hier sind fast alle sehr interessant für Simon und Yvette", bemerkte sie.

Jean sah von einem magischen Talisman aus Federn und Zinn auf. "Das meiste ist hier nicht viel wert. Sowas kann man doch nicht verschenken!" Er deutete auf eine Kette aus Holzperlen, die sich mit Metallstücken abwechselten. 'Orgon-Ladekette' stand darunter. Anshara runzelte die Stirn, irgendwo hatte sie schonmal von Orgon-Energie gehört, konnte diese aber beim besten Willen nicht einordnen.

"Also, die Bücher sind jedenfalls authentisch", widersprach sie. "Riech mal!" Sie hielt ihm ein uraltes Werk unter die Nase, das offenbar mit Menschblut geschrieben worden war.

"Eh", machte Jean und drehte den Kopf weg. "Ich hatte noch kein Frühstück!"

"Excuse-moi", sagte Anshara und stellte den Band wieder ins Regal zurück. "Aber du siehst, was ich meine."

"Ja", gab er zu.

"Also, ich nehme das, das und die beiden", eröffnete Anshara dem Verkäufer und deutete auf vier der Bücher, ehe sie sich der Vitrine zuwandte. Der Verkäufer nickte würdevoll und verpackte die Bände in schwarzes Seidenpapier.

"Noch was?" wollte Jean wissen.

"Augenblick, ich wollte nur mal die Sachen in der Vitrine begutachten." Sie peilte in den Glasschrank, wo neben undefinierbaren Talismanen allerlei magische Ingredienzen in Apothekerfläschchen standen und Amulette und Ketten funkelten.

Jean spielte derweil mit dem Tarot herum. Ganz nett, fand er.

"Guck mal, die haben sogar lebende Moskitos und echte Frauentränen hier", staunte die Ägypterin. Ihr Begleiter guckte neugierig.

"Aber leider können wir das kaum gebrauchen."

"Stimmt... - So, ich hätte jetzt alles. Was ist mit dir?"

"Ich weiß nicht", zögerte er. "Ein paar Sachen gefallen mir schon."

"Ich möchte ja gerne ein Tarot haben, aber von denen hier gefällt mir keins." Sie fächerte das Deck auf, das auf dem Tisch gelegen hatte.

"Nö, das ist viel zu golden", meinte Jean. "Und außerdem ist es eine Fälschung."

"Sie glauben doch wohl nicht, das wir das echte Tarot der Päpstin Johanna offen hier liegen lassen?" meinte der Verkäufer belustigt. Er hatte Haare von der selben Farbe wie seine Kleidung, aber seine Augen waren von einem strahlenden Grün, das höchst beunruhigend wirkte.

"Natürlich nicht", erwiderte Jean. "Aber das hier vergrault ja jedes Fünkchen Interesse."

"Es ist Dekoration. Ein Tarot, daß durch so viele Hände geht wie dieses hier ist für einen echten Okkultisten zur Divination wertlos."

"Es ist häßlich", sagte Jean gnadenlos.

"Die Darstellungen sind Geschmackssache", bemerkte der Verkäufer.

"Keine Frage." Jean gefiel das Teil einfach nicht. "Ich habe für Tarots eh nicht viel übrig", sagte er abfällig.

"Das ist kein Makel", erklärte der Mann mit einem amüsierten Funkeln in den Augen. Er war ungemein selbstbewußt und schien in keinster Weise von Jean oder Anshara beeindruckt zu sein, obwohl Menschen normalerweise eher unbehaglich auf Vampire reagierten, vor allem, wenn diese ungehalten waren.

"Sie sollten beim Verkaufen ihres Krams bleiben und sich herablassende Bemerkungen über mögliche Kunden verkneifen, wenn Sie etwas loswerden wollen", knurrte Jean.

"Meine Kundschaft weiß üblicherweise, was sie will." Der Verkäufer verkniff sich das 'und wenn Sie es nicht wissen, dann sind Sie in dieser Abteilung falsch' so gerade eben. Jean wurde langsam wirklich ärgerlich. Er haßte solch eine pampige Anmache vor dem Frühstück.

Anshara, die mittlerweile sah, daß die Aura des Verkäufers förmlich Funken sprühte, sah Jean warnend an und zog ihn zu sich, doch das paßte ihrem Gefährten überhaupt nicht.

"Was soll das?" fuhr er sie an.

Anshara zog ihn ein Stück zu sich herab, damit sie ihm ins Ohr flüstern konnte. "Der Typ kann echte Magie", sagte sie leise, aber eindringlich.

"So?" machte Jean verächtlich. Der Magier hob belustigt eine Augenbraue.

"Die sind gefährlich", warnte sie.

"Ach ja?" fauchte Jean sie an. "Und was soll ich da tun? Weglaufen?"

"Es wäre auf jeden Fall eine sichere Option", kommentierte sie trocken.

"Ach", machte er ungehalten.

"Simon hat schließlich immer wieder betont, daß Magier erheblich stärker sind."

"Das weiß ich."

"Gut."

Obwohl die beiden ihre Diskussion sehr leise geführt hatten, war sie dem Verkäufer nicht entgangen, denn Magier besaßen Fähigkeiten, die den geschärften Sinnen der Kainskinder vergleichbar waren, auch wenn sie auf anderen Prinzipien beruhten. Er amüsierte sich sichtlich über die beiden Untoten, die offenbar nicht vorhatten, ihm etwas anzutun (obgleich er sich sicherheitshalber bereithielt, die Sphären Leben und Materie einzusetzen, mit welchen die Magier sich gegen die Vampire zu verteidigen wußten). Vermutlich gehörten sie noch zu den Jungen ihrer Art.

"Vor allem kann ich es überhaupt nicht leiden, wenn sich jemand über mich amüsiert", beschwerte sich Jean etwas lauter.

"Ich mag es auch nicht", meinte Anshara leise, "aber wenn derjenige höchstwahrscheinlich stärker ist als ich, dann überlege ich mir dreimal, was ich unternehme..."

"So? Das wüßte ich aber." Anshara war seines Erachtens eine Meisterin im übereilten Handeln.

"Humpf", machte sie, ehe sie beschloß, das Thema zu wechseln. "Laß mich rasch bezahlen, dann können wir gehen. Es sei denn, du willst dir auch noch etwas zulegen."

"Ich kann mich beherrschen."

Bald darauf waren sie wieder draußen auf der überfüllten Geschäftsstraße, und der frostige Dezemberwind kühlte Jeans Ärger ein wenig ab, obwohl ihm die Lust aufs Einkaufen ziemlich vergangen war.

Anshara sah sich nach einem Laden für Designermoden um, um den geplanten Seidenschal für Michelle zu erstehen. Jean trottete hinter ihr her, als sie in das Geschäft ging und knurrte vor sich hin. Binnen fünf Minuten hatte sie sowohl das Geschenk für Michelle als auch zwei weitere Schals für sich erstanden.

Als sie einige Zeit später vor einem Geschäft für Künstlerbedarf standen, hatte Jean sich endlich beruhigt.

"Was brauchst du noch?" wollte er wissen.

"Pastellkreide, Sherry und den Walkman."

"Dann sind wir hier ja richtig."

"Stimmt. Mal sehen, dann kann ich mir auch gleich ein paar Blei- und Tuschestifte kaufen."

Anshara setzte ihr Vorhaben gleich in die Tat um, und auch dieses Paket nahm Jean entgegen, ebenso wie die vier Flaschen alten Sherrys aus dem nächsten Geschäft und dem Walkman aus dem dritten.

"Noch etwas?" erkundigte er sich schließlich.

"Wir sollten die Einkäufe ins Auto packen und uns anschließend einen kleinen Snack genehmigen."

"Gut."

Nach der Mahlzeit war Jean wieder richtig guter Laune und sah sich unternehmungslustig um. "Und was machen wir heute nacht?"

"Hm... Hast du einen Vorschlag?"

"So langsam haben wir schon alles in und um Paris besichtigt", meinte er nachdenklich. "Wie wäre es, wenn wir einfach so 'rausfahren? Die einzige Frage wäre dann allerdings - wohin?"

"Wir könnten ja jemanden oder etwas besuchen", schlug Anshara vor. "Aber leider fällt mir außer Le Club des Vampires nichts ein."

"Da waren wir doch erst vorgestern. Außerdem ist heute Rocknacht."

"Rocknacht? Du meinst, Marcel und La Mort Finale verpassen den Anwesenden mal wieder eine Dröhnung?"

"Richtig. Eigentlich brauche ich mein Gehör noch."

"Seufz. Wüßtest du nicht jemanden, den man besuchen könnte?"

"Du kennst doch alle meine Bekannten in Paris." Jean dachte nach. "Obwohl, wir könnten Gereint besuchen."

"Gereint?" Anshara konnte sich nicht entsinnen, diesen Namen schon einmal gehört zu haben.

"Er ist einer meiner 'Brüder'."

"Oh ja, das würde mich schon interessieren, denn außer Simon und Yvette kenne ich ja immer noch nichts von deiner 'Verwandschaft'."

"Ich befürchte nur, du könntest mich dann verlassen wollen..."

"Warum das?"

"Du hast Gereint noch nie gesehen."

"Ist er noch hübscher als du?"

"Finde ich schon."

"Hm. Aber ich glaube nicht, daß ich dich verlasse. Dazu habe ich dich viel zu lieb." Abgesehen davon hatten sie und Jean ein beidseitiges Blutsband, das dafür Sorge tragen würde, daß sie zusammen blieben.

"Es ist aber eine längere Fahrt", sagte er. "Gereint wohnt etwa zwei Autostunden von hier an der Küste, in der Nähe von St-Valéry an der Somme."

"Das geht noch."

"Du fährst ja..."

"Zwei Stunden machen mir nichts. Wir sollten aber sicherheitshalber gucken, wo wir notfalls unterwegs übertagen können."

"Es ist gerade mal 19:30 Uhr", machte Jean sie aufmerksam.

"Das heißt, wir haben etwa zwölf Stunden. Doch, das sollte reichen."

Ohne noch einmal bei Jeans Haus vorbeizufahren, um die Geschenke auszuladen, machten sie sich auf den Weg nach St-Valéry.

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Kapitel 2: Das Kainskind und die Magierin

Zwei Stunden später erreichten sie die kleine Stadt und fuhren daran vorbei, da die Zuflucht Gereints etwas außerhalb lag. Man spürte sofort, daß das Meer nah war. Die Luft war voller Salz und anderer Gerüche.

"Das riecht gut", fand Jean. "Ich war schon zu lange nicht mehr hier."

"Es riecht nach Fisch", entgegnete Anshara.

Jean schüttelte amüsiert den Kopf und dirigierte Anshara über diverse Feldwege zu einem alleinstehenden Turm mit rundem Querschnitt und einem Schieferdach.

"Das ist ja eine tolle Zuflucht", bewunderte Anshara den Bau. Sie parkten den Mercedes neben dem Turm und gingen zu der massiven Tür. Jean betätigte den wunderschönen goldenen Klopfer, und sie warteten gespannt auf eine Reaktion. Anshara sah nach oben und guckte genauer hin. Sie hatte den Eindruck, als ob vielfarbige Funken aus einem der Fenster oben sprühten.

Ihr Gefährte hatte ebenfalls ein komisches Gefühl, als er die Tür berührte und zog schnell die Hand weg. Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, unangemeldet hier aufzutauchen. Inzwischen waren Schritte zu hören, als jemand die Treppe herunter kam. Anshara hatte sich halb hinter Jean versteckt, da sie diese Funkensprüherei höchst befremdlich fand.

Ein Schlüssel klapperte im Schloß, dann schwang die schwere Tür auf.

"Oh, hallo Jean", begrüßte Gereint diesen und lünkerte hinter der Tür hervor. Anshara erspähte einen außerordentlich hübschen jungen Mann mit einer wilden, kupferroten Mähne und tiefgrünen Augen und war entzückt.

"Der ist ja wirklich niedlich", äußerte sie.

Gereint sah etwas irritiert auf Anshara herab (er war auch fast dreißig Zentimeter größer als sie, bemerkte sie leicht frustriert) und zog sich lieber noch etwas mehr hinter die Tür zurück.

"Wer ist denn das?" fragte er mißtrauisch.

"Das ist Anshara", stellte Jean sie vor. "Mein Bruder Gereint."

"Hallo", machte sie und guckte peinlich berührt zu Boden. Manchmal sollte sie doch lieber ihren Mund halten.

"Hi", erwiderte Gereint und kam wieder ein paar Zentimeter hervor. Er mochte keine Fremden. Als Anshara feststellte, daß in Gereints Aura ebenso wilde Funken sprühten wie oben aus dem Fenster, nur in der vampirisch blassen Variante, versteckte sie sich sicherheitshalber wieder hinter Jean.

"Eh", protestierte der und zog seine Gefährtin hervor, ehe er sich erneut an Gereint wandte. "Ich dachte mir, wir könnten dich mal besuchen, oder ist es gerade ungünstig?"

"Nein. Du weißt doch, ich bin nie vorbereitet."

Anshara musterte Gereint weiterhin und guckte irgendwo zwischen entzückt und unbehaglich. Sie wußte nicht so recht, was sie von Jeans 'Bruder' halten sollte. Dieser setzte eine leicht verlegene Miene auf.

"Aber wir stehen hier...", begann er. "Kommt doch herein."

Gereint schloß erst wieder seine Haustür ab, dann führte die beiden die Treppe hinauf in einen runden Wohnraum. Anshara sah sich neugierig um. Der Raum war sehr rustikal eingerichtet mit vielen Fellen, die über den Möbeln und auf dem Boden lagen. Dazwischen standen allerdings hin und wieder völlig unpassende, chromglitzernde HiTech-Gerätschaften herum.

"Setzt Euch doch", lud Gereint seine Besucher ein und ließ sich auf einem der Fellstapel nieder. In Ermangelung anderer Sitzgelegenheiten folgte Anshara seinem Beispiel, während Jean zum Fenster ging und auf das Meer hinaussah. "Du hast mich schon lange nicht mehr besucht", eröffnete Gereint. "Ist sie der Grund?" Er betrachtete die hübsche kleine Vampirin mit wissenschaftlicher Neugierde.

"Zum Teil", erwiderte Jean.

Anshara betrachtete gerade ein besonders befremdliches elektronisches Gerät, das in ihrer Reichweite an der Wand stand. Der Hausherr sah ihr amüsiert dabei zu, denn offenbar war sie keine Gefahr für ihn, da sie mit Jean liiert war. Er haßte die übermäßige Aufmerksamkeit, die ihm überall gezollt wurde, wo er auftauchte, denn zu seinem phänomenalen Äußeren hatte er einen eher unpassenden Makel: Er war extrem schüchtern und fühlte sich in größeren Mengen überhaupt nicht wohl.

"Was sind das alles für Geräte?" konnte Anshara schließlich ihre Neugierde nicht mehr bezähmen. Sie deutete auf das Konstrukt, das ihr am nächsten war.

"Hm... Wenn ich mich recht entsinne, ist es ein 'Sonischer Extradim-Exkavator'."

"Ein was bitte?" fragte Anshara verdutzt. Gereint wiederholte den Begriff, was es ihr nicht im mindesten klarer machte. Während sie weiter darüber meditierte, ging Gereint zu Jean herüber und sah ebenfalls hinaus in die Nacht.

"Bleibt ihr hier?"

"Mal sehen", meinte Jean. "Wahrscheinlich werden wir es heute nicht mehr nach Paris zurück schaffen."

"Das macht nichts. Im Turm ist genug Platz. Wie geht es Simon und Yvette?"

"Hervorragend."

"Ich schaffe es irgendwie nie, sie zu besuchen."

Während die beiden sich über dies und das unterhielten, erhob Anshara sich, um die Geräte von näherem zu betrachten, wobei sie sorgsam darauf achtete, nichts zu berühren. Auch der zweite und dritte Apparat entzog sich völlig ihrem Verständnis. Offenbar handelte es sich hierbei um eine spezielle Form abstrakter Kunst, konstatierte sie. Gereint betrachtete sie aus den Augenwinkeln.

Etwas polterte die Treppe herunter, und ein wahrhaft riesiger Hund tapste in den Raum. Neugierig schnüffelte er hinter Anshara her, die er noch nicht kannte. Sie düste sofort zu Jean und versuchte, sich hinter ihm zu verstecken.

"Was soll denn das?" nörgelte er, da er beinahe aus dem Fenster gefallen wäre. "Der tut dir doch nichts."

"Sicher?" Sie spähte ganz vorsichtig hinter ihm hervor.

"Ja, er hat mich auch noch nie gefressen."

"Sein Name ist Odin", erläuterte Gereint und kraulte den Hund hinter den Ohren.

"Hallo Odin", grüßte Anshara pflichtschuldig, was darin resultierte, daß seine feuchte Nase an ihr herumschnüffelte. "Ieeh, laß das", schimpfte sie. "Das ist unfein und eklig!"

Odin empfand das prompt als Aufforderung zum Spielen und hopste um sie herum.

"Muß das sein?" quietschte sie entnervt und versuchte, sich hinter Jean zu retten, aber der lehnte sich demonstrativ an die Wand.

"Du wirst dich doch nicht vor einem Hündchen fürchten!"

"Ich fürchte mich nicht vor ihm, er hat eine nasse Nase!"

"Das haben Hunde so an sich", kommentierte Gereint. "Er tut aber wirklich nichts."

"Er verunreinigt nur meine Kleidungsstücke", beschwerte sie sich.

"Odin, komm her", befahl Gereint, und der Hund trabte zu ihm und legte sich hin.

"Wenigstens hört er", meinte Anshara erleichtert.

"Natürlich", empörte Gereint sich. Er empfand jedweden Zweifel an seiner Fähigkeit, Tiere zu dressieren, als Affront.

"So selbstverständlich ist das nicht."

"Bei meinen Tieren schon." Er war sichtlich verärgert, setzte sich auf die Fensterbank und streichelte weiter seinen Hund. Anshara beschloß, das Tier zu ignorieren und bewunderte lieber die Kunstwerke. Ob Gereint wohl damit schon einmal eine Ausstellung gehabt hatte? Sie fragte ihn danach.

"Nein, was sollen die Dinger da?" kann es irritiert zurück.

"Also, ich finde, Kunstwerke gehören in eine Ausstellung, damit man sie bewundern kann."

"Das sind keine Kunstwerke, sondern wissenschaftliche Erfindungen", stellte er richtig.

"Oh", machte Anshara peinlich berührt. Das nächste Fettnäpfchen... Jean betrachtete Gereint und Anshara nachdenklich. Sie schienen sich aus irgendwelchen Gründen nicht sonderlich zu verstehen. Er stellte sich neben seinen Bruder.

"Ich bin sicher, sie hat es nicht so gemeint", versuchte er zu vermitteln und angelte nach Gereints flammender Mähne, die im Nachtwind wehte.

"Hm? Was habe ich nicht gemeint?" wollte Anshara wissen.

"Alles", erklärte Jean.

"Ich weiß schon, warum ich am liebsten keinen Besuch habe", maulte Gereint.

"Nun stell dich nicht so an."

"Okay, okay, ich entschuldige mich für alles, was ich getan haben soll", sagte Anshara, obwohl sie sich keiner Schuld bewußt war.

"Sie weiß ja nicht einmal warum", stellte Gereint fest, und Jean sah sie ärgerlich an.

"Wenn mir keiner sagt, was los ist", schmollte sie.

"Du solltest keine Kinder herbringen", wandte sich Gereint an Jean. "Sie verstehen viel zu wenig." Natürlich war Anshara jetzt gänzlich eingeschnappt. Jean sah von einem zum anderen und schüttelte entnervt den Kopf.

"Ihr seid schrecklich. Seht zu, daß ihr euch wieder vertragt - ich mache derweil eine Runde durch das Haus."

"Ich habe doch gar nichts getan", verteidigte Anshara sich.

"Ist mir egal", äußerte er und ging aus dem Wohnraum, in dem sich nun eine ungemütliche Stille ausbreitete, da Gereint aus dem Fenster sah und das Meer beobachtete, während Anshara über die Kunstw- äh, Geräte meditierte.

Da er trotz allem viel zu neugierig war, spähte Gereint immer wieder zu ihr herüber, um in Erfahrung zu bringen, was sie unternahm. Sie umkreiste gerade einen besonders komplexen Apparat und ging in die Knie um auch die tiefer liegenden Ebenen mit gebührender Aufmerksamkeit zu bedenken.

"Das ist ein subastraler Entropieverstärker mit einem Materie/Lebens-Wirkungskreis", eröffnete Gereint.

"Und was ist das genau?" fragte Anshara beinahe verzweifelt. Irgendwie war das wohl etwas zu hoch für sie.

"Hm", begann Gereint. "Es ist ein Gerät, mit dem Magie fokussiert werden kann. Ich meine, echte Magie, nicht so etwas wie die Thaumaturgie bei uns Kainskindern."

"Hm. Und wo ist der Unterschied? Ich dachte immer, die Tremere wären Magier..."

"Sie waren Magier, bis sie ihren Versuch starteten, der sie schlußendlich in Kainskinder verwandelte. Der Unterschied ist, daß Kainskinder sogenannte 'statische Magie' verwenden, während die Magier mit den neun Sphären arbeiten."

"Äh... Ich muß zugeben, daß ich so gut wie gar nichts verstehe... Was ist statische Magie?"

"Statische Magie ist Magie, die dem kollektiven Unterbewußtsein entspricht. Sie ist von sehr starren Mustern abhängig."

"Was sind Sphären?"

"Sphären sind bestimmte Elemente der Realität, die von Magiern manipuliert werden können."

"Oh." Anshara musterte ihn intensiv. "Seid Ihr ein Magier? Ich dachte, Kainskinder könnten keine echte Magie ausüben."

"Das kann man so oder so sehen. Aber ich denke nicht, daß ich ein Magier bin."

"Ihr seid ein Kainskind vom Toreador-Clan wie Simon und Jean, nicht wahr?"

Gereint nickte.

"Ist es nicht ungewöhnlich, wenn sich Toreadors für Magie interessieren?" Normalerweise war das definitiv die Domäne der Tremere.

"Eigentlich schon, aber wir - die Kinder von Simon und er - sind anscheinend alle etwas anders."

"Naja, ich kann ja mittlerweile auch ein bißchen Thaumaturgie", erklärte Anshara stolz. "Ich kann mir endlich meine Haare wieder wachsen lassen."

"Wenn man genügend Kinder findet", schränkte Gereint amüsiert ein.

"Stimmt. Das Problem habe ich auch schon bemerkt", seufzte sie. Gereint lachte.

"Wer schön sein will, muß sich eben anstrengen."

Ansharas setzte einen tragischen Blick auf. "Ich habe erst vier Strähnen zusammen, das lohnt sich noch nicht. Ich habe zwar schon versucht, in ein Schullandheim einzubrechen, aber da waren zwei Wachhunde."

"Ich wette, sie waren riesengroß."

Anshara nickte heftig.

"Das ist ein wirkliches Problem."

"Eben! Einer von ihnen hat mein Kleid zerrissen!" Anshara schniefte. Es war so eine schöne, schneeweiße Robe gewesen...

"Ihr hättet den Tieren eben Einhalt gebieten müssen. Ihr seid schließlich größer als ein Hund."

"Nicht größer als die. Außerdem waren sie in der Überzahl."

Gereint sah wieder schweigend auf das Meer.

"Habt Ihr eigentlich diese ...Apparate gebaut?"

"Ich? Nein."

"Wer dann? Ein echter Magier?"

"Genau. Aber sie hat keinen Platz mehr dafür in ihrem Labor, und ich finde die Dinger sehr interessant."

"Stimmt. Sie sind definitiv künstlerisch wertvoll." Sie musterte ein anderes der Objekte, und Gereint sah ihr dabei zu. "Ich verstehe das zwar nicht, aber es sieht toll aus", erklärte sie.

"Es paßt nur leider nicht so recht zu meiner Einrichtung. Ich muß zugeben, bei den meisten der Geräte verstehe ich den Sinn auch nicht ganz."

"Oh. Habt Ihr immer noch Kontakt zu dem Magier, der die Sachen gebaut hat?"

Just in diesem Moment öffnete sich die Tür, und eine hübsche, hochgewachsene Frau in einem schneeweißen Arbeitsoverall mit vielen Taschen betrat den Raum. Sie hatte ihre rotgoldenen Haare aufgesteckt, und nur ein paar widerspenstige Strähnen umrahmten ein blasses Gesicht mit ein paar Sommersprossen und einem blauvioletten und einem smaragdgrünen Auge.

"Guten Abend", sagte sie. "Ich habe gerade die letzten Sätze gehört und muß eine Sache unbedingt klarstellen. Ich bin keine Magierin, ich bin eine Wissenschaftlerin", verkündete sie nachdrücklich. "Gestatten, ich bin Professor Branwyn von Llyrdis." Sie streckte ihre Hand aus und bemerkte einen schwarzen Ölfleck. "Hoppla!" Mit einem entschuldigenden Grinsen wischte sie die Hand an ihrem Overall ab, und sehr zu Ansharas Faszination blieb dieser blütenweiß, und der Ölfleck auf der Hand war verschwunden.

"Das ist Anshara, die Gefährtin von Jean", stellte Gereint sie vor, da sie noch zu sehr über das Ölfleckmysterium staunte. Im zweiten Anlauf schüttelte Branwyn ihre Hand. Anshara betrachtete sie ungeniert von oben bis unten. So sah eine Mag- äh, Wissenschaftlerin aus? Bei genauerem Hinsehen hatte sie auch eine Schmierspur im Gesicht, und sie spielte abwesend mit einem Stromprüfer herum.

"Sehr erfreut", meinte Branwyn.

"Haben wir dich gestört?" fragte Gereint. "Wir hatten ja schon lange keinen Besuch mehr."

"Deshalb dachte ich, es wäre eine gute Idee, einmal nachzusehen, was hier los ist." Sie maß Anshara mit einem Blick voll klinischer Neugierde. Da die junge Frau kein Schläfer war (sonst hätte der Schläferdetektor im Türrahmen direkt bei ihrem Eintritt Alarm geschlagen und sie hätte sich mit dem schmutzabweisend imprägnierten Overall etwas zurückgehalten), gehörte sie höchstwahrscheinlich zu den Kainskindern, vermutete Branwyn. Um das genau zu analysieren, müßte sie jedoch ihren Fokus für die Lebenssphäre aus dem Labor holen, und dazu war sie gerade zu faul. Sie sollte ihren Korrespondenz-Fokus nicht immer oben liegen lassen, dann könnte sie die Sachen auch herbeitransmittieren.

"Anshara findet deine Geräte interessant."

"Ja?" Branwyn strahlte sie mit unverholenem Erfinderstolz an. "Sie sind mir auch recht gut gelungen, finde ich. Vor allem der subastrale Entropieverstärker mit dem Materie/Lebens-Wirkungskreis..."

Anshara runzelte die Stirn. Das hatte sie heute doch schon mal gehört? Sie deutete auf das Objekt, welches von Gereint so bezeichnet worden war. "Dieses? Ja, das fand ich auch höchst faszinierend."

Branwyn sah sie perplex an. "Kennen Sie sich damit aus?"

"Äh, nein", machte Anshara verlegen. "Ich hatte Monsieur Gereint gefragt, worum es sich handelte..."

"Ah."

Nun tauchte auch Jean wieder in dem Wohnraum auf, wo seine Gefährtin immer noch ganz fasziniert Branwyn betrachtete, denn diese war definitiv die erste echte Magierin, die sie bis jetzt gesehen hatte, wenn man von dem Typen in dem Buchladen absah, der möglicherweise einer gewesen war.

Jean ignorierte Branwyn wie meistens, weil sie ihm irgendwie unheimlich war. Nur Gereint zuliebe blieb er in ihrer Nähe.

Professor von Llyrdis seufzte. Sie hatte bestimmt ein halbes Dutzend wissenschaftlicher Experimente in ihrem Labor, die dringend ihrer Anwesenheit bedurften, und sie sah in die Runde.

"Entschuldigt mich bitte einen Moment - ich muß aufpassen, daß meine Extradimenergiezapfanlage nicht überlädt und womöglich explodiert." Sie wetzte nach oben in ihr Labor.

Jean gab einen erleichterten Seufzer von sich, als die Magierin verschwunden war. Sie war ihm ganz und gar nicht geheuer.

"Mademoiselle Branwyn ist höchst faszinierend", fand Anshara. "Gibt es eigentlich viele Magier?" wandte sie sich an Gereint.

"Wie viele sind viele?" gab er zurück. "Es kommt auf die Gegend an." Die Technokratie gab als Erhebung an, daß es auf der ganzen Welt vielleicht zwei- bis zehntausend Magier insgesamt geben sollte, aber deren Zahlen waren vermutlich hauptsächlich Propaganda.

"Nehmen wir einmal Paris."

"Da sind einige", überlegte er.

"Huch! Und warum habe ich dann bis jetzt noch keinen davon gesehen?

"Weil sie auch eine Form der Maskerade wahren und ihre Magie in der Regel nicht öffentlich zeigen."

"Oh! Haben die dann auch Prinzen, bei denen sich ein Magier vorstellen muß?"

"Nein, aber die Chantries kümmern sich darum."

"Hm. Wie wird man eigentlich Magier?" wollte Anshara wissen. "Gibt es dafür ein magisches Ritual?"

"Nein. Es passiert eben - man 'erwacht'."

"Aha. Kann ich denn eine Magierin werden?"

"Nein. Bei der Vampirwerdung wird der Avatar - die Kraft, die dem Magier seine Macht gibt - zerstört."

"Das ist gemein."

"Eher Schicksal. - Habt Ihr noch weitere Fragen?"

"Ich habe noch unendlich viele Fragen - aber sie fallen mir leider gerade nicht ein", seufzte sie.

"Tse", machte Gereint belustigt.

"Gibt es vielleicht eine Art 'Magierfibel'?"

"Nun, Branwyn schwört auf das Kitab al Alacir und die Zeitschrift Paradigma. Ich werde sie mal fragen, ob sie Euch etwas davon ausleiht."

"Das wäre prima!"

"Ihr seid ziemlich wißbegierig", stellte Gereint belustigt fest, woraufhin Anshara heftig nickte.

"Was sollte man über die Magier eigentlich unbedingt wissen?" erkundigte sie sich.

"Daß man als Kainskind einen möglichst großen Bogen um sie herum machen sollte."

"Sind die denn derart gefährlich?"

"Ziemlich."

"Auch Branwyn?" Die kam Anshara eigentlich hauptsächlich chaotisch bis zerstreut vor. "Sie sieht gar nicht so schlimm aus. Außerdem sagt sie, sie sei gar keine Magierin, sondern Wissenschaftlerin..."

"Nun, sie gehört zu der Tradition, die sich als 'Söhne des Äthers' bezeichnet - beziehungsweise 'Kinder des Äthers', wie Branwyn bevorzugen würde. Und die Magier - pardon, Wissenschaftler - dieser Tradition sind halt ein wenig ...anders als andere Magier..."

"Tradition? Ist das ein Magierclan oder so etwas wie eine Blutlinie bei uns?"

"So ähnlich. Es gibt unter Magiern neun Traditionen, fünf Konvente und einige unabhängige Gruppierungen."

"Und wie unterscheiden sich Traditionen und Konvente?"

"Die Traditionen sind älter und unterstehen dem Rat der Neun. Die Konvente sind Gruppierungen der Technokratie. Und ehe du weiter fragst - der Rat und die Technokratie stehen sich ähnlich gegenüber wie Camarilla und Sabbat."

"Ah, ich sehe. Dann sind die Kinder des Äthers also eine Art Camarilla-Clan der Magier."

"So könnte man es formulieren", bemerkte Gereint belustigt.

Jean langweilte sich derweil unsäglich, denn Magie interessierte ihn überhaupt nicht. Er war schon froh, daß er das bißchen Thaumaturgie beherrschte, das ihm Simon beigebracht hatte.

"Können Magier und Thaumaturgen eigentlich magische Rituale untereinander austauschen?"

"Nein." Zumindest nicht, wenn der Magier bei seinem Ritual die neun Sphären verwendete.

"Schade", seufzte sie und guckte so betrübt, daß Gereint vergnügt lachte.

"Was kennt Ihr denn an thaumaturgischen Ritualen?" bohrte Anshara weiter.

"Viele."

"Oh! Bringt Ihr mir welche davon bei?"

"Warum sollte ich das tun?"

"Weil ich Euch gaaaanz lieb darum bitte." Sie sah ihn an und klimperte mit den Wimpern. Gereint betrachtete das interessiert.

"Ich bin noch nicht überzeugt." Anshara bemühte sich also, ihn elegant zu becircen, wobei er wiederum versuchte, gleiches mit gleichem zu vergelten. Jean beobachtete das irritiert und guckte von einem zum anderen. Er wurde gar nicht mehr beachtet, stellte er betrübt fest.

"Also - werdet Ihr mir nun etwas beibringen?"

"Welches Ritual hattet Ihr denn im Sinn?"

"Eigentlich alle - aber wenn Ihr so fragt... Es gibt doch irgendeins, mit dem man durch Wände gehen kann, oder?"

"Ja, die Körperlose Bewegung."

"Dann will ich das lernen!"

"Könnt Ihr es denn überhaupt beherrschen? Es ist ein drittstufiges Ritual."

"Und?"

"Ihr seid bestenfalls eine Thaumaturgin der ersten Stufe."

"Und woran merkt Ihr das?"

"Am Können." Beziehungsweise an ihrer Ahnungslosigkeit, aber das wollte er lieber nicht so formulieren.

"Hm. Was fehlt mir am Können?"

"Zwei Stufen."

"Und wo kriege ich die her?"

"Üben."

"Humpf."

Gereint fand die kleine Toreador-Dame ungemein amüsant und beschloß, ihr das Ritual zu erklären. Die einstündige Vorbereitungszeit würde ihn für diese Dauer von ihren Fragen erlösen.

Jean hat mittlerweile ein Buch entdeckt und begann, vor Langeweile darin herumzublättern. Zum Glück war es ein Comic (Astérix et Cleopatre), das hieß, mehr Bilder als geschriebene Worte. Er verglich die gezeichnete Kleopatra mit Anshara und fand, daß sie ihr wirklich ähnlich sah.

Schließlich hatte sich Anshara die Spiegelscherbe umgehängt und war der Ansicht, sie hätte sich ausreichend vorbereitet. Schnurstracks nahm sie Kurs auf die nächste Wand und rannte frontal vor die Mauer.

"Autsch!"

Jean prustete los und auch Gereint konnte sich das Grinsen nicht verkneifen.

"Seid froh, daß das nicht funktioniert hat", kommentierte er. "Immerhin sind wir etwa zwölf Meter über dem Erdboden."

"Oh", machte Anshara verdutzt. "Warum hat es denn nicht geklappt?"

"Es ist wohl doch zu schwierig für Euch."

"Das glaube ich nicht." Verbissen rannte sie weiter vor einige Türen und Innenwände. "Das ist frustrierend", beschwerte sie sich, während die beiden Männer sich nicht mehr einkriegten.

"Bestimmt ist meine Scherbe kaputt", mutmaßte sie, und Gereint mußte schwer an sich halten, um nicht laut zu lachen.

"Ich finde das Ritual ziemlich leicht." Er hatte in der Zwischenzeit auch die Vorbereitungszeit beendet und führte es ihr vor. Es sah tatsächlich völlig trivial aus. Anshara schmollte.

"Was habt Ihr, das ich nicht habe?" grummelte sie.

"Ahnung", grinste er.

"Graaa!" Sie stampfte mit dem Fuß auf. Es machte Plopp!, und Branwyn materialisierte scheinbar aus dem Nichts. Diesmal hatte sie ihren Teleportgürtel umgelegt, der ihr als Fokus für die Sphäre Korrespondenz diente und ihr einfache Ortsverschiebungen damit ermöglichte.

"Was soll der Lärm?" entrüstete sich die Wissenschaftlerin. "Ich arbeite. Ich wollte sagen, ich versuche es!"

"Anshara übt sich in der Körperlosen Bewegung", erklärte Gereint.

"Kann sie das nicht leiser tun?"

"Nein. Sie hat das mit dem 'körperlos' noch nicht so ganz heraus. Du hättest ja in deinem Labor bleiben können."

"Es wurde von dem Krach bis in seine Grundfesten erschüttert."

"Du solltest deine Mithörverstärker abstellen."

"Ich hatte die subsonische Transmissionseinheit gar nicht aktiviert", behauptete sie treuherzig.

"Das glaube ich dir nicht, meine Liebe", meinte Gereint. "Du aktivierst sie doch immer, wenn ich hier bin."

"Der Klang Deiner Stimme liefert die Energie für den Schallwellenakku, mit dem ich meine conflektorische Akustikakzelerationseinheit betreibe..."

Anshara war dem Austausch fasziniert gefolgt. Sie verstand nur Bahnhof und Kofferklauen.

"Dann sollte ich wohl in Zukunft lieber stumme Selbstgespräche führen."

"Das kannst du mir doch nicht antun!"

"Kann ich nicht?" fragte er. Branwyn schüttelte energisch den Kopf, und ein paar rotgoldene Strähnen entwischten aus dem hastig aufgesteckten Dutt. "Und was willst du dagegen tun?"

"Hm, das wäre endlich ein Grund, den Hirnwellenrecorder zu bauen. Da fällt mir gerade ein - mit einem Akustikwandler, den ich daran anschließen kann, hätte ich fast eine komplette Telepathie-Maschine erfunden! Es fehlt nur der passende Sendemechanismus..." Sie strahlte ihn an. "Das muß ich unbedingt bauen!"

"Willst du mich ausspionieren?"

"Wozu? Du erzählst mir ja doch früher oder später alles." Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. "Übrigens, der neue Kühlschrank ist fertig. Wie besprochen mit allen Extras, wie dem Wunsch-Mixer und der Stasiskammer."

"Du bist wundervoll.", schwärmte Gereint.

"Ich weiß." Sie warf ihm eine Kußhand zu, und er erwiderte die Geste.

"Wenn ich dich nicht hätte."

"Dann müßtest du dir alles selber bauen." Sie lächelte ihm zu und trabte wieder nach oben, wobei sie ganz vergaß, daß sie eigentlich ihren Teleportgürtel noch umhatte.

"Entschuldigt mich bitte einen Moment." Gereint joggte hinter Branwyn her und kam kurz darauf mit einem Zeitungsstapel und einem Buch zurück.

"Das ist das Lesematerial, von dem ich gesprochen hatte", erklärte er und drückte es ihr in die Hände. "Das Kitab al Alacir hat sie leider nur im arabischen Original, aber das Paradigma ist in Französisch.

"Oh danke!" Anshara war diesmal ganz froh darüber, daß sie in ihren ersten Jahren in der Neuzeit in Ägypten Arabisch gelernt hatte, und das Französische beherrschte sie mittlerweile glücklicherweise auch. Sie blätterte neugierig in den Zeitungen.

"Das sieht ja extrem interessant aus", freute sie sich, auch wenn sie vieles nicht ganz verstand.

"Branwyn sagt, sie braucht die Sachen zwar im Augenblick nicht, möchte sie aber irgendwann wieder haben."

"Kein Problem." Anshara bewunderte die Abbildungen einiger besonders wilder Gerätschaften, bei denen ihr nicht einmal die Untertitel weiterhalfen.

Gereint ließ sich auf einen der Fellstapel fallen und betrachtete Anshara beim enthusiastischen Blättern. Jean war mittlerweile fast durch den Astérix-Comic durch, aber zum Glück lagen da noch zwei weitere. Gereint ergriff seine Harfe, um etwas darauf herumzuklimpern.

Nach einer ganzen Weile bemerkte Anshara, wie sie langsam müde wurde. Ihr Kopf sank langsam nach unten, und sie fing sich mit einem Ruck wieder.

"Müde?" fragte Gereint.

"Ja", gab sie zu. Dabei war sie gerade an so einer interessanten Stelle...

"Darf ich Euch Euer Zimmer zeigen?"

"Oh ja, bitte." Sie packte das Lesematerial zusammen, und der Hausherr führte sie ein Stück die Treppe herunter zu einem fensterlosen Schlafzimmer.

"Das ist ja perfekt", fand Anshara und sah sich bewundernd um, ehe sie die Zeitschriften vorsichtig auf dem Boden deponierte. "Wo steckt denn Jean? Sollte er sich nicht auch langsam zur Ruhe betten?"

"Ich werde ihm gleich sein Zimmer zeigen. - Bis zum Abend dann."

"Guten Tag." Sie lächelte ihm zu, ließ sich auf das Bett fallen und war prompt eingeschlafen.

Nachdem Gereint auch Jean ein Zimmer zugewiesen hatte, zog er sich ebenfalls zurück.

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Kapitel 3: Eine Nacht im Turm

Man schrieb Mittwoch, den 18. Dezember 1985, etwa 17:00 Uhr.

Anshara erwachte und fand sich in einer völlig ungewohnten und diffus erleuchteten Umgebung wieder. Sie brauchte einige Augenblicke, ehe sie sich orientieren konnte. Als ihr gewahr wurde, daß sie in ihren Sachen geschlafen hatte, seufzte sie, und als sie sich in den viel zu kleinen Spiegel betrachtete, stellte sie fest, das sie sich ja auch nicht abgeschminkt hatte und nun die goldene Farbe unregelmäßig über ihr ganzes Gesicht verteilt war.

Sie versuchte, das Malheur mit ein paar Papiertaschentüchern notdürftig zu beseitigen, aber sie brauchte unbedingt eine Dusche. Da sie sich hier nicht auskannte, guckte sie erstmal zur Tür hinaus. Die Treppe war düster erleuchtet, und es war niemand zu sehen. Es gab nur eine weitere Tür in Sichtweite, die etwa eine halbe Treppe höher lag. Anshara wanderte also dorthin, und da sie eine Aura in dem Raum spürte, klopfte sie sicherheitshalber an. Es handelte sich um Gereints Zimmer.

"Ja bitte?" ertönte dessen Stimme.

"Huhu", machte Anshara zaghaft. "Gibt es hier irgendwo ein Bad, wo ich mich frisch machen kann?"

"Ja, ganz unten, die weiße Tür." Gereint rollte sich wieder zusammen. Es war noch viel zu früh zum Aufstehen.

"Prima! Danke." Sie joggte die Treppe hinab und verbrachte erst einmal die obligatorische Stunde an Wasch- und Restaurationsarbeiten, bis sie der Ansicht war, daß sie wieder präsentabel aussah.

Jean schlief natürlich noch, außerdem gab es im Turm nur ein Bad, von dem er mit hoher Wahrscheinlichkeit annahm, daß Anshara es schon längst belegt hatte.

Schließlich kletterte Anshara die Treppe wieder hoch und überlegte, ob sie auf eigene Faust Erkundungen anstellen oder lieber in ihrem Zimmer noch ein Weilchen in den Zeitschriften lesen sollte. Etwa eine halbe Stunde blätterte sie erst einmal in den Heften herum, dann machte sie sich doch auf eine kleine Tour durch das Gebäude.

Gereint hatte sich inzwischen dazu durchgerungen, sich aus den Federn zu erheben und ging in die Küche, um sich ein Frühstück zu suchen. Als er an seinem Geschenk von Branwyn herumprobierte, trat Anshara ein.

"Guten Abend, Monsieur Gereint!" Sie betrachtete das eigenwillige High Tech Gerät, an dem allerlei Lämpchen und Sensorfelder funkelten. "Ist das der neue Kühlschrank?" fragte sie fasziniert.

"Guten Abend, Mademoiselle Anshara. - Ja. Ich hoffe es zumindest..."

"Und was hat er nun für Extras?"

"Keine Ahnung. Das muß ich erst herausfinden. Ich bin lieber immer vorsichtig, was neue Geräte von Branwyn betrifft."

"Weshalb?"

"Weil sie manchmal etwas ganz anderes tun als beabsichtigt."

"Oh." Anshara beschloß, lieber einen gewissen Sicherheitsabstand zu dem mysteriösen Haushaltsgerät einzuhalten, während Gereint es neugierig inspizierte. "Wie gefährlich kann so etwas werden?" wollte sie wissen.

"Es kann zum Beispiel explodieren."

"Oh-oh... Und wie sieht es bei diesem Gerät aus?"

"Es sieht mir nicht so aus, als würde es in die Luft fliegen."

"Beruhigend."

"Genau. Ich habe nämlich Hunger."

"Hm, Hunger habe ich eigentlich nicht - es ist mehr ein kleiner Appetit. Was hättet Ihr denn da?"

"Leider nicht viel", meinte er bedauernd. "Nur etwas Tütenkost."

"Ist vielleicht auch AB+ dabei?"

Gereint zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht."

"Das sollte eigentlich auf den Tüten aufgedruckt sein."

"Ich habe nicht draufgeguckt. Wißt Ihr, ich bin in dieser Hinsicht nicht so wählerisch." Er inspizierte die Blutkonserven. "Fast alles A+ und 0."

"Naja, A+ ist auch okay", erklärte Anshara, und er warf ihr eine Tüte zu.

"Danke. - Oh, schön kalt", fand sie.

"Eigentlich mag ich es lieber warm, aber was soll's?"

"Habt Ihr keinen Mikrowellenofen?"

"Nein."

"Das solltet Ihr Euch unbedingt besorgen; es ist sehr praktisch."

"Wir haben hier keinen Strom", machte Gereint sie aufmerksam, woraufhin sie sehr verdutzt dreinblickte.

"Und wie funktionieren dann die ganzen Geräte?" fragte sie neugierig.

"Fragt Branwyn."

"Werde ich tun." Anshara sah zur Decke, von woher die Beleuchtung kam. Erstaunlicherweise waren keine Lampen zu sehen. Gereint hatte unterdessen seine Zähne in die Packung geschlagen und leerte diese. Anshara nuckelte ebenfalls an ihrer Blutkonserve.

"Schon besser", erklärte er, als er den halben Liter ausgetrunken hatte.

"Stimmt", nickte Anshara. "Ist Branwyn auch für die Beleuchtung zuständig?"

"Sie ist für die ganze Technik hier verantwortlich, denn ich beschäftige mich nicht mehr damit."

"Nicht mehr? Warum denn nicht?"

"Das ist schon lange her, und außerdem kann ich eh nichts mehr in dieser Richtung tun."

Anshara betrachtete ihn nachdenklich. "Nichts mehr in dieser Richtung", widerholte sie sinnend. "Heißt das, Ihr habt auch zu den echten Magiern gehört, bevor Ihr ein Kainskind wurdet?"

"Ja. Obwohl ich zu einer anderen Tradition als Branwyn gehörte. Wißt Ihr, ich war ein Mitglied des Ordens des Hermes."

"Hm." Sie legte die Stirn in Falten. "Orden des Hermes - sind das nicht die, von denen die Tremere abstammen?" Sie hatte so etwas in Simons Handbuch gelesen.

"So ungefähr. Das Haus Tremere war eines der diversen Häuser aus denen der Orden bestand."

"Hm." Anshara dachte nach. "Müßtet Ihr dann nicht eher ein Tremere sein? So wie ich das verstanden habe, sind die Tremere doch eigentlich auch nicht von Anfang an auf Tremere zurückzuführen, sondern die Chefs haben sich durch einen magischen Trank in Vampire verwandelt. Also ist das doch eigentlich gar kein richtiger Clan, sondern von Anfang an nur eine Mixtur..."

"Ich denke, ich bin ein echter Toreador", fand Gereint. Mit den Tremere wollte er lieber nichts zu tun haben.

"Gut", kommentierte Anshara. Sie war mittlerweile der Ansicht, daß alle anderen Clans außer den Toreador ziemlich daneben waren. Nun gut, bei den Ventrue konnte man notfalls eine Ausnahme machen. "Was zeichnet denn den Orden des Hermes aus? Ich meine, daß die Söhne - äh, Kinder des Äthers hingebungsvolle Bastler sind, habe ich ja inzwischen mitgekriegt."

"Nun", begann Gereint zögerlich. "Stellt Euch die Tremere vor, nur erheblich schlimmer, was Hierarchien und Strukturen betrifft, dann kommt es in etwa hin."

"Das klingt aber gar nicht so toll", bemerkte sie. Vor allem, weil ihr die Tremere hochgradig suspekt waren. Das einzig Brauchbare an ihnen war die Thaumaturgie.

"Der Orden sieht das etwas anders", entgegnete Gereint belustigt.

"Und was ist mit den anderen Magiergruppierungen?"

"Die finden sich auch toll."

"Nein, ich meine, was kann man sich unter denen vorstellen?"

Gereint zog eine Grimasse, dann begann er, an seinen Fingern abzuzählen.

"Die Mitglieder der Bruderschaft Akashas sind eine Art Kung Fu-Mönche, die hauptsächlich meditieren, nichts tun und wenig wissen. Der Himmlische Chor besteht aus religiösen Dogmatikern, die nicht ganz erkannt haben, daß wir unser Schicksal bestimmen und nicht eine göttliche Macht. Die Anhänger des Kults der Ekstase sind leichtlebige Degenerierte, die meinen, daß sie nur dadurch zur Wahrheit finden, wenn sie alle Regeln brechen. Die Traumsprecher sind rückschrittliche Ökofreaks, die am liebsten mit Geistern reden und keine Ahnung von wahrer Magie haben. Die Euthanatos-Magier sind gefährliche Irre, die eine Freude daran haben, anderen das Lebenslicht auszublasen. Zum Glück sind sie auf unserer Seite und bekämpfen ebenfalls die Technokraten... Die Verbena sind Kräuterhexen und Baumliebhaber mit einem Hang dazu, sich magische Symbole in den Körper zu ritzen, um damit ihrer primitiven Naturmagie zu frönen. Die Virtuellen Adepten sind Computerfreaks mit einem kindlichen Gemüt, deren Eifer man in sinnvolle Bahnen lenken sollte. Die Hollow Ones sind kindisch-anarchistische Grufti-Magier, die sich als unabhängig betrachten und deren Wissen hauptsächlich von Experimenten am eigenen Leib stammt. Naja, und was die Technokratie betrifft - von denen sollte man sich tunlichst fernhalten, das sind hauptsächlich größenwahnsinnige Kontrollfreaks, die die Magier der Traditionen auslöschen wollen."

Anshara hatte höchst interessiert zugehört. "Hm. Aber ich habe den Eindruck, daß zumindest die Kinder des Äthers auch einiges an Technik einsetzen - warum sind die denn eine Tradition?"

"Die Kinder des Äthers und die Virtuellen Adepten waren anfangs Mitglieder der Technokratie, haben sich aber von diesen abgewandt, als sie erkannten, was die Technokraten vorhatten."

"Faszinierend. Das hört sich fast genauso an wie die Clans der Kainskinder."

"Richtig. Im Prinzip ist das alles dasselbe. Ich habe allerdings hauptsächlich oberflächliches Wissen über die aktuellen Aktivitäten der Magier, schließlich bin ich schon länger nicht mehr dabei. Wenn Ihr genaueres wissen wollt, müßt Ihr schon Branwyn fragen."

"Wie lange seid Ihr denn schon ein Kainskind?"

"Über vierhundert Jahre."

"Das ist wirklich lange. Was ist eigentlich besser - ein Magier zu sein oder ein Kainskind?" fragte Anshara neugierig.

"Nun, Magier haben es irgendwie einfacher, aber als Kainskind gefällt es mir eigentlich auch. Der größte Vorteil ist, daß Magier keine Probleme mit Sonnenlicht haben, und auch ihre Essensbedürfnisse sind leichter zu erfüllen."

"Nun, Ihr lebt hier auch ziemlich weit weg von der Stadt, wo Gefäße in Hülle und Fülle herumlaufen. Aber das mit dem Tageslicht ist ein Problem, vor allem im Sommer. Im Winter ist es zum Glück länger dunkel als hell. Man sollte sich wirklich überlegen, den Winter in Europa und den Sommer in Australien zu verbringen."

"Aber diese Reiserei ist doch sehr aufwendig. Ich bleibe lieber hier."

"Oh, ich finde es aufregend. Ich war schon in England und Amerika und Rumänien und Deutschland..."

"Früher bin ich auch oft gereist, aber jetzt habe ich keine Lust mehr dazu. Was gibt es denn schon neues zu sehen?"

"Sehr viel", widersprach Anshara. "Wißt Ihr, daß die in Amerika jetzt ein 'Space Shuttle' gebaut haben, mit dem man einfach so in die Erdumlaufbahn fliegen kann? Aber leider ist da oben ziemlich viel Sonne", seufzte sie bedauernd.

"Also nichts für uns", konstatierte Gereint.

"Dabei würde ich zu gerne im Flugzeug aus dem Fenster sehen, wenn es dem Tag entgegenfliegt... Aber was bleibt uns Kainskindern? Nur Reisen als Gepäckstück im Laderaum. Das ist frustrierend."

"Ist aber sicherer", stellte er belustigt fest.

"Zu meiner Zeit hat man an Flugzeuge nicht einmal gedacht, und jetzt, wo ich sie sogar benutzen kann, kann ich sie nicht genießen", schmollte Anshara.

"Jeder muß sein Schicksal tragen."

"Aber man muß es nicht mögen!" Sie setzte sich auf einen der Stühle und seufzte. "Wenden wir uns lieber einem erfreulicheren Thema zu. Wo habt Ihr eigentlich Branwyn kennengelernt?"

"Im Wald."

"Im Wald?" echote Anshara erstaunt. "Was hat sie denn im Wald getan?"

"Sie wollte irgendso ein Dings testen."

"Und? Hat es funktioniert?"

"Eher nicht..."

"Inwiefern?"

"Es machte ziemlich laut 'Puff!', und der halbe Wald war weg."

"Oh je - wohin? Und ist er wieder aufgetaucht?"

"Nein, er war einfach weg. Und wohin? Keine Ahnung."

"Das ist dumm. Aber sonst ist doch hoffentlich nichts passiert, oder?"

"Nicht besonders viel." Gereint wollte lieber nicht an das Paradox denken, das Branwyn durch ihren Fauxpas auf sich gezogen hatte. Eine ganze Woche hatte sie sich praktisch nicht aus dem Bett getraut, und er mußte sie füttern, da alles, was sie mit ihren Fingern anfaßte, plötzlich zu Tannennadeln wurde. Sie konnte nicht einmal zur Toilette gehen, sich anziehen oder waschen. Es hatte zwar sehr amüsant ausgesehen, wenn sich das Wasser prompt in grüne Nadeln verwandelte, sobald sie versuchte, sich die Finger zu waschen, aber irgendwie war es auch hochgradig lästig gewesen. Zum Glück war ihr eigenener Körper offenbar immun gegen diese Paradox-Auswirkung gewesen, sonst hätte sie diese Woche kaum überlebt. "Ich denke, ich sehe rasch nach Branwyn", meinte er dann. "Bis gleich."

"Gut. Bis gleich." Anshara fragte sich, wo Jean wohl gerade steckte und beschloß, ihn suchen zu gehen.

* * *

Jean war endlich aufgestanden und hatte sich in das Wohnzimmer begeben, von dessen Fenster er das Meer bei Nacht bewundern konnte.

Als Anshara den runden Raum betrat, sah sie ihren Gefährten auf der Fensterbank sitzen und in die glitzernde Dunkelheit hinausschauen.

"Hallo Jean! Gut geschlafen?"

"Hallo Anshara! - Aber ja, wie ein Toter", erwiderte er vergnügt.

"Ich auch, obwohl es auf den ganzen Fellen ungewohnt war."

"Ich fand es schön bequem."

"Das schon, aber ich war irgendwie so müde, daß ich ganz vergessen habe, mich meiner Kleidung zu entledigen." Sie guckte tragisch an sich herab. Ihr Hosenanzug war zwar angeblich bügelfrei, aber irgendwie schien der goldockerfarbene Stoff nicht hundertprozentig davon überzeugt zu sein.

"Was hast du nur wieder angestellt, um so erschöpft zu sein?"

"Ich habe gelesen. Diese ganze Magie-Sache ist einfach hochinteressant! Ich muß mich unbedingt in der Thaumaturgie üben, auch wenn die Rituale wohl nicht ganz so einfach sind..."

"Stimmt. Es sah sehr amüsant aus, wie die vor die Wände gerannt bist."

"Es tat weh", jammerte sie.

"Du hättest Gereint glauben sollen."

"Ich wollte es ausprobieren. Außerdem sagte er, nur Übung hilft. Also werde ich üben! Vielleicht klappt es ja dann irgendwann..."

"Wir werden es ja sehen."

"Genau. - Vielleicht kann mir Gereint auch noch andere Sachen beibringen. Er scheint ja noch viel mehr über Thaumaturgie zu wissen als Simon."

"Soweit ich weiß, hat Simon das alles von ihm gelernt."

"Ah! Dann ist man hier also an der Quelle. Praktisch."

"Allerdings ist Gereint manchmal ziemlich schwierig. Er vergräbt sich hier und will nichts mit anderen zu tun haben."

"Und was ist mit Branwyn?"

"Die ist eine Magierin. Mit der will ich nichts zu tun haben."

"Hm. So schlimm kommt sie mir nicht vor."

"Ich mag sie einfach nicht."

"Warum nicht?"

"Darum."

"Wenn du meinst..." Anshara zuckte die Achseln. "Also, ich fand sie bis jetzt ganz nett. Sie hat mir auch noch nichts getan."

"Das war reines Glück", kommentierte Jean, ehe er abwinkte. "Ach, ich mag sie einfach nicht."

"Gereint hat offenbar keine Probleme mit ihr."

"Meinst du? Mir scheint eher, die beiden leben in einer sehr merkwürdigen Art von Gleichgewicht. Sie lassen sich meistens in Ruhe."

"Hm. Momentan steckt er allerdings bei ihr..."

"Er sieht meist nur schweigend zu."

"Er traut sich wohl nicht, ihr zu helfen", mutmaßte Anshara.

"Er hat wohl eher keine Lust", widersprach Jean.

"Könnte auch sein. Gereint erzählte mir, daß er nicht mehr richtig dabei mitmischen kann."

"Eben."

"Anshara seufzte mitfühlend. "Und ich kann bei sowas auch nicht mitmachen, sagte er. Ich finde das unfair."

"Da kann man eben nichts ändern."

"Leider." Sie schmollte. "Na gut, dann muß ich eben bei der Thaumaturgie bleiben... Wenigstens kann man damit auch schon einiges machen - nur das Üben ist ziemlich lästig."

"Dir bleibt wohl nichts anderes übrig."

"Aber irgendwie kriege ich das Ritual noch hin!"

"Dann mußt du fleißig trainieren."

"Tue ich. Obwohl, momentan habe ich genug davon, vor irgendwelche Mauern zu rennen."

Jean sah wieder hinaus auf das Meer. "Ich finde das Wasser im Mondlicht zu schön."

"Stimmt. Ich sollte wirklich mal gucken, ob ich nicht malen oder fotografieren lernen kann."

"Ich wünschte, ich könnte so etwas auch lernen, aber ich kann das nicht."

"Du mußt es nur mal versuchen. Am besten wäre es vielleicht, mit dem Fotografieren anzufangen."

"Ich hasse diese Apparate!"

"Aber du probierst es?"

"Nein."

"Oooch, Jean", seufzte Anshara.

"Schade, daß wir nicht am Meer wohnen."

"Hier gibt es viel zu wenige Gefäße, und man kann auch nirgendwo in Ruhe einkaufen."

"Dafür ist es schön ruhig."

"Das ist wahr. Aber hier gibt es keine Parties."

"Darauf könnte ich verzichten, glaube ich."

"Hm, und wo soll man sich sonst zeigen und bewundern lassen? Außerdem sind da die ganzen Künstler zu finden."

"Auf die kann ich erst recht verzichten."

"Aber die produzieren Kunstwerke!"

"Na und? Es gibt doch schon genug davon."

"Es kann niemals genug Kunstwerke geben."

"Du bist der Kunstfan."

"Klar. Schöne Bilder, schöne Musik, schönes alles. Schöne Glitzersteine..."

"Letzteres schon eher."

"Ist aber auch Kunst."

"Weißt du, es würde mir gefallen, jetzt durch die Nacht zu jagen", erklärte Jean spontan.

"Warum nicht? Leider sind wohl kaum Menschen da."

"In der Nähe nicht."

"Zu weit laufen wäre nichts für mich."

"Ach ja, du bist ja unsportlich..."

"Eben!" Sie sah ihn jammervoll an.

"Vielleicht hat Gereint Lust, mich zu begleiten."

"Das wäre vermutlich eine bessere Idee. Dann kann ich ja mal gucken, was Branwyn so macht."

"Sei aber vorsichtig."

"Klar."

Als ihr Gefährte sich auf die Suche nach Gereint machte, trabte Anshara hinter ihm her. Sie wollte doch zu gerne wissen, wie so eine Mag- äh, Wissenschaftlerin arbeitete.

Vorsichtig spähte Jean in das Labor der Äthertochter, denn man wußte ja nie, wann hier wieder etwas explodierte.

"Gereint?" fragte er halblaut.

"Ja? Was ist?" kam die Antwort.

"Hast du Lust auf eine Jagd?"

"Immer." Der rothaarige Vampir gesellte sich zu seinem Bruder, als Anshara endlich auch ankam. Ihr fehlte dringend ein Lift in diesem Turm.

"Huhu", machte sie. "Darf ich hier mal zugucken?"

"Aber nichts anfassen", warnte Branwyn hinter einem komplizierten Versuchsanbau hervor.

"Ehrenwort."

"Wir gehen dann", meinte Jean und zerrte Gereint hinter sich her. Er war froh, daß er sich wieder in Sicherheit bringen konnte.

"Tschüs", sagte Anshara und betrachtete das Labor.

Es sah hier aus wie in einem antiken Science-fiction-Serial, nur weitaus bunter. Vielleicht konnte man es eher als Remake eines solchen bezeichnen, wobei ein bißchen Frankenstein-Laboratorium, ein bißchen HiTech und Computer und ein bißchen moderne Kunst beigemischt worden waren, dachte Anshara amüsiert. Sie ging in dem Raum herum und bestaunte die halb futuristischen, halb antiken Gerätschäften, blieb aber mindestens einen halben Meter von jeder der bunt blinkenden Konsolen entfernt. Anfänglich verfolgte Branwyn jede ihrer Bewegungen, als sie aber tatsächlich nichts berührte, wandte die Wissenschaftlerin sich wieder ihren Versuchen zu.

Unterdessen streiften Gereint und Jean durch die Gegend, weniger, um Nahrung zu finden als aus reiner Spielerei. Erst einige Stunden später kehrten die beiden wieder zurück.

Anshara saß derweil im Labor und betrachtete völlig verzückt die bunten Flüssigkeiten in der Anordnung aus Bunsenbrennern, Röhren, Schläuchen, Erlenmeyerkolben und Reagenzgläsern.

"Hallo, da sind wir wieder", rief Jean, als er seine Gefährtin erblickte. Sie nahm ihn gar nicht wahr, während Branwyn die Männer begrüßte.

"Huhu!" Jean winkte vor Ansharas Nase hin und her.

"Huh?" machte sie. "Oh, Jean! Ich dachte, du wolltest jagen gehen?"

"Ich war drei Stunden weg", maulte er, "und du hast mich nicht mal vermißt."

"In den Kolben waren so schöne bunte Chemikalien."

"Tse."

"Guck mal! Diese Flüssigkeit hat ein Blümchenmuster - sogar Rosen! - und die Blüten wechseln dauernd die Farben."

"Eben Magierkram."

"Genau. Ist das nicht toll?"

"Naja, wenn man das zum ersten Mal sieht."

"Es ist ästhetisch wertvoll. - Da! Jetzt werden aus den Blumen kleine Pentagramme..."

"Wie aufregend."

"Genau", meinte Anshara verzückt.

"Was hältst du davon, wenn wir noch mal nach draußen gehen?" fragte Jean Gereint.

"Immer", erwiderte dieser. "Ich habe so selten Gesellschaft von Gleichgesinnten."

Anshara nahm das gar nicht wahr, sie betrachtete gerade fasziniert die leuchtenden Glühbirnen, die nun in dem großen Erlenmeyerkolben herumschwammen.

"Dann laß uns flüchten", schlug Jean vor. "Mir ist es hier nicht geheuer."

"Guck mal, jetzt sind es bunte Fensterrahmen", stellte Anshara fest. Die Objekte schwammen in einer hellblauen Flüssigkeit mit Wolkenmuster.

"Hm, ob das was zu sagen hat?" fragte sich Jean. "Ich habe dabei so ein ungutes Gefühl."

"Ist 95 eigentlich eine magische Zahl?" wollte Anshara wissen, als plötzlich solche Nummern durch die Substanz geisterten, sich dann aber spontan in 96en, 97en und 98en verwandelten.

"Nicht daß ich wüßte."

Auf einmal verschwand der Spuk wie im Nichts, und der Inhalt des Gefäßes wurde leuchtend blau. Branwyn stieß eine Verwünschung aus.

"Mist, diese Version war schon wieder nicht stabil!" Sie schüttete die Flüssigkeit weg und begann mit einer neuen Versuchsreihe.

"Ich will hier raus", erklärte Jean.

"Dabei ist es hier wirklich völlig ungefährlich", fand Anshara. "In den ganzen vier Stunden, die ich hier bin, ist noch nichts explodiert."

"Das ist ein Rekord. Aber mir gefällt es hier trotzdem nicht."

"Dabei ist es hier so schön bunt und es blinkt alles so geheimnisvoll."

"Du kannst gerne hierbleiben. Ich bin draußen, wenn du mich vermissen solltest."

"Gut, gut..." Anshara juckte es förmlich in den Fingern, bei den Experimenten mitzumischen, aber sie durfte leider nichts anfassen.

Gemeinsam mit seinem Bruder verschwand Gereint, da Branwyn offenbar gerade wieder in einer Arbeitsphase war. Er ging mit Jean zum Meer hinunter, wo die beiden mit Odin Stöckchen holen spielten und die Landschaft bewunderten.

Im Labor betrachtete Branwyn gerade ein Gerät auf einem Regal, das verdächtig nach einem Tricorder aus der Fernsehserie Raumschiff Enterprise aussah, obwohl sie nicht wußte, was der neben dem Gerät liegende gefüllte Salzstreuer zu sagen hatte.

"Was ist das?" wollte sie wissen.

"Ein medizinischer Tricorder", sagte Branwyn selbstverständlich. "Das ist mein Fokus für die Lebenssphäre."

Anshara beguckte sich die anderen Gerätschaften und bekam gar nicht mit, wie die Zeit verging, als sie wieder in der Betrachtung der hypnotisch schillernden Chemikalien versank.

Kurz vor Sonnenaufgang kehrten Gereint und Jean zum Turm zurück und betraten das Labor. Jean seufzte, als er Anshara immer noch vor den Gläsern sitzen sah.

"Willst du nicht langsam zu Bett gehen?" fragte er.

"Hm? Oh! Ist es schon so spät?"

"Fast Sonnenaufgang."

"Oh je... Ja, dann muß ich wohl langsam."

Branwyn musterte das Kainskind leicht belustigt. Sie war eine angenehme Gesellschaft gewesen, denn sie hatte die meiste Zeit schweigend vor dem Erlenmeyerkolben meditiert. So eine Zuschauerin war akzeptabel.

Jean hingegen strafte seine Gefährtin mit Mißachtung, denn er war beleidigt, daß sie ihn nicht vermißt hatte.

Anshara guckte ihn leicht irritiert an, dann seufzte sie. Er war immer so furchtbar empfindlich. Sie trabte also zunächst in ihr Zimmer, wo sie sich diesmal ihrer Kleidung entledigte (die Sachen waren zerknittert genug). Tragisch bemerkte sie, daß sie unbedingt versuchen mußte, sich etwas neues anzuziehen besorgen. Mittlerweile waren ihre Sachen reichlich inakzeptabel. Schließlich schlief sie traumlos ein.

Immer noch verstimmt, beschloß Jean, bei Gereint zu bleiben. Außerdem wollte er versuchen, diesen dazu zu überreden, für eine Weile mit nach Paris zu kommen.

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Kapitel 4: Rückkehr nach Paris

Man schrieb Donnerstag, den 19. Dezember 1985, etwa 17:00 Uhr.

Diesmal waren Jean und Gereint schon kurz nach Sonnenuntergang auf, da es Jean tatsächlich gelungen war, seinen Bruder zu einem Ausflug nach Paris zu überreden.

Als Anshara zum Bad kam, war dieses gerade besetzt. Seufzend tigerte sie vor der Tür auf und ab, insbesondere, da sich die beiden Männer massig Zeit ließen. Sie wollten die Gunst der Tatsache nutzen, daß sie diesmal als erste im Badezimmer waren.

Branwyn kam als letzte die Treppe heruntergetrabt. Ihre Haare standen zerzaust in alle Richtungen ab, und sie trug einen silbernen Morgenmantel. Energisch klopfte sie an die Tür.

"Gereint, ich muß mal auf's Klo! Im Gegensatz zu dir pressiert es bei mir hin und wieder."

Die Tür öffnete sich, und Gereints Schopf zeigte sich. "So?"

"Genau so." Sie schmatzte ihm einen Kuß auf die Wange. "Guten Abend, mein Schatz."

"Dann komm rein."

"Danke. - Oh, Monsieur Jean! Würde es Ihnen etwas ausmachen, kurz zu verschwinden?"

"Ja - aber ich habe wohl keine Wahl", seufzte er, da er gerade im Begriff gewesen war, sich die Haare zu waschen.

"Danke." Die Magierin eroberte die Toilette für sich und seufzte erleichtert. "Also, manchmal beneide ich die Kainskinder..."

Gereint grinste. "Aber nur manchmal."

"Werdet Ihr da drinnen noch fertig?" moserte Jean.

"Doch, doch", rief Branwyn. "Ich wasche mir nur noch die Hände."

"Ohne Magie?"

"Abends meistens - sonst werde ich nicht wach." Sie spritzte sich auch eine ausgiebige Wassermenge ins Gesicht.

"Die Pfütze auf dem Teppich wird immer größer", bemerkte Jean, als er an sich herabsah. Gleich darauf kam Branwyn aus dem Bad, und Jean stürmte an ihr vorbei hinein, um sich fertig zu machen.

"Seufz", machte Anshara. Das konnte noch dauern.

Und tatsächlich verstrichen noch vierzig Minuten, bis die Männer endlich ihre Toilette beendet hatten.

Anshara gab einen weiteren Seufzer von sich und verschwand im Bad, während Branwyn in ihr Labor gegangen war, um sich magisch fertig zu machen, sonst gelänge es ihr heute bestimmt nicht mehr, sich anzukleiden.

"Beeil dich", mahnte Jean seine Gefährtin. "Wir wollen heute noch nach Paris zurück."

"Du hast dich auch nicht beeilt", maulte sie. Wenn er ihr schon zusah, konnte er sie eigentlich auch abschrubben, aber auf solche Ideen kam er natürlich nicht.

"Ich hatte ja auch Zeit, und außerdem muß ich gut aussehen."

"Ach, und ich nicht?"

"Du hast doch eh schon seit zwei Tagen dasselbe an."

"Deshalb wollte ich mit optimalem Styling von meinem indezenten Outfit ablenken." Sie sprang unter die Dusche.

"Hm."

"Leider passen mir Branwyns Sachen nicht. Warum sind nur alle so viel größer als ich?"

"Du bist eben so klein." Es ertönte ein fürchterlicher Seufzer aus dem rauschenden Wasser, und Jean lachte. "Gleich geht die Welt unter."

"Richtig", jammerte Anshara. "Meinst du, eine Streckbank hilft mir, größer zu werden?"

"Nein. Außerdem wärst du einen Tag später ohnehin wieder so klein wie zu Beginn."

"Vielleicht gibt es ja auch ein Ritual zum Körperwachstum. Ich muß Gereint unbedingt danach fragen." Jean grinste sie an, während sie weiter herumplantschte. "So, langsam geht es wieder", fand sie schließlich, als sie sich im Spiegel betrachtete. "Bis auf die Klamotten natürlich..."

"Allerdings", meinte er, wobei er ihr über die Schulter sah.

"Ich sollte unbedingt demnächst ein oder zwei Sätze Kleidung zum Wechseln im Auto deponieren. Wozu hat ein Mercedes so einen großen Kofferraum?"

"Stimmt."

"Du hast es ja gut, da du ungefähr so groß wie Gereint bist..."

"Ich bin schon ein Stück größer", korrigierte Jean grinsend. Anshara fand alle Leute ab etwa 1.75m riesig. "Gereints Sachen passen mir also auch nicht. Außerdem hat er so eine komische Vorliebe für Farbe."

"Türkis sähe an dir bestimmt nicht schlecht aus."

Er verzog das Gesicht. "Das macht mich viel zu dick."

"Wie kann dich irgendetwas zu dick machen, so schön schlank wie du bist?"

"In Schwarz gefalle ich mir eben besser", erklärte Jean, und Anshara seufzte. Er sollte unbedingt mal etwas Abwechslung in seine Garderobe bringen, fand sie. "Außerdem reicht es, wenn ich einmal im Jahr etwas anderes anziehe." Die Modeschöpferin Marie Dupont schaffte es in der Regel genau einmal im Jahr, ihn zu einer Vorführung ihrer aktuellen Collection zu überreden.

"Und ich kann dich wirklich nicht überzeugen?" Sie schmiegte sich an ihn. "Bitte, Jean - etwas in Türkis, ja?"

Er sah auf sie herab. "Hier habe ich ohnehin keine anderen Sachen. Mal sehen..."

"Oooooch, bitte!" Sie küßte ihn ausgiebig.

"Falls ich etwas passendes finde."

"Bestimmt! - Nebenbei, was meinst du, ob Branwyn mir etwas zum Anziehen zaubern könnte?"

"Ich weiß nicht."

"Dann werde ich sie fragen!" Anshara löste sich von Jean und trabte nach oben in das Labor, wo Branwyn gerade mit ihrer Ankleide fertig war. Sie trug einen violettglänzenden Colonel Deering-Overall aus der neuen Buck Rogers-Serie mit perlmuttfarbenen Stiefeln und Handschuhen. Anshara fand, daß das höchst faszinierend wirkte und bat die Magierin, ihr auch etwas zu organisieren.

"Hm", machte Branwyn gedehnt und musterte den goldockerfarbenen Hosenanzug, der wirklich eine Reinigung nötig hätte. "Ich kann dieses Kleidungsstück umwandeln", meinte sie. "Ihr braucht nur in die Strukturtransformatorkammer zu steigen." Sie deutete auf eine Art perlmuttschimmernde Duschkabine, an deren einer Seite ein Sensorfeld angebracht war. Anshara guckte zweifelnd, leistete der Aufforderung aber Folge.

"Was haben Sie denn so im Sinn?" fragte die Wissenschaftlerin.

"Hm... Etwas sauberes, das nicht zerknittert ist, am besten in Weiß mit Gold."

"In Ordnung." Branwyn schaltete an dem Tastenfeld herum, und innerhalb weniger Sekunden war Anshara in einen knallengen, glänzend weißen Overall mit goldenen Handschuhen, Gürtel und Stiefeln gehüllt. Sie trat aus der Kabine und sah an sich herab.

"Oh, danke!" Es war ein bißchen futuristisch, aber ansonsten okay, dachte sie und kehrte zu Jean zurück, während Branwyn begann, ihren tragbaren Materie-Fokus zu suchen.

"Tse", machte Jean, als er Anshara erblickte. "Willst du etwa Branwyn Konkurrenz machen? Ihr steht so etwas entschieden besser."

"Hm. Das hat sie mir gemacht, und ich wollte auch nicht herumquengeln. Nachher habe ich dann gar nichts mehr an oder so..."

"Viel Unterschied sehe ich da nicht."

"Aber es ist definitiv Stoff zwischen mir und der Umgebung, und außerdem ist es nicht zerknittert."

"Es kann auch gar nicht knittern. Aber so kannst du dich wirklich nicht auf die Straße wagen - du würdest sofort wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses eingesperrt werden."

"In den Filmen laufen die doch auch immer so herum..."

"In Filmen."

"Du kannst ja zu ihr gehen und sie fragen, ob sie mir etwas anderes kreiert. Mein Hosenanzug ist jedenfalls nicht mehr da."

"Dann muß ich wohl", seufzte Jean und machte sich, gefolgt von Anshara, auf den Weg ins Labor. Dort unterhielt sich Branwyn gerade mit Gereint.

"Huhu", begann Jean. "Störe ich?"

"Nein", meinte die Äthertochter. "Gereint hat mir nur erzählt, daß wir nach Paris wollen."

"Wir?" Jean war nicht allzu begeistert, daß Branwyn beschlossen hatte, mit ihnen zu kommen.

"Das hat er gesagt. - Also, was gibt es?"

"Ich wollte nur wissen, ob das so sein muß." Er deutete auf Anshara.

"Sicher. Ist es mir nicht perfekt gelungen?"

"Nein."

"Nein?" erkundigte sich Branwyn verdutzt. "Was ist denn daran nicht in Ordnung?" Sie inspizierte den Overall kritisch.

"Das kann man in der Stadt nicht tragen."

"So? Was trägt man denn momentan in der Stadt?" Die Magierin war fast zwei Jahre kaum aus ihrem Labor gekommen und hatte nur über ihr Heimportal den einen oder anderen Besuch in der Großen Halle der Söhne des Äthers in Paris und in dem Horizontreich Gernsback Kontinuum gemacht.

Da letzteres mehr oder weniger eine Verstofflichung aller großen Space Operas aus dem Goldenen Zeitalter der Science-fiction darstellte, waren ihre augenblicklichen Modevorstellungen ein wenig jenseits der aktuellen Norm.

Jean versuchte, ihr einige tragbare Kleidungsstücke zu beschreiben. Branwyns Gesicht hellte sich auf, und sie machte ein paar Skizzen mit einem funkelnden Silberstift auf einen Folienblock machte. Dann mußte Anshara erneut in die Kabine treten, und als sie wieder herauskam, trug sie das weiße Prinzessin-Leia-Kleid aus Krieg der Sterne.

"Besser?" fragte die Tochter des Äthers.

"Geringfügig", meinte Jean.

"Hm-hm", brummte Branwyn Im nächsten Versuch wurde aus dem Kleid das Kostüm, das Dale Arden zu Beginn des neuen Flash Gordon Films trug.

"Das geht", erklärte Jean, aber Anshara blickte nicht sehr glücklich drein, da ihr das Teil viel zu bieder wirkte.

"Bitte, noch ein Versuch", wandte sie sich flehentlich an Branwyn.

"Na gut." Jetzt trug Anshara die Wintersachen von Prinzessin Leia aus Das Imperium schlägt zurück.

"Das kommt mir alles ziemlich bekannt vor", fand Jean.

"Ich mag halt Science-fiction-Filme", gab Branwyn zu. "Da habe ich auch viele Anregungen für meine Geräte her."

Jean seufzte. "Ich wundere mich nur, daß Gereint nicht so etwas anziehen muß."

"Ich kaufe mir meine Sachen lieber", warf dieser ein.

"Leider", bedauerte die Magierin. "Dabei finde ich die schwarze Kombination von Luke Skywalker aus Rückkehr der Jedi-Ritter so hübsch..."

"Ich hasse Schwarz", kam es von Gereint.

"Die Sachen von Buck Rogers wolltest du ja nicht."

"Das steht mir nicht."

"Aber die Sachen von Ivanhoe oder Lancelot..."

"Das paßt eben besser zu mir. - Und du bist natürlich wieder anderer Meinung."

"Sicher. Ich möchte dich zu gerne mal in der dunkelblauen Uniform aus Kampfstern Galactica sehen."

"Pah! Ich komme doch nicht aus der Zukunft. Außerdem mag ich keine Uniformen."

"Dabei gibt es einige mit wirklich hübschen Designs."

"Diese Anzüge sind generell eine Zumutung. Denk daran, ich war ein Barde und kein Kampfpilot!"

"Oh", machte Anshara fasziniert. "Heißt das, Ihr könnt richtig singen und ein Instrument spielen?"

"Barden haben das so an sich..."

"Spielt Ihr mir etwas vor?"

"Mal sehen. Vielleicht wenn wir irgendwann Zeit haben."

"Können wir jetzt langsam fahren?" wollte Jean wissen.

"Ich bin jedenfalls fertig", erklärte Branwyn, die nach einem Kurzaufenthalt in der Strukturtransformatorkammer nun auch in den Leia-Winterklamotten steckte. Sie stopfte noch rasch Kombizange, Stift und den Folienblock in einen Rucksack, ehe sie mit einer Infrarotfernbedienung all ihre Geräte abschaltete und diese dann auch einsteckte.

"Laßt uns gehen, sonst wird es zu spät."

Die vier stiegen in den Mercedes, und Anshara fuhr die versammelte Mannschaft nach Paris.

* * *

Kurz vor Mitternacht kamen sie bei Jeans Haus an, und dieser wies den Besuchern erst einmal Zimmer zu.

Gereint bekam La Chambre de la Forêt, das Waldzimmer, das in Mahagoni und Smaragdgrün eingerichtet war, während Branwyn La Chambre de l'Automne, das in Gold, Orange und warmen Braunrottönen eingerichtete Herbstzimmer zugewiesen bekam.

"Jetzt kann ich mich auch endlich umziehen", seufzte Anshara begeistert, "obwohl diese Sache angenehm zu tragen und vor allem schön warm sind." Sie verschwand in ihren Räumlichkeiten und fragte sich, ob die von Branwyn herbeigezauberten Kleidungsstücke wohl dauerhaft waren oder irgendwann verschwänden. Zunächst einmal hängte sie sie in den Schrank, duschte sich noch einmal und kehrte dann in einer ihrer langen, weißen, ägyptischen Gewandungen zurück.

"So gefällst du mir besser", sagte Jean zufrieden. An diese Dinger hatte er sich im Laufe der Zeit wenigstens gewöhnt. Branwyn betrachtete die Ägypterin interessiert und machte sich im Geiste ein paar Notizen für die nächsten Kostümdesigns.

"Es sollte mal einen Science-fiction-Film geben, der sich ausgiebig mit der altägyptischen Symbolik befaßt", sinnierte sie. "Kampfstern Galactica zählt nicht - die haben außer den Helmen der Piloten, den Pyramiden von Kobol und den Hieroglyphen keine echten ägyptischen Entwürfe verwendet..."

"Kommt bestimmt noch", meinte Gereint. "Wenn den Regisseuren und Produzenten nichts anderes mehr einfällt."

"Das ist wahr - und was haben wir nun hier vor?" erkundigte sich die Magierin.

"Wie wäre es mit einem Einbruch?" schlug Anshara vor.

"Schon wieder?" seufzte Jean.

"Nicht in einen Laden... Es gibt doch bestimmt das eine oder andere lohnendere Objekt."

"Heute ist es dafür aber schon zu spät", erklärte ihr Gefährte. "Außerdem muß sich Gereint noch beim Prinzen vorstellen."

"Stimmt. Dann sollten wir zuerst das in die Wege leiten. Aber wir könnten uns doch schon mal überlegen, wo wir einbrechen können. Kunstwerke klauen ist ja leider nicht drin..."

"Ich würde es jedenfalls lassen", stellte Jean fest. Auf Kunstdiebstahl - insbesondere aus Elysien, wie die geschützen Gebiete der Kainskinder genannt wurden - stand im Machtbereich der Toreador eine Blutjagd.

"Allerdings könnten wir jemanden bestehlen, den Prinz Villon nicht mag."

"Da gibt es einige."

"Was haltet ihr von den Tremere?"

"Was willst du denn von denen?"

"Sie ausrauben natürlich! Die haben doch sicherlich viele wertvolle okkulte Gegenstände, oder?"

"Ich habe keine Ahnung, ich war noch nie bei denen."

"Bestimmt haben die das", versicherte Anshara. "Und wenn die sowas haben, dann kann man es auch mitgehen lassen."

"Nach meinen Informationen sind diese Möchtegern-Magier nicht ungefährlich, vor allem, wenn sie in Pulks auftreten", warnte Branwyn.

"Das meine ich auch", stimmte Gereint ihr zu.

"Aber mit vereinten Kräften müßte es doch gehen", fand Anshara.

"Kommt darauf an", meinte Gereint. "Gegen eine Übermacht haben wir jedenfalls keine Chance."

"Dann müssen wir sie austricksen."

"Nur wie?"

"Darüber muß ich noch nachdenken", erklärte Anshara.

"Tu das", sagte Jean.

"Ich bleibe lieber hier, wenn du dich vorstellen gehst", gab Branwyn von sich. "Ich fürchte, man würde mich wiedererkennen, und die Typen von der Iteration X sind überhaupt nicht gut auf mich zu sprechen."

"Ganz zu schweigen davon, daß Kainskinder normalerweise etwas gegen Magier haben..." Gereint grinste sie schief an.

"Abgesehen davon, daß ich eine Wissenschaftlerin bin, bin ich doch ganz harmlos."

"Manchmal", meinte Gereint.

"Meistens. Aber ich kann darauf verzichten, von ein paar HIT-Marks durch die Straßen von Paris gejagt zu werden."

"Also solltest du lieber hier auf mich warten."

"Mache ich. Sehnsüchtig!" Sie wühlte in ihrem Rucksack herum.

"Und keine Explosionen bitte."

"Keine Sorge - ich will nur kurz meinen Desintegratorstab neu justieren, falls doch einer der Männer in Schwarz oder so hier auftaucht."

Gereint sah an sich herab. "Ich muß mich noch umziehen. So kann ich beim Prinzen jedenfalls nicht erscheinen - das sind nur ein paar von meinen ältesten Wohlfühlklamotten."

"Das wäre sinnvoll, denn Prinz Villon achtet sehr auf das Äußere", warnte Anshara.

Branwyn kramte weiter in ihrem Rucksack herum und zog zwei silberne Stangen heraus und stellte sie auf dem Tisch auf, ehe sie ihre Fernbedienung nahm und daran herumschaltete. Auf einmal erschien eine Kugel über den Stangen, die das aktuelle Fernsehprogramm in 3D zeigte.

"Willst du etwa fernsehen?" fragte Gereint.

"Ihr geht doch zum Prinzen. Außerdem wollte ich doch ausprobieren, ob es mir endlich gelingt, die Programme aus der Zukunft zu empfangen."

Sie starrte auf ihre Armbanduhr, die nur Farbsektoren und keine Zeiger oder Ziffern hatte. Auf einmal sah man das Bild einer vage zylindrischen, bläulich grauen Raumstation vor poppig buntem Hintergrund.

"Dann hast du ja Beschäftigung", fand Gereint. "Ich ziehe mich eben um, dann können wir gehen."

"Klar. Oh, schon wieder Werbung... 'Das Auto des Jahres 96'... - Eh, es hat geklappt!" rief die Magierin.

"Fein. Bis gleich, Bran."

"Bis gleich." Sie winkte abwesend und betrachtete verzückt das 3D-Bild. Man konnte sogar um die Projektion herumgehen und sich die Rückseite der Bilder ansehen.

"Ich ziehe mich auch besser um", warf Jean ein und verschwand in seinem Zimmer. Anshara war zum Glück bereits fertig und bürstete ihre Haare.

"Und das ist Fernsehen in zehn Jahren?" erkundigte sich Anshara neugierig.

"Nein, nein", winkte Branwyn ab. "Nur die Werbung und die Serie. Der 3D-Effekt ist meine Erfindung."

"Schade. Ich hätte gerne so einen Fernseher."

"Den gibt es vermutlich 2037."

Kurz darauf kam Jean zurück, natürlich wieder ganz in Schwarz gehüllt. Anshara umkreiste derweil fasziniert den 'Fernseher', um sich die Rückseite der Bilder anzuschauen. Das war zu faszinierend.

"Das Ding ist toll", wandte sich Anshara an Jean.

"Du bist doch eh schon fernsehsüchtig", entgegnete dieser.

"Sicher, aber hiermit kann man Sachen gucken, die es noch gar nicht gibt."

"Man kann auch abgesetzte Serien sehen", stellte Branwyn fest, die gerade etwas ausprobiert hatte. "Das hier ist zum Beispiel die dritte Season von Galactica." Sie deutete auf den Schirm, wo Commander Apollo Colonel Starbuck auf der Brücke Befehle erteilte."

"Können Sie mir auch so einen bauen?" bat Anshara die Magierin.

"Ich fürchte, das geht nicht. Das Gerät ist kein Talisman; ohne meine Kräfte funktioniert es nicht."

"Ein Glück", atmete Jean auf.

"Es ist unfair", seufzte Anshara. "Ich will auch eine Magierin sein!"

"Magier sein ist auch nicht immer ein Zuckerschlecken", bemerkte Branwyn. "Als Mitglied einer Tradition wird man dauernd von den Technokraten gejagt."

"Wo Gereint bloß bleibt", fragte sich Jean.

"Er will sich besonders schick machen", vermutete Branwyn.

"Es werden sich doch eh alle nach ihm umdrehen", meinte Jean.

"Dann will er sich vielleicht tarnen", schlug Anshara vor.

"Auch möglich."

"Aber langsam könnte er wirklich kommen!"

"Vielleicht ist er im Bad ertrunken?" mutmaßte Anshara.

"Wir sollten nachgucken."

Sie gingen hinüber zu Gereints Zimmer. Dieser stand ratlos im Raum zwischen zig Klamotten, in denen Odin vergnügt herumsprang. Anshara nahm wieder einen Sicherheitsabstand zu dem Ghoulhund ein, während sie Gereint zusah. Er war wirklich ein echter Toreador.

"Ich kann mich nicht entscheiden", jammerte er. "Hier ist doch nur ein kleiner Teil meiner Sachen - was ist, wenn nichts davon dem Prinzen zusagt?"

"Moment." Anshara stöberte herum, um etwas für ihn zu suchen. Nach etwa fünfzehn Minuten seufzte sie auf. "Du hast recht, ich kann mich auch nicht entscheiden."

"Und du meinst, ich müßte ein Tremere sein."

"Ich nehme alles zurück."

"Gut. Aber was ziehe ich jetzt an?"

"Jean, hilf du doch mal!"

"Ich? Ich bin froh, daß ich schon angezogen bin."

"Wir könnten auch Branwyn fragen."

"Besser nicht", meinte Jean. "Das ist bestimmt wieder total unmöglich."

"Hm." Anshara zog zwei Stoffstücke und hatte ein Handtuch und einem Waschlappen in der Hand. "Das war auch nichts", stellte sie fest. Das nächste Teil, das sie zog, war Smaragdgrün und besser.

"Etwas altmodisch", kommentierte Jean.

"Paßt aber perfekt zu Gereints Augenfarbe. Er sieht sowieso toll aus."

"Ich hasse es, wenn mich alle angucken", maulte Gereint.

"Ihr seid einfach zu hübsch, um ignoriert zu werden."

Gereint seufzte. "Ich mag es aber nicht. Wäre ich bloß in meinem Turm geblieben!"

"Och, Gereint." Anshara lächelte ihn schmelzend an, und er senkte den Blick. "Da müßt Ihr halt drüber stehen. So, und nun zieht einen warmen Mantel über, dann können wir los."

"Hm", machte er nur und nahm einen passenden grünen, pelzgefütterten Umhang aus dem Schrank.

"Prima." Sie düsten also endlich los, verabschiedeten sich von Bran und fuhren mit einem Taxi zum Louvre.

"Ich finde diese Vorstellungen so überflüssig", grummelte Gereint.

"Prinz Villon ist leider anderer Ansicht."

"Er könnte ja mal eine Ausnahme machen."

"Ihr könnt ihn ja fragen, vielleicht habt Ihr ja Glück."

"Das bezweifle ich. Normalerweise brauche ich nur einen Fuß in den Louvre setzen, und es gibt eine Katastrophe."

"Warum das?"

"Es ist eben so."

"Was ist denn beim letzten Mal passiert?"

"Es war peinlich. Alle haben mich angesehen."

"Bestimmt, weil Ihr so wunderschön seid."

"Ach was", meinte Gereint peinlich berührt.

"Ich würde Euch gerne zeichnen, aber ich kriege nur die üblichen ägyptischen Bilder auf die Reihe."

"Ich lasse mich sowieso nicht gerne malen, fotografieren oder was auch immer."

"Eigentlich schade", fand Anshara, nahm ihren Notizblock und machte eine Skizze von Gereint, wie sie ihn sah. Das Bild wirkte wie eine der Wandmalereien aus den Pyramiden: zweidimensional und in der eigenwilligen ägyptischen Perspektive, die Kopf, Arme und Füße von der Seite, aber den Oberkörper und die Augen von vorne darstellte.

"Sieht amüsant aus", fand er.

"Naja, ich sagte ja, ich muß noch lernen, wie man neuzeitlich malt."

"So ist es aber einzigartig."

Sie erreichten den Saal, in dem sich Kainskinder zumeist aufhielten, und Gereint zögerte sogleich wieder, diesen zu betreten. Anshara hängte sich bei ihm ein und zog ihn mit sich, wobei sie unverbindlich nach links und rechts lächelte, während sie auf Monsieur Rodé zusteuerte.

Gereint sah sich ängstlich nach allen Seiten um.

"Keine Panik", versuchte Anshara ihn zu beruhigen. "Ich bin ja bei Euch."

"Ich habe aber Panik. Ich will hier raus!"

"Erst müßt Ihr beim Prinzen vorstellig werden."

"Ich habe ein Problem mit den vielen Leuten hier. Die beobachten mich alle."

"Sonnt Euch doch einfach in der Bewunderung. Lächelt zurück!"

"Das macht es nur noch schlimmer."

"Im Gegenteil! Die Leute freuen sich und behandeln Euch umso besser."

"Versuchen kann man es ja mal..."

"Genau." Sie lächelte ihm ermutigend zu. Gereint versuchte, seine Panik zu überwinden und straffte die Schultern, bevor er ein unverbindliches Lächeln aufsetzte. Anshara war ein wenig beruhigt; er wirkte nicht mehr ganz so wie ein gehetztes Reh. "Da vorne ist ist Monsieur Rodé. Wir fragen ihn, ob es dem Prinzen genehm ist, daß Ihr bei ihm vorsprecht."

Sie machte den Berater des Prinzen auf Gereint aufmerksam, und er sprach mit ihm. Prompt wurde er zu François Villon weitergeleitet, und Anshara wich nicht von seiner Seite.

Gereint stellte sich bei dem Prinzen vor, und dieser erkundigte sich nach dem Grund seines Aufenthalts und der Dauer.

"Auf dem Land war es einfach mal wieder langweilig", erzählte Gereint.

"Ah. Und wie lange wollt Ihr bleiben?"

"Ich weißt nicht. Bis mich die Stadt ermüdet."

"Wenn Ihr länger als eine Woche bleiben wollt, müßt Ihr eine Vorführung darbieten."

"Ich weiß", meinte Gereint.

"Wir könnten ja zur Sicherheit schon einmal einen Termin für die Präsentation vereinbaren", meinte der Prinz.

"Am besten gleich, bevor ich es mir anders überlege."

"Das wäre eine nette Ergänzung des heutigen Abends", überlegte Villon. "Wollt Ihr uns wieder etwas auf Eurer Harfe vorspielen?"

"Ja, aber ich habe sie nicht dabei."

"Das läßt sich regeln." François Villon wechselte einige Worte mit seinem Berater, und der kam bald darauf mit einer antiken Harfe zurück. Gereint nahm sie vorsichtig entgegen.

"Das ist ein wunderschönes Stück", stellte er fest.

"In der Tat. Sie ist allerdings momentan nicht gestimmt", entschuldigte sich Yves Rodé.

"Das macht nichts." Gereint begann sogleich damit, das Instrument zu stimmen. Der Prinz betrachtete ihn voller Vorfreude, denn er hatte schon einige Darbietungen des Barden genossen.

Mit dem Fuß angelte Gereint nach einem Hocker und ließ seinen Umhang darauf fallen, bevor er sich setzte. Langsam begannen sich die anderen anwesenden Kainskinder um ihn zu scharen.

Gereint war mit dem Stimmen der Harfe so beschäftigt, daß ihn das gar nicht störte. Anshara sah sich nach Jean um, da sie ihre Pflicht erfüllt hatte, Gereint an der Flucht zu hindern.

Jean hatte sich in der Nähe einen guten Platz gesucht. Er wollte die Vorführung seines Bruders nicht verpassen. Dieser begann nun, nachdem er das Stimmen abgeschlossen hatte, zunächst ein paar Tonfolgen, um sich an das Instrument zu gewöhnen.

"Ich bin ja mal gespannt, wie Gereint spielt", wandte sich Anshara an Jean und seufzte. "Ich möchte auch ein Instrument spielen können."

"Dann mußt du es lernen."

Inzwischen hatte Gereint mit einem einfachen Lied begonnen, denn die Harfe war immer noch etwas ungewohnt für ihn.

"Ich muß noch soooo viel lernen", bemerkte Anshara mit einem tragischen Blick. "Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Soll ich erst malen lernen oder erst ein Instrument? Ich kann mich einfach nicht entscheiden. Töpfern oder Bildhauerei oder Schreiben würde mir ja auch gefallen."

"Dann mach doch alles."

"Alles auf einmal schaffe ich nicht."

"Dann entscheide dich."

"Ich versuche es. Was soll ich denn für ein Instrument wählen, wenn ich mich für die Musik entscheide?"

"Warum fragst du mich? Ich habe von Musik keine Ahnung." Er wandte sich lieber wieder Gereint zu, der gerade ein sehr altes, keltisches Lied spielte.

"Das klingt toll", stellte Anshara fest. "Vielleicht sollte ich ja Harfe lernen."

"Vielleicht bringt Gereint es dir ja bei."

Dieser hatte mittlerweile seine Umgebung total vergessen und spielte, was ihm in den Sinn kam.

"Wie lange muß man wohl üben, um so gut zu werden?" wollte Anshara wissen.

"So dreihundert bis vierhundert Jahre, denke ich."

"Oh-oh, ich glaube, ich mache doch lieber etwas anderes."

Gereint hatte derweil seine Vorstellung beendet und wurde mit einem frenetischen Applaus von allen Seiten bedacht. Er gab die Harfe an Monsieur Rodé zurück.

"Ich hoffe, Ihr seid zufrieden, mein Prinz", wandte er sich an Villon, und der nickte.

"Es ist wie immer ein Vergnügen, Euren Darbietungen zu lauschen."

"Dann darf ich hoffen, die Erlaubnis zu erhalten, in der Stadt zu bleiben?"

"Sicherlich, Monsieur Gereint, solange Ihr mir die Gunst Eurer Lieder schenkt."

"Gerne."

"Dann amüsiert Euch gut in meiner Stadt. Ihr kennt ja die Regeln." Er machte eine Geste, die Gereint bedeuten sollte, daß er nun entlassen war.

"Natürlich." Gereint sammelte seinen Umhang ein, verbeugte sich elegant und ging zu Jean und Anshara hinüber. Die Ägypterin strahlte ihn an.

"Das war wundervoll!"

"Ich kam mit der Harfe nicht so gut zurecht", meinte Gereint. "Ich habe ein paar Mal daneben gegriffen, denn das Instrument ist für jemanden mit größeren Händen gedacht. - Da fällt mir gerade auf, heute ist kaum jemand da, den ich kenne."

"Soll ich Euch ein paar der Leute vorstellen?" Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm Anshara ihn bei der Hand und führte ihn zu einem kupferhaarigen, hochgewachsenen Mann in eleganter Kleidung.

"Das ist Julien Clarice. Er ist Maler. Julien, das ist Gereint, Jeans Bruder."

"Hallo", eröffnete Gereint schüchtern.

"Sehr erfreut", entgegnete Julien.

Anshara lächelte ihm freundlich zu, ehe sie ihren Schützling zu einer Punkerin mit schulterlangen, dunkelblauen Haaren führte, die eine nietenbesetzte Lederjacke, Stahlketten, Springerstiefel und eine zerfetzte schwarze Jeans trug.

"Das ist Natalie", erklärte Anshara. "Sie malt die herrlichsten Straßenbilder."

"Hi Ansh", knurrte die junge Vampirin. "Wer ist denn der Süße an deiner Seite?" Sie hatte eine wilde Kriegsbemalung im Gesicht, kaute auf einem Kaugummi herum und schwenkte lässig eine Zigarette in der Hand herum.

"Das ist Gereint; er ist ein Barde." Natalie stieß einen anerkennenden Pfiff aus. Gereint war das natürlich peinlich, und er sah zu Boden. "Nat ist übrigens auch eine Toreador", erläuterte Anshara.

"Ich bin sehr erfreut, Eure Bekanntschaft zu machen", sagte er höflich.

"Fein", kam es von Natalie. "Würdest du vielleicht mal für mich Modell sitzen?" Sie maß ihn mit einem prüfenden Blick und zog einen abgewetzten Lederrucksack zu sich heran.

"Wofür?" wollte Gereint neugierig wissen.

"Meine Straßenbilder natürlich. Um genau zu sein würde ich eine Skizze von Dir machen, die ich dann später draußen mit Kreide umsetze. Ich brauche auch nicht lange."

"Ich weiß nicht..."

Natalie kramte kurzerhand einen zerfledderten Skizzenblock und einen weichen Bleistift aus ihrem Rucksack, ehe sie begann, Gereint auf das Papier zu bannen. Der betrachtete das interessiert. Nach einer Minute war ein exzellentes Portrait von ihm fertig.

"Das ist wirklich gut", fand Gereint.

"Danke." Sie signierte das Bild und überreichte es ihm, bevor sie rasch ein weiteres für sich anfertigte. Gereint beobachtete, wie die Zeichnung Gestalt annahm.

"Das mache ich für mich", sagte Natalie.

"Na gut."

"Dafür hast du auch einen Original-Colbert als Gage bekommen."

"Ich werde ihn gut aufheben."

"Das möchte ich dir auch geraten haben!" Natalie befand sich - wie sie meinte - zur Zeit auf einem kometenhaften Aufstieg. "Immerhin ist es ein Original."

"Ich werde schon einen würdigen Platz finden."

"Gut." Natalie hatte ihre Skizze nun auch beendet, winkte noch einmal und zog dann zu einer anderen Gruppe. Anshara sah ihr amüsiert hinterher.

"Sie mag Euch. Sie hat kein einziges Mal 'Scheißkerl' gesagt oder versucht, Euch anderweitig zu beleidigen."

"Ist das gut?"

"Allerdings. Das heißt, sie wird Euch auch demnächst weder zusammenschlagen oder sonst etwas unangenehmes tun. Natalie ist manchmal ein wenig ruppig."

"Dann kann ich ja froh sein, daß sie zu mir so nett war."

"Stimmt. Das lag nur daran, daß sie hübsche Männer mag... - Mal sehen, wer hier noch so herumspringt. Hm, Marcel ist in Le Club des Vampires..."

"Ist das nicht der mit dem lauten Getöse? Dann ist es besser, daß er nicht da ist."

"Eigentlich ist er ganz nett."

"Aber so laut!"

"Das ist wahr. - Marie ist auch unterwegs..."

"Das ist schade. Sie entwirft immer so schöne Sachen."

"Stimmt. Sie schafft es sogar, daß Jean ab und zu nicht-schwarze Sachen trägt, und dabei ist es mir in den letzten drei Jahren noch nicht gelungen, ihn dazu zu bewegen."

"Ich glaube, er sperrt sich aus Prinzip, dabei stehen ihm farbige Sachen sogar viel besser als dieses ewige Schwarz."

"Ich wüßte gerne, warum."

"Keine Ahnung, ich weiß nicht, was er denkt."

"Und ich kann leider auch keine Telepathie..."

"Ich eigentlich schon", bemerkte Gereint.

"Seufz, alle können immer so viel, nur ich nicht", beschwerte sich Anshara.

"Ich habe auch wesentlich mehr Zeit zum lernen gehabt."

"Könnt Ihr mir vielleicht beibringen, wie man Telepathie einsetzt?"

"Ich glaube nicht. Ich kann nicht gut erklären."

"Das mit dem Ritual habt ihr aber gut erklärt, fand ich."

"Das war ja auch leicht."

"Und was ist an Telepathie schwerer?

"Das Erklären. Außerdem habe ich jetzt dazu überhaupt keine Lust. - Irgendwann mal..."

"Na gut..."

"Sind hier noch mehr interessante Leute?" wollte Gereint wissen.

"Hm." Anshara sah sich um. "Die Dame da hinten ist die Brujah Nadine Bakary. Sie hat es geschafft, daß Prinz Villon im Moment sogar wieder Brujah in Paris duldet."

"Die Brujah sind meist gar nicht so schlimm wie ihr Ruf."

"Viele von denen sind ziemlich brutal! - Naja, aber Nadine ist ganz in Ordnung. Nur mit ihren Wurfmessern ist sie extrem gefährlich, obwohl sie sich hauptsächlich für Finanzen interessiert. Da ist sie fast so schlimm wie eine Ventrue."

"Jedem das seine."

"Genau. Ansonsten mußt du mal Jean fragen, ob er meint, dir noch jemanden vorstellen zu müssen."

"Er ist höchstens der Ansicht, daß es Zeit sei zu gehen. Er hatte noch nie viel für andere Leute übrig."

"Och, es geht eigentlich. Mir hat Jean jedenfalls eine ganze Menge Leute vorgestellt."

"Man ist in Paris gezwungen, viele Leute zu kennen."

"Das habe ich auch schon gemerkt. Und leider gehören dazu auch viel zu viele Nervensägen, wie zum Beispiel Romain Destart..."

"Ach ja, der..."

"Oder Marianne Caledieux..."

"Der Name sagt mir nichts."

"Sei froh. Die ist eine totale Tratschtante. Wenn du irgendetwas bestimmt nicht wissen willst, wird Marianne es dir erzählen."

"Aber ich höre gerne Gerüchte", warf Gereint ein.

"So lange in ihnen ein Körnchen Wahrheit steckt. Die von Marianne sind aber absolut wertlos."

"Das ist dumm." Gereint sah sich um. "Langsam bekomme ich wieder Hunger."

"Wir könnten uns etwas holen. François Villon hat einen erstklassigen Getränkevorrat."

"Ich würde lieber den Rest der Nacht noch etwas jagen. Ich hatte schon länger nichts Frisches mehr."

"Dann solltet Ihr wahrlich die Gunst der Stunde nutzen." Sie zählte ihm kurz auf, wo die Toreador-Jagdgebiete in Paris waren. "Wir müssen nur noch Jean holen, dann können wir losgehen."

"Gut."

* * *

Draußen sahen sie sich um. Der Himmel war bedeckt, nur ab und zu verriet sich ein Stern durch ein kurzes Aublinken.

"Hier ist aber nicht mehr allzuviel los", kommentierte Anshara.

"Es ist ja auch schon ziemlich spät", bemerkte Jean.

"Wir könnten in Richtung Moulin Rouge wandern und hoffen, daß wir einem Nachtschwärmer begegnen."

"Oh ja", meinte Gereint eifrig. "Ich war schon öfter dort, aber es ist nun schon eine Weile her."

"Ah. Das einzige Problem hier ist, daß man die Gefäße genaustens prüfen muß, um herauszufinden, ob sie auch gesund sind."

"Das mache ich immer." Gereint verfügte schließlich auch über den thaumaturgischen Sinn für das Blut. "In welche Richtung müssen wir nun gehen?"

"Erst mal die Avenue de l'Opera lang", erklärte Anshara. "Dann an der Oper vorbei, über die Rue Halévy, die Rue de la Chaussée und dann nur noch die ganze Rue Blanche entlang, und dann sind wir schon da." Es waren zwar fast fünf Kilometer, aber das brauchte sie ja nicht an die große Glocke zu hängen.

"Ich hoffe, wir finden etwas", seufzte Gereint. "Ich bin nämlich schon wieder ziemlich hungrig."

"Bestimmt." Sie wanderten los, und Anshara war froh, daß sie endlich warme Stiefel gefunden hatten, die halbwegs zu ihren ägyptischen Outfits paßten. Gereint summte vor sich hin, was Jean zu einem Kopfschütteln veranlaßte. Sein Bruder war immer so auffällig und wunderte sich dann, warum ihn alle anstarrten.

Anshara hakte sich derweil bei Jean ein, da sie ihn doch ein wenig vernachlässigt hatte.

"Du hast mich stundenlang ignoriert", machte er sie auch prompt vorwurfsvoll aufmerksam.

"Weil Gereint der Hilfe bedurfte", verteidigte sie sich. "Er wäre doch fast weggerannt, als die Leute ihn im Louvre ansahen."

"Er stellt sich nur hilflos", klärte Jean sie auf. "Ich denke, er macht das absichtlich, damit sich noch mehr Leute um ihn kümmern. Ich kenne doch meinen Bruder!"

"Ist er wirklich so schlimm?"

"Nein, aber er ist keinesfalls so ängstlich wie er tut, und er weiß genau, wie er seinen Willen bekommt."

"Aha." Anshara musterte Gereint nachdenklich.

"Was dachtest du? Schließlich ist er kein Neugeborener mehr. Obwohl, ein Ahn ist er eigentlich auch nicht..."

"Dann ist er halt ein Mischlung."

"Das ist er sowieso. Ein Toreador-Tremere, aber das sollte man besser nicht zu laut sagen. Auf jeden Fall ist er mindestens so gut in der Thaumaturgie bewandert wie ein Tremere."

"Das ist wahr." Sie seufzte. "Das will ich auch alles lernen. Thaumaturgie scheint ja ziemlich praktisch zu sein."

"Aber es dauert so lange, bis man etwas kann", fand Jean.

"Sind wir nicht bald da?" maulte Gereint.

"Es ist nur noch ein Stück", behauptete Anshara. Sie waren noch nicht einmal an der Kreuzung mit der Rue Danielle Casanova/Rue des Petits Champs angelangt.

"Bis wir da ankommen, bin ich verhungert."

"Dann sollten wir unterwegs auf das eine oder andere Opfer hoffen."

"Ich bin aber wählerisch. Irgendwie kann man in der Stadt nicht ordentlich jagen. Es ist so laut, es mieft... Dann diese ganzen Autos, die Maschinen..."

"Dafür mieft es im Wald nach Tieren", fand Anshara.

"Ich wette, Ihr wart noch nie in einem Wald."

"Doch - guckt mal, da läuft eine Frau."

"Ich bin nicht blind", meinte Gereint. "Aber das ist nichts für mich. Nicht mein Geschmack."

"Hm?" Anshara sah ihn fragend an.

"Ich habe etwas gegen diese Schnellimbiß-Methode. Und außerdem machen mich die Vorstellungen beim Prinzen nervös, das verdirbt mir den Appetit."

"Aber Hunger habt Ihr trotzdem?"

"Genau. Also muß ich mir erst Appetit holen."

"Und wie gedenkt Ihr, dieses zu tun?"

"Ich suche mir etwas Appetitliches."

"Das ist ein Argument", überlegte Anshara. "Einem hübschen, hochgewachsenen, schlanken jungen Mann mit Blutgruppe AB+ wäre ich auch nicht abgeneigt."

"Wäre mir auch recht", bemerkte Gereint.

"Laßt mir aber einen übrig!"

"Mal sehen. Ihr könnt die Kleinen haben."

"Aber nicht zu klein."

"Na gut, alles unter 180cm."

"Er sollte aber über 175cm sein!"

"Habt Ihr ein Metermaß dabei?"

"Sicher."

"Gut."

"Dann laßt uns ein paar Gefäße aufbringen."

"Können wir nicht in einen Nachtclub gehen?" fragte Gereint tragisch. Er hatte nicht die gerinste Lust, noch länger durch die Kälte zu marschieren.

"Der Ritz-Club ist in der Nähe", warf Jean ein, der eigentlich auch von der Wanderung genug hatte. Sie hätten ein Taxi rufen sollen.

"Aber der ist doch nur für Mitglieder!"

"Sicher", meinte Jean. "Aber ich bin Mitglied und Gereint auch." Er lebte schließlich schon einige Jahre hier, und eine Mitgliedschaft im Ritz-Club war einfach ein Muß für einen Toreador.

"Warum bin ich eigentlich kein Mitglied?" fragte sich Anshara. "Ich hoffe, das heißt nicht, daß ich draußen vor der Tür stehen bleiben muß?"

"Aber sicher doch", sagte Jean vergnügt, und Anshara schmollte ihn an. "Allerdings fürchte ich, daß wir im Ritz nie zum Essen kommen. Da ist es einfach zu exclusiv. Es gibt hier in der Nähe eine Grufti-Disco, die dürfte besser geeignet sein."

"Ah, du meinst wohl das Grand Prêtre in der Rue de Choiseul?" fragte Anshara, die in den vergangenen drei Jahren so gut wie alle interessanten Orte in Paris kennengelernt hatte (nur das Ritz schien Jean wohl vergessen zu haben!).

"Genau das." Er betrachtete sie. "Allerdings bist du nicht ganz passend angezogen." Ihre weißen Sachen würden inmitten der ganzen finsteren Grufts und Goths herausstechen wie ein Schneemann im Kohlenkeller.

"Ach, im Zweifelsfall kreiere ich einfach einen ganz neuen Look", erklärte sie unbekümmert und grinste ihn an. "Außerdem, etwas gruftigeres als eine 3846 Jahre alte ägyptische Priesterin kann ich mir eigentlich nicht vorstellen."

Jean lachte. "Na gut, dann laßt uns dahin gehen."

Sie steuerten also zum Grand Prêtre, das nur zwei Straßen entfernt war. Der Eingang war einem Friedhofstor nachgebildet, und sie mußten einen ziemlich horrenden Betrag zahlen, um in die derzeitige absolute Szene-Disco eingelassen zu werden.

Der Typ am Einlaß maß Anshara mit einem kritischen Blick, aber als sie hoheitsvoll erklärte, die Reinkarnation der vor 3829 Jahren verstorbenen altägyptischen Priesterin Anch-Ra aus dem Tempel der Ma'at zu sein, grinste er kurz und ließ auch sie ein.

"Tja, ehrlich währt manchmal doch am längsten", bemerkte sie zu ihren Begleitern. "Na gut, das mit der Reinkarnation stimmte nicht ganz..."

Gereint sah sich interessiert um. "Ich war schon lange nicht mehr in einer Disco."

"Ich auch nicht." Sie gab ihren Mantel an einer Garderobe ab, wobei sie erstaunt war, daß es hier tatsächlich eine Garderobe gab. Vermutlich war das auch eine Folge des hohen Eintrittspreises. "Bis jetzt habe ich vom Grand Prêtre ja immer nur gehört", meinte Anshara andächtig und sah sich um.

"Ich war auch erst einmal hier", sagte Jean.

"Es sieht toll aus", fand Anshara.

Alles war in Schwarz gehalten, und etwa 99 Prozent der Anwesenden waren ebenfalls komplett in schwarz gewandet, eventuell aufgehellt durch blutrotes Futter in bodenlangen schwarzen Umhängen oder purpurfarbene, weiße oder violette Haare. Anshara stach komplett heraus, wurde von den Goths jedoch wegen dieses so bekundeten Individualismus hauptsächlich bewundernd bestaunt.

"Richtig gruftig", kommentierte Jean. Auch Gereint fand die Einrichtung amüsant. Es sah aus wie eine Kreuzung aus Friedhof und Kirche.

"Und ich sehe viele leckere Jungs", freute Anshara sich nach einem kurzen Blick in die Runde.

"Allerdings", stimmte Gereint hungrig zu.

"Reißt euch zusammen", mahnte Jean.

"Die Jungs sind für mich, ihr könnt euch die Mädchen teilen", sagte Anshara übermütig.

"Die kann Jean haben, mir sind Jungs lieber", widersprach Gereint. "Ich sagte doch, Ihr kriegt alles unter 180cm. Höher kommt Ihr ohnehin nicht."

"Ich hole sie eben zu mir herunter."

"Na, benimm dich", tadelte Jean und sah sich ebenfalls neugierig um.

"Schließen wir einen Kompromiß", schlug Gereint vor. "Jeder bekommt das, was er erwischt."

"Das ist okay." Anshara stürzte sich also in das Getümmel und suchte nach einem passenden Opfer. Vielleicht sollte sie sich beim nächsten mal mindestens 10cm hohe Stöckelschuhe oder Plateausohlen zulegen, überlegte sie.

"Bis dann." Gereint machte sich auch auf die Suche, während Jean erst einmal zur Bar ging, die wie ein Altar gestaltet war, um die Karte zu studieren. Er amüsierte sich über die Bezeichnung der Drinks - von 'Zombies' bis 'Draculas Blut' war alles vorhanden -, während er seine Gefährtin beobachtete.

Anshara strahlte in die Gegend, und ihr schwerer, goldener Schmuck zu dem fließenden, schneeweißen Gewand verlieh ihr einen Hauch von Extravaganz, der die Gruftis ungemein faszinierte. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie sich einen Zwei-Meter-Goth an Land gezogen, wobei sie sich aber ernsthaft fragte, wie sie da an den Hals kommen sollte.

Gereint fand das Bild ungemein witzig. Er schob sich durch die Menge, um ebenfalls ein ansprechendes Gefäß zu finden, während Anshara nach einem passenden Stuhl suchte, um ihr erwähltes Opfer zu entern.

Jean bestellte sich derweil einen dieser amüsanten Drinks, denn schließlich hatte er einen frei, und er wollte wissen, wie das Zeug aussah. Sein Bruder schlich in Ansharas Nähe herum, da er doch zu gerne sehen wollte, wie sie jemanden erwischte, der soviel größer war als sie.

Unter den belustigten Blicken des Zweimetertypen, den sie nun in eine etwas dunklere und ruhigere Nische der Disco geschleppt hatte, erklomm Anshara einen der Stühle, um halbwegs mit ihrem erwählten Opfer auf eine Höhe zu gelangen. Innerhalb kürzester Zeit brachte sie ihn mit ihrer vampirischen Präsenz in ihren Bann und bearbeitete seinen Hals, nur um blitzschnell zuzubeißen und sich einen Schluck zu genehmigen. Diesmal mußte sie besonders aufpassen, um nicht zu kleckern, da rotes Blut auf ihrem hellen Kleid weithin sichtbar wäre. Hm, B+, dachte sie. Naja, ging so... Sie beschränkte sich auf ein, zwei Schlucke, leckte die Wunde wieder zu und beschloß, sich jemand anderen zu suchen.

Jean beobachtete sie belustigt, während er neugierig an dem 'Blut Draculas' schnupperte. Anshara verzog das Gesicht; es war wohl nicht ihre Lieblingssorte... Abrupt ließ sie den verdutzten Grufti stehen, der nicht ganz verstand, was passiert war, und mischte sich wieder unter die Tänzer.

Gereint folgte ihr neugierig und beobachtete sie fasziniert. So hungrig war er nicht, daß er das verpasst hätte, denn sie wiegte sich zu der düsteren Musik in einem ägyptischen Tempeltanz und ließ ihre Präsenz auf die Anwesenden einwirken.

Schließlich erspähte sie ein neuerliches Opfer, einen nicht ganz zwei Meter langen, schwarzgewandeten Goth mit einer schneeweißen Strähne im langen, nachtfarbenen Haar. Sie strahlte ihn an und dirigierte ihn zu einem verschwiegenen Plätzchen. Gereint schlich unbemerkt hinter ihr her. Diesmal wurde eine Sitzbank zu ihrem Klettergerüst. Dieser Mann hatte A+, wie sie seufzend bemerkte. Aber das schmeckte auf jeden Fall besser als B oder 0.

Jean spielte immer noch mit 'Draculas Blut' herum und suchte sich in aller Ruhe auch etwas Geeignetes zum Futtern.

Nun tauchte Gereint neben Anshara auf. "Huhu!"

"Huhu." Sie ließ von ihrem Opfer ab, und der Goth guckte total verzückt in die Gegend.

"Nette Methode", fand Gereint.

"Siehst du. Auch die Kleinen kommen schon irgendwie zu ihrem Recht." Sie schleckte die Wunde wieder zu und wandte sich zu Gereint um, was er sehr amüsant fand. Er sah sie an.

"Ihr seid richtig niedlich."

Sie wanderte über die Bank zu ihm hin, sprang herunter und schlug die Augen nieder. "Frau tut was sie kann."

"Ihr verliert auch keine Zeit..." Er hatte noch nichts gegessen, während sie sich in derselben Zeit schon an zwei Gefäßen gütlich getan hatte.

"Weil ich weiß, was ich will." Jetzt sah sie ihm direkt in die Augen, und die Goldflecken in ihrer bernsteinfarbenen Iris blitzten unternehmungslustig.

"Man merkt's."

"Und Ihr habt noch nichts Appetitliches für Eure Ansprüche gefunden?"

"Ich war zu beschäftigt damit, Euch zu bewundern."

"Ihr schmeichelt mir." Sie guckte verlegen zu Boden. "Dabei wart Ihr doch so hungrig..."

"Naja, nicht so richtig. Ich wollte eigentlich mehr spielen."

"Hier sind genug schnuckelige Typen für alle da", fand Anshara und musterte einen weiteren hübschen Jungen mit langen, blauvioletten Haaren.

"Ja, doch. Aber es ist schwierig geworden, jemanden einzufangen."

"Hm. Finde ich eigentlich nicht..."

"Ihr seid auch eine Frau."

"Ihr könntet es ja bei den Damen versuchen."

Gereint verzog das Gesicht. "Lieber nicht. Ich finde sie lästig, denn ich werde die nie wieder los. Außerdem hasse ich es in eine zentimeterdicke Make-Up-Schicht zu beißen."

"Dann müßt Ihr Euch halt etwas mehr anstrengen. Seht Euch um - Ihr habt die freie Auswahl!"

"Ich kann mich doch nicht entscheiden..."

"Was ist mit dem da?" Anshara deutete auf einen langen Schlacks mit kurzen, purpurfarbenen Haaren.

"Na gut."

Sie guckte gespannt zu, wie Gereint sich daran machte, den Grufti zu beeindrucken. Lässig drapierte sie sich in eine optimale Beobachtungsposition, damit sie alles mitbekam. Gereint begann zunächst, den jungen Mann mit seinem Charisma zu überwältigen.

Da das ein wenig zu dauern schien, gesellte sich Anshara zu Jean, der immer noch mit seinem Drink an der Bar stand.

"Oh, schon wieder da?" fragte er.

"Ja. Gereint bemüht sich gerade um einen Snack."

"Du meinst wohl, er spielt wieder mit seinem Essen."

"Das auch", kicherte sie. "Was hast du denn da in dem Glas?"

"'Draculas Blut'. Das behaupten die jedenfalls..."

"Laß mal schnuppern!" Anshara hielt die Nase über das Glas und verzog angewidert das Gesicht. "Igitt, das ist ja Alkohol!"

"Und Grenadine."

"Auch das. - Na, wie macht sich Gereint?"

"Wenn er sich anstrengt, fallen ihm die Opfer freiwillig zu Füßen."

"Noch tut sich aber nicht sehr viel."

"Er sondiert noch."

"Ah. Sag mal, kann man eigentlich auch aus der Ferne die Blutgruppe feststellen?"

"Ich denke, es müßte gehen."

"Das muß ich auch unbedingt lernen!"

"Dürfte aber schwieriger sein."

Inzwischen unterhielt sich Gereint mit seinem Grufti. Anshara musterte die beiden. Der Goth hätte auch gut zu einem Snack für sie werden können, fand sie. Gereint führte ihn unauffällig in eine düstere Ecke der Disco, und diesmal folgte Anshara ihm. Er beeinflußte den Jungen so, daß er sich nicht wehren würde, wenn er sich an ihm gütlich tat, ehe er sich noch einmal vorsichtig umsah.

Anshara lehnte an der Wand und grinste in seine Richtung. Gereint grinste zurück und wandte sich wieder seinem Opfer zu. Langsam bekam er doch Appetit. Allerdings trank er nicht sehr viel, denn er wollte den Jungen nicht zu sehr schwächen. Er würde sich lieber ein oder zwei weitere Opfer suchen.

"Na, hat's gemundet?" fragte Anshara ihn, als er sich nach weiteren Gefäßen umsah.

"Sicher."

"Schön." Sie flanierte wieder in Richtung Tanzfläche und zwinkerte dem einen oder anderen Goth zu. Sie hatten alle die Gemeinsamkeit, lang, schlank und möglichst hübsch zu sein, und Gereint, der ihr wie ein grüner Schatten gefolgt war, fand, daß Anshara einen durchaus akzeptablen Geschmack hatte.

Jean war inzwischen seinen Drink losgeworden und suchte sich nun einen geeigneten Snack. Hier war die Auswahl zum Glück sehr opulent, und er würde nicht darben müssen. Binnen weniger Minuten war sein Hunger tatsächlich gestillt, und er ging zu seinem Bruder, den er auf der Tanzfläche erspäht hatte.

"Hier braucht man kaum etwas zu tun, um satt zu werden", bemerkte er.

"Stimmt", meinte dieser, "obwohl ich mal Lust hätte, ein bißchen Theater zu machen."

Kurz darauf stieß auch Anshara zu den beiden.

"Oh, auch wieder da?" fragte Jean.

"Ja." Sie leckte sich genüßlich über die Lippen und hatte den zufriedenen Blick einer satten Katze aufgesetzt. "Der Letzte war AB+", seufzte sie.

"Und was stellen wir jetzt an?" wollte Gereint wissen.

"Hm", machte Anshara. "Es ist gerade punkt 3 Uhr nachts, wir haben also noch etwas Zeit..."

Jean hatte ihre Hand ergriffen und küßte sie auf das Handgelenk, was Gereint belustigt betrachtete. Sie himmelte ihren Gefährten an wie stets und schmiegte sich an ihn.

"Eh, ich will auch mitspielen", warf Gereint ein.

"Ich spiele aber nur mit Jean."

"Ihr seid auch nicht mein Typ", bemerkte Gereint. "Ich will nur nicht übersehen werden."

"Ach so. Was ist denn Euer Typ?" fragte sie neugierig.

"Eher alles, was groß ist."

"Oh. Aber ich verfüge über geistige Größe", behauptete Anshara.

"Die muß nicht unbedingt sein. Auf den Geschmack hat das keine Auswirkungen."

"Ich bin schließlich auch kein Häppchen, das Ihr so einfach vernaschen könnt." Sicherheitshalber versteckte sie sich dennoch hinter Jean, denn Gereint konnte soviel wie ein Tremere, und die konnten so einiges.

"Meint Ihr? Ich kann das sogar ohne Berührung..."

"Oh! Wie geht das denn?" Sie musterte ihn wissensdurstig.

"Das ist Thaumaturgie."

"Dann will ich das lernen!"

"Alles zu seiner Zeit. - Es ist aber sehr praktisch; ich muß niemandem hinterherrennen."

"Wann werdet Ihr es mir denn beibringen?"

"In fünfzehn bis zwanzig Jahren, dann dürftet Ihr nämlich die vierte Stufe erreicht haben."

"Ich will es aber sofort können!"

"Keine Chance. Man kann auch nicht die Spitze einer Pyramide besteigen, ohne die unteren Stufen zu erklimmen. - Aber was machen wir nun?"

"Hm... Ich weiß nicht. Jean? Hast du eine Idee?"

"Schon", sagte der. "Aber ich fürchte, Gereint wird davon nicht begeistert sein." Er betrachtete seine Gefährtin bedeutungsvoll und knabberte an ihrem Handgelenk. Sie strahlte ihn hingebungsvoll an.

"Wenn Ihr nach Hause zurückwollt, dann laßt eich nicht aufhalten", meinte Gereint. "Ich komme durchaus alleine zurecht."

"Hm, wir könnten auch mal gucken, ob wir an die Baupläne der Tremere-Chantry kommen", überlegte Anshara.

"Das ist mir zu langweilig", kommentierte Gereint.

"Aber das sollten wir herausfinden, wenn wir unseren Plan durchführen wollen."

"Dann macht das. Ich amüsiere mich lieber."

"Gut, dann kümmern wir uns um die Pläne, damit wir wissen, was uns erwartet. Hat jemand eine Ahnung, wo die Chantry ist?"

"Rue de Turenne in Marais", sagte Gereint. "Das ist im dritten Bezirk."

Anshara überlegte kurz. "Wenn ich mich recht entsinne, ist die zugehörige Bezirksverwaltung auf der Rue Eugène-Spuller. Ich hoffe, die haben da die Baupläne - oder es gibt wenigstens einen Hinweis, wo man die finden kann..."

"Ich habe aber jetzt keine Lust auf Akten und sowas", maulte Jean.

"Es wäre aber sinnvoll, wenn wir die Pläne hätten."

"Du kannst ja machen, was du willst."

"Das werde ich auch." Anshara funkelte ihn ein wenig ungehalten an. "Ich werde den Kram organisieren, und du kannst derweil mit Gereint durch die Gegend ziehen." Sie trabte zum Eingangsbereich des Grand Prêtre, wo sie ein Telefon gesehen hatte und rief ein Taxi.

Jean zuckte mit den Schultern und wandte sich seinem Bruder zu. "Was machen wir nun?"

"Uns amüsieren", schlug dieser vor, und die beiden machten weiterhin die Disco unsicher.

* * *

Von dem Taxi ließ Anshara sich nach Marais fahren, als ihr am Square du Temple plötzlich einfiel, daß Jean nicht dabei war und sie keine Ahnung hatte, wie man in ein größeres Objekt einbrach, ohne sofort den Alarm auszulösen. Abgesehen davon war sie in dem wallenden weißen Kleid nicht optimal für solch eine Aktion gewandet.

Seufzend gab sie dem Taxifahrer die Anweisung, sie nach St.Germain zurückzufahren.

Anshara ging in ihr Zimmer und zog sich erst einmal um, wobei sie seltsame Geräusche aus La Chambre de l'Automne vernahm. Es piepte, surrte und klickte wie auf der Brücke eines Raumschiffs in einem Science-fiction-Film, dazwischen erklang dezentes Hämmern und ab und zu einige Flüche in einer ihr unbekannten Sprache.

Endlich war sie in einen warmen, schwarzen Catsuit gewandet (sie gedachte auch auf einer Raubtour nicht zu frieren) und guckte nach, was denn da bei Branwyn so vorging.

"Herein", rief die Magierin auf ihr Klopfen, und Anshara trat ein. Es war erstaunlich, wie sich das Zimmer in der kurzen Zeit verwandelt hatte. Überall standen hochtechnische Gerätschaften herum und allerlei Konsolen, die blinkten und summten. Anshara bestaunte den Rucksack, aus dem Branwyn einen 14-Zoll-Monitor und danach einen ziemlich verkabelten Sturzhelm zog. War das alles da drin gewesen? Sogar die Strukturtransformatorkammer stand in einer Ecke des Zimmers.

"Was machen Sie denn da?" wollte sie neugierig wissen.

"Oh, ich habe eine Freundin bei den Virtuellen Adepten, und sie hat mich gebeten, etwas zu bauen, was sie einen 'Virtual Reality Helm' nennt."

"Und was soll das sein?" Anshara konnte mit dem Begriff nichts anfangen; vermutlich hatte es etwas mit Magie zu tun.

"Es hat etwas mit Computertechnologie zu tun", erklärte die Magierin. Net_Shark und sie hatten sich vor drei Jahren auf dem Ätherschiff Adventurer von Captain Oort getroffen, als sie, Branwyn, eine Theorie zum Ätherraum mit Experimenten untermauern wollte. Da Net_Shark zwischendurch an Taschenrechnern und Kleincomputern herumgebastelt hatte, die sehr faszinierend aussahen, waren die beiden Frauen ins Gespräch gekommen, und es hatte sich im Laufe der Zeit eine lockere, aber beständige Freundschaft entwickelt, in der Bran von Net_Shark in Computerwissenschaften unterrichtet wurde, während sie der Virtuellen Adeptin allerlei elektronische Gerätschaften bastelte.

"Oh", machte Anshara, die da keinen Zusammenhang sah. Ein Computer hatte eine Tastatur, einen Monitor und einen Kasten, wo die relevanten Innereien enthalten waren - was sollte man da mit einem Sturzhelm? "Aber das ist nicht, weshalb ich Sie hier störe... Ich dachte, Sie könnten mir vielleicht helfen, an die Baupläne der Tremere-Chantry zu kommen..."

"Ich sehe nicht ganz, wie ich Ihnen da helfen kann", meinte Branwyn. "Ich bin eine Wissenschaftlerin, und keine Architektin."

"Nein, nein, es geht eher darum, in die Bezirksverwaltung hineinzukommen und die Pläne zu organisieren."

"Eine Einbrecherin bin ich auch nicht", kommentierte die Magierin.

"Ich auch nicht, und das ist ja das Problem. Ich dachte, mit Ihren magischen Kräften könnten Sie mich vielleicht unterstützen."

"Hm", machte sie nachdenklich. "Warum eigentlich nicht? Der Helm ist fast fertig, und dann könnte ich vielleicht mal gucken, inwieweit ich noch die Effekte der Sphäre Entropie beherrsche." Sie kramte in ihrem Rucksack herum und zog einen wissenschaftlichen Taschenrechner hervor. "Ah, da ist er ja!"

"Und was macht man mit Entropie?"

"Zum Beispiel Codes knacken, Zahlenschlösser enträtseln oder Wahrheit und Lügen unterscheiden."

"Klingt ziemlich praktisch", fand Anshara.

"Meine eigentliche Stärke ist aber die Sphäre der Materie", eröffnete Branwyn. "Damit habe ich zum Beispiel auch die Kleidungsstücke umgewandelt."

"Und was war mit Ihrem Erscheinen aus dem Nichts?"

"Hm? Ach so, das funktioniert über die Sphäre der Korrespondenz, und dazu brauche ich meinen Teleportgürtel. Apropos, wo habe ich den nur schon wieder liegen gelassen?" Sie wühlte in einem Haufen Krimskrams herum, ehe sie das Gerät triumphierend in der Hand hielt.

"Was gibt es denn nun eigentlich an Sphären?" wollte Anshara wissen. Das Wort war jetzt schon so oft gefallen, und sie hatte immer noch keine Ahnung, was es bedeutete. Gereint hatte die Sphären als 'Elemente der Realität' bezeichnet, aber irgendwie war das immer noch reichlich abstrakt.

"Es gibt neun Sphären, obwohl manche Lehren auch von einer zehnten Sphäre sprechen, aber das ist sehr umstritten. Die neun Sphären sind Denken, Entropie, Geist, Korrespondenz, Kräfte, Leben, Materie, Ursprung und Zeit, und jede der neun Traditionen hat eine davon als Domäne. Die Kinder des Äthers zum Beispiel sind Spezialisten für die Materie, während die Korrespondenz den Virtuellen Adepten zueordnet ist."

"Und welche hat der Orden des Hermes? Gereint war doch mal bei denen, oder?"

"Stimmt. - Die Domäne des Ordens des Hermes ist die Sphäre der Kräfte. Und bevor Sie mich weiter löchern, die Zuordnung der anderen Sphären ist: Denken - Bruderschaft Akashas, Entropie - Euthanatos, Geist - Traumsprecher, Leben - Verbena, Ursprung - Himmlischer Chor und Zeit - Kult der Ekstase."

"Ah." Das würde sie sich nie merken können, dachte Anshara tragisch, dabei klang das alles hochinteressant. Hoffentlich standen die Sachen auch in den Zeitschriften drin, die sie von Branwyn geliehen bekommen hatte. Ihr fiel siedendheiß ein, daß sie die auf jeden Fall noch fotokopieren mußte. "Ich fürchte, wir schweifen schon wieder ab", seufzte Anshara. "Wir sollten langsam los, wenn wir vor Sonnenaufgang bei der Bezirksverwaltung und wieder zurück sein wollen."

"Stimmt, das dürfte für Sie ein gewisses Problem darstellen", stellte Branwyn belustigt fest.

"Eben!"

Die Äthertochter sah an sich herab und beschloß, sich für den Raubzug passend einzukleiden. Kurz darauf trug sie die extravangante Kluft von Maida aus den Eispiraten, was Anshara mit einem Kopfschütteln quittierte. Auffälliger ging es wohl nicht mehr. Aber andererseits - wer würde einem etwaigen Augenzeugen glauben, der etwas von einer Außerirdischen faselte, die in das Gebäude eingebrochen war?

Die beiden stiegen in den Mercedes und fuhren nach Marais, wo Anshara das Gefährt in relativer Nähe der Rue Eugène-Spuller parkte. Sie schlichen sich zum Verwaltungsgebäude, und das Kainskind war froh, daß die Magierin mitgekommen war. Branwyn wies sie an, mit ihrem Taschenmesser im Schloß herumzufuhrwerken, während sie auf ihrem Taschenrechner irgendwelche Zahlen eintippte. Plötzlich klickte es, und die Tür öffnete sich. Anshara starrte verdutzt auf das Taschenmesser.

"Hinein!" flüsterte Branwyn und hielt die Tür auf. Drinnen begann sie erneut, ihren Taschenrechner zu bearbeiten, was Anshara mit zunehmender Faszination beobachtete. Was machte die da bloß? Auf einmal deutete Branwyn in Richtung auf eine nach unten führende Treppe. "Das Archiv ist im Keller", erklärte sie.

"Woher wissen Sie das?"

"Ich habe gerade die Wahrscheinlichkeit berechnet, daß es da ist - und die sieht wirklich gut aus."

"Hm." Vermutlich war das, was Branwyn tat so etwas wie eine verbesserte Form von Auspex, nur mit Taschenrechner...

Sie kletterten in die Kellergewölbe, und tatsächlich schien hier so etwas wie ein Archiv zu sein. Mit Hilfe des Taschenmessers und ein wenig Entropie-Einsatz der Magierin gelangten sie in den Raum, der die gesuchten Pläne beherbergte.

Während Anshara befürchtete, daß sie in dem Wust der Blätter die Unterlagen vor Sonnenaufgang nicht finden würden, doch Bran, die erneut an ihrem Taschenrechner herumgeschaltet hatte, griff zielsicher nach einer Schublade und hatte die gewünschten Pläne in der Hand. Der Vampirin klappte fast der Unterkiefer herunter.

Sie verwischten rasch alle Spuren und eilten mit der Beute in der Hand zum Auto, ehe sie nach St.Germain zurückfuhren.

"Das hat Spaß gemacht", erklärte Branwyn übermütig.

"Du bist ziemlich begabt", bemerkte Anshara ein bißchen neidisch. Während ihres Raubzugs waren sie dazu übereingekommen, sich zu duzen. Warum konnten Kainskinder keine Magier sein? Das war so unfair.

"Ach, das war doch nichts", winkte die Äthertochter ab. Tatsächlich hatte sie außer ihren beiden Stufen in der Entropie-Sphäre überhaupt nichts gebraucht.

"Seufz", machte Anshara. Endlich waren sie am Haus angekommen, und sie gingen hinein. Branwyn brachte ihre Utensilien nach oben und gewandete sich wieder in ein etwas normaleres Outfit aus einem glänzend silbernen Overall mit schwarzen Stiefeln und gleichfarbenen Handschuhen, ehe die beiden im Chambre du Soleil verschwanden, wo sie begannen, die Baupläne zu studieren.

* * *

Jean und Gereint hatten sich in der Zwischenzeit zwei Grufti-Ladies erobert und diese zu einem Hotel abgeschleppt.

Sie waren ganz ihrem Spieltrieb erlegen, und Jean fragte sich, warum Gereint so selten in die Stadt kam. Andererseits flippte sein Bruder jedesmal ziemlich aus, was Jean aber gar nicht als so negativ empfand, denn soviel Spaß hatte er sonst selten.

Es war schon fast morgen, als es Jean gelungen war, Gereint zu seinem Haus zu schleifen.

Er lieferte ihn im Gästezimmer nach und sah dann nach Anshara. Er fand sie mit Branwyn inmitten eines Wustes von Papier in ihrem Zimmer.

"Na, hast du alles bekommen?" erkundigte er sich, wobei er die Magierin wieder sicherheitshalber ignorierte.

"Ja, wie du siehst." Sie wedelte mit den Blaupausen herum. "Und was habt ihr so gemacht?"

"Wir waren in einigen Nachtclubs und so."

"Typisch. Wir Frauen mußten arbeiten, und ihr habt euch amüsiert."

"Ich dachte, die Frauen wären jetzt emanzipiert."

"Das ist auch der einzige Grund, warum wir jetzt die Pläne haben."

"Ich sage ja, ihr könnt das viel besser", meinte Jean grinsend. "Du weißt doch, ich bin nur hübsch und nichts weiter."

"Du hast recht", sagte Anshara belustigt. "Dann bin ich das Gehirn."

"Da das nun geklärt ist, könnten wir eigentlich zu Bett gehen."

"Stimmt, ich merke auch, wie ich langsam müde werde. Gute Nacht, Jean."

"Gute Nacht."

Anshara faltete die Pläne zusammen, und auch Branwyn verschwand in ihr Zimmer.

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Kapitel 5: Der Plan nimmt Gestalt an

Man schrieb Freitag, den 20. Dezember 1985, etwa 17:20 Uhr.

Jean schaffte es ausnahmsweise, sich schon so kurz nach Sonnenuntergang aus dem Bett zu quälen und ging hinüber in Ansharas Raum. Die hatte sich zwar noch nicht die Mühe gemacht, sich anzukleiden, saß aber bereits über den Blaupausen und studierte sie eingehend.

"Guten Abend", sagte Jean und setzte sich auf die Bettkante.

"Hallo, Jean." Sie strahlte ihn an und schob die Unterlagen ein Stück zur Seite.

"Was machst du da?"

"Ich versuche herauszufinden, wie wir am besten in die Chantry gelangen. Leider sind das hier nur die Baupläne, und daran sieht man weder, welche Sicherheitsanlagen die Tremere eingebaut haben, noch was in welchem Raum ist."

"Ich sehe darauf nur komische Striche."

"Hm. Ich glaube, das sind die Gasleitungen, das da sollen die elektrischen Leitungen sein, und die Teile hier sind halt die Räume."

Jean gähnte. "Und damit beschäftigst du dich?"

"Wenn wir in die Chantry einbrechen wollen, möchte ich schon gerne wissen, wo die Notausgänge sind."

"Ich erkenne daraus eh nichts", seufzte Jean mit einem Blick auf die Zeichnungen.

"Naja, ich reime mir das meiste auch nur zusammen", gab sie zu. "Aber versuchen kann ich es wenigstens. - Ich frage mich, wo wir etwas über die magischen Sicherheitsanlagen der Tremere erfahren können. Ich meine, die werden bestimmt so etwas eingebaut haben."

"Eigentlich haben in der Regel die Unternehmen die Unterlagen, die sie installiert haben."

"Meinst du, daß es auch Unternehmen für magische Alarmanlagen gibt?"

"Ich denke, auch für sowas gibt es Spezialisten", vermutete Jean.

"Darüber wissen wahrscheinlich Branwyn und Gereint besser Bescheid, aber vorher wollte ich noch unter die Dusche. Kommst du mit?"

"Ich war schon duschen."

"Schade."

Jean lachte. "Sonst dauert es wieder so lange."

"Da hast du allerdings recht." Mit einem bedauernden Blick auf ihren Gefährten schlüpfte sie ins Bad, und er wartete derweil auf sie. Schon zehn Minuten später kam sie zurück und stellte sich erst einmal grübelnd vor den Schrank. Jean beobachtete sie dabei.

"Was soll ich nur anziehen?" fragte sie nach einer Viertelstunde.

"Was weißes", schlug er vor.

"Gut." Sie stellte sich also vor den Bereich mit den weißen Sachen und überlegte angestrengt. Jean erhob sich und trat hinter sie. "Sag mal eine Zahl", bat sie schließlich.

"Sieben."

"Okay." Sie zählte das siebte Teil von unten ab und zog es heraus. Es handelte sich um einen weißen Overall.

"Das ist doch okay", fand Jean, während Anshara weitere fünf Minuten über die passenden Dessous meditierte. Schließlich war sie - nach immerhin unter einer Stunde - fertig.

"Das war fast ein Rekord", kommentierte er. "Ich sollte öfter mal früher aufstehen, dann bist du auch eher fertig." Er streckte sich. "Was machen wir heute?"

"Ich dachte, wir überlegen uns einen Plan, wie wir in die Chantry hineinkommen."

"Das kannst du doch eh am besten."

"Hm. Eigentlich bist du doch der Einbruchsspezialist, und wenn es um Magie geht, sollte man wohl eher Branwyn und Gereint fragen. Ich koordiniere das nur."

"Was will ich überhaupt in einer Chantry?" erkundigte sich Jean.

"Sie ausrauben natürlich. Da gibt es okkulte Bücher, magische Talismane, arkane Geheimnisse..."

"Sowas interessiert mich nicht."

"Oooch Jean, wir brauchen dich aber. Ich brauche dich."

"Wozu?"

"Für alles Mögliche."

"Ich finde, du kommst ganz gut alleine zurecht."

"Aber ich fühle mich so einsam, wenn du nicht dabei bist."

"Es hat doch auch so geklappt, und ich konnte mich mal wieder amüsieren."

"Es hat nur funktioniert, weil Branwyn mir geholfen hat."

"Dann brauchst du mich ja nicht."

"Aber Jean, du kannst mich doch nicht so allein lassen." Sie guckte ihn mit einem herzzereißenden Blick an und seufzte tragisch.

"Ich habe aber keine Lust mitzukommen. - So, Zeit für's Frühstück." Er stürmte hinunter in den Keller, und Anshara folgte ihm schmollig. Ohne Jean würde der Einbruch bestimmt keinen Spaß machen.

Im Keller machte er sich erst einmal über ein paar Flaschen her, denn er war hungrig, und auch Anshara trank drei ihrer Lieblingsmarke aus. Als er wieder in die erste Etage zurückkehrte, nahm ein noch einige Flaschen mit, da Gereint sicherlich auch noch nichts zu sich genommen hatte.

Schweigend stiegen die beiden die Treppen hinauf, und während Jean im Zimmer seines Bruders verschwand, beschloß Anshara, Branwyn Bescheid zu geben, daß die Kainskinder wieder auf den Beinen waren. Die Magierin war bestimmt schon lange wach. Anshara seufzte. Die Menschen hatten irgenwie mehr von ihrem Leben, weil sie nicht so lange schlafen mußten. Zugegeben, dafür war ihre Lebensspanne kürzer, aber in der kurzen Zeit bekamen sie erheblich mehr geschafft.

Gereint schlief natürlich noch, also stellte Jean die Flaschen erst einmal ab, bevor er ihm die Decke wegzog. Der rothaarige Vampir knurrte unwillig, geruhte aber die Augen zu öffnen. Als er die Flaschen erspähte, erhob er sich und genehmigte sich erst einmal ein Frühstück.

"Was machen wir nun?" fragte er Jean, doch dieser zuckte nur mit den Schultern.

"Anshara will ja unbedingt in die Chantry einbrechen."

"Hm, so ganz mein Geschmack ist das nicht", erklärte Gereint nachdenklich. "Warten wir es ab."

"Das ist wohl am besten. Wenn die was wollen, werden sie sich schon melden."

"Genau, gib mir lieber noch was zu trinken." Jean reichte ihm eine Flasche. "Danke. - Mir scheint, Branwyn und Anshara kommen gut miteinander aus. Dann brauche ich ja keine Bedenken zu haben, wenn ich sie alleine lasse. Ich möchte den Besuch in der Stadt doch voll auskosten."

"Wie immer", erwiderte Jean.

"Ganz recht."

* * *

In Branwyns Zimmer surrte, summte und klickte es wie zuvor. Anshara klopfte wiederholt an, doch als auch nach dem dritten Versuch noch keine Reaktion eintrat, ging sie hinein.

Mit dem Sturzhelm auf dem Kopf saß Branwyn inmitten von allerlei technischem Krimskrams auf dem Bett und wirkte irgendwie entrückt. Anshara betrachtete sie mißtrauisch. Merkwürdig, fand sie, der Sturzhelm hatte ein Visier, durch das man nicht hindurchsehen konnte.

Vorsichtig rüttelte Anshara die Wissenschaftlerin, bis sie aus ihrer Trance erwachte.

"Huh?" machte sie. "Was ist?"

"Was tust du da?"

"Ich war im Digitalen Netz", erklärte Branwyn. "Ich mußte den Helm doch noch testen."

"Aha", kommentierte Anshara, um keinen Deut schlauer. "Ich wollte dich eigentlich fragen, ob wir mal gucken sollen, was Jean und Gereint gerade tun."

"Sicher, warum nicht." Branwyn nahm den Helm ab und legte ihn auf den von Werkzeugen und Bauplänen übersäten Tisch.

Jean und Gereint stritten sich gerade spielerisch um die letzte Flasche und sahen zur Tür, als die beiden Frauen eintraten.

"Guten Abend, Gereint", rief die Magierin fröhlich. "Hallo Jean."

Anshara winkte nur.

"Hallo", entgegnete Jean, während sein Bruder nickte.

"Na, was steht heute an?" erkundigte sich Branwyn.

"Also, ich wollte noch ein bißchen das Nachtleben erforschen", erklärte ihr Gefährte.

"Und was war mit der Sache mit der Tremere-Chantry?" Sie war doch extra losgezogen, um die Pläne zu erobern.

"Was soll damit sein?"

"Wollten wir es nicht ausrauben?"

"Ihr wolltet.", machte Gereint sie aufmerksam.

"Ich nahm an, ihr auch", mischte sich Anshara ein. Immerhin war das doch der Grund gewesen, aus dem Gereint und Branwyn die Reise nach Paris angetreten hatten.

"Ich habe es mir anders überlegt."

"Und wie sollen wir dann die ganzen Tremere überrumpeln?"

"Mit Eurem Charme."

"Die Tremere? Keine Chance. Die sind so öde, die stehen nicht auf Charme."

"Das würde ich nicht so generell behaupten. Ein paar bestimmt schon", vermutete Gereint. "Aber ich sollte mich langsam anziehen, wenn ich noch etwas unternehmen will."

"Ihr wollt uns also wirklich nicht helfen, in die Chantry einzubrechen?"

"Nur wenn es sich lohnt."

"Laß mich mal machen", meinte Branwyn und begann, ihren Gefährten im Nacken zu kraulen. "Du kommst doch mit, oder?"

"Das ist Bestechung", stellte er fest. "Ich habe doch gar keine Lust."

"Die kommt bestimmt unterwegs." Sie pustete ihm ins Ohr. "Wir wollten doch schon immer mal etwas interessantes unternehmen."

"Der Einbruch in eine Chantry ist nicht interessant, sondern selbstmörderisch. Außer einer Menge Ärger bringt uns das gar nichts."

"Doch - Spaß und okkulte Bücher", widersprach Bran.

"Ich bin aber nicht lebensmüde."

"Dann müssen wir uns eben ein paar Tricks ausdenken", überlegte Anshara. "Wir könnten doch einfach jemanden auf die Tremere hetzen, und in der Verwirrung dringen wir in die Chantry ein und lassen das Zeug mitgehen."

"Wenn Ihr das sagt", zweifelte Gereint.

"Also, wenn das Arcanum nicht nur aus Gelehrten bestünde, würde ich ja die vorschlagen", warf Branwyn ein.

"Was ist denn das Arcanum?" wollte Anshara wissen.

"Eine Gesellschaft, die Informationen über Magier, Kainskinder, Garou und sonstige okkulte Phänomene sammelt. Die sind aber ziemlich harmlos", erklärte Branwyn.

"Es gibt einige Vampirjäger, die ziemlich militant sind. Vielleicht könnte man die ja mobilisieren."

"Und dann erwischen die uns?" unkte Jean.

"Wir müssen einfach geschickt ein paar Hinweise loswerden, die nur auf die Tremere hindeuten und den Hintereingang aussparen", meinte Anshara.

"Das ist alles viel zu gefährlich", winkte Jean ab. "Ich habe weder Lust den Tremere noch den Jägern in die Hände zu fallen."

"Wir müssen natürlich einen Zugang auftun, der möglichst keiner der Gruppen bekannt ist. Oder wir graben einen Tunnel unter die Chantry und steigen von dort ein."

"Nun", begann Branwyn. "Ich könnte auch Erde in Luft verwandeln und so für uns einen Tunnel bauen."

Jean rümpfte die Nase. Er würde keinesfalls einen Tunnel betreten, der auch nur eine Spur mit Magie zu tun hatte.

"Prima", freute sich Anshara. "Da fällt mir gerade ein - du kannst doch auch teleportieren, könntest du uns da nicht einfach mitnehmen?"

"Leider nicht", bedauert die Magierin. "So stark bin ich nicht in der Sphäre Korrespondenz."

Zum Glück, dachte Jean. Auf so etwas hätte er sich überhaupt nicht eingelassen.

"Also ein Tunnel", reflektierte Anshara. "Hm. Kann deine Magie eigentlich die Thaumaturgie der Tremere blockieren?"

"Kein Problem. Es kommt nur darauf an, wie stark der jeweilige Gegner ist."

"Da werden ja wohl nicht gerade nur Neugeborene herumlaufen", bemerkte Gereint.

"Das schon, aber andererseits habe ich die Sphären Materie, Kräfte und Korrespondenz ziemlich gut im Griff..."

"Ich finde, das Risiko ist zu groß gegenüber dem, was wir erreichen können."

"Die Bücher einer Bibliothek der Tremere sind auf jeden Fall eine Bereicherung für meine okkulte Bibliothek." Insbesondere war Branwyn an der Frühgeschichte der Tremere interessiert, als diese noch Magier waren und durch ein Ritual versuchten, unsterblich zu werden. Seit sie mit Gereint zusammen war, fühlte sie ihre Sterblichkeit immer deutlicher, aber andererseits wollte sie auch nicht zum Kainskind werden, da dies den Verlust ihres Avatars und aller echten magischen Fähigkeiten bedeutete. Sie wollte zu gerne wissen, was damals bei den Tremere-Magiern schiefgegangen war und analysieren, ob man das nicht korrigieren konnte.

"Wenn du meinst..." Gereint hatte keine Lust für solch einen Kram in eine Chantry einzubrechen. Okay, wenn es ihm per Zufall in die Hände fiel, aber sich deswegen in Gefahr bringen?

"Laßt uns also rekapitulieren", äußerte die Magierin. "Wir graben einen Geheimtunnel, dann verraten wir einigen Jägern, wo die Tremere sind, und während sie beschäftigt sind, schleichen wir uns durch den Tunnel ein, lassen die Bücher mitgehen und hauen wieder ab." Branwyn hatte eigentlich nur eine einzige Sorge. Dieses magische Tunnelgraben war hochgradig vulgäre Magie, und wenn sie dabei auch nur den geringsten Fehler machte oder von Schläfern beobachtet wurde, würde sie vom Paradox einiges auf den Deckel bekommen.

"Genau", stimmte Anshara zu.

"Wenn ihr das sagt", seufzte Gereint. Das größte Problem an diesem Plan war, daß er viel wenig ausgearbeitet war, es gab zu viele Punkte, an denen es schiefgehen konnte, vor allem, da sie keine Ahnung hatten, wer alles in der Chantry saß, und was die Jäger den Tremere entgegenschicken würden. Die brauchten doch nur eine größere Bombe auf das Haus zu werfen, und dann war alles hinüber.

"Und wie lautet dein Plan?" wollte Branwyn wissen.

"Wir lassen das."

"Die Männer von heute sind auch nicht mehr das, was sie mal waren." Branwyn seufzte. Wenn sie da an die Helden unter den Kindern des Äthers dachte - Doktor Eon und das Phantastische Trio, Captain Tiberius vom Ätherschiff Etherjammer, Doktor David Wayne "The Exterminator" Clarkus, Colonel Valiant und all die anderen - die würden bei solch einer Chance zuschlagen ohne nachzudenken.

"Dann such dir einen, der deinen Vorstellungen mehr entspricht."

"Das ist ja das Problem..."

"Fragen wir mal anders herum", begann Anshara leicht enerviert. "Was wollt ihr denn unternehmen?"

"Es gibt genügend Veranstaltungen, die man besuchen kann", erwiderte Jean. "Ich habe jedenfalls keine Lust, irgendwelche dummen Bücher zu klauen."

"Veranstaltungen! Dafür hätte ich nicht mit nach Paris kommen müssen", fand Branwyn. Dafür hatte sie schließlich ihre Fernsehgeräte. Nun gut, dann würde sie im Zweifelsfall zur Großen Halle der Kinder des Äthers gehen und von dort dem Gernsback Kontinuum einen Besuch abstatten. Außerdem hatte sie dort ein Teleport-Tor, das direkt wieder in den Turm bei St-Valéry führte. "Ich hatte auf ein wenig Action gehofft."

Jean war der Meinung, daß sie eh in ihrem Turm hätte bleiben sollen, behielt dieses aber lieber für sich, denn Magier waren zu gefährlich, wenn sie verärgert waren.

"Ich dachte eigentlich, du kennst mich bessert", meinte Gereint.

"Aber ihr hattet doch von einem Raubzug bei den Tremere gesprochen. Und da die ja nicht notwendigerweise zu den 'Guten' gehören, hielt ich es als Tochter des Äthers für meine Pflicht, euch in eurem Kreuzzug zu unterstützen."

"Ich dachte, du tust nur, was dir Spaß macht."

"Aber es macht doch Spaß, eine Heldin zu sein!" Branwyn wollte sich zu gerne einen Namen erarbeiten wie zum Beispiel Doktor Eon, der schon zu Lebzeiten eine Legende war.

"Mir nicht", äußerte Gereint.

"Und was machen wir nun also?" fragte Anshara.

"Wenn ich jetzt etwas vorschlage, ziehst du die ganze Nacht wieder einen Schmollmund", sagte Jean.

"Dann schlag doch etwas für heute nacht vor, und wir überfallen morgen die Tremere."

"Morgen will ich das aber auch noch nicht."

"Ooooch Jean..."

"Ooooch Anshara", machte er sie nach. "Immer, wenn etwas nicht nach deinem Willen geht, fängst du so an. Kannst du nicht einmal meine Meinung akzeptieren?"

"Na gut, dann muß ich das eben alleine machen", grummelte sie.

"Ich halte dich nicht auf."

"Gut." Sie rauschte hoheitsvoll davon, und Jean zuckte mit den Schultern.

"Jetzt ist sie wieder eingeschnappt."

"Mir scheint, sie erwartet keinen Widerspruch von dir", kommentierte Gereint.

"Meist lasse ich mich ja überreden", gab sein Bruder zu. "Aber ich gehe in keine Chantry, und schon gar nicht durch einen magischen Tunnel."

"Was machen wir denn nun?"

"Hm", überlegte Jean. "Eigentlich ist mir gründlich die Lust vergangen, überhaupt irgendwo hinzugehen."

"Mir eigentlich auch."

"Dann bleiben wir eben hier."

Gereint angelte nach seiner Reiseharfe und begann, darauf herumzuklimpern. Jean hörte ihm zu und hing seinen eigenen Gedanken nach.

"Das ist ziemlich langweilig", fand er nach einiger Zeit. Gereint sah von seiner Harfe auf.

"Stimmt. Aber lieber habe ich Langeweile als ganz tot zu sein. Ich kann gegen ein paar Tremere nicht viel ausrichten. Die Rituale dauern alle viel zu lange."

"Ich weiß, aber Anshara hat sich nun etwas in den Kopf gesetzt, also wird sie es auch machen. Dabei ist es Wahnsinn, da zu viert hinzurennen. Ich kann von Thaumaturgie so gut wie nichts, und mit Waffen kann ich auch nicht umgehen... Wenn da irgendwo nur ein Ghul herumsteht, dann bin ich aufgeschmissen."

"Nur Branwyn hat bei der Sache überhaupt eine Möglichkeit, aber auch nur, wenn es nicht zu viele Gegner sind. Das Ganze ist eine äußerst blöde Idee gewesen."

"Seufz", machte Jean zustimmend. "Jetzt habe ich mich endlich mal durchgesetzt, und was ist? Es ist öde, und ich bin keineswegs zufrieden."

"So ist das nun mal", pflichtete Gereint ihm bei, woraufhin Jean tragisch seufzte. "Ich hätte in meinem Turm bleiben sollen. Dann hätte ich jetzt lesen können oder ein wenig üben."

"Naja, ich habe hier leider kaum Bücher. Du weißt ja, ich lese nicht gerne."

"Bedauerlicherweise. Du solltest mal etwas daran tun."

"Wozu? Was steht schon in Büchern, was ich nicht auch so erfahren kann? "

"Hm, da bin ich wohl zu altertümlich eingestellt. Ich kann mich nicht so sehr mit diesem Fernseher anfreunden."

"Was machen wir nun?" fragte diesmal Jean.

"Vielleicht sollten wir doch ausgehen. Ich hätte große Lust, meinen Frust auszutoben."

"Dann sollten wir uns fertigmachen, damit wir gleich losziehen können."

* * *

Anshara setzte sich auf ihr Bett und schmollte, während sie überlegte, wo eigentlich der Sitz von irgendeiner der Jägergruppen war.

Branwyn beschloß, sich zu der Vampirin zu gesellen. Die Idee mit dem Tunnel fand sie nämlich gar nicht so schlecht. Und wenn die Männer nicht mitmachen wollten, dann würden ihnen die Ladies eben zeigen, wie so eine Aktion auszusehen hatte.

Sie überlegte, ob man vielleicht irgendwelchen Technokraten den Tip geben sollte, daß es sich bei der Tremere-Chantry in Wahrheit um ein Hauptquartier der Euthanatos-Tradition handelte oder etwas ähnliches. HIT-Marks oder Männer in Schwarz würden den Tremere bestimmt auch ausreichend zusetzen, um sie abzulenken. Hauptsache, sie schafften es rechtzeitig zu der Bibliothek und konnten die Bücher einkassieren.

"Oh, Branwyn", sagte Anshara, als diese ihr Zimmer betrat.

"Hallo. Weißt du, ich bin ein bißchen ungehalten", begann die Magierin. "Erst wollen die die Chantry ausrauben, und jetzt wieder nicht. Dabei bin ich doch nur hergekommen, damit ich etwas Action sehen. Was hältst du davon - wenn sie nicht wollen, dann könnten wir es doch alleine machen? Ich weiß nur noch nicht, wie wir die Tremere am besten ablenken können."

"Das ist auch mein Problem", gab Anshara zu. "Bislang habe ich immer einen Riesenbogen um alle Jäger gemacht."

"Ich könnte ja mal Net_Shark fragen, ob sie weiß, wo irgendwelche Vampirjäger sind."

"Net_Shark?"

"Meine Freundin bei den Virtuellen Adepten."

"Aha. - Gut, frage sie."

"Augenblick... Am besten, du kommst mit in mein Zimmer." Sie gingen hinüber, und Branwyn zog einen kleinen Computer aus dem Rucksack und klappte den Notebook auf. Anshara bestaunte das Gerät. War der vielleicht winzig! Und der Monitor war kaum mehr als eine flache Scheibe, die mit einem Gelenk mit dem Rest des Rechners verbunden war. Sie hatte jetzt einen Apple IIe, und der war entschieden größer als das winzige Ding, vor allem der Monitor.

Branwyn stöpselte das Gerät an ihren Teleportgürtel an und verband es zusätzlich mit einer Infrarot-Fernbedienung, nur einen Stromanschluß hatte es erstaunlicherweise nicht. Während Bran tippte, sah Anshara ihr neugierig über die Schulter. Leider war der LCD-Monitor aus dem Winkel schlecht abzulesen.

"Nun, was sagt sie?"

"Sie schreibt etwas von einer Leopold-Gesellschaft. Hast du schon mal von denen gehört?"

"Ja, die sind furchtbar gefährlich."

"Das paßt doch", fand Branwyn und ließ sich die Adresse und weitere Einzelheiten über die Gesellschaft geben, ehe sie sich von Net_Shark verabschiedete und den Computer abschaltete.

"Hm. Aber wie können wir diesen Leopold-Typen die Informationen zukommen lassen, ohne daß die das zu uns zurückverfolgen können?"

"Ein anonymer Anruf aus einer Telefonzelle in der Nähe der Chantry mit Stimmenverzerrer?"

"Nur, ob die darauf auch anspringen? Gut, die wollen alle Kainskinder killen, derer sie habhaft werden können, aber ob ein anonymer Anruf reicht?"

"Wir könnten ja einen Anrufer erfinden, der auch zu der Gesellschaft gehört. Oder irgendeinen Kirchentypen vorschieben."

"Das wäre eine Idee."

Inzwischen hatten sich Gereint und Jean fertig gemacht und gingen zu Branwyns Zimmer.

"Wir gehen ein bißchen raus", meinte Jean zu den Frauen.

"Gut, gut", erwiderte Anshara abwesen. "Wir planen gerade..."

"Bis dann", verabschiedete sich Jean und verschwand mit seinem Bruder.

"Sag mal, kannst du tagsüber eigentlich überhaupt nichts machen?" nahm Branwyn die Unterhaltung wieder auf.

"Im Sonnenlicht? Nein."

"Ich meine, wenn es Tag ist, und du zum Beispiel in einem abgeschlossenen Gebäude steckst."

"Naja, wenn du es schaffst, mich wach zu kriegen, kann ich auch tagsüber etwas unternehmen."

"Gut, dann laß uns doch einfach bis morgen früh warten."

"Und wie soll ich am Tag zu der Chantry hinkommen?"

"Ganz einfach. Ich packe dich lichtdicht ein und bringe dich in den Bau. Da hole ich dich aus der Verpackung, und wir haben eigentlich nur mit etwaigen Ghulen zu tun."

"Die Idee ist eigentlich noch besser", fand Anshara. "Eigentlich brauchen wir die Leopold-Heinis dann gar nicht zu informieren."

"Das ist wahr", überlegte Branwyn. "Vor allem, wenn Du tagsüber ja nicht ganz so fit bist, würde es sonst ein ziemliches Problem werden, wenn die dich erwischen würden."

"Stimmt."

Sie begannen, ihre Ausrüstung zusammenzusuchen.

"Was brauchen wir denn alles? fragte Anshara, da Branwyn irgendwie zuständig wirkte.

"Keine Ahnung", kam es von der. Rein präventiv packte sie schon mal allerlei Werkzeuge vom Schreibtisch in den Rucksack zurück. "Am besten wäre wohl ein Flammenwerfer, um die dortigen Kainskinder zu erschrecken."

"Und mich verschreckst du dann gleich mit", machte Anshara sie aufmerksam.

"Ein bißchen Schwund ist immer", meinte Bran mit einem schiefen Grinsen und begann nun, allerlei Bauteile aus dem Rucksack zu ziehen, um einen futuristischen Flammenwerfer zu bauen. Um genau zu sein hatte der eine ziemliche Ähnlichkeit zu den Protonenpacks der Ghostbusters, was sie gleich dazu inspirierte, sich und die Vampirin in die passenden Overalls zu stecken.

Anshara sah ihr fasziniert zu und überlegte, was sie als Gimmicks gebrauchen könnte. Leider war sie nicht in der Lage, mit irgendeiner Waffe umzugehen, und ein Flammenwerfer kam für sie überhaupt nicht in Frage. Ob man Tremere schockgefrieren konnte? Sie wandte sich mit dieser Idee an die Magierin, und sie begann, für Anshara einen Flüssigheliumwerfer zu basteln; mit Kühlschränken kannte sie sich ja aus.

Etwa zweieinhalb Stunden später hatte Branwyn es geschafft, die 'Kälteschleuder' zusammenzusetzen. Anshara fragte sich derweil, ob es nicht sinnvoller wäre, wenn sie noch in der Nacht zu ihrem Einsatzort gingen, dann brauchte Branwyn sie nicht lichtdicht verpackt am Tag dorthin zu transportieren. Sie spürte, wie sie langsam müde wurde, vielleicht sollten sie die Aktion doch lieber auf morgen nacht verschieben.

In Branwyns Zimmer sah es mittlerweile aus wie in einem futuristischen Waffenlager, da sie beschlossen hatte, auch die eine oder andere Strahlenpistole nach Dame Atomikas Entwürfen in den letzten Ausgaben des Paradigma nachzubauen. Außerdem befand sich in Ausgabe 89 sogar die Bauanleitung des Sonnenstrahl-Blasters von Professor Doubilet, den dieser speziell zur Vampir-Abwehr erfunden hatte.

Es war zwar nicht bekannt, ob Vampire auch verletzt wurden, wenn sie dem Strahl indirekt ausgesetzt waren, aber bei einer größeren Menge von Kainskindern war Vorsicht besser als untot.

Schließlich hatten die beiden die Vorbereitungen beendet, und Anshara schlug vor, lieber bis zur nächsten Nacht zu warten, um dann das Umfeld der Chantry genaustens zu erkunden und festzustellen, von wo aus sie den Tunnel am besten vortreiben konnten. Die Magierin fand dies auch sehr sinnvoll, und so ging Anshara zu Bett, während Branwyn noch bis zum späten Vormittag weiterbastelte, denn schließlich würde die Aktion mit einem Materietransformatorstrahler viel einfacher gehen.

* * *

Jean und Gereint streiften erst einmal eine Zeit durch die Straßen von Paris. Es war gerade erst halb acht, und dementsprechend waren noch recht viele Leute unterwegs, insbesondere so kurz vor Weihnachten.

Sie machten sich zunächst auf den Weg in ein paar Museen, um zu gucken, ob schon ein paar Kainskinder da waren, die man nach interessanten Aktivitäten heute nacht fragen konnte.

Kurz darauf erfuhren sie, daß es heute zwar ein paar Parties gab, aber keine davon fand so recht ihre Zustimmung. Sie zogen also erst einmal ziemlich planlos durch die Gegend.

Schließlich kam Jean auf die Idee, sich nach etwas zu essen umzusehen, denn vielleicht fiel ihm mit vollem Magen mehr ein. Er fragte sich, woran es lag, daß es in letzter Zeit in Paris so ruhig war. Die Stunden quälten sich ereignislos dahin, und schließlich gingen Gereint und er wieder nach Hause.

Jean war froh, als sie endlich daheim waren, da sein Bruder den Rest der Nacht genutzt hatte, über die gute, alte Zeit zu reden.

Sie hören Anshara und Branwyn noch im Chambre de l'Automne herumwerkeln, hatten aber keine Lust auf ein Gespräch. Leise verschwanden sie in Jeans Zimmer und gingen zu Bett.

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Kapitel 6: Der Chantry-Überfall

Man schrieb Samstag, den 21. Dezember 1985, etwa 17:00 Uhr.

Es war gerade ein paar Minuten nach Sonnenuntergang, und Jean und Gereint schliefen natürlich noch, während Anshara schon unter der Dusche stand.

Sie war ziemlich aufgeregt, denn erst würden sie heute auskundschaften, von wo aus sie den Tunnel anlegen wollten, und dann würden sie vor Sonnenaufgang langsam anfangen, damit sie pünktlich während des Tages in die Chantry einsteigen konnten. Hoffentlich gelang es ihr, wach zu bleiben, wenn die Sonne am Himmel stand...

Als sie endlich fertig war, ging sie in Branwyns Zimmer. Die Magierin saß natürlich schon seit vor Sonnenuntergang an ihrem Schreibtisch und studierte den Stadtplan.

"Hast du schon eine Idee, wo wir am besten den Tunnel bauen können?" wollte Anshara wissen.

"Wir sollten uns einfach die Keller der umliegenden Häuser ansehen", schlug Branwyn vor.

"Gute Idee. Aber bevor wir loskönnen, muß ich mir erst einmal etwas zu trinken besorgen."

"Hauptsache, du stillst deinen Durst nicht an mir."

"Keine Sorge, du bist hier der Gast - Apropos, ich hoffe, du hast schon etwas zu Essen bekommen?"

"Ja, Jeans Ghul hat mich vorhin bestens bekocht."

"Gut. Ich bin gleich wieder zurück." Anshara trabte in den Keller.

* * *

Jean wachte irgendwann auf, blieb aber liegen, da Gereint noch schlief, und zudem war draußen wohl auch noch nichts los.

"Seufz", machte er, während er überlegte, was sie diese Nacht unternehmen sollten. Irgendwie wurde auch das Leben in Paris nach einiger Zeit öde.

"Was ist?" fragte Gereint, der soeben beschlossen hatte, wach zu sein.

"Irgendwie ist das alles langweilig."

"Da hast du recht. Vielleicht sollten wir doch mit in die Chantry einbrechen."

"Hm, dann habe ich lieber Langeweile. Ich mag keine Unternehmungen, die auch nur die Spur mit Magiern zu tun haben."

"Was hast du nur gegen Branwyn?" wollte Gereint wissen.

"Ich mag sie nicht, sie ist eine Magierin."

"Aber doch ganz nett", erwiderte Gereint.

"Naja." Jean seufzte. "Ich habe nicht die geringste Lust aufzustehen."

"Ich eigentlich auch nicht, aber ich habe Hunger."

"Du kannst ja auch mal etwas holen gehen."

"Ich dachte eigentlich, ich sei dein Gast."

Da Jean aber keine Anstalten machte, irgendetwas zu tun, blieb Gereint nichts anderes übrig, als selbst in den Keller zu gehen. Er zog sich einen von Jeans Morgenmänteln über und stieg die Treppe hinab.

Anshara stand vor einem Regal, hatte zwei Flaschen in der Hand und konnte sich wieder einmal nicht entscheiden.

"Guten Abend", wurde sie von Gereint begrüßt. "Auch hungrig?"

"Guten Abend, Gereint", erwiderte sie. "Ja. Wenn ich nur wüßte, ob ich nun das AB+ von einem Diabetiker Typ I oder Typ II nehmen soll..."

Er guckte amüsiert. "Ihr seid wirklich eine Feinschmeckerin."

"Solange ich die Auswahl habe, auf jeden Fall. Zum Glück habe ich in meiner Naturheilpraxis eine erkleckliche Anzahl von freiwilligen Spendern, so daß ich mir immer das Beste aussuchen kann."

Gereint griff nach einer Flasche in Reichweite.

"Möchtest du mal probieren?" erkundigte sich Anshara, nahm einen Kelch aus dem Regal (Marc staubte alles gewissenhaft täglich ab) und schenkte ihm etwas vom Typ I Diabetiker ein. Gereint nahm einen Schluck.

"Naja, nicht so mein Geschmack. Ich bin eben eher an normale Hausmannskost gewöhnt."

"Was mögt Ihr denn am liebsten?"

"Eigentlich mag ich fast alles, hauptsache, es ist nicht verseucht."

"Das Blut meiner Patienten wird bei mir genaustens auf alle Erreger, Antikörper und etwaige Giftstoffe untersucht, daher sind meine persönlichen Anfüllungen garantiert sicher." Da sie immer noch nicht zu einer Entscheidung gekommen war, leerte sie kurzerhand beide Flaschen.

"Was habt Ihr heute vor?" fragte Gereint.

"Wir begeben uns zum dritten Distrikt und suchen uns einen verlassenen Keller, von wo aus Bran den Tunnel zur Chantry gräbt."

"Aha. Branwyn ist bestimmt begeistert von diesem Abenteuer."

"Und wie! Sie hat schon zig geheimnisvolle Geräte zusammengesetzt und mir sogar eine 'Kälteschleuder' gebaut, die Flüssighelium verschießt."

"Das ist typisch für sie. Sie ist immer schnell für so etwas zu begeistern. Aber ich glaube, ich sollte Jean langsam sein Frühstück bringen."

"Dann laß uns nach oben gehen."

Gereint packte ein paar Flaschen in einen Träger, und die beiden machten sich auf den Weg nach oben, wo sich ihre Wege trennten.

"Hier ist dein Frühstück", sagte Gereint zu seinem Bruder und stellte den Träger ab.

"Oh, danke!" Jean angelte nach einer der Flaschen.

Natürlich trödelten die zwei weiter herum. Sie bewunderten sich ausgiebig im Spiegel, bevor sie beschlossen, sich endlich fertig anzuziehen.

Anshara gesellte sich wieder zu Branwyn, und sie begannen, ihre Ausrüstungsgegenstände zusammenzusuchen. Die Magierin ließ ihren Kram komplett in ihrem phantastischen Rucksack verschwinden.

Schließlich waren sie fertig und sahen noch einmal bei den Männern vorbei. Die beiden waren gerade mit dem Anziehen fertig, und Jean striegelte Gereints Mähne. Endlich hatte er mal ein Opfer mit langen Haaren vor sich, bei dem sich das Bürsten lohnte.

"Wir machen uns jetzt auf ins Abenteuer", verkündete Anshara strahlend.

"Viel Spaß", wünschte Gereint.

"Den werden wir bestimmt haben", versicherte Branwyn. Sie trug wieder den Ghostbusters-Overall und hatte auch Anshara passend eingekleidet. Anstelle der klassischen Lichtkanonen der Geisterjäger hatten sie den Flammenwerfer bzw. die Kälteschleuder umgeschnallt, aber der Unterschied würde kaum jemandem auffallen. "Und was habt ihr heute vor?"

"Ich weiß noch nicht. Eigentlich ist hier in der Stadt auch nicht sehr viel los."

"Ihr könnt euch immer noch uns anschließen."

"Wir sind eh nur im Weg", warf Jean ein.

"Um die Bücher herauszutragen könnten wir zwei starke Männer gebrauchen."

"Wer ist hier stark?" fragte Jean zurück.

"Du bist auf jeden Fall stärker als ich."

"Es gefällt mir aber besser, wenn ihr beiden sie schleppt als ich."

"Du warst auch schon mal mehr Kavalier."

"Höchstens als ich dich noch nicht so gut kannte." Er grinste. "Ich bin eben faul."

"Ein bißchen Bewegung täte dir schon gut."

"Ich will aber nicht dahin. Das ist mir viel zu gefährlich."

"Na gut, dann gehen wir eben alleine."

Anshara winkte Jean zu und verschwand mit Branwyn in Richtung Garage.

Jean sah Gereint an. "Warum gibt sie in letzter Zeit so schnell nach? Ich glaube, sie ist lieber mit Branwyn zusammen als mit mir."

"Kann sein", meinte sein Bruder schulterzuckend. "Ich finde ohnehin, daß ihr nicht zusammenpaßt."

"Hm", machte Jean. "Und was machen wir jetzt?" wechselte er das Thema.

"Ich würde sagen, wir folgen den beiden unauffällig."

Sie riefen ein Taxi und ließen sich nach Marais in die Nähe der Rue de Turenne fahren. Dort angekommen, suchten sie sich einen guten Beobachtungsplatz auf einem der Dächer, von dem aus sie die Straßen vor der Chantry gut übersehen konnten.

Sie beschloßen, Wache zu halten, damit niemand Bran und Anshara hinterrücks überfallen könnte. Da aber weit und breit niemand in Sicht war, begannen sie schon bald, sich ziemlich zu langweilen.

* * *

Mit dem Mercedes fuhren die beiden Frauen zum dritten Distrikt, wo sie den Wagen am Straßenrand parkten, ehe sie sich diverse Häuser ansahen, ob deren Keller für den geplanten Tunnelbau geeignet waren.

Nach kurzer Suche fanden sie ein passendes Haus, das der Besitzer offenbar hatte ziemlich verkommen lassen. Nachdem sie die Bewohner - drei Clochards - vertrieben hatten, machte Branwyn sich an die Arbeit.

Anshara hielt einen Kompaß in der Hand und wies der Magierin die Richtung, während diese kontinuierlich mit dem Materietransformatorstrahler Erde in ein Sauerstoff/Stickstoff-Gemisch verwandelte. Langsam aber sicher wuchs der Tunnel, auch wenn Bran ab und zu Pausen machen mußte, um sich eine kleine Stärkung zu genehmigen.

Schließlich ging es auf die Morgendämmerung zu, was Anshara besonders stark merkte, da sie allmählich eine bleierne Müdigkeit in ihren Gliedern verspürte.

Jean und Gereint hatten sich rechtzeitig nach Hause verzogen, denn schließlich hatten sie nicht vor, irgendetwas über den Ausflug zu erzählen.

Im Tunnel war es zum Glück dunkel, aber Branwyn hatte ihre liebe Mühe, Anshara wachzuhalten, da diese alle paar Minuten einzunicken schien. Sie schüttelte das Kainskind mal wieder, und Anshara zuckte zusammen.

"Hm, bin ich schon wieder...?"

"Ja", seufzte die Tochter des Äthers gestreßt und verwandelte den nächsten Meter Erde in Gasgemisch.

"Wie weit ist es denn noch?" fragte Anshara und riß sich zusammen, als ihr wieder die Augen zufallen wollten. Tagsüber wach zu bleiben war schwieriger als sie gedacht hatte.

"Eigentlich müßten wir jetzt unter der Chantry sein", meinte Branwyn und sah auf ein Meßgerät, das sie aus einer Tasche ihres Overalls gezogen hatte. "Doch, es sieht gut aus." Sie nahm ihren Rucksack, den sie zur Zeit wegen des Flammenwerfers nicht auf dem Rücken trug und kramte nach ihrem Tricorder. Schließlich hatte sie den zugehörigen Salzstreuer in der Hand und richtete ihn nach oben. "Der Life-Scan ortet acht menschliche Lebensformen in dieser Richtung."

"Das sind dann wohl die Ghule."

"Oder wir sind doch noch nicht unter der Chantry und es handelt sich um eine ahnungslose Familie beim Frühstück."

"Sag das lieber nicht so laut..."

"Egal, ich werde jedenfalls jetzt den Durchbruch nach oben machen." Diesmal schuf die Magierin nicht nur einen einfachen Tunnel, sondern baute direkt Treppenstufen ein, über die sie sich weiter der Erdoberfläche näherten. Auf einmal hielt Bran inne. "Augenblick, Anshara, ich würde vorschlagen, du steigst jetzt mal präventiv in die Tüte. Falls ich nämlich versehentlich nicht unter dem Haus auskomme oder mich nur um ein Stück vertran hätte, würdest du dich sonst in ein Rauchwölkchen auflösen, und das wollen wir doch nicht, oder?"

"Äh, da sagst du etwas Wahres..."

Anshara beeilte sich in den lichtundurchlässigen Plastiksack zu steigen. Als sie ihn sicher verschlossen hatte, überkam sie eine neuerliche Welle der Müdigkeit, und sie sank zusammen.

Bran vollendete nun den Durchbruch und war zufrieden, daß alle Sorgen umsonst gewesen waren. Sie waren in einem nicht erleuchteten fensterlosen Keller ausgekommen.

"Anshara? Du kannst wieder rauskommen", flüsterte sie. Keine Antwort. "Anshara?"

Seufzend kletterte Bran zurück und zog die Vampirin aus der Plastikhülle. Natürlich war sie prompt eingeschlafen, und es bedurfte einigen Rüttelns und Schüttelns, um sie wieder wach zu bekommen. Warum hatte sie diese Aktion nicht alleine unternommen? Tagsüber war ein Kainskind definitiv mehr Last als Hilfe.

"Sind wir da?" brummelte Anshara verschlafen.

"Ja. Und jetzt komm." Branwyn zog sie hinter sich her in den Keller. "Wir müssen herausfinden, wo die okkulte Bibliothek ist."

"Gut, gut..."

Sie trabten durch den Keller, wobei Branwyn unentwegt nach Lebensformen scannte. Auf diese Art gelang es ihnen, die Ghule zu umgehen, denn diese nicht zu treffen, war allemal sicherer als sich auf einen Kampf mit ihnen einzulassen.

Nach etwa zwei Stunden der Suche waren sie endlich am Ziel. Die nächste Tür, hinter der sich auch niemand befand, gab den Blick auf gewaltige Regale voller antiker und neuer Bücher frei.

"Bei Thoth", entfuhr es Anshara. "Wie sollen wir die alle abtransportieren?"

"Mir ist vorhin die Idee dazu gekommen", meinte Bran. "Wir packen sie einfach in meinen Rucksack. Ich hoffe nur, ich habe genug Platz zu Hause... Naja, wir müssen eben die interessantesten Werke aussuchen."

"Und woran erkenne ich die?"

"Raten", empfahl die Magierin. Sie hatten keine Zeit, erst alle Bücher durchzulesen, denn je länger sie hier verweilten, desto gefährlicher würde es.

Also begannen sie, mehr oder weniger wahllos alle Bücher, die ihnen vom Outfit her interessant erschienen in den Rucksack zu stopfen. Die Arbeit hielt das Kainskind zum Glück wach, so daß Bran sie nicht immer wachrütteln mußte. Sie trugen gut zwei Stunden schwere Bände in den Rucksack, und dieser faßte einiges, doch nach dem ersten deckenhohen Regal war Sense.

"Hm, und nun?" fragte Anshara.

"Wir müssen eben noch einmal vorbei kommen, wenn ich etwas Platz geschaffen habe."

"Aber wenn die Tremere die fehlenden Bücher entdecken, werden sie in Raserei verfallen, alles absperren, durchsuchen, Wachen aufstallen etc."

"Hm. Also, die Sachen, die wir eingepackt haben, sahen ziemlich eingestaubt aus. Ich vermute, so schnell werden die das gar nicht merken."

"Meinst du nicht, daß das leere Regal auffällt?"

"Das läßt sich ändern."

Branwyn konzentrierte sich und plötzlich standen wieder lauter staubige, ledergebundene Bücher in den Fächern.

"Wow", machte Anshara. "Wie hast du das denn gemacht! Hast du die aus dem Nichts erschaffen?"

"Äh", kam es von Branwyn. "Das kann ich leider noch nicht richtig - ich habe nur einen Teil der Materie der dahinter liegenden Wand in Bücher-Imitate umgewandelt. Ich hoffe, daß auf der anderen Seite niemand auf den Gedanken kommt, einen Nagel in die Wand zu schlagen. Außerdem sollten sie in die Bücher lieber nicht hineinsehen, das sind nur hohle Pappkartons mit Lederrücken."

"Aber auf den ersten Blick sieht es täuschend echt aus."

"Das war der Gedanke. So, und nun laß und zurückgehen."

Wieder schlichen sie durch die Gänge, wichen allen etwaigen Ghulen aus und kletterten wieder in das Loch. Branwyn versiegelte es sorgfältig, ließ aber den Gang bestehen. Nur auf der anderen Seite im Keller des heruntergewirtschafteten Hauses schuf sie ebenfalls eine steinerne Abschlußmauer.

Nun durfte Anshara wieder in den Plastiksack klettern, und Branwyn transportierte sie zum Mercedes zurück. Endlich waren sie wieder im Haus, und Anshara schlief sofort ein, nachdem sie ihre Ausrüstung von sich geworfen und sich auf das Bett geworfen hatte.

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Kapitel 7: Der zweite Streich

Man schrieb Sonntag, den 22. Dezember 1985, etwa 17:30 Uhr.

Jean war an diesem Abend sogar freiwillig früh aufgestanden, schließlich hatte Gereint heute Geburtstag. Er grübelte darüber nach, der wievielte es wohl war, während er nach dem Geschenk suchte, das er wieder viel zu gut versteckt hatte.

Anshara schlief noch wie tot, Branwyn hingegen hatte die Zwischenzeit dazu genutzt, mit ihrem Teleportgürtel nach Hause zu springen und die Bücher wegzuräumen, damit sie Platz für die nächste Ladung bekam. Außerdem mußte sie noch das Geschenk für Gereint holen. Da dieses relativ umfangreich war und die Kapazität des Gürtels beschränkt, mußte sie einige Male hin und herspringen, ehe sie sich ziemlich k.o. im Chambre de l'Automne hinlegte, um wenigstens noch zwei, drei Stunden zu schlafen.

Wie üblich schlief Gereint auch heute wieder lange, denn er sah einfach nicht ein, daß er so früh aufstehen sollte, wo er doch wahrlich genug Zeit hatte. Jean suchte derweil weiter nach dem Geschenk und nahm sich vor, es beim nächsten Mal auf keinen Fall mehr so gut zu verstecken.

Gegen 20:00 Uhr wachte Gereint dann doch noch auf, und auch Anshara trabte im Halbschlaf gen Badezimmer. Da sie immer noch nicht ganz momentan war, stolperte sie in die Badewanne, was ihr einen Strom farbiger Flüche in vier Sprachen entlockte, ehe sie sich wieder aufrappelte. Irgendwie sollte sie tagsüber lieber nicht so lange aufbleiben.

Inzwischen hatte Jean das Geburtstagsgeschenk gefunden und deponierte es in Gereints Zimmer, da dieser praktischerweise gerade nicht da war. Der Hunger hatte ihn in den Keller getrieben. Da Branwyn ihre Ladung ebenfalls loswerden wollte, traf sie Jean im Chambre de la Forêt. Das Kainskind guckte neugierig, wagte aber nicht zu fragen, was sich in dem gewaltigen Paket befand. Bestimmt war es wieder eine ihrer merkwürdigen Erfindungen. Hauptsache, das Ding explodierte nicht, während es sich in seinem Haus befand.

"Oh, hallo Jean." Die Magierin gähnte.

"Hallo", erwiderte er.

"Wo steckt denn Gereint?"

"Er ist im Keller. Frühstücken."

"Ah. Das klingt nach einer guten Idee - ich könnte auch einen Kaffee gebrauchen." Sie gähnte erneut.

"Marc wird Euch sicher einen zubereiten."

"Das wäre herrlich."

"Er ist in der Küche."

"Danke." Sie setzte das Paket auf dem Bett ab (es schien nicht allzu schwer zu sein) und machte sich auf den Weg ins Erdgeschoß. Jean legte sein Geschenk neben das andere und verschwand wieder in sein Zimmer.

"Hallo Monsieur Marc", begrüßte Branwyn den dunkelhaarigen Ghul, als sie die blitzsaubere Küche betrat.

"Guten Abend, Mademoiselle."

"Hätten Sie vielleicht einen schönen, starken Kaffee für mich da?"

"Sicher, ich habe gerade frischen gemacht." Er reichte ihr eine gefüllte Tasse und stellte ihr Milch und Zucker hin.

"Ich bin Ihnen zu ewigem Dank verpflichtet", seufzte sie, kippte einen guten Schuß Milch hinein, um ihn etwas abzukühlen und trank die Tasse in einem Zug aus.

"Es ist genügend da", bemerkte Marc.

"Wundervoll." Sie schenkte dem Ghul ein strahlendes Lächeln, ehe sie sich die nächste Tasse einverleibte. Zu Hause hatte sie extra große Trinkgefäße, die etwa einen halben Liter faßten. Doktor Mercurius, ihr Lehrmeister bei den Kindern des Äthers, hatte sie ihr geschenkt, damit sie nicht immer zu spät zum Unterricht kam.

"Ich koche gerne auch noch eine Kanne."

"Diese Option behalte ich mir auf jeden Fall vor."

"Soll ich Euch auch etwas zu essen machen?"

"Wenn es Ihnen keine Umstände bereitet..."

"Was darf es denn sein?"

"Hm, ich lasse mich überraschen. Ich weiß ja nicht, was Sie alles im Haus haben. Machen Sie einfach etwas."

"Gut." Marc machte sich also daran, ein reichhaltiges Essen zu kochen, und die Magierin guckte ihm interessiert dabei zu. Schließlich deckte er den Tisch und servierte das Mahl.

"Das riecht aber lecker", fand Bran. "Was ist das denn genau?"

"Ein Omelette Surprise."

"Ah." Sie verspachtelte es mit Behagen. "Das war lecker", lobte sie ihn.

"Darf ich Euch noch etwas anbieten? Einen Nachtisch vielleicht? Ich habe noch Eis hier."

"Oh ja." Auch dies stand prompt auf dem Tisch. "Sie verwöhnen mich, Monsieur Marc."

"Dafür bin ich da."

"Was ist eigentlich Ihr Beruf? Sind Sie vielleicht ein Koch?"

Marc lachte. "Nein, ich koche nur zum Spaß ganz gerne."

"Auf jeden Fall schmeckt es sehr gut. Ich bin versucht, Sie Jean abzuwerben."

"Ich denke, er wird dagegen sein."

"Dabei kann er Ihre Kochkünste doch gar nicht würdigen."

"Dafür würdigt er meine anderen Fähigkeiten um so mehr. Ich erledige schließlich alles für ihn, was er nicht machen will oder kann."

"Vielleicht sollte ich mich nach einem Koch umsehen", überlegte sie. "Es ist halt ein Unterschied, ob man nur ein paar Dosen aufmacht oder einen Koch zur Hand hat..."

"...der die Dosen zum dreifachen Preis aufmacht", ergänze Marc.

Branwyn lachte und peilte in ihre viel zu kleine, leere Tasse, und der Ghul schenkte ihr prompt nach.

"Danke." Sie lächelte ihm zu.

"Gern geschehen." Marc begann nun, die Küche wieder in den perfekt aufgeräumten Zustand zurückzuversetzen und wehrte alle Versuche Branwyns, ihm zur Hand zu gehen, mit dem Kommentar ab, daß sie hier schließlich zu Gast sei.

"Wie lange arbeiten Sie eigentlich schon hier?" erkundigte sich die Äthertochter.

"Fast zehn Jahre."

"Das ist ja schon einige Zeit." Sie betrachtete den Ghul, der immer noch bestenfalls wie zwanzig aussah und vermutlich Anfang bis Mitte dreißig war. Diese Auswirkung des Ghulseins fand sie immer wieder faszinierend. Die Kehrseite war allerdings, daß man sich ein Blutsband zu seinem Vampir-Meister einfing. "Und was haben Sie davor gemacht?"

"Nicht viel. Ich habe eine Ausbildung gemacht und mich dann mehr oder weniger herumgetrieben."

"Und dann hat Jean Sie aufgelesen?"

"Genau."

"Warum hat er Sie nicht auch zum Vampir gemacht?"

"Ich weiß nicht. Vermutlich brauchte er jemanden, der auch bei Tag etwas für ihn erledigen kann."

"Klingt logisch. - So, und jetzt werde ich erst einmal nachsehen, wo Gereint steckt."

"Vermutlich im Keller. Ich muß auch gleich hinunter, wenn Ihr wollt, könnt Ihr mich ja in die Vorratsräume begleiten."

"Gut."

Marc nahm einen Korb und ging mit Branwyn nach unten. Dort war Gereint noch mit seinem Frühstück beschäftigt.

"Hallo, Gereint", wurde er von der Magierin begrüßt. "Herzlichen Glückwunsch zu deinem Ehrentag. Dein Geschenk liegt allerdings oben in deinem Zimmer."

"Danke. Ich werde es mir sogleich ansehen." Er stellte seinen Kelch ab, während Marc begann, die herumstehenden leeren Flaschen und Gläser einzusammeln. "Was ist es denn?" erkundigte Gereint sich.

"Das mußt du schon selber auspacken."

"Dann laß uns nach oben gehen."

Sie stiegen in die ersten Etage hinauf, wo in seinem Zimmer mittlerweile drei Pakete lagen.

"Welches ist denn von dir?" wollte er wissen.

"Das da." Branwyn wies auf das größte Päckchen, und das Geburtstagskind machte sich sogleich mit Feuereifer ans Auspacken. Schließlich hatte er ein großes, flauschiges Fellbündel in einem faszinierenden Goldton mit Silberzeichnung aus dem Papier gezogen.

"Das ist original calambrianisches Killerkaninchenfell aus dem Gernsback Kontinuum", erklärte Bran stolz.

"Schön weich", fand Gereint. "Ich danke dir."

"Bitte!" Sie strahlte ihn an und gab ihm einen Kuß.

"Und von wem sind die?" fragte Gereint neugierig mit einem Blick auf die anderen Pakete.

"Dieses hat Jean gebracht, also wird das Kleine wohl von Anshara sein."

"Ah." Er wickelte erst einmal das Geschenk von Jean aus, das ein Bündel Noten (eine Sammlung alter keltischer Lieder, die Gereint allerdings eher als modern empfand) enthielt, ehe er das Päckchen Ansharas öffnet, in dem das 8.+9. Buch Mose (in einem Band) verborgen war.

Branwyn warf einen Blick auf die Sachen und grinste. "Ich sehe, Anshara hat dir etwas Lustiges zum Lesen geschenkt."

"Ja. Ich habe schon einiges darüber gehört..."

"Ich habe mal darin herum geblättert - in Paris ist ein recht netter okkulter Buchladen - und konnte mich vor Lachen nicht mehr einkriegen."

"Sobald ich Zeit habe, werde ich es lesen."

"Es stehen sehr interessante Rituale drin, nur die Zutaten sind manchmal etwas schwierig zu besorgen - oder wüßtest du, wo man zum Beispiel 'Tränen des Mondes, violett' herbekommt?"

"Nein."

"Nicht mal der Chef des Ladens konnte mir da weiterhelfen..."

"Vielleicht kann man die Zutaten ja ersetzen", grübelte Gereint. "Aber wir sollten warten, bis wir wieder zu Hause sind. Hier fehlt uns schließlich ein Großteil unserer Laborausrüstung."

"Das ist wahr", stimmte die Magierin zu. "Aber wir müssen auf jeden Fall vorher noch mal in die Chantry einbrechen, ich habe noch nicht alle Bücher einpacken können."

"Du und deine Bücher", meinte Gereint belustigt.

"Die haben das meterweise Regale voller interessanter Werke", seufzte Bran verzückt.

"Du kriegst wohl nie genug davon, hm?"

"Nein", gab sie zu. "Ich fürchte, ich muß mir bald einen Bibliotheksturm anbauen."

"Bau mir lieber einen eigenen Turm ganz für mich allein."

"Willst du mich loswerden?" fragte sie tragisch.

"Wenn du in deinen Sammelrausch verfällst, dann kommt mir schon mal dieser Gedanke."

"Aber das ist doch bestenfalls ein, zweimal im Jahr!"

"Ich finde es ziemlich oft."

"Naja, du kannst dir ja länger Zeit lassen", seufzte Branwyn.

Gereint grinste. "Stimmt."

"Ich hoffe, daß in den Tremere-Chroniken irgendetwas drin steht, wie man als Sterblicher sein Leben verlängern kann, möglichst ohne unangenehme Nebenwirkungen. Es ist so frustrierend, es gibt soviel zu lernen, und man hat so wenig Zeit."

"Naja, wenn man soviel Zeit hat wie ein Kainskind, wird es irgendwann ziemlich langweilig."

"Aber es gibt doch immer neues zu lernen - ich meine, bis ich die Meisterschaft in meinen Hauptsphären erlangt habe, bin ich bestimmt schon uralt."

Gereint sah sie nachdenklich an.

"Ich glaube, ich weiß, wonach ich als nächstes forschen sollte. Kürzlich habe ich in einer Romanserie etwas von einem 'Zellaktivator' gelesen, der das Leben verlängern kann. Wenn es mir gelingt, so ein Gerät zu bauen, brauche ich keine Angst mehr vor Alter oder Krankheit zu haben."

"Aha", machte ihr Gefährte, dem dies gar nichts sagte. Auch die Gedanken an Alter oder Tod waren ihm mit der Zeit fremd geworden, denn er hatte schließlich alle Zeit, die er wollte.

"Es ist zu dumm, daß ich nur die rudimentärsten Kenntnisse der Lebenssphäre habe", seufzte sie. "Ich fürchte, da muß ich noch ziemlich üben."

"Das wird sich kaum vermeiden lassen. - Aber was machen wir jetzt?"

"Deinen Geburtstag feiern? Wir könnten ja irgendeinen hübschen Club aufsuchen und uns amüsieren. Wenn es wieder Tag wird, werde ich auf jeden Fall noch einmal in die Chantry gehen."

"Dir gefällt es doch meistens nicht, wenn ich mich 'amüsiere'", stellte Gereint fest.

"Nur wenn zu viele andere Kainskinder dabei sind, die sich an so einem unzivilisierten 'Blutfestmahl' laben. Das halte ich nunmal für überaus unappetitlich."

"Es ist für uns eine Frage des Überlebens, und außerdem tue ich so etwas eher selten. Bei dem Mangel an Gefäßen, der in unserer Gegend herrscht, könnte ich es mir ohnehin kaum erlauben, sie zu töten."

"Ich weiß - sonst würde ich vermutlich kaum mit dir zusammenleben."

"Ich frage mich ohnehin, wie du das aushältst."

"Im allgemeinen bist du doch recht pflegeleicht."

Gereint grinste. "Meinst du?"

"Sicher. Vor allem futterst du meine Geheimvorräte an Naschwaren und Knabbereien nicht auf."

"Dafür könnte ich dich ja mal auffuttern", meinte er vergnügt.

"Hey", rief Bran in gespieltem Schreck. "Ich dachte, Toreadors ernähren sich nicht von den Sterblichen, die sie mögen. Das würdest du doch nicht wirklich über's Herz bringen, oder?"

"Ich habe kein Herz, das weißt du doch."

"Sicher hast du ein Herz, sonst würde das Pfählen doch nichts nützen. Äh, sag mal, stimmt eigentlich das Gerücht, daß es Vampire gibt, die ihr Herz in einem Einmachglas zu Hause aufbewahren?"

"Wo hast du das schon wieder her?"

"Das hat Net_Shark irgendwo im Digitalen Netz gelesen."

"Das ist absoluter Quatsch", erklärte Gereint. "Ein Einmachglas - wie profan. Soweit ich informiert bin, packen die es in ein Tongefäß."

"Und warum gehen die eigentlich nicht ein, wenn man das Herz herausnimmt, wenn normalerweise schon ein Pfahl hindurch reicht, um ein Kainskind auszuschalten?"

"Das hat etwas mit dem Ritual zu tun. Außerdem machen das hauptsächlich die Setiten, ein anständiges Kainskind würde das kaum über sich ergehen lassen."

"Oh. Ist es denn wahr, daß man so einen 'herzlosen' Vampir nicht mehr pfählen kann?"

"Das Kainskind selber kann man nicht mehr pfählen, aber das Herz schon. Aber dazu muß man das Herz erst einmal finden."

"Klingt logisch. Was passiert eigentlich, wenn jemand so ein Herz klaut?"

"Das wäre peinlich für das Kainskind, dem das Teil gehört. Ich habe mein Herz jedenfalls da, wo es hingehört, da klaut es wenigstens keiner."

"Das ist beruhigend. Aber die Ausführungen waren wirklich interessant. Da habe ich doch glatt wieder etwas dazugelernt", meinte Branwyn befriedigt.

"So?"

"Allerdings. Ts, da lebt man jahrelang mit einem Kainskind zusammen und hat immer noch nicht alles über die herausgefunden. 'Der Vampir, das unbekannte Wesen'..."

"Gefällt mir", sagte Gereint belustigt.

"Aber ich möchte zu gerne alles über die Kainskinder wissen. Irgendwie ist das unfair, du weißt fast alles über die Magier, während mir nur Bruchstücke über die Vampire bekannt sind."

Gereint lachte. "Ich war ja auch mal ein Magier, du aber nie ein Kainskind."

"Naja, ich bleibe auch lieber eine Tochter des Äthers, denke ich."

"Ich wäre auch lieber ein Mitglied des Ordens des Hermes geblieben", meinte er. "Aber das Vampirsein hat auch so seine Vorteile."

"Stimmt, kein Ärger mit dem Alter oder Krankheiten."

"Krank kann ein Kainskind auch werden", machte Gereint sie aufmerksam.

"Aber es stirbt in der Regel nicht daran."

"Unangenehm ist es trotzdem. Aber ich bin ja vorsichtig beim Futtern." Er seufzte. "Wo wir gerade vom Essen reden, bekomme ich gleich wieder Appetit."

"Du hast doch gerade erst gespeist."

"Flaschenkost", äußerte er abfällig. "Vielleicht hat Jean ja Lust, ein wenig auf die Jagd mitzukommen."

"Da ich dir da kaum assistieren kann, werde ich die Zeit deiner Abwesenheit sinnvoll nutzen und den zweiten Überfall auf die Chantry vorbereiten."

"Bis nachher dann", meinte Gereint und machte sich auf die Suche nach seinem Bruder, während Branwyn in ihr Zimmer zurückging.

* * *

Anshara war es inzwischen gelungen, sich anzukleiden. Sie saß müde auf dem Bett und überlegte, ob sie sich nun etwas zu essen holen sollte, als Gereint auf der Suche nach Jean den Kopf in den Raum steckte.

"Hallo, Anshara. Vielen Dank für das Buch."

"Huh? Oh, Gereint. Gern geschehen. Ich hoffe, es gefällt..."

"Das kann ich sagen, sobald ich Zeit finde, es zu lesen."

"Gut." Sie lächelte ihm zu. "Wie alt seid Ihr eigentlich geworden?"

"462."

"Dafür seht Ihr aber gut erhalten aus."

"Für ein Kainskind ist das auch nicht allzu alt. - Was ich fragen wollte... Habt Ihr Jean irgendwo gesehen?"

"Nein, leider noch nicht."

"Ich habe Lust, jagen zu gehen."

"Ich hätte auch nichts gegen einen frischen Stärkungstrunk einzuwenden", stellte Anshara fest. "Meine Praxis hat ja leider gerade Weihnachtsferien, also muß ich mich momentan anderweitig um mein Essen kümmern. Vor allem meine AB+ Vorräte sind ja leider immer nur sehr begrenzt."

"Das ist das Problem, wenn man so ein Feinschmecker ist."

"Naja, ein bißchen." Sie sah dezent zu Boden.

"Jeder hat wohl so seine Vorlieben. Aber ich versuche jetzt wohl besser, Jean zu finden, sonst ist die Nacht um, und ich hatte immer noch nichts zu essen."

"Das ist wahr. - Irgendwoher sollte ich mir langsam auch etwas zu trinken besorgen."

"Wie Ihr möchtet. Aber jetzt werde ich erst einmal Jean suchen gehen."

Er ging wieder los und fand seinen Bruder schließlich im Wohnzimmer, wo er am Schreibtisch saß und schrieb.

Anshara machte erst einmal einen Abstecher in den Keller, wo sie zwei Flaschen aus dem Regal zog, um mit diesen wieder nach oben zu gehen.

In nur kurzer Zeit überredete Gereint Jean, mit ihm auf die Jagd zu gehen, und dieser sagte zu, aber nur unter der Bedingung, daß sie seine Gefährtin fragten, ob sie mitwollte.

Die Ägypterin starrte eher lustlos auf einen halbgefüllten Kelch, als Jean eintrat.

"Anshara?"

"Jean?" gab sie zurück.

"Hast du Lust mitzukommen?"

"Gerne!" Sie erstrahlte förmlich. "Im Keller ist nur noch A+ und 0- aus der Flasche da."

"Ich weiß."

"Ich ziehe mich nur rasch um."

"Gut." Das weiße Flattergewand war wirklich nicht für die Jagd geeignet.

Nach nur einer Viertelstunde war sie in den warmen, schwarzen Catsuit, dicke Handschuhe und eine schwarze, dicke Steppjacke gehüllt, und ihre Füße zierten pelzgefütterte Winterstiefel.

"Fertig?" fragte Jean. "Gereint wartet schon."

"Fertig", echote sie und stülpte sich noch ein paar Fellohrenwärmer über.

"Meinst du nicht, daß du ein wenig übertreibst?"

"Es ist kalt draußen."

"Du frierst doch nicht."

"Kälte mag ich aber trotzdem nicht. Außerdem, lieber vorsichtig als steif. - Wo sollen wir denn heute jagen gehen?"

"Ich weiß nicht. So nah an Weihnachten ist ja nicht allzuviel los", überlegte Jean.

"Vor allem, wo heute der vierte Advent ist... Gibt es nicht vielleicht ein paar nette Nachtclubs?"

"Es ist gerade mal neun Uhr. So früh ist da doch noch nichts los."

"Vielleicht gibt es ja doch irgendwo ein paar unvorsichtige Passanten."

"Ich habe jedenfalls Hunger auf etwas Frisches. Ich fürchte, wir müssen uns etwas anstrengen. - Hm, wir könnten ja vielleicht in ein Restaurant gehen."

"An welches dachtest du?"

"Mal sehen", meinte Jean. "Auf jeden Fall werden wir in der Nähe eines Restaurants am ehesten etwas finden."

"Gut, suchen wir also ein gut frequentiertes Restaurant auf", beschloß Anshara.

Sie machten sich auf die Suche nach einer akzeptablen Gaststätte. Wider Erwarten war es draußen ziemlich belebt, so daß sie direkt auf der Straße auf die Pirsch gehen konnten.

"Ich glaube, hier haben wir gute Chancen auf einen leichten Snack", bemerkte Gereint.

"Hm, doch", stimmte Jean zu und sah sich um. Einige Hofeinfahrten boten genügend Schatten, in die man sich mit seinen Opfern zurückziehen.

"Aber irgendwie ist es hier ziemlich kühl", fand Anshara und kuschelte sich tiefer in ihre Winterjacke.

Gereint sah sie verwundert an. "Also, mir ist gar nicht kalt."

"Wie macht Ihr das nur?" Anshara seufzte herzerbärmlich. "Aber vielleicht liegt es ja daran, daß ich aus einem warmen, sonnigen Land komme."

"Alles Übung", behauptete Gereint. "Obwohl es auch ein bißchen anstrengend ist. Aber dafür bin ich halt warm." Er spähte neugierig zur Tür eines Restaurants.

"Bringt Ihr mir das bei Gelegenheit bei?" fragte Anshara hoffnungsvoll.

"So einfach ist das nicht", machte er sie belustigt aufmerksam.

"Pöh, wenn Ihr das könnt, sollte ich das auch lernen können."

"Nur, wenn Ihr fleissig übt."

"Üben?" Anshara zog eine Schnute. "Ich will das können! Üben dauert doch immer eeeewig."

"Nicht ewig, aber lange."

"Auf jeden Fall ist mir momentan kalt. Ich muß mir unbedingt Thermoklamotten kaufen."

Gereint lachte. "Vielleicht hättet Ihr in der Wüste bleiben sollen."

"Nö, da mußte man immer auf Kamele ausweichen. Hier ist die Verpflegung auf jeden Fall besser."

"Das ist wahr. Deshalb meine ich, wir sollten uns jetzt etwas zu essen suchen. Dann friert Ihr vielleicht auch nicht mehr so sehr."

Jean hatte sich schon längst auf die Jagd begeben, denn er hatte Hunger. Seine Wahl fiel auf einen jungen Burschen, den er prompt in den Schatten der Einfahrt zerrte.

Auch Anshara hatte mittlerweile ein passendes Opfer erspäht, das ohne Anhang unterwegs und auch nicht zu groß war. Leider war der Mann nicht mehr ganz frisch, aber es kam ja hauptsächlich auf die flüssigen Innereien an. Sie lockte ihn mit verführerischen Blicken in die Falle. Bald darauf war sie satt und entließ ihr Opfer nur ein wenig geschwächt.

Gereint beobachtete die beiden neugierig, ehe er sich selbst auf die Suche machte. Als er sein Opfer in die Schatten lockte, war auch Jean gesättigt zurückgekehrt.

Im Taschenspiegel prüfte Anshara derweil ihr Outfit und war zufrieden, daß sie nicht gekleckert hatte.

"Das war wieder lecker", erklärte Gereint, nachdem auch er seinen Hunger gestillt hatte. "Und was machen wir nun?"

"Gute Frage. Mir ist immer noch kalt", seufzte Anshara.

"Dann sollten wir uns einen warmen Platz suchen", fand Jean.

"Gibt es vielleicht irgendwo ein Theater oder ein Museum?" wollte die Ägypterin wissen.

"Wir könnten in die Oper gehen", schlug Gereint vor. "Leider weiß ich nicht, was heute läuft."

"Ich bin für die Carmina Burana!"

"Zu Hause ist es aber auch warm", machte Jean sie aufmerksam. "Oder wir könnten irgendwo hingehen, wo etwas los ist. Ich dachte das an das Central."

"War das nicht diese Flugzeug-Disco?"

"Genau."

"Dann laßt uns eben dorthin gehen", kommentierte Gereint.

Anshara stellte sich kurzerhand an den Straßenrand und winkte hektisch, sobald sie ein Taxi sah. Das dritte hielt an, und sie nahmen Kurs auf die Nobeldisco.

Zum Glück hatte das Central ein ziemlich gemischtes Publikum, und so kamen die drei ohne Probleme hinein.

"Hier haben wir wieder einmal ein hervorragend sortiertes Snack-Angebot", bemerkte Gereint vergnügt. "Wir brauchen nur zuzugreifen."

"Hoffentlich erwische ich diesmal einen AB+..." Ihr letztes Opfer hatte leider nur 0+ gehabt.

"Soll ich Euch einen suchen?"

"Das wäre toll."

"Der da", meinte Gereint nach kurzem Scan. Leider war der junge Mann an die zwei Meter groß, und Anshara zog eine Grimasse.

"Ginge es nicht auch in kürzer? Ich habe eigentlich keine Lust, zum Wadenbeißer degradiert zu werden."

Gereint sah sich ein weiteres Mal um; diesmal dauerte es aber ein bißchen länger. "Die dort." Er zeigte auf eine kleine Punklady.

"Prima." Anshara warf ihm einen dankbaren Blick zu und steuerte auf die Punkerin zu. Nur wenige Minuten später hatte sie ihr AB+ Dessert.

"Soll ich Euch noch etwas Leckeres suchen?" fragte Gereint.

"Oh, danke nein, ich bin ausreichend gesättigt", erklärte sie. "Ich muß doch auf meine Figur achten."

"So? Nach meinem Wissen könntet Ihr sie nicht einmal ändern, wenn Ihr es wolltet."

"Ich bin da lieber vorsichtig." Sie sah besorgt an sich herab. "Zeigt sich da nicht doch ein kleines Bäuchlein?" Sie betastete die entsprechende Stelle.

"Kann ich nicht finden."

"Dann bin ich beruhigt."

Gereint musterte sie amüsiert. "Wie kann man nur so eitel sein?"

Anshara gab seinen Blick verdutzt zurück. "Ich bin doch nicht eitel. Ich achte nur ein bißchen auf mein Äußeres." Sie zupfte an ihrem Catsuit herum, um sicherzustellen, daß dieser auch wirklich exakt saß.

"Perfekt", fand Gereint belustigt.

"Gut." Sie zog ihren Taschenspiegel hervor und überprüfte nun ihr Make-Up.

"Noch vollkommener geht es doch gar nicht."

"Ich wollte nur auf Nummer sicher gehen. - Was sollen wir nun weiter unternehmen?"

"Ich weiß nicht", überlegte Gereint. "Hunger habe ich keinen mehr."

"Ich bin auch satt. - Jean?"

"Ich auch", antwortete dieser, der gerade neben ihnen aufgetaucht war.

"Dann könnten wir ja nach Hause zurückkehren und gucken, wie weit Branwyn mittlerweile ist."

"Sie wird noch arbeiten", vermutete Gereint. "Und dabei läßt sie sich ungern stören."

"Hm. Und was sollten wir Eures Erachten nach tun?"

Gereint zuckte mit den Schultern. "Etwas meditieren", schlug er vor.

"Oh. Und worüber meditiert Ihr so?"

"Über neue Rituale zum Beispiel."

"Wie macht man denn ein neues Ritual?" erkundigte sich Anshara neugierig.

"Man erfindet einfach eins."

"Hm. Worauf muß man denn dabei achten?"

"Daß es keine unerwünschten Nebenwirkungen gibt. Man sollte einfach nicht jede Idee sofort ausprobieren."

"Aber irgendwann muß man doch schon mal etwas ausprobieren, oder? Was kann man denn da notfalls an Sicherheitsmaßnahmen ergreifen?"

"Nun, man sollte zunächst einmal am besten allein auf weiter Flur sein, und zum zweiten ist es sinnvoll, ein persönliches Schutzritual zu beherrschen, wie zum Beispiel den Mächtigen Schild."

"Könnt Ihr mir das beibringen?" bat Anshara.

"Das ist ein viertstufiges Ritual", machte er sie aufmerksam.

"Das ist unfair. Alles, was praktisch ist, ist dritt- oder viertstufig."

"Es gibt doch auch einige nützliche erststufige Rituale."

"Also, ich hätte gerne eins, das mir immer das passende Make-Up aufträgt und mich dazu noch perfekt frisiert."

"Hm", machte Gereint. "Ich glaube nicht, daß wir da mit der ersten Stufe auskommen."

"Wie wäre es denn mit einem Ritual, mit dem man sich wärmen kann?"

"Hm, da fällt mir momentan nichts passendes ein", stellte Gereint fest.

"Aber das wäre doch wirklich mal praktisch."

"Gut, ich werde einmal darüber nachdenken."

"Prima. Und wenn Ihr es könnt, dann bringt Ihr es mir sofort bei, ja?"

"Es wird Euch auf jeden Fall eine Menge Blut kosten."

"Oh je..."

"Fast jedes Ritual verlangt Blut."

"Das habe ich auch schon bemerkt. Irgendwie ist das ziemlich unpraktisch."

"Stimmt." Er lächelte sie an. "Und was möchtet Ihr nun unternehmen?"

"Am liebsten zugucken, wie Ihr ein Ritual kreiert."

"Tse", macht Gereint. "Mir fällt so etwas aber meist in der Badewanne oder beim Essen ein."

"Dann müssen wir das wohl streichen. - Aber irgendwann müßtet Ihr mir die Schaffung eines Rituals Schritt für Schritt erklären."

"Versuchen kann ich es ja mal. Jetzt sollten wir aber langsam Jean einsammeln und nach Hause gehen."

"Wo steckt er nur gerade?" Anshara sah sich suchend um und erspähte Jean inmitten einer Horde ihn anbetender Gruftis. "Typisch", fand sie.

"Natürlich", stimmte Gereint zu. "Er ist mindestens so eitel wie Ihr."

"Vielleicht sollte ich mich auch noch ein halbes Stündchen in der Bewunderung der Leute sonnen, ehe wir abhauen", überlegte sie.

"Dann laßt Euch bewundern", meinte Gereint grinsend und sah ihr nach, wie sie sich an der Bar in Positur stellte. Prompt scharten sich interessierte Herren um sie, denen sie turnusmäßig verführerisch zuzwinkerte.

Gereint fand das amüsant und suchte sich einen günstigen Beobachtungsplatz. Das Verhalten der Menschen war immer gleich, fand er. Insbesondere die Männer würden sich in tausend Jahren nicht ändern.

Anshara fand es schade, daß sie schon satt war, denn zwei Drittel ihrer Verehrer sah definitiv zum Anbeißen aus. Da Gereint sich zu langweilen begann, schlenderte er nun auch zu der kleinen Ägypterin hinüber, die ihn prompt ebenfalls mit einem hinreißenden Blick bedachte. Er guckte zurück. Anshara war irgendwie knuffig. Sie lächelte ihn auffordernd an, und die restlichen Herren waren von dem mehr als nur gutaussehenden Rivalen überhaupt nicht begeistert. Gereint fand die ärgerlichen Blicke der anderen lustig.

Ein besonders vorwitziger Verehrer ergriff Ansharas Hand und tätschelte sie demonstrativ. Das war absolut albern, fand Gereint kopfschüttelnd. So behandelte man doch keine Frau. Anshara war ähnlicher Ansicht und eroberte ihre Hand zurück. Um einer weiteren Peinlichkeit dieser Art vorzubeugen, stellte Gereint sich neben sie.

"Oh, hallo Gereint." Anshara schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. "Was führt Euch zu meiner Wenigkeit?"

"Ich langweile mich und dachte, ein Gespräch mit Euch wäre eine Bereicherung für diesen Abend."

"Dann laßt uns reden. Wißt Ihr, ich bin immer noch an den okkulten Dingen interessiert, von denen Ihr spracht."

"Ja?" Gereint warf ihr einen betont überraschten Blick zu. "Was wollt Ihr denn darüber wissen?"

"Alles, oh großer Meister", hauchte sie. Gereint mußte sich ein Grinsen verkneifen. Offenbar wollte sie die versammelten Typen auf den Arm nehmen.

"Hier und jetzt?" fragte er mit gespieltem Unglauben.

"Aber natürlich! Eure ergebene Schülerin wird es Euch danken."

Gereint beugte sich zu ihr hin. "Seht nur wie dumm die alle gucken", flüsterte er ihr ins Ohr.

"Eben drum", erwiderte sie genauso leise, ehe sie ihre Stimme wieder etwas hob. "Oh, Meister, Ihr wolltet mir doch etwas von Eurem hohen Zauber der siebten Stufe erzählen", behauptete sie.

"Wollte ich?" Gereint hob eine Augenbraue, und Anshara nickte heftig.

"Ihr sagtet, der wäre nicht ungefährlich, aber ungemein wirkungsvoll."

"Stimmt ja auch", meinte er und überlegte, mit was er die Umstehenden am besten beeindrucken könnte, während er Anshara weitere Kommentare über die Typen ins Ohr flüsterte.

"Oh, Meister", hauchte sie. "Ihr seid ja soooo erleuchtet!"

Gereint mußte sich gewaltsam ein Grinsen verkneifen, als sie so devot zu ihm aufsah. Die Zuschauer waren sich nicht zu hundert Prozent darüber im klaren, ob Gereint wirklich ein Okkultist war oder nur ein New Age Scharlatan. Auf jeden Fall waren sich alle einig, daß er unirdisch schön aussah. Ob er wohl seine Seele irgendjemandem verschrieben hatte?

"Vielleicht sollte ich mal das eine oder andere Ritual vorführen", wisperte er Anshara zu. "Den Leuten hier steht förmlich die Neugierde ins Gesicht geschrieben."

"Nehmt etwas besonders Eindrucksvolles."

"Paßt einmal auf." Gereint betrachtete intensiv einen Aschenbecher. Mit der dritten Stufe des Thaumaturgiepfades Meisterschaft über die Elemente, Unbewegtes Beleben, gedachte er, sich ein wenig zu produzieren. Anshara folgte aufmerksam seinem Blick, und die übrigen Anwesenden taten es ihr gleich. Was war an dem Ding nur so interessant?

Ein Mann drückte demonstrativ seine Zigarette in dem Aschenbecher aus, doch gerade, als er sich spöttisch abwenden wollte, schnappte das Teil zu und klemmte seine Finger ein. Mit einem schmerzerfüllten Aufschrei riß er seine Hand zurück, der Aschenbecher hatte ihn immer noch fest im Griff.

Gereint grinste den Typen an. "Sie sollten sich das Rauchen besser abgewöhnen."

"Scherzartikel kann jeder kaufen", maulte der Mann und befreite sich von dem angriffslustigen Gegenstand.

"So?" fragte Gereint milde.

"Allerdings."

Ein anderer Junge untersuchte den Aschenbecher. "Ich finde, der sieht ziemlich normal aus", staunte er.

"Der kann nicht normal sein!" Das Thaumaturgie-Opfer rieb sich immer noch die Finger, als sich Gereint wieder Anshara zuwandte.

"Nun?"

"Das war superb, großer Meister", jubelte sie. "Könntet Ihr mir noch etwas von Euren okkulten Kräften demonstrieren?"

"Vor so einem unwürdigen Publikum?"

"Natürlich bei mir zu Hause", entgegnete sie.

"Tse", machte der Gequetschte neidisch. "Mit so einem billigen Trick schleppt der Typ die Kleine ab..."

"Was ist hier billig?" wollte Gereint ungehalten wissen. Er konnte solche Freaks nicht leiden.

"Diese Scherzartikelsache", mopperte der Verschmähte.

"Der macht mich ärgerlich", wandte Gereint sich an Anshara.

"Verwandelt ihn doch in einen Frosch", schlug sie vor.

"Nein, das kann ich den armen Fröschen nicht antun."

"Ich lasse mich nicht ungestraft beleidigen", fauchte der Typ. "Laß uns das wie Männer austragen!" Er ballte die Hände zu Fäusten und baute sich vor Gereint auf, der sich sogleich auf das Ritual Mächtiger Schild konzentrierte.

"Ich mache mir ungerne die Finger schmutzig."

Der Mann schnaubte und versuchte, Gereint am Schlafittchen zu packen. Leider brauchte das Ritual eine Minute der Konzentration, bis es einsatzbereit war, also tauchte der Toreador-Thaumaturge kurzerhand weg. Zum Glück hatte er die Sache mit der Kuhhaut dahingehend ersetzt, daß er sich in der Konzentrationsphase lediglich eine lilafarbene Kuh vorstellen mußte. Die daneben gegangene Attacke stachelte den Angreifer nur an, und unter dem Gejohle der Umstehenden stürzte er sich erneut auf Gereint, der ihn abermals ins Leere laufen ließ.

Diesmal rannte er einen wild gestylten Punk an der Bar um, der sich das natürlich nicht gefallen ließ, und prompt war die schönste Schlägerei im Gange.

"Das macht Spaß", fand Gereint, der mittlerweile hinter dem Mächtigen Schild gut geschützt war.

"Hauptsache, mich haut keiner", meinte Anshara und versteckte sich sicherheitshalber hinter ihm. Gereint lachte.

"Aber mich dürfen die hauen, oder wie sehe ich das?"

"Ihr seid doch groß und stark, und außerdem sollten Damen generell beschützt werden."

"Tse", machte er. "Und Ihr meint also, ich sollte diese Aufgabe übernehmen?"

"Wer sonst? Also tut Eure Pflicht."

Ein Glas flog in ihre Richtung und prallte an einer unsichtbaren Wand ab.

"Wow", bewunderte Anshara Gereints magische Fähigkeiten.

"Dabei ist das gar nichts besonderes. Es hält zum Beispiel keine Personen ab."

"Mir reicht es ja schon, wenn mir Kugeln, Messer und Holzpflöcke nichts anhaben können..."

"Vor Messern und Holzpflöcken, die jemand in der Hand hält, schützt es leider auch nicht. Nur fliegende Geschosse werden wirksam geblockt", korrigierte Gereint.

"Naja, ist auf jeden Fall ein Anfang. Das müßt Ihr mir unbedingt beibringen."

"Das ist ein viertstufiges Ritual", machte er sie aufmerksam.

"Das ist unfair", schmollte Anshara. "Ich will auch viertstufig sein."

"Dazu müßt Ihr erst einmal Stufe 2 und 3 bewältigen. Da hilft nichts außer üben, üben, üben."

"Das ist grausam."

Ein Stuhl prallte gegen den Schild und fiel zu Boden, und Anshara war froh, daß der Schild hielt. In diesem Augenblick tauchte Jean wieder bei ihnen auf und ging auch erst einmal hinter seinem Bruder in Deckung.

"Endlich ist hier mal was los", fand er. "Aber ich sollte doch unbedingt mal etwas Thaumaturgie üben, damit ich diese Schildsache lernen kann."

"Ist aber viel Arbeit, da vierte Stufe", seufzte Anshara.

"Ich weiß. Leider."

"Ich finde es ja ungemein schmeichelnd, daß ihr euch hinter mir versteckt", kommentierte Gereint, "aber wir sollten langsam gehen. Vor allem wäre es sinnvoll, wenn wir weg sind, bevor die Polizei erscheint."

"Stimmt", nickte Anshara, und sie machten sich schnellstens auf den Weg zum Ausgang, wo sie noch ein Stück weitergingen, ehe sie ein Taxi herbeiwinkten und dem Fahrer die Anweisung gaben, nach St.Germain zu fahren.

* * *

"Home, sweet home", seufzte Anshara, als sie das Haus betraten.

"Ich dachte, Ihr kommt aus Ägypten?" stellte Gereint fest.

"Englisch war meine zweite Fremdsprache. - Ah, irgendwie bin ich froh, wieder daheim zu sein."

"Mir wurde es im Central auch zu hektisch", gab er zu.

"Ich bin schon gespannt, wie weit Branwyn mit dem zweiten Teil des Chantry-Einbruchsplans ist", verkündete Anshara und steuerte nach oben in die Wohnetage. In ihrer Suite zog sie sich erst einmal bequemere Hauskleidung an, und auch die beiden Männer kleideten sich zuerst um.

Nachdem sie fertig war, klopfte Anshara bei Branwyn im Chambre de l'Automne an, das direkt neben der Treppe lag, die ins Parterre führte.

"Ja?" grumpfte es aus dem Zimmer.

"Kann ich reinkommen?"

"Wenn's unbedingt sein muß." Anshara trat ein.

"Was ist dir denn über die Leber gelaufen?"

Branwyn sah mißgelaunt am Schreibtisch, vor sich ein rauchender Trümmerhaufen.

"Oh", machte Anshara und betrachtete die Überreste. Nun betrat Gereint ebenfalls den Raum.

"Hier riecht es angekokelt", stellte er fest.

"Ach nee", fauchte Branwyn und schob die Überreste ihres Materiehyperlysators beiseite.

"Was sollte das denn werden?"

"Ein Materiehyperlysator."

"Oh", machte Gereint.

"Er hätte uns bestimmt beim nächsten Einbruch in die Chantry helfen können."

"Dann versuch es doch noch einmal."

"Auf jeden Fall, aber ich muß erst die Ausgangskomponenten wiederbeschaffen."

"Leider kann ich dir da nicht helfen", bedauert Gereint. Selbst zu seiner Zeit als Mitglied des Orden des Hermes hatte er sich nicht mit so etwas beschäftigt; die Hermetiker waren eher an Formeln und Ritualen interessiert. Abgesehen davon waren die Kinder des Äthers eine vergleichsweise junge Tradition, und zu seiner Zeit hatte es sie in dieser Form noch gar nicht gegeben. Wenn er sich recht entsann, waren sie damals noch eine Untergruppe innerhalb der Artificers, und sie hatten noch nicht so viel mit solch merkwürdigen Erfindungen zu tun.

Die Äthertochter seufzte, und Gereint zupfte an ihren ohnehin schon zerzausten Haaren herum.

"Arme Branwyn." Sie sah tragisch aus ihrem zweifarbigen Augen zu ihm hinauf. "Was wirst du jetzt unternehmen?"

"Meine Pläne überprüfen. Irgendwo muß da ein Fehler sein." Sie breitete die Folien aus.

"Ich kann da nichts sehen", meine Gereint, nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte.

"Ich bin mir nicht ganz sicher, ob der Fluxpartikelinverter den invertierten Molekülstrom richtig an den Integrator weitergibt, oder ob sich durch die Megadynaufladung eine Interferenz bilden kann, die dann den vexatronischen Omikronfluß kompensiert", sinnierte die Wissenschaftlerin, und Anshara hörte mit offenem Mund zu. Das hatte wie Französisch geklungen, aber sie hatte nicht ein Wort davon verstehen können.

Gereint zuckte mit den Schultern. "Ich müßte mir das genauer ansehen."

"Hier, bitte." Sie schob die Pläne zu ihm hin.

"War das eine Aufforderung?"

"Ja. Ich komme im Moment einfach nicht weiter."

Gereint seufzte. "Du weißt doch, ich brauche wieder Stunden, bis ich die Zeichnungen verstanden habe."

"Aber du könntest es doch versuchen?" Sie sah bittend zu ihm hoch.

"Wenn es denn sein muß." Er begann, die Pläne zu studieren und notierte dabei einiges auf den Blättern. Branwyn sah ihm dabei zu, und auf ihrer Stirn erschien eine steile Falte, als sie versuchte, die hermetischen Symbole zu verstehen. Gereint hauchte ihr einen Kuß auf die Stirn. "Das wird noch etwas dauern."

Sie lächelte ihn an. "Macht nichts. Danke, daß du dich bemühst."

Anshara fand es hingegen frustrierend, denn diese Symbole sagten ihr noch weniger als die komischen Ausdrücke, die die Magierin gebraucht hatte.

"Das mache ich doch gerne", erklärte Gereint. Bran erhob sich und wuschelte in seinen Haaren herum.

"Du verwüstet meine Frisur", tadelte er.

"Ich gestalte sie nur um. Du siehst schließlich immer hübsch aus, also macht es auch nichts aus, wenn du etwas strubbelig bist."

"Aber ich sehe nun nichts mehr."

"Oh." Sie wuschelte die Mähne zurück, bis er wieder ein gewisses Sichtfenster hatte.

"Besser. - Diese Pläne sind ziemlich kompliziert", kommentierte er.

"Hoffentlich funktioniert es wie beabsichtigt, wenn die Konstruktionszeichnungen korrigiert sind. So lange es explodiert, ist auf jeden Fall etwas nicht richtig."

"Das ist wahr. Sag mal, was ist das hier?" Er wies auf eine bestimmte Stelle auf dem Blatt.

"Hm. Das ist der Durchlaßregelmechanismus für den Fluxpartikelinverter."

"Bist du sicher, daß der dahin muß und nicht nach dort?" Er tippte auf die entsprechenden Punkte.

"Nun, ich hatte das Feeling, er gehört dahin. Aber wir können gerne mal gucken, was passiert, wenn wir das umsetzen, schließlich sollte man die Wissenschaft kreativ betreiben."

"Ansonsten kann ich nichts Ungewöhnliches finden."

"Gut. Setzen wir also dort an." Die Wissenschaftlerin suchte die benötigten Einzelteile zusammen und improvisierte einige nicht vorhandene Stücke, ehe sie begann, ein neues Gerät zu montieren, das den ursprünglichen Konstruktionsplänen nicht im mindesten ähnelte. "Ah, ich glaube, jetzt weiß ich, wie es funktionieren soll!" Sie hämmerte begeistert auf einige widerspenstige Metallteile ein, lötete, schweißte, verband Kabelstücke und setzte Dioden und elektronische Bauteile ein.

Etwa eine halbe Stunde später legte sie triumphierend ihre Werkzeuge beiseite. "Fertig!"

Gereint musterte das Ding neugierig. "Und?"

"Jetzt muß ich es nur noch ausprobieren."

"Ich warte."

"Ich weiß nicht, ob ich es hier tun soll. Unter Umständen könnte es einige ziemliche Löcher produzieren."

"Ich stimme dir zu, Jean mag bestimmt keine Löcher in seinen Wänden. Vielleicht könntest du ja vor das Haus gehen und den Test im Garten durchführen, auch wenn da nicht allzuviel Platz ist."

"Gut." Branwyn sammelte einige Gerätschaften neben dem neuen Gerät ein und trabte nach unten, dicht gefolgt von Anshara. Gereint zog es vor, oben zu warten und den Versuch lieber durch das Fenster zu verfolgen.

Nachdem sie ihre Utensilien im Garten aufgebaut hatte, zückte Branwyn ihren Tricorder und scannte die Umgebung nach etwaigen Schläfern ab, die ihr durch ihre Anwesenheit gefährlich werden könnten. Es war sehr bedauerlich, daß man seine Magie nicht vernünftig einsetzen konnte, wenn unerweckte Personen zusahen, da in diesem Fall die Gefahr eines Paradox-Rückschlages erheblich größer war.

Da niemand in der Nähe war, den der Versuch nichts anging, schaltete Branwyn den Apparat ein, und es begann, eine Aura der Magie um das Gerät herum zu funkeln, und es erklang ein sirrendes Geräusch wie ein startendes Raumschiff in manchen Science-fiction-Serien.

Gereint zog sich ein Stück vom Fenster zurück, denn das klang gefährlich.

Als das Sirren in den Ultraschallbereich überging, erklang plötzlich ein schlappes quot;Pffffft!", und das Gerät lag da wie tot.

"Hm", machte Gereint, als der Apparat verstummt war, aber wenigstens war das Ding diesmal nicht explodiert. Branwyn stieß einen Fluch aus und trat gegen die Maschine, woraufhin alle Lampen aufblinkten, und das Gerät auf einmal in einem mehrere Meter tiefen Loch im Boden verschwand. Langsam füllte sich dieses mit Grundwasser, und man hörte das Zischen von Kurzschlüssen, als Branwyns Erfindung den Geist aufgab.

Die Wissenschaftlerin guckte grimmig in das Loch, ehe sie ihren Materietransformatorstrahler darauf richtete und das einlaufende Wasser in Erde verwandelte.

Gereint öffnete das Fenster und lehnte sich heraus. "Neuer Versuch?" fragte er sie.

"Was bleibt mir anderes übrig?" seufzte sie. Wenigstens wußte sie nun, daß ihre Idee nicht verkehrt war. Sie trabte wieder nach oben, von einer sie ehrfürchtig bewundernden Anshara gefolgt, die ganz gegen ihrer sonstigen Gewohnheit nur stumm zugeguckt und gestaunt hatte.

In ihrem Zimmer stürzte sich Branwyn ein weiteres Mal auf die Pläne, während Gereint nur mit den Achseln zuckte.

"Also, ich finde da nichts mehr an möglichen Fehlern", erklärte er.

"Hm. Es muß aber noch irgendwo ein Problem sein. An besten, ich wähle einen ganz anderen Ansatz", überlegte Branwyn und zog allerlei neue elektronische Bauteile aus ihrem Rucksack, die sie mit wenigen Handgriffen zusammensteckte.

"Ich denke, ich lasse dich dann besser erstmal allein herumwursteln", meinte Gereint.

"Ja ja", machte sie abwesend und stopfte ein paar Mikrochips in dafür sinnvoll erscheinende Öffnungen des Geräts.

"Bis dann." Er verließ La Chambre de l'Automne und kehrte in seinen Raum zurück, wobei er darüber meditierte, was er nun unternehmen sollte.

"Bis dann", antwortete Branwyn, als er schon eine Weile weg war, und Anshara guckte gebannt zu, wie in kürzester Zeit ein neues Gerät Gestalt annahm.

Etwa eine Stunde später war die Äthertochter soweit und stellte fest, daß ihre neue Erfindung schon erheblich besser aussah als das Vorgängermodell. Es hatte zwar weder Ähnlichkeit mit dem ersten Design noch mit den Konstruktionsplänen, aber das war Branwyn nur recht, denn immerhin waren die ersten Versuche nicht brauchbar gewesen.

* * *

Gereint beschloß, seine Zeit dergestalt zu nutzen, daß er tatsächlich ein neues Ritual entwarf. Er machte es sich auf dem Bett bequem und begann, sich zunächst einmal ein paar Notizen zu machen.

Seine Konzentration wurde von der Tatsache gestört, daß Branwyn die Treppe hinabrannte, und so guckte er aus dem Fenster, um zu sehen, was diesmal passierte.

* * *

Mit dem neuen Gerät unter dem Arm joggte Branwyn in den Garten. Als sie es abstellte, schwebte es etwa einen Meter über dem Boden an derselben Stelle wo der vorige Apparat sein Grab gefunden hatte.

Diesen Anblick fand Gereint überaus faszinierend, und er öffnete das Fenster, um besser hinaussehen zu können.

Im nächsten Schritt sandte das Ding drei blaßrosafarbene Strahlen aus, mit denen es sich im Boden verankerte. Ein dunkelvioletter Strahl, den es danach emittierte, löste das direkt unter dem Gerät befindliche Erdreich auf.

"Diesmal scheint es ja zu funktionieren", kommentierte Gereint.

"Stimmt", freute sie sich und schaltete den Apparat mit einer Fernbedienung ab, ehe sie fröhlich mit ihrer neusten Erfindung ins Haus zurückkehrte. Sie summte ein Liedlein vor sich hin, und das Gerät folgte ihr schwebend in etwa einem Meter Abstand, und Anshara wanderte noch einmal einen Meter hinter diesen her.

Gereint wandte sich unterdessen wieder seinem Ritual zu. Er ließ sich auf das Bett fallen und kritzelte ein paar Zeichen auf einen handlichen Notizblock. Er fragte sich, was Bran jetzt wohl wieder erfinden würde, denn sie legte eigentlich selten eine Pause ein.

Bran verstaute ihre Erfindung in ihrem Rucksack und sinnierte darüber nach, daß es ziemlich ineffizient war, wenn gut zwei Drittel ihrer Errungenschaften auf mehr oder weniger dramatische Art und Weise den Geist aufgaben. Seufzend warf sie den Abfall in den eigens dafür umgebauten Recycling-Papierkorb, der das Material in handliche Edelmetallbarren umwandelte.

Als nächstes nahm sie sich vor, ein paar Verbesserungen in den für Net_Shark bestimmten Cyberhelm einige Verbesserungen einzubauen. Sie war froh, daß Gereint nicht hundertprozentig der gesellige Typ war und sie in Ruhe werkeln ließ.

Im Chambre de la Forêt seufzte dieser - eigentlich war Branwyn permanent beschäftigt, so daß es ihm umso deutlicher wurde, daß er meist nichts zu tun hatte und sich langweilte.

Um sich abzulenken grübelte er weiter über das neue Ritual, bei dem er immer noch nicht so genau wußte, was es nun tun sollte. Durch seine Konzentration hörte Gereint ein energisches Hämmern, und er fragte sich, wie er dabei erfolgreich meditieren sollte. Ächzend erhob er sich von dem Bett und ging zu seiner Gefährtin herüber, die immer noch ein Bauteil mit dem Hammer malträtierte.

Als sie wieder ausholte, fing Gereint ihre Hand ein und hielt sie fest.

"Hups", machte sie verdattert. "Was? Wer?"

"Du machst mich wahnsinnig mit dieser Hämmerei", warf er ihr vor.

"Oh. Dabei wollte ich nur diesen Cyberhelm ein wenig umdesignen."

"Kannst du das nicht leiser machen?"

"Naja, ich habe ziemlich viel Energie in den Desintegrator gesteckt, da dachte ich mir, ich könnte ein wenig Quintessenz sparen, in dem ich selbst Hand an lege."

"Dann machst du jetzt Pause", erklärte Gereint und nahm ihr den Hammer aus der Hand.

"Aber ich bin doch noch nicht fertig."

"Das, meine Liebe, ist mir völlig egal."

"Aber Gereint, es ist doch noch so viel zu tun. Laß mich wenigstens einen Schallabsorptionsschildprojektor bauen."

"Wenn es keinen Krach macht."

"Nun, bis der Projektor fertig ist, muß ich wohl noch ein bißchen basteln. - Du willst doch wohl um diese Zeit nicht schlafen?"

"Nein, eigentlich nicht. Ich gedachte zu meditieren."

"Oh. Könntest du nicht Ohropax verwenden?"

"Keine Chance, das ist mir zu dumm."

"Und wann soll ich dann die neuen Erfindungen fertigstellen?"

"Wenn ich schlafe. Dann stört es mich nicht."

"Darf ich denn wenigstens schrauben und stöpseln?"

"Ja. Aber wehe, du hämmerst, dann nehme ich dir das Werkzeug weg."

"Das kannst du doch nicht tun", quietschte sie. Immerhin waren da auch diverse Foki dabei.

"Und ob ich das kann", drohte er. "Also sei lieb und laß das Hämmern."

"Na gut." Sie nahm ihm den Hammer ab und verstaute ihn in einer Schreibtischschublade.

"Brav."

Sie zog eine Grimasse. "Nicht mehr lange, dann habe ich den Schallabsorptionsprojektor fertig, und ich kann hämmern, ohne dich bei der Meditation oder was auch immer zu stören."

"Fein", kommentierte Gereint. "Obwohl ich dich dann wohl gar nicht mehr bemerken werde."

"Du kannst mich jederzeit besuchen."

"Aber du bist doch immer beschäftigt."

"Wir könnten gerne ab und zu einen Termin ausmachen."

"Du weißt doch, ich vergesse Termine immer. Hm, aber vielleicht könnte ich mir ja eine Sekretärin zulegen."

"Ich fände einen Sekretär besser", sagte Branwyn.

Gereint verzog das Gesicht. "Ich möchte lieber eine appetitliche Sekretärin."

"Soso, zum Vernaschen also?"

"Klar, meine Zähne wollen auch ab und zu etwas zu tun haben."

"Dafür gestehe ich sie dir zu", erklärte die Magierin. "Ansonsten bin ich deine Gefährtin, nicht wahr?"

"Bist du das? Sonderlich viel unternehmen wir ja nicht zusammen."

"Wenn ich dich frage, was wir unternehmen könnten, dann hast du keine Idee."

"Wir haben nun einmal kaum gemeinsame Interessen." Er wandte sich ab. "Ich gehe dann mal wieder in mein Zimmer."

Branwyn seufzte. Das war wieder typisch für ihn, immer wenn er sich nicht mit einem Thema beschäftigen wollte, ergriff er die Flucht.

"Wenn du eine gute Idee hast, was wir unternehmen können, darfst du mich gerne stören."

"Was verstehst du unter einer 'guten Idee'?"

"Etwas, das interessant ist und Spaß macht. Aber sag jetzt bitte nicht 'nachts in einem Wald jagen gahen'..."

"Das ist das Problem." Gereint guckte tragisch. "Ich möchte einfach mal jemanden haben, der meine Interessen teilt. Ich werde langsam immer einsamer."

"Dann mußt du dir wohl ein Kind zulegen."

"Ich denke darüber nach."

"Solange du mich nicht als Kandidatin betrachtest..."

"Garantiert nicht", versicherte er ihr.

"Gut", atmete die Magierin auf. Sie hatte nicht die geringste Lust, mit Gereint um ihren Avatar zu kämpfen, worauf es hinauslaufen würde, falls er sie von einer Tochter des Äthers zu einer Toreador-Vampirin verwandeln wollte.

"Ich suche mir lieber jemanden dafür, der zu mir paßt."

"Hast du denn schon jemanden im Auge?"

"Nein."

"Du solltest dabei bedenken, daß ein Kind dir wahrscheinlich ziemlich lange erhalten bleibt."

"Besser als immer alleine zu sein", äußerte er trübsinnig.

"Du bist nicht allein", widersprach Branwyn. Er war wieder in einer seiner Frustphasen, da konnte man nur abwarten.

"Ich werde noch ein bißchen an meinem Ritual arbeiten."

"Was denn für ein Ritual?"

"Anshara wollte ein Make-Up-Ritual."

"Instant-Make-Up?" Bran kicherte. Auf die Idee war sie noch nicht gekommen. Sie überlegte, ob sie so etwas vielleicht für sich selbst gestalten könnte, aber das bedurfte noch einigen Nachdenkens.

"Ja. Das ist aber nicht so einfach."

"Bis dann." Gereint zog sich in sein Zimmer zurück und begann über das Ritual zu meditieren.

Branwyn winkte ihm hinterher und begann, an ihrem nächsten Projekt zu arbeiten, aber diesmal ohne Hammer.

* * *

Jean hatte derweil die ganzen Rechnungen durchgesehen, die Marc ihm hingelegt hatte und die dazugehörigen Überweisungen unterschrieben.

Als er die fünfzehnte Rechnung über diverse Kleider von Anshara in den Fingern hielt, wurde er langsam ärgerlich. Er war zwar nicht gerade arm, aber seine werte Gefährtin würde es schaffen, daß er es bald war. Er raffte die Rechnungen zusammen und machte sich auf die Suche nach ihr.

Die Ägypterin saß bei Branwyn im Chambre de l'Automne und betrachtete staunend deren Erfindungen.

"Anshara!" brüllte Jean durch das ganze Haus, als er sie nicht im Chambre du Soleil fand.

"Jean?" Sie steckte den Kopf zur Tür von Branwyns Zimmer heraus.

"Ich will mit dir reden - Sofort!"

"Oh-oh", machte sie leise. Er klang irgendwie ungehalten. "Worüber?" rief sie zurück.

"Über die hier." Er wedelte mit den Rechnungen.

"Was sind das für Zettel?" tat sie möglichst unschuldig. und nahm Kurs auf ihn.

"Rechnungen."

"Und?"

"Ich habe langsam keine Lust mehr, deine Klamotten zu bezahlen."

"Wäre es dir lieber, ich liefe in total abgefetzten Sachen herum?"

"Bei diesen Rechnungen - ja."

"Aber Jean!"

"Was willst Du mit fast drei kompletten Kollektionen?"

"Die anderen Kainskinder beeindrucken - aber vor allem diese dumme Comtesse Cathérine d'Arletty." Comtesse d'Arletty war eine Toreador-Ahnin der achten Generation, deren Ansichten in der Gesellschaft der Kainskinder ein ziemliches Gewicht hatten, und wenn man etwas unter den Toreador von Paris gelten wollte, sollte man sich mit ihr gut stellen, unabhängig davon, was für eine dumme Ziege sie ansonsten war.

"Das muß ein Ende habe", erklärte Jean kategorisch. "Ich kann mir das langsam nicht mehr leisten."

"Aber ich kann mich doch nicht zum Gespött der High Society machen lassen."

"Dann bezahle deine Klamotten selbst."

"Äh... Wieviel kostet sowas eigentlich?"

"Das hier", Jean deutete anklagend auf die Zettel, "sind 'nur' knapp 300000 Franc."

"Hm." Anshara überlegte, wieviel sie eigentlich an Geld hatte. "Das klingt nicht ganz wenig", gab sie zu.

"Das ist auf jeden Fall zuviel als daß ich mir das noch länger leisten kann."

"Och Jean... Und wenn ich verspreche, das nächste Mal nur ein paar Stücke aus einer Collection einzukaufen?"

"Für die nächsten drei Monate bin ich pleite, wenn das bezahlt ist."

Anshara setzte eine betont schuldbewußte Miene auf, als ihr Gefährte mit seiner Tirade fortfuhr.

"In der Zeit bezahle ich dir absolut keine neuen Klamotten mehr. Außerdem hast du mehr als genug für die nächsten Jahre. Ich denke nämlich nicht daran, für deinen Kleiderwahn das Haus aufs Spiel zu setzen."

Die so Zurechtgewiesene senkte zerknirscht den Blick.

"Ich hoffe, du bist dir jetzt wenigstens deiner Schuld bewußt." Jean kehrte in sein Zimmer zurück, wo er sich wieder an den Schreibtisch setzte.

Hängenden Kopfes trabte Anshara in das Chambre de la Lune, wo sie betrübt die gutgefüllten Schränke betrachtete. Sollte das alles für die nächsten Monate sein? Das war regelrecht deprimierend. Sie hatte doch zum Beispiel nur fünf Paare weißer Schuhe, und die hatte sie sogar alle schon einmal getragen.

Jean riß ein weiteres Mal die Tür auf und brüllte: "Und das gilt nicht nur für Klamotten!"

Anshara schrak zusammen. "Was?"

"Ich habe gerade die Rechnung vom Lieferservice gefunden. 27365 Franc - bist du verrückt?"

"Das war für das ganze letzte halbe Jahr", verteidigte sie sich. "Ich habe nunmal leider nur drei Diabetiker mit AB+ in Behandlung..."

"Das ist einfach zu teuer", maulte Jean, und nun steckte Gereint den Kopf aus seinem Zimmer.

"Könnt ihr nicht noch lauter schreien? Ich versuche, zu meditieren."

"Ich habe nicht geschrien", verteidigte sich Anshara.

"Aber es war laut genug."

"Das war Jean", bemerkte Anshara. "Er hat gerade ein paar Rechnungen gefunden..."

"Ich vermute, sie waren zu hoch?"

"Das hat er gesagt", seufzte sie.

"Sind da etwa nur deine Kleider drin?" fragte Gereint mit einem Blick in das Chambre de la Lune.

"Naja, meine Kleider, Schuhe und Accessoires - eben alles, was nicht in den Schrank in meinem Zimmer paßte."

"Du brauchst doch bestimmt Jahre, um jedes einmal anzuziehen", stellte Gereint kopfschüttelnd fest.

"Ich muß nun einmal auf mein Äußeres achten. Wenn man in Paris zweimal hintereinander dasselbe Outfit trägt, dann ist man in der High Society sofort unten durch."

"Hm", überlegte er. "Das ist mir noch nicht aufgefallen."

"Du bist auch keine Frau!"

"Natürlich nicht. Frauen machen auch aus allem ein Problem."

"Es ist ein Problem, wenn man von allen ausgelacht wird, weil man nicht in der Lage war, mit einem neuen Kleid aufzuwarten."

"Das kann ich irgendwie nicht nachvollziehen."

"Du bist so hübsch, da werden die Leute vermutlich nicht einmal lachen, wenn du in einem Kartoffelsack herumläufst."

"Ich glaube aber nicht, daß ich das tun würde."

"Siehst du, und ich möchte nicht zweimal in demselben Kleid herumlaufen. - Ich sollte dir wirklich einmal Comtesse d'Arletty vorstellen, die würde dir das Problem der Haute Couture genaustens darlegen."

"Ich kenne die Comtesse. Sie ist eine eingebildete alte Frau, die nur alles kritisiert, weil sich sonst niemand um sie kümmern würde."

"Aber sie ist die Anführerin der Pariser Harpyen, und alles hört auf sie, wenn es um Mode und Etikette geht. Außerdem teilen alle anderen Poseurs in kürzester Zeit Comtesse d'Arlettys Meinung."

"Weil die anderen alle feige sind. Man müßte einfach eine Gegenrevolte aufziehen."

"Wie?"

"Einen Antistil kreieren und behaupten, daß eigentlich das total in sei."

"Hm. Klingt interessant... Aber was könnte man da nehmen? - Ah! Ich finde eigentlich Branwyns Sachen nicht schlecht", überlegte sie. "Obwohl, Jean gefallen diese Sachen nicht so gut."

"Der findet nichts gut, was nicht schwarz ist."

"Das ist auch wieder richtig. - Ob mir Bran wohl einmal diesen tollen Umziehautomaten ausleiht?"

"Ich denke schon, so lange du sie nicht zu lange aufhältst, schließlich funktioniert das Gerät nur, wenn sie es bedient."

"Oh, schade. Ich dachte, das wäre eine Möglichkeit, ohne viel Geld an neue Klamotten zu kommen. Vielleicht kann ich Branwyn ja alle vier oder so Wochen bitten, mir neue Sachen zu machen?"

"Frag sie. Aber jetzt werde ich erneut versuchen zu meditieren, es scheint ja endlich wieder Ruhe eingekehrt zu sein."

"Stimmt. Bis dann mal wieder..."

Während Gereints sich wieder in das neue Ritual vertiefte, ging Anshara hinüber zu Branwyns Zimmer.

"Huhu", machte sie und betrachtete die Magierin, die verbissen einen Anschluß bearbeitete. Deren Aura sprühte Funken in allen Regenbogenfarben, und Anshara sah neugierig zu. Schließlich legte Branwyn den VR-Helm beiseite.

"So, das wäre geschafft", erklärte sie. "Was willst du?"

"Ich hätte da eine Bitte - wäre es möglich, daß du mir ab und zu mit deiner Umkleidemaschine ein paar Sachen machst?"

"Sicher, du mußt nur alte Sachen zum Recyclen mitnehmen und zu mir in den Turm kommen."

"Das wäre fantastisch."

"Okay. - Meinst du, du schaffst es, den heutigen Tag wieder wachzubleiben?" Bran sah auf ihre Armbanduhr; es war schon kurz nach fünf Uhr morgens, und sie hatte eigentlich vor, gegen neun Uhr ein weiteres Mal in der Tremere-Chantry zu sein.

"Ich werde es versuchen", meinte Anshara.

"Gut. Dann sollten wir wieder im Schutz der Dunkelheit zum Tunnel fahren und dort den Sonnenaufgang abwarten."

"Ich muß verrückt sein, daß ich eine solche Sache tatsächlich durchziehe", seufzte die Vampirin.

"Es war deine Idee."

"Jaja, ich weiß"

Branwyn suchte ihre Geräte zusammen und stopfte sie in ihren Rucksack, ehe sie sich etwas passendes zum Anziehen beschaffte. Auch diesmal mußten die Ghostbusters-Overalls dranglauben.

Als die Sonne gegen 08:45 Uhr aufging, mußte Bran sich wieder anstrengen, Anshara irgendwie wachzuhalten. Wenigstens ließ das hoffen, daß von den in der Chantry befindlichen Kainskindern auch diesmal niemand zu unpassender Zeit erwachte.

Zwei Ghule, denen sie diemal leider nicht ausweichen konnten, wurden von Bran in ein eigens für sie geschaffenes Loch im Boden verfrachtet. Durch mit dem Materiewandelstrahler produziertes Betäubungsgas (das Gerät brauchte nur den in der Luft enthaltenen Stickstoff und Sauerstoff zu N$_2$O zu kombinieren), legte Bran sie bis auf weiteres schlafen, und dann war der Rest der Aktion einfach.

Die noch in der Bibliothek verbliebenen Bücher wanderten gesammelt in den Rucksack (Bran hatte auf der anderen Seite hinreichend Platz geschaffen), und als sie gegen 16:00 Uhr nach Hause zurückkehrten, fielen die beiden Frauen todmüde ins Bett.

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Kapitel 8: Heilige Nacht

Man schrieb Dienstag, den 24. Dezember 1985, 23:55 Uhr.

In Jeans großem Wohnzimmer war ein großer Tisch aufgebaut worden, auf dem sich die Geschenke türmten. Um Mitternacht versammelten sich die Gäste in dem Raum, um sich die Geschenke zu überreichen.

Marc servierte eisgekühlte Getränke für die drei Kainskinder und heißen Punsch für Michelle, Branwyn und sich. Simon und Yvette würden erst am zweiten Feiertag zu Besuch kommen, während Bran am Donnerstag auf eine Party in der Pariser Sons of Ether-Chantry eingeladen war, wo ihr alter Mentor Dr. Mercurius einige Erfindungen der beiden neusten Studenten vorstellen wollte.

Anshara nippte von ihrem Kelch und war zufrieden, daß es sich um erstklassiges AB+ handelte.

Um Punkt zwölf stießen die Gäste miteinander an, und gleich darauf stürzte sich jeder auf seinen der bereits vorsortierten Geschenkstapel. Anshara quietschte begeistert auf, als sie eine Kühlkiste mit ganz frischem AB+ von Diabetikern des Typs I darin fand. Sie bedankte sich überschwenglich bei Michelle dafür.

Auch die anderen waren mit ihren Geschenken zufrieden, nur Jean guckte etwas irritiert auf ein Leselernbuch für Erstklässler und betrachtete die Anwesenden mißtrauisch. Anshara sah zu ihm hin.

"Na, was hast du da Schönes?" fragte sie neugierig.

"Nichts besonderes", behauptete er und ließ das Buch unter einem Stapel Papier verschwinden. Anshara war von ihrem frischen Bücherstapel umso mehr angetan, denn Branwyn hatte ihr einen Teil der für Kainskinder relevanten Werke aus dem Einbruch vermacht.

"Ich hoffe, mein Geschenk hat dir gefallen?"

"Natürlich", sagte Jean und betrachtete die Kette mit dem glitzernden esoterischen Anhänger. "Und was sagst du zu meinem?"

"Toll", seufzte sie und gab ihm einen Kuß. Natürlich hatte sie das wunderschöne ägyptische Halsband sofort umgelegt.

"Aber dafür müssen wir ab jetzt eisern sparen."

"Seufz. Vielleicht kann uns Branwyn ja etwas Gold machen..."

"Wir sollten sie nicht so ausnutzen."

"Aber sie hat doch diesen genialen Müllrecycler gebaut, der Abfall direkt zu Edelmetallen umwandelt..."

"Der funktioniert aber auch nur, solange sie da ist, um die Einstellungen des Geräts passend zu justieren."

"Ich wünschte, ich könnte so etwas auch", schmollte Anshara. "Ich muß unbedingt Gereint fragen, ob es für so etwas eventuell auch ein Thaumaturgie-Ritual gibt."

"Das wird dann aber bestimmt extrem schwierig sein", gab Jean zu bedenken.

"Vermutlich", seufzte sie und wandte sich an Gereint, um ihm ihr Problem zu unterbreiten, doch der zuckte nur mit den Schultern.

"Auf Anhieb fällt mir da keines ein", gab er zu. "Ich könnte einmal in den einschlägigen Werken nachgucken - allerdings erst, wenn ich wieder zu Hause bin."

"Danke, Gereint."

"Dafür tust du mir dann auch mal einen Gefallen."

"Sofern es in meiner Macht steht gerne", versprach Anshara.

"Selbstverständlich. - Ich denke, ich werde nach den Feiertagen zurückfahren."

"Du könntest gerne noch bleiben. Ich meine, es ist ja nicht so, daß ich dich hinauskomplimentieren will..."

"Das könntest du auch gar nicht, ich gehe immer, wie ich will. Außerdem weiß ich ohnehin, was du denkst." Anshara sah ihn gestreßt an und seufzte, woraufhin Gereint grinste. "Das ist meist sehr interessant."

"Ich finde es unfair, daß es keine Gesetze gibt, die die gedankliche Privatsphäre vor Telepathen schützen."

Gereints Grinsen verbreiterte sich.

"Die andere Möglichkeit wäre, daß ich es auch lerne. Wie geht das denn mit dieser Telepathie?"

"Es geht eben", meinte er. "Man muß es nur wollen."

"Ich will ja - aber es geht nicht." Sie runzelte die Stirn und versuchte zu erahnen, was in Gereint vorging.

"Nun?" fragte dieser.

"Du amüsierst dich über mich", riet sie.

"Ein wenig", grinste er. "Du denkst an so lustige Sachen." Wieder gab Anshara einen gewaltigen Seufzer von sich, und der Ex-Magier lachte vergnügt. "Zum Glück für dich kann ich das nicht andauernd machen, es kostet nämlich eine Menge Willenskraft."

"Oh. Aber hungrig wird man davon nicht?"

"Nein. Aber es ist sehr unterschiedlich, wie gut ich die Gedanken lesen kann. Es kommt irgendwie auf die Tagesform an."

"Vermutlich hängt es auch davon ab, ob das Opfer sich wehrt, nicht wahr?"

"Das auch."

"Naja, mal sehen, ob es mir irgendwann auch mal gelingt."

"Bestimmt, mit der Zeit."

"Das dauert immer so eeeewig!"

"Durchaus, aber du kannst dafür bald dein Make-Up-Ritual haben, es ist fast fertig. Vielleicht zu Silvester."

"Wirklich? Das ist ja suuuuuper!"

"Ich kann es gar nicht erwarten, ein eigenes Ritual zu bekommen."

"Aber es wird nicht einfach."

"Hm. Was braucht man denn dafür?"

"Einen Spiegel und Farben."

"Hm. Und wie lange soll das Ritual dauern?"

"Vielleicht eine Viertel- oder halbe Stunde."

"Du bist ein Schatz." Sie trank ihr Glas aus und hüpfte herum.

"Selbstverständlich. - Tse, ich glaube, du bist beschwipst."

"Ich? Bestimmt nicht."

"Warum hopst du dann so?"

"Weil ich mich freue..." Sie trällerte herum. "Mein eigenes Ritual..."

"Tse, hätte ich das doch für mich behalten... Sei lieber brav, sonst werfe ich das Ritual in den Reißwolf."

"Nein!" quietschte sie.

"Dann warte geduldig ab."

Sie seufzte.

"Vielleicht bist du damit ausnahmsweise schneller fertig", warf Jean ein.

"Das werden wir dann sehen..."

"Und was haben Sie im nächsten Jahr für Pläne?" wollte Branwyn von Jean wissen.

"Ich mache doch nie Pläne", erwiderte er. "Da solltest du lieber Anshara fragen."

"Ich will alles lernen, was ich kann", erklärte die Ägypterin. "Telepathie, Computer, Thaumaturgie, Deutsch - alles Mögliche eben."

"Es ist zu schade, daß du ein Kainskind bist", fand Branwyn. "Du würdest dich bestimmt auch in meiner Tradition wohlfühlen."

"Aber ich bin ein Kainskind", seufzte Anshara. "Ich vermute, damit muß ich bis auf weiteres unleben. Ich bin schon zu gespannt, was das nächste Jahr bringt."

"Neue Abenteuer und Erfindungen", entgegnete Branwyn.

"Lassen wir uns überraschen."

Ce conte sera continué à Die Anarchen von Frankfurt


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