Paris à Nuit

(c) 1995/96 by Shavana & Stayka

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Kapitel 1: Stille Nacht

Man schrieb Dienstag, den 17. Dezember 1985, 16:51 Uhr.

Ausnahmsweise war es Anshara St.Germain bereits um diese unheilige Zeit gelungen sich anzukleiden. Sie wartete auf ihren Gefährten Jean LeCartres und bewunderte sich in der Zwischenzeit im Spiegel. Doch, ihr Anblick war durchaus annehmbar, fand sie - der blauschwarze Pagenkopf, der ein ovales Gesicht mit goldschimmerndem Teint umrahmte, die großen, bernsteinfarbenen Augen mit den goldenen Flecken und dazu passend natürlich der goldockerfarbene, warme Hosenanzug. Das einzige, was sie wie stets störte, war ihre - wie sie fand - viel zu geringe Größe von nur 1.60m.

Als sie ihre Musterung im Spiegel abgeschlossen hatte, lag Jean immer noch im Bett. Vor Sonnenuntergang erhob er sich nie freiwillig aus den Federn, also trabte Anshara in sein völlig schwarz eingerichtetes Zimmer, das er folgerichtig Chambre de la Nuit, also Nachtzimmer, nannte.

Anshara hatte sich im Chambre du Soleil - dem Sonnenzimmer - häuslich eingerichtet, dessen Farben optimal zu ihr paßten, denn der Raum war mit exquisiten antiken Möbeln eingerichtet, die alle aus einem goldschimmernden Holz bestanden und teilweise mit passendem Stoff bezogen waren.

In Jeans Zimmer herrschte völlige Dunkelheit, und sie schaltete das Licht ein. Sein blasser Teint bildete einen starken Kontrast zum nachtfarbenen Interieur, und Anshara ließ ihre Blick zärtlich über seine beinahe elfenhaft schönen Züge gleiten, ehe sie sich zu ihm herabbeugte, um ihn mit einem sanften Kuß zu wecken.

Jean schlief nach dem fünften Kuß immer noch wie tot, woraufhin sie nun rabiatere Methoden anwandte und ihn rüttelte und schüttelte. Wer sich von einem Kuß nicht wecken ließ, war selbst dran schuld. Es dauerte noch eine Weile, bis er endlich die Augen öffnete.

"Jean! Anziehen!"

"Was ist denn?" knurrte er.

"Wir müssen noch die Weihnachtsgeschenke für Michelle, Natalie, Simon, Yvette, Marc und Marcel kaufen!"

Gestreßt zog sich Jean die Decke über den Kopf.

"Nun komm schon! Wie sieht es denn aus, wenn wir es dieses Jahr schon wieder vergessen?" Sie zog ihm die Decke weg.

"Ich vergesse es jedes Jahr."

"Eben. Und das finde ich sehr peinlich."

"Warum?"

"Weil wir von den genannten Personen bislang noch immer etwas bekommen haben. Naja, zugegeben, von Simon nicht, aber ich finde, wir sollten ihm auch mal was schenken."

"Muß das sein?"

"Sicher. Er hat mir ein Ritual beigebracht, mit dem ich meine Haare wachsen lassen kann. Allein schon dafür."

"Hm", machte Jean, der das nicht als Grund für ein Geschenk ansah.

"Und er hat mir wirklich viel über die Kainskinder beigebracht."

"Hm", wiederholte er. Zumindest sagte Anshara jetzt immer 'Kainskinder' und nicht 'Vampire' wie zu Anfang, als er sie getroffen hatte.

"Was könnten wir ihm denn schenken?"

"Woher soll ich das wissen?"

"Immerhin ist er dein Erzeuger." Jean seufzte. Sicher, vor etwa 350 Jahren hatte er von Simon den Kuß empfangen, der ihn in die Reihen der Untoten aufgenommen hatte, aber deshalb hatte er noch lange kein gutes Verhältnis zu ihm.

"Na und? Frag du ihn doch!" Anshara schien erheblich besser mit ihm auszukommen als er, Jean, aber vermutlich lag das daran, daß sie die meisten Männer um den Finger wickeln konnte, untot oder nicht. "Am besten, du denkst dir einfach etwas aus, immerhin kennst du ihn mittlerweile auch schon drei Jahre lang."

"Naja, so halb... Er sagt nicht sehr viel über sich", bemerkte sie. "Und jedes Mal, wenn ich irgendwo nachhake, kriege ich nur dieses dumme Grinsen als Antwort."

"Es gibt so gut wie niemanden, der weiß, was Simon verbirgt."

"Aber wenigstens ist er ein guter Lehrer. Und er ist auch nicht ganz so schlimm, wie du am Anfang immer behauptet hast."

"Das kommt immer auf seine Stimmung an, und in letzter Zeit hatte er erstaunlicherweise recht gute Laune. Vermutlich liegt es daran, daß er momentan keinen Ärger mit den anderen Kainskindern hat. Er ist wohl zu sehr mit dir beschäftigt..."

"Naja, er weiß schließlich soooo viel und ich soooo wenig..."

"Wenn Du es sagst."

"Zugegeben, in Medizin und altägyptischer Geschichte kenne ich mich besser aus, aber sonst hätte ich ja nichts, was ich ihm im Austausch für sein Wissen in Thaumaturgie und Informationen über die Kainskinder anbieten kann."

Jean guckte gestreßt. Er fand diese ganze Lernerei ziemlich öde und eroberte sich demonstrativ die Decke zurück.

"Jean, es ist schon 17:12 Uhr! Jetzt komm schon, ich habe keine Lust, alleine loszuziehen."

"Du bist ein Quälgeist." Seufzend kletterte er aus dem Bett. Er haßte es, so früh aufzustehen.

"Brav!" Zur Belohnung gab Anshara ihm einen Kuß und ein paar Streicheleinheiten, was er sich zu gerne gefallen ließ. Unterdessen dirigierte sie ihn in Richtung Bad.

"Ich hasse es, mich gleich wieder in diesen Trubel stürzen zu müssen", murrte er.

"Och Jean..." Sie klimperte mit den Wimpern. "Wir brauchen doch nur die Geschenke."

"In der Stadt ist es um die Zeit aber immer so voll."

"Dann finden wir bestimmt auch den einen oder anderen Happen zu trinken."

"Stimmt, ich bin ziemlich hungrig", gab Jean zu und streckte sich, ehe er sich kurz abduschte und danach anzog. Ganz entgegen seiner Gewohnheit brauchte er diesmal nicht viel länger als eine halbe Stunde dafür.

Anshara bewunderte ihn wie stets - die makellose, fast weiße Haut, die dunkeltürkisfarbenen Augen, das lange, schwarze Haar... Sie seufzte. Er war einfach schön.

"Ist was?"

"Dein Anblick ist wie stets unvergleichlich", erklärte sie und verschlang ihn mit den Augen. Jean grinste. "Es ärgert mich, daß du so wundervoll hochgewachsen bist und ich dagegen so klein", fuhr sie fort. Tatsächlich war er ganze fünfunddreißig Zentimeter größer als sie.

"Klein aber süß", fand er, und sie schwebte zu ihm hin und schmiegte sich an ihn.

"Laß uns loswandern", sagte sie. "Ich hoffe nur, daß Marc den Wagen vollgetankt hat. Gestern war er schon auf Reserve."

"Du fährst doch immer damit herum, also könntest du auch tanken."

"Du weißt doch, daß ich den Tankverschluß nie aufkriege."

Jean sah zur Decke und seufzte. "Frauen!"

"Der geht nun mal so schwer", schmollte sie.

"Schwächling."

"Mal sehen, vielleicht mache ich demnächst mal Bodybuilding", erklärte sie in einem Tonfall, der eher so klang wie 'so bald aber bestimmt nicht'.

"Könnte Dir bestimmt nicht schaden."

"Das ist aber anstrengend", seufzte sie. "Außerdem bist du doch groß und stark."

"Immer ich."

"Wer sonst?"

"Das ist ja das Problem", maulte Jean. "Du solltest dir vielleicht einen Bodyguard zulegen."

"Ich könnte Marc fragen..."

"Der ist mein Ghul. Such dir selber was."

"Michelle ist leider nicht stärker als ich..."

"Selbst schuld. Du hättest Dir eben auch einen Sterblichen mit Muskeln als Ghul aussuchen sollen."

"Kann ich etwas dafür, daß sie mich beim Einbruch in die Blutbank erwischt und dann erklärt, daß sie ein absoluter Vampirfan ist und auch einer werden will?"

Anshara hatte Michelle dieses so gerade eben ausreden können, aber wenigstens ein Ghul wollte die ehemalige Krankenschwester werden. Glücklicherweise hatte François Villon, der Prinz von Paris, ihr erlaubt, einen Ghul zu erschaffen, und seither waren Michelle und sie gut befreundet und hatten sogar eine gemeinsame Naturheilpraxis eröffnet.

"Du solltest ja nicht alleine losziehen. Ich hatte dir doch gesagt, daß du das noch nicht kannst."

"Püh!" Sie schmollte ihn an. Jean gan ihr einen Kuß, ehe sie zur Garage gingen, wo ihr silbergrauer Mercedes 230 Automatik stand. Die Farbe war ein Kompromiß gewesen, da Jean lieber einen schwarzen Wagen gehabt hätte und Anshara weiß bevorzugte.

Sie fuhren durch den dichten Abendverkehr in die City, wo sie mit viel Glück einen Parkplatz fanden. Von dort war es nur ein kurzer Weg bis zu den Hauptgeschäftsstraßen.

"Jetzt müssen wir nur sehen, wo wir am besten die Geschenke bekommen."

"Du bist der Experte."

"Hm... Michelle kaufe ich einen schönen Seidenschal", begann Anshara mit ihrer Aufzählung. "Marc mag doch alte Sherrys, oder habe ich das falsch in Erinnerung?"

"Nein, das stimmt."

"Für Marcel dachte ich an einen neuen Walkman, da auch sein letzter vorgestern wegen Überbeanspruchung den Geist aufgegeben hat, Yvette... Hm, was kann man Yvette schenken?"

"Keine Ahnung", entgegnete Jean schulterzuckend.

"Was mag sie zum Beispiel an Musik?"

"Weiß ich nicht."

"Hm... Sie sagt so selten etwas über sich."

"Ich weiß nur, daß sie permanent liest oder vor dem Computer hängt."

"Dann sollten wir ihr ein paar interessante Bücher besorgen."

"Das wird ihr bestimmt gefallen."

"Gut. Natalie bekommt Pastellkreiden, und dann bleibt eigentlich nur noch Simon. Was für ein Glück, daß ich das Geschenk an Chris schon abgeschickt habe."

"Die Post braucht um die Weihnachtszeit auch ewig."

"Eben. Habe ich noch jemanden vergessen?"

"Ja, mich."

"Gar nicht wahr. Das Geschenk für dich habe ich schon bestellt, als du noch geschlafen hast. Es ist manchmal sehr praktisch, daß du so lange und tief schläfst."

"Schmoll", machte Jean. Zu seinem Bedauern war er furchtbar neugierig.

"Es ist ein sehr schönes Geschenk", erzählte sie. "Genau das richtige für dich. Ich bin sicher, du bist begeistert, wenn du es Weihnachten auspacken darfst."

"Weihnachten", seufzte Jean.

"In einer Woche", stimmte Anshara zu, und Jean seufzte. "Du bist nicht zufällig neugierig?"

"Ich? Nö, überhaupt nicht", behauptete er. "Ich habe leider noch gar kein Geschenk für irgendjemanden. Mir fällt einfach nichts ein."

"Das solltest du aber ändern. Laß einfach deine Phantasie spielen."

"Ich habe keine, das weißt du doch."

"Also, wenn du mich verwöhnst, kann ich mich eigentlich nicht über einen Mangel an Phantasie beklagen."

"Dann ist es ja gut", kommentierte er belustigt.

"Ich könnte dich ja beraten. Oder wir könnten den Leuten gemeinsam etwas schenken."

"Wie du willst." Jean betrachtete ein Schaufenster. "Vielleicht fällt mir ja auch selber etwas ein. Mal sehen, was ich so finde."

"Hast du auch schon etwas für mich?"

"Nö. Mir ist noch keine Idee gekommen."

"Oh." Anshara setzte einen Schmollmund auf.

"Ich hasse diese Überlegerei am frühen Abend. Aber es hat ja auch noch etwas Zeit."

"Eine Woche."

"Also massig Zeit - wo willst du nun hin?"

"Gibt es hier irgendwo einen esoterischen Buchladen?"

"Ja, da vorne. 'Akchara' heißt das Geschäft. Yvette hat dort schon öfter eingekauft, und sie erzählte, daß sie dort auch Material von Wert neben dem ganz normalen esoterischen Kram entdeckt hatte."

Sie wanderten zu der Buchhandlung, wo Anshara prompt einen Vorhang aus schwarzblauem Samt erspähte, der mit allerlei silbernen antiken magischen Symbolen dekoriert war. Sie hatte die Zeichen schon einmal auf einigen der Schriftrollen des Thoth gesehen, die sie vor Urzeiten aus dem Tempel der Ma'at geklaut hatte, als sie noch unter den Lebenden weilte. Schnurstracks steuerte sie auf den Vorhang zu und passierte ihn, da ihre vampirischen Sinne allerlei mystische Energien dahinter verspürten. Jean folgte ihr neugierig.

Eine Verkäuferin versuchte, sie aufzuhalten, wurde aber von einem herrischen Blick auf ihren Platz verwiesen, und Anshara betrat den indirekt erleuchteten Raum hinter dem Vorhang.

"Was suchst du hier?" fragte Jean neugierig.

"Interessante Lektüre für Simon und Yvette." Die prallgefüllen Regale, die einen Großteil des Raumes einnahmen, waren mit antiken Bänden überladen, aber neben ledergebundenen Wälzern fanden sich auch Schnellhefter mit Computerausdrucken auf Endlospapier.

Lautlos trat ein schwarzgekleideter junger Mann zu ihnen. Bis auf ein aufrechtes silbernes Pentagram an einem Lederband um den Hals trug er keinen Schmuck.

"Suchen Sie etwas Bestimmtes?" Er hatte eine angenehme Stimme, mit der er seinen Kunden offenbar Vertrauen einzuflößen versuchte.

"Ja", entgegnete Anshara, die just in diesem Moment einen Entschluß gefaßt hatte. "Einmal bräuchte ich Schriften zur Pflanzenmagie der Schamanen und zum anderen würde mich interessieren, ob sie auch neuzeitliche Kommentare zu den Schriften des Djehuti - pardon, Thoth - haben."

Jean guckte ziemlich gelangweilt in die Regale. Fast ausschließlich Bücher, stellte er fest. Wie öde. An einer Seite des Raumes stand ein kleiner Tisch mit einer Decke aus schwarzem Samt, auf der ein silberner Kerzenleuchter stand. Ein Tarotdeck aus anscheinend antiken, mit Blattgold verzierten Karten lag darauf. In einer hohen Glasvitrine neben dem Tisch befanden sich diverse magische Gegenstände, einige davon offenbar aus echten menschlichen Knochen. Jean war besonders von den silbernen Talismanen fasziniert.

Der Verkäufer führte Anshara zu einem Regal, in dem mit Leder und Menschenhaut eingebundene Bücher standen, und sie nahm das eine und andere alte Buch heraus und blätterte darun, wobei sie sich ärgerte, daß sie weder Latein, noch Altgriechisch, noch Hebräisch beherrschte. Aber wenigstens sprach sie mittlerweile Französisch perfekt. Naja, nicht ganz perfekt, denn Jean fand bei ihrer Aussprache immer etwas, an dem er herummäkeln konnte.

Da sie sich offenbar ernsthaft für die Ware interessierte, wurde Anshara ausführlich beraten. Zwischendurch wandte sie sich kurz an Jean.

"Die Sachen hier sind fast alle sehr interessant für Simon und Yvette", bemerkte sie.

Jean sah von einem magischen Talisman aus Federn und Zinn auf. "Das meiste ist hier nicht viel wert. Sowas kann man doch nicht verschenken!" Er deutete auf eine Kette aus Holzperlen, die sich mit Metallstücken abwechselten. 'Orgon-Ladekette' stand darunter. Anshara runzelte die Stirn, irgendwo hatte sie schonmal von Orgon-Energie gehört, konnte diese aber beim besten Willen nicht einordnen.

"Also, die Bücher sind jedenfalls authentisch", widersprach sie. "Riech mal!" Sie hielt ihm ein uraltes Werk unter die Nase, das offenbar mit Menschblut geschrieben worden war.

"Eh", machte Jean und drehte den Kopf weg. "Ich hatte noch kein Frühstück!"

"Excuse-moi", sagte Anshara und stellte den Band wieder ins Regal zurück. "Aber du siehst, was ich meine."

"Ja", gab er zu.

"Also, ich nehme das, das und die beiden", eröffnete Anshara dem Verkäufer und deutete auf vier der Bücher, ehe sie sich der Vitrine zuwandte. Der Verkäufer nickte würdevoll und verpackte die Bände in schwarzes Seidenpapier.

"Noch was?" wollte Jean wissen.

"Augenblick, ich wollte nur mal die Sachen in der Vitrine begutachten." Sie peilte in den Glasschrank, wo neben undefinierbaren Talismanen allerlei magische Ingredienzen in Apothekerfläschchen standen und Amulette und Ketten funkelten.

Jean spielte derweil mit dem Tarot herum. Ganz nett, fand er.

"Guck mal, die haben sogar lebende Moskitos und echte Frauentränen hier", staunte die Ägypterin. Ihr Begleiter guckte neugierig.

"Aber leider können wir das kaum gebrauchen."

"Stimmt... - So, ich hätte jetzt alles. Was ist mit dir?"

"Ich weiß nicht", zögerte er. "Ein paar Sachen gefallen mir schon."

"Ich möchte ja gerne ein Tarot haben, aber von denen hier gefällt mir keins." Sie fächerte das Deck auf, das auf dem Tisch gelegen hatte.

"Nö, das ist viel zu golden", meinte Jean. "Und außerdem ist es eine Fälschung."

"Sie glauben doch wohl nicht, das wir das echte Tarot der Päpstin Johanna offen hier liegen lassen?" meinte der Verkäufer belustigt. Er hatte Haare von der selben Farbe wie seine Kleidung, aber seine Augen waren von einem strahlenden Grün, das höchst beunruhigend wirkte.

"Natürlich nicht", erwiderte Jean. "Aber das hier vergrault ja jedes Fünkchen Interesse."

"Es ist Dekoration. Ein Tarot, daß durch so viele Hände geht wie dieses hier ist für einen echten Okkultisten zur Divination wertlos."

"Es ist häßlich", sagte Jean gnadenlos.

"Die Darstellungen sind Geschmackssache", bemerkte der Verkäufer.

"Keine Frage." Jean gefiel das Teil einfach nicht. "Ich habe für Tarots eh nicht viel übrig", sagte er abfällig.

"Das ist kein Makel", erklärte der Mann mit einem amüsierten Funkeln in den Augen. Er war ungemein selbstbewußt und schien in keinster Weise von Jean oder Anshara beeindruckt zu sein, obwohl Menschen normalerweise eher unbehaglich auf Vampire reagierten, vor allem, wenn diese ungehalten waren.

"Sie sollten beim Verkaufen ihres Krams bleiben und sich herablassende Bemerkungen über mögliche Kunden verkneifen, wenn Sie etwas loswerden wollen", knurrte Jean.

"Meine Kundschaft weiß üblicherweise, was sie will." Der Verkäufer verkniff sich das 'und wenn Sie es nicht wissen, dann sind Sie in dieser Abteilung falsch' so gerade eben. Jean wurde langsam wirklich ärgerlich. Er haßte solch eine pampige Anmache vor dem Frühstück.

Anshara, die mittlerweile sah, daß die Aura des Verkäufers förmlich Funken sprühte, sah Jean warnend an und zog ihn zu sich, doch das paßte ihrem Gefährten überhaupt nicht.

"Was soll das?" fuhr er sie an.

Anshara zog ihn ein Stück zu sich herab, damit sie ihm ins Ohr flüstern konnte. "Der Typ kann echte Magie", sagte sie leise, aber eindringlich.

"So?" machte Jean verächtlich. Der Magier hob belustigt eine Augenbraue.

"Die sind gefährlich", warnte sie.

"Ach ja?" fauchte Jean sie an. "Und was soll ich da tun? Weglaufen?"

"Es wäre auf jeden Fall eine sichere Option", kommentierte sie trocken.

"Ach", machte er ungehalten.

"Simon hat schließlich immer wieder betont, daß Magier erheblich stärker sind."

"Das weiß ich."

"Gut."

Obwohl die beiden ihre Diskussion sehr leise geführt hatten, war sie dem Verkäufer nicht entgangen, denn Magier besaßen Fähigkeiten, die den geschärften Sinnen der Kainskinder vergleichbar waren, auch wenn sie auf anderen Prinzipien beruhten. Er amüsierte sich sichtlich über die beiden Untoten, die offenbar nicht vorhatten, ihm etwas anzutun (obgleich er sich sicherheitshalber bereithielt, die Sphären Leben und Materie einzusetzen, mit welchen die Magier sich gegen die Vampire zu verteidigen wußten). Vermutlich gehörten sie noch zu den Jungen ihrer Art.

"Vor allem kann ich es überhaupt nicht leiden, wenn sich jemand über mich amüsiert", beschwerte sich Jean etwas lauter.

"Ich mag es auch nicht", meinte Anshara leise, "aber wenn derjenige höchstwahrscheinlich stärker ist als ich, dann überlege ich mir dreimal, was ich unternehme..."

"So? Das wüßte ich aber." Anshara war seines Erachtens eine Meisterin im übereilten Handeln.

"Humpf", machte sie, ehe sie beschloß, das Thema zu wechseln. "Laß mich rasch bezahlen, dann können wir gehen. Es sei denn, du willst dir auch noch etwas zulegen."

"Ich kann mich beherrschen."

Bald darauf waren sie wieder draußen auf der überfüllten Geschäftsstraße, und der frostige Dezemberwind kühlte Jeans Ärger ein wenig ab, obwohl ihm die Lust aufs Einkaufen ziemlich vergangen war.

Anshara sah sich nach einem Laden für Designermoden um, um den geplanten Seidenschal für Michelle zu erstehen. Jean trottete hinter ihr her, als sie in das Geschäft ging und knurrte vor sich hin. Binnen fünf Minuten hatte sie sowohl das Geschenk für Michelle als auch zwei weitere Schals für sich erstanden.

Als sie einige Zeit später vor einem Geschäft für Künstlerbedarf standen, hatte Jean sich endlich beruhigt.

"Was brauchst du noch?" wollte er wissen.

"Pastellkreide, Sherry und den Walkman."

"Dann sind wir hier ja richtig."

"Stimmt. Mal sehen, dann kann ich mir auch gleich ein paar Blei- und Tuschestifte kaufen."

Anshara setzte ihr Vorhaben gleich in die Tat um, und auch dieses Paket nahm Jean entgegen, ebenso wie die vier Flaschen alten Sherrys aus dem nächsten Geschäft und dem Walkman aus dem dritten.

"Noch etwas?" erkundigte er sich schließlich.

"Wir sollten die Einkäufe ins Auto packen und uns anschließend einen kleinen Snack genehmigen."

"Gut."

Nach der Mahlzeit war Jean wieder richtig guter Laune und sah sich unternehmungslustig um. "Und was machen wir heute nacht?"

"Hm... Hast du einen Vorschlag?"

"So langsam haben wir schon alles in und um Paris besichtigt", meinte er nachdenklich. "Wie wäre es, wenn wir einfach so 'rausfahren? Die einzige Frage wäre dann allerdings - wohin?"

"Wir könnten ja jemanden oder etwas besuchen", schlug Anshara vor. "Aber leider fällt mir außer Le Club des Vampires nichts ein."

"Da waren wir doch erst vorgestern. Außerdem ist heute Rocknacht."

"Rocknacht? Du meinst, Marcel und La Mort Finale verpassen den Anwesenden mal wieder eine Dröhnung?"

"Richtig. Eigentlich brauche ich mein Gehör noch."

"Seufz. Wüßtest du nicht jemanden, den man besuchen könnte?"

"Du kennst doch alle meine Bekannten in Paris." Jean dachte nach. "Obwohl, wir könnten Gereint besuchen."

"Gereint?" Anshara konnte sich nicht entsinnen, diesen Namen schon einmal gehört zu haben.

"Er ist einer meiner 'Brüder'."

"Oh ja, das würde mich schon interessieren, denn außer Simon und Yvette kenne ich ja immer noch nichts von deiner 'Verwandschaft'."

"Ich befürchte nur, du könntest mich dann verlassen wollen..."

"Warum das?"

"Du hast Gereint noch nie gesehen."

"Ist er noch hübscher als du?"

"Finde ich schon."

"Hm. Aber ich glaube nicht, daß ich dich verlasse. Dazu habe ich dich viel zu lieb." Abgesehen davon hatten sie und Jean ein beidseitiges Blutsband, das dafür Sorge tragen würde, daß sie zusammen blieben.

"Es ist aber eine längere Fahrt", sagte er. "Gereint wohnt etwa zwei Autostunden von hier an der Küste, in der Nähe von St-Valéry an der Somme."

"Das geht noch."

"Du fährst ja..."

"Zwei Stunden machen mir nichts. Wir sollten aber sicherheitshalber gucken, wo wir notfalls unterwegs übertagen können."

"Es ist gerade mal 19:30 Uhr", machte Jean sie aufmerksam.

"Das heißt, wir haben etwa zwölf Stunden. Doch, das sollte reichen."

Ohne noch einmal bei Jeans Haus vorbeizufahren, um die Geschenke auszuladen, machten sie sich auf den Weg nach St-Valéry.

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Kapitel 2: Das Kainskind und die Magierin

Zwei Stunden später erreichten sie die kleine Stadt und fuhren daran vorbei, da die Zuflucht Gereints etwas außerhalb lag. Man spürte sofort, daß das Meer nah war. Die Luft war voller Salz und anderer Gerüche.

"Das riecht gut", fand Jean. "Ich war schon zu lange nicht mehr hier."

"Es riecht nach Fisch", entgegnete Anshara.

Jean schüttelte amüsiert den Kopf und dirigierte Anshara über diverse Feldwege zu einem alleinstehenden Turm mit rundem Querschnitt und einem Schieferdach.

"Das ist ja eine tolle Zuflucht", bewunderte Anshara den Bau. Sie parkten den Mercedes neben dem Turm und gingen zu der massiven Tür. Jean betätigte den wunderschönen goldenen Klopfer, und sie warteten gespannt auf eine Reaktion. Anshara sah nach oben und guckte genauer hin. Sie hatte den Eindruck, als ob vielfarbige Funken aus einem der Fenster oben sprühten.

Ihr Gefährte hatte ebenfalls ein komisches Gefühl, als er die Tür berührte und zog schnell die Hand weg. Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, unangemeldet hier aufzutauchen. Inzwischen waren Schritte zu hören, als jemand die Treppe herunter kam. Anshara hatte sich halb hinter Jean versteckt, da sie diese Funkensprüherei höchst befremdlich fand.

Ein Schlüssel klapperte im Schloß, dann schwang die schwere Tür auf.

"Oh, hallo Jean", begrüßte Gereint diesen und lünkerte hinter der Tür hervor. Anshara erspähte einen außerordentlich hübschen jungen Mann mit einer wilden, kupferroten Mähne und tiefgrünen Augen und war entzückt.

"Der ist ja wirklich niedlich", äußerte sie.

Gereint sah etwas irritiert auf Anshara herab (er war auch fast dreißig Zentimeter größer als sie, bemerkte sie leicht frustriert) und zog sich lieber noch etwas mehr hinter die Tür zurück.

"Wer ist denn das?" fragte er mißtrauisch.

"Das ist Anshara", stellte Jean sie vor. "Mein Bruder Gereint."

"Hallo", machte sie und guckte peinlich berührt zu Boden. Manchmal sollte sie doch lieber ihren Mund halten.

"Hi", erwiderte Gereint und kam wieder ein paar Zentimeter hervor. Er mochte keine Fremden. Als Anshara feststellte, daß in Gereints Aura ebenso wilde Funken sprühten wie oben aus dem Fenster, nur in der vampirisch blassen Variante, versteckte sie sich sicherheitshalber wieder hinter Jean.

"Eh", protestierte der und zog seine Gefährtin hervor, ehe er sich erneut an Gereint wandte. "Ich dachte mir, wir könnten dich mal besuchen, oder ist es gerade ungünstig?"

"Nein. Du weißt doch, ich bin nie vorbereitet."

Anshara musterte Gereint weiterhin und guckte irgendwo zwischen entzückt und unbehaglich. Sie wußte nicht so recht, was sie von Jeans 'Bruder' halten sollte. Dieser setzte eine leicht verlegene Miene auf.

"Aber wir stehen hier...", begann er. "Kommt doch herein."

Gereint schloß erst wieder seine Haustür ab, dann führte die beiden die Treppe hinauf in einen runden Wohnraum. Anshara sah sich neugierig um. Der Raum war sehr rustikal eingerichtet mit vielen Fellen, die über den Möbeln und auf dem Boden lagen. Dazwischen standen allerdings hin und wieder völlig unpassende, chromglitzernde HiTech-Gerätschaften herum.

"Setzt Euch doch", lud Gereint seine Besucher ein und ließ sich auf einem der Fellstapel nieder. In Ermangelung anderer Sitzgelegenheiten folgte Anshara seinem Beispiel, während Jean zum Fenster ging und auf das Meer hinaussah. "Du hast mich schon lange nicht mehr besucht", eröffnete Gereint. "Ist sie der Grund?" Er betrachtete die hübsche kleine Vampirin mit wissenschaftlicher Neugierde.

"Zum Teil", erwiderte Jean.

Anshara betrachtete gerade ein besonders befremdliches elektronisches Gerät, das in ihrer Reichweite an der Wand stand. Der Hausherr sah ihr amüsiert dabei zu, denn offenbar war sie keine Gefahr für ihn, da sie mit Jean liiert war. Er haßte die übermäßige Aufmerksamkeit, die ihm überall gezollt wurde, wo er auftauchte, denn zu seinem phänomenalen Äußeren hatte er einen eher unpassenden Makel: Er war extrem schüchtern und fühlte sich in größeren Mengen überhaupt nicht wohl.

"Was sind das alles für Geräte?" konnte Anshara schließlich ihre Neugierde nicht mehr bezähmen. Sie deutete auf das Konstrukt, das ihr am nächsten war.

"Hm... Wenn ich mich recht entsinne, ist es ein 'Sonischer Extradim-Exkavator'."

"Ein was bitte?" fragte Anshara verdutzt. Gereint wiederholte den Begriff, was es ihr nicht im mindesten klarer machte. Während sie weiter darüber meditierte, ging Gereint zu Jean herüber und sah ebenfalls hinaus in die Nacht.

"Bleibt ihr hier?"

"Mal sehen", meinte Jean. "Wahrscheinlich werden wir es heute nicht mehr nach Paris zurück schaffen."

"Das macht nichts. Im Turm ist genug Platz. Wie geht es Simon und Yvette?"

"Hervorragend."

"Ich schaffe es irgendwie nie, sie zu besuchen."

Während die beiden sich über dies und das unterhielten, erhob Anshara sich, um die Geräte von näherem zu betrachten, wobei sie sorgsam darauf achtete, nichts zu berühren. Auch der zweite und dritte Apparat entzog sich völlig ihrem Verständnis. Offenbar handelte es sich hierbei um eine spezielle Form abstrakter Kunst, konstatierte sie. Gereint betrachtete sie aus den Augenwinkeln.

Etwas polterte die Treppe herunter, und ein wahrhaft riesiger Hund tapste in den Raum. Neugierig schnüffelte er hinter Anshara her, die er noch nicht kannte. Sie düste sofort zu Jean und versuchte, sich hinter ihm zu verstecken.

"Was soll denn das?" nörgelte er, da er beinahe aus dem Fenster gefallen wäre. "Der tut dir doch nichts."

"Sicher?" Sie spähte ganz vorsichtig hinter ihm hervor.

"Ja, er hat mich auch noch nie gefressen."

"Sein Name ist Odin", erläuterte Gereint und kraulte den Hund hinter den Ohren.

"Hallo Odin", grüßte Anshara pflichtschuldig, was darin resultierte, daß seine feuchte Nase an ihr herumschnüffelte. "Ieeh, laß das", schimpfte sie. "Das ist unfein und eklig!"

Odin empfand das prompt als Aufforderung zum Spielen und hopste um sie herum.

"Muß das sein?" quietschte sie entnervt und versuchte, sich hinter Jean zu retten, aber der lehnte sich demonstrativ an die Wand.

"Du wirst dich doch nicht vor einem Hündchen fürchten!"

"Ich fürchte mich nicht vor ihm, er hat eine nasse Nase!"

"Das haben Hunde so an sich", kommentierte Gereint. "Er tut aber wirklich nichts."

"Er verunreinigt nur meine Kleidungsstücke", beschwerte sie sich.

"Odin, komm her", befahl Gereint, und der Hund trabte zu ihm und legte sich hin.

"Wenigstens hört er", meinte Anshara erleichtert.

"Natürlich", empörte Gereint sich. Er empfand jedweden Zweifel an seiner Fähigkeit, Tiere zu dressieren, als Affront.

"So selbstverständlich ist das nicht."

"Bei meinen Tieren schon." Er war sichtlich verärgert, setzte sich auf die Fensterbank und streichelte weiter seinen Hund. Anshara beschloß, das Tier zu ignorieren und bewunderte lieber die Kunstwerke. Ob Gereint wohl damit schon einmal eine Ausstellung gehabt hatte? Sie fragte ihn danach.

"Nein, was sollen die Dinger da?" kann es irritiert zurück.

"Also, ich finde, Kunstwerke gehören in eine Ausstellung, damit man sie bewundern kann."

"Das sind keine Kunstwerke, sondern wissenschaftliche Erfindungen", stellte er richtig.

"Oh", machte Anshara peinlich berührt. Das nächste Fettnäpfchen... Jean betrachtete Gereint und Anshara nachdenklich. Sie schienen sich aus irgendwelchen Gründen nicht sonderlich zu verstehen. Er stellte sich neben seinen Bruder.

"Ich bin sicher, sie hat es nicht so gemeint", versuchte er zu vermitteln und angelte nach Gereints flammender Mähne, die im Nachtwind wehte.

"Hm? Was habe ich nicht gemeint?" wollte Anshara wissen.

"Alles", erklärte Jean.

"Ich weiß schon, warum ich am liebsten keinen Besuch habe", maulte Gereint.

"Nun stell dich nicht so an."

"Okay, okay, ich entschuldige mich für alles, was ich getan haben soll", sagte Anshara, obwohl sie sich keiner Schuld bewußt war.

"Sie weiß ja nicht einmal warum", stellte Gereint fest, und Jean sah sie ärgerlich an.

"Wenn mir keiner sagt, was los ist", schmollte sie.

"Du solltest keine Kinder herbringen", wandte sich Gereint an Jean. "Sie verstehen viel zu wenig." Natürlich war Anshara jetzt gänzlich eingeschnappt. Jean sah von einem zum anderen und schüttelte entnervt den Kopf.

"Ihr seid schrecklich. Seht zu, daß ihr euch wieder vertragt - ich mache derweil eine Runde durch das Haus."

"Ich habe doch gar nichts getan", verteidigte Anshara sich.

"Ist mir egal", äußerte er und ging aus dem Wohnraum, in dem sich nun eine ungemütliche Stille ausbreitete, da Gereint aus dem Fenster sah und das Meer beobachtete, während Anshara über die Kunstw- äh, Geräte meditierte.

Da er trotz allem viel zu neugierig war, spähte Gereint immer wieder zu ihr herüber, um in Erfahrung zu bringen, was sie unternahm. Sie umkreiste gerade einen besonders komplexen Apparat und ging in die Knie um auch die tiefer liegenden Ebenen mit gebührender Aufmerksamkeit zu bedenken.

"Das ist ein subastraler Entropieverstärker mit einem Materie/Lebens-Wirkungskreis", eröffnete Gereint.

"Und was ist das genau?" fragte Anshara beinahe verzweifelt. Irgendwie war das wohl etwas zu hoch für sie.

"Hm", begann Gereint. "Es ist ein Gerät, mit dem Magie fokussiert werden kann. Ich meine, echte Magie, nicht so etwas wie die Thaumaturgie bei uns Kainskindern."

"Hm. Und wo ist der Unterschied? Ich dachte immer, die Tremere wären Magier..."

"Sie waren Magier, bis sie ihren Versuch starteten, der sie schlußendlich in Kainskinder verwandelte. Der Unterschied ist, daß Kainskinder sogenannte 'statische Magie' verwenden, während die Magier mit den neun Sphären arbeiten."

"Äh... Ich muß zugeben, daß ich so gut wie gar nichts verstehe... Was ist statische Magie?"

"Statische Magie ist Magie, die dem kollektiven Unterbewußtsein entspricht. Sie ist von sehr starren Mustern abhängig."

"Was sind Sphären?"

"Sphären sind bestimmte Elemente der Realität, die von Magiern manipuliert werden können."

"Oh." Anshara musterte ihn intensiv. "Seid Ihr ein Magier? Ich dachte, Kainskinder könnten keine echte Magie ausüben."

"Das kann man so oder so sehen. Aber ich denke nicht, daß ich ein Magier bin."

"Ihr seid ein Kainskind vom Toreador-Clan wie Simon und Jean, nicht wahr?"

Gereint nickte.

"Ist es nicht ungewöhnlich, wenn sich Toreadors für Magie interessieren?" Normalerweise war das definitiv die Domäne der Tremere.

"Eigentlich schon, aber wir - die Kinder von Simon und er - sind anscheinend alle etwas anders."

"Naja, ich kann ja mittlerweile auch ein bißchen Thaumaturgie", erklärte Anshara stolz. "Ich kann mir endlich meine Haare wieder wachsen lassen."

"Wenn man genügend Kinder findet", schränkte Gereint amüsiert ein.

"Stimmt. Das Problem habe ich auch schon bemerkt", seufzte sie. Gereint lachte.

"Wer schön sein will, muß sich eben anstrengen."

Ansharas setzte einen tragischen Blick auf. "Ich habe erst vier Strähnen zusammen, das lohnt sich noch nicht. Ich habe zwar schon versucht, in ein Schullandheim einzubrechen, aber da waren zwei Wachhunde."

"Ich wette, sie waren riesengroß."

Anshara nickte heftig.

"Das ist ein wirkliches Problem."

"Eben! Einer von ihnen hat mein Kleid zerrissen!" Anshara schniefte. Es war so eine schöne, schneeweiße Robe gewesen...

"Ihr hättet den Tieren eben Einhalt gebieten müssen. Ihr seid schließlich größer als ein Hund."

"Nicht größer als die. Außerdem waren sie in der Überzahl."

Gereint sah wieder schweigend auf das Meer.

"Habt Ihr eigentlich diese ...Apparate gebaut?"

"Ich? Nein."

"Wer dann? Ein echter Magier?"

"Genau. Aber sie hat keinen Platz mehr dafür in ihrem Labor, und ich finde die Dinger sehr interessant."

"Stimmt. Sie sind definitiv künstlerisch wertvoll." Sie musterte ein anderes der Objekte, und Gereint sah ihr dabei zu. "Ich verstehe das zwar nicht, aber es sieht toll aus", erklärte sie.

"Es paßt nur leider nicht so recht zu meiner Einrichtung. Ich muß zugeben, bei den meisten der Geräte verstehe ich den Sinn auch nicht ganz."

"Oh. Habt Ihr immer noch Kontakt zu dem Magier, der die Sachen gebaut hat?"

Just in diesem Moment öffnete sich die Tür, und eine hübsche, hochgewachsene Frau in einem schneeweißen Arbeitsoverall mit vielen Taschen betrat den Raum. Sie hatte ihre rotgoldenen Haare aufgesteckt, und nur ein paar widerspenstige Strähnen umrahmten ein blasses Gesicht mit ein paar Sommersprossen und einem blauvioletten und einem smaragdgrünen Auge.

"Guten Abend", sagte sie. "Ich habe gerade die letzten Sätze gehört und muß eine Sache unbedingt klarstellen. Ich bin keine Magierin, ich bin eine Wissenschaftlerin", verkündete sie nachdrücklich. "Gestatten, ich bin Professor Branwyn von Llyrdis." Sie streckte ihre Hand aus und bemerkte einen schwarzen Ölfleck. "Hoppla!" Mit einem entschuldigenden Grinsen wischte sie die Hand an ihrem Overall ab, und sehr zu Ansharas Faszination blieb dieser blütenweiß, und der Ölfleck auf der Hand war verschwunden.

"Das ist Anshara, die Gefährtin von Jean", stellte Gereint sie vor, da sie noch zu sehr über das Ölfleckmysterium staunte. Im zweiten Anlauf schüttelte Branwyn ihre Hand. Anshara betrachtete sie ungeniert von oben bis unten. So sah eine Mag- äh, Wissenschaftlerin aus? Bei genauerem Hinsehen hatte sie auch eine Schmierspur im Gesicht, und sie spielte abwesend mit einem Stromprüfer herum.

"Sehr erfreut", meinte Branwyn.

"Haben wir dich gestört?" fragte Gereint. "Wir hatten ja schon lange keinen Besuch mehr."

"Deshalb dachte ich, es wäre eine gute Idee, einmal nachzusehen, was hier los ist." Sie maß Anshara mit einem Blick voll klinischer Neugierde. Da die junge Frau kein Schläfer war (sonst hätte der Schläferdetektor im Türrahmen direkt bei ihrem Eintritt Alarm geschlagen und sie hätte sich mit dem schmutzabweisend imprägnierten Overall etwas zurückgehalten), gehörte sie höchstwahrscheinlich zu den Kainskindern, vermutete Branwyn. Um das genau zu analysieren, müßte sie jedoch ihren Fokus für die Lebenssphäre aus dem Labor holen, und dazu war sie gerade zu faul. Sie sollte ihren Korrespondenz-Fokus nicht immer oben liegen lassen, dann könnte sie die Sachen auch herbeitransmittieren.

"Anshara findet deine Geräte interessant."

"Ja?" Branwyn strahlte sie mit unverholenem Erfinderstolz an. "Sie sind mir auch recht gut gelungen, finde ich. Vor allem der subastrale Entropieverstärker mit dem Materie/Lebens-Wirkungskreis..."

Anshara runzelte die Stirn. Das hatte sie heute doch schon mal gehört? Sie deutete auf das Objekt, welches von Gereint so bezeichnet worden war. "Dieses? Ja, das fand ich auch höchst faszinierend."

Branwyn sah sie perplex an. "Kennen Sie sich damit aus?"

"Äh, nein", machte Anshara verlegen. "Ich hatte Monsieur Gereint gefragt, worum es sich handelte..."

"Ah."

Nun tauchte auch Jean wieder in dem Wohnraum auf, wo seine Gefährtin immer noch ganz fasziniert Branwyn betrachtete, denn diese war definitiv die erste echte Magierin, die sie bis jetzt gesehen hatte, wenn man von dem Typen in dem Buchladen absah, der möglicherweise einer gewesen war.

Jean ignorierte Branwyn wie meistens, weil sie ihm irgendwie unheimlich war. Nur Gereint zuliebe blieb er in ihrer Nähe.

Professor von Llyrdis seufzte. Sie hatte bestimmt ein halbes Dutzend wissenschaftlicher Experimente in ihrem Labor, die dringend ihrer Anwesenheit bedurften, und sie sah in die Runde.

"Entschuldigt mich bitte einen Moment - ich muß aufpassen, daß meine Extradimenergiezapfanlage nicht überlädt und womöglich explodiert." Sie wetzte nach oben in ihr Labor.

Jean gab einen erleichterten Seufzer von sich, als die Magierin verschwunden war. Sie war ihm ganz und gar nicht geheuer.

"Mademoiselle Branwyn ist höchst faszinierend", fand Anshara. "Gibt es eigentlich viele Magier?" wandte sie sich an Gereint.

"Wie viele sind viele?" gab er zurück. "Es kommt auf die Gegend an." Die Technokratie gab als Erhebung an, daß es auf der ganzen Welt vielleicht zwei- bis zehntausend Magier insgesamt geben sollte, aber deren Zahlen waren vermutlich hauptsächlich Propaganda.

"Nehmen wir einmal Paris."

"Da sind einige", überlegte er.

"Huch! Und warum habe ich dann bis jetzt noch keinen davon gesehen?

"Weil sie auch eine Form der Maskerade wahren und ihre Magie in der Regel nicht öffentlich zeigen."

"Oh! Haben die dann auch Prinzen, bei denen sich ein Magier vorstellen muß?"

"Nein, aber die Chantries kümmern sich darum."

"Hm. Wie wird man eigentlich Magier?" wollte Anshara wissen. "Gibt es dafür ein magisches Ritual?"

"Nein. Es passiert eben - man 'erwacht'."

"Aha. Kann ich denn eine Magierin werden?"

"Nein. Bei der Vampirwerdung wird der Avatar - die Kraft, die dem Magier seine Macht gibt - zerstört."

"Das ist gemein."

"Eher Schicksal. - Habt Ihr noch weitere Fragen?"

"Ich habe noch unendlich viele Fragen - aber sie fallen mir leider gerade nicht ein", seufzte sie.

"Tse", machte Gereint belustigt.

"Gibt es vielleicht eine Art 'Magierfibel'?"

"Nun, Branwyn schwört auf das Kitab al Alacir und die Zeitschrift Paradigma. Ich werde sie mal fragen, ob sie Euch etwas davon ausleiht."

"Das wäre prima!"

"Ihr seid ziemlich wißbegierig", stellte Gereint belustigt fest, woraufhin Anshara heftig nickte.

"Was sollte man über die Magier eigentlich unbedingt wissen?" erkundigte sie sich.

"Daß man als Kainskind einen möglichst großen Bogen um sie herum machen sollte."

"Sind die denn derart gefährlich?"

"Ziemlich."

"Auch Branwyn?" Die kam Anshara eigentlich hauptsächlich chaotisch bis zerstreut vor. "Sie sieht gar nicht so schlimm aus. Außerdem sagt sie, sie sei gar keine Magierin, sondern Wissenschaftlerin..."

"Nun, sie gehört zu der Tradition, die sich als 'Söhne des Äthers' bezeichnet - beziehungsweise 'Kinder des Äthers', wie Branwyn bevorzugen würde. Und die Magier - pardon, Wissenschaftler - dieser Tradition sind halt ein wenig ...anders als andere Magier..."

"Tradition? Ist das ein Magierclan oder so etwas wie eine Blutlinie bei uns?"

"So ähnlich. Es gibt unter Magiern neun Traditionen, fünf Konvente und einige unabhängige Gruppierungen."

"Und wie unterscheiden sich Traditionen und Konvente?"

"Die Traditionen sind älter und unterstehen dem Rat der Neun. Die Konvente sind Gruppierungen der Technokratie. Und ehe du weiter fragst - der Rat und die Technokratie stehen sich ähnlich gegenüber wie Camarilla und Sabbat."

"Ah, ich sehe. Dann sind die Kinder des Äthers also eine Art Camarilla-Clan der Magier."

"So könnte man es formulieren", bemerkte Gereint belustigt.

Jean langweilte sich derweil unsäglich, denn Magie interessierte ihn überhaupt nicht. Er war schon froh, daß er das bißchen Thaumaturgie beherrschte, das ihm Simon beigebracht hatte.

"Können Magier und Thaumaturgen eigentlich magische Rituale untereinander austauschen?"

"Nein." Zumindest nicht, wenn der Magier bei seinem Ritual die neun Sphären verwendete.

"Schade", seufzte sie und guckte so betrübt, daß Gereint vergnügt lachte.

"Was kennt Ihr denn an thaumaturgischen Ritualen?" bohrte Anshara weiter.

"Viele."

"Oh! Bringt Ihr mir welche davon bei?"

"Warum sollte ich das tun?"

"Weil ich Euch gaaaanz lieb darum bitte." Sie sah ihn an und klimperte mit den Wimpern. Gereint betrachtete das interessiert.

"Ich bin noch nicht überzeugt." Anshara bemühte sich also, ihn elegant zu becircen, wobei er wiederum versuchte, gleiches mit gleichem zu vergelten. Jean beobachtete das irritiert und guckte von einem zum anderen. Er wurde gar nicht mehr beachtet, stellte er betrübt fest.

"Also - werdet Ihr mir nun etwas beibringen?"

"Welches Ritual hattet Ihr denn im Sinn?"

"Eigentlich alle - aber wenn Ihr so fragt... Es gibt doch irgendeins, mit dem man durch Wände gehen kann, oder?"

"Ja, die Körperlose Bewegung."

"Dann will ich das lernen!"

"Könnt Ihr es denn überhaupt beherrschen? Es ist ein drittstufiges Ritual."

"Und?"

"Ihr seid bestenfalls eine Thaumaturgin der ersten Stufe."

"Und woran merkt Ihr das?"

"Am Können." Beziehungsweise an ihrer Ahnungslosigkeit, aber das wollte er lieber nicht so formulieren.

"Hm. Was fehlt mir am Können?"

"Zwei Stufen."

"Und wo kriege ich die her?"

"Üben."

"Humpf."

Gereint fand die kleine Toreador-Dame ungemein amüsant und beschloß, ihr das Ritual zu erklären. Die einstündige Vorbereitungszeit würde ihn für diese Dauer von ihren Fragen erlösen.

Jean hat mittlerweile ein Buch entdeckt und begann, vor Langeweile darin herumzublättern. Zum Glück war es ein Comic (Astérix et Cleopatre), das hieß, mehr Bilder als geschriebene Worte. Er verglich die gezeichnete Kleopatra mit Anshara und fand, daß sie ihr wirklich ähnlich sah.

Schließlich hatte sich Anshara die Spiegelscherbe umgehängt und war der Ansicht, sie hätte sich ausreichend vorbereitet. Schnurstracks nahm sie Kurs auf die nächste Wand und rannte frontal vor die Mauer.

"Autsch!"

Jean prustete los und auch Gereint konnte sich das Grinsen nicht verkneifen.

"Seid froh, daß das nicht funktioniert hat", kommentierte er. "Immerhin sind wir etwa zwölf Meter über dem Erdboden."

"Oh", machte Anshara verdutzt. "Warum hat es denn nicht geklappt?"

"Es ist wohl doch zu schwierig für Euch."

"Das glaube ich nicht." Verbissen rannte sie weiter vor einige Türen und Innenwände. "Das ist frustrierend", beschwerte sie sich, während die beiden Männer sich nicht mehr einkriegten.

"Bestimmt ist meine Scherbe kaputt", mutmaßte sie, und Gereint mußte schwer an sich halten, um nicht laut zu lachen.

"Ich finde das Ritual ziemlich leicht." Er hatte in der Zwischenzeit auch die Vorbereitungszeit beendet und führte es ihr vor. Es sah tatsächlich völlig trivial aus. Anshara schmollte.

"Was habt Ihr, das ich nicht habe?" grummelte sie.

"Ahnung", grinste er.

"Graaa!" Sie stampfte mit dem Fuß auf. Es machte Plopp!, und Branwyn materialisierte scheinbar aus dem Nichts. Diesmal hatte sie ihren Teleportgürtel umgelegt, der ihr als Fokus für die Sphäre Korrespondenz diente und ihr einfache Ortsverschiebungen damit ermöglichte.

"Was soll der Lärm?" entrüstete sich die Wissenschaftlerin. "Ich arbeite. Ich wollte sagen, ich versuche es!"

"Anshara übt sich in der Körperlosen Bewegung", erklärte Gereint.

"Kann sie das nicht leiser tun?"

"Nein. Sie hat das mit dem 'körperlos' noch nicht so ganz heraus. Du hättest ja in deinem Labor bleiben können."

"Es wurde von dem Krach bis in seine Grundfesten erschüttert."

"Du solltest deine Mithörverstärker abstellen."

"Ich hatte die subsonische Transmissionseinheit gar nicht aktiviert", behauptete sie treuherzig.

"Das glaube ich dir nicht, meine Liebe", meinte Gereint. "Du aktivierst sie doch immer, wenn ich hier bin."

"Der Klang Deiner Stimme liefert die Energie für den Schallwellenakku, mit dem ich meine conflektorische Akustikakzelerationseinheit betreibe..."

Anshara war dem Austausch fasziniert gefolgt. Sie verstand nur Bahnhof und Kofferklauen.

"Dann sollte ich wohl in Zukunft lieber stumme Selbstgespräche führen."

"Das kannst du mir doch nicht antun!"

"Kann ich nicht?" fragte er. Branwyn schüttelte energisch den Kopf, und ein paar rotgoldene Strähnen entwischten aus dem hastig aufgesteckten Dutt. "Und was willst du dagegen tun?"

"Hm, das wäre endlich ein Grund, den Hirnwellenrecorder zu bauen. Da fällt mir gerade ein - mit einem Akustikwandler, den ich daran anschließen kann, hätte ich fast eine komplette Telepathie-Maschine erfunden! Es fehlt nur der passende Sendemechanismus..." Sie strahlte ihn an. "Das muß ich unbedingt bauen!"

"Willst du mich ausspionieren?"

"Wozu? Du erzählst mir ja doch früher oder später alles." Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. "Übrigens, der neue Kühlschrank ist fertig. Wie besprochen mit allen Extras, wie dem Wunsch-Mixer und der Stasiskammer."

"Du bist wundervoll.", schwärmte Gereint.

"Ich weiß." Sie warf ihm eine Kußhand zu, und er erwiderte die Geste.

"Wenn ich dich nicht hätte."

"Dann müßtest du dir alles selber bauen." Sie lächelte ihm zu und trabte wieder nach oben, wobei sie ganz vergaß, daß sie eigentlich ihren Teleportgürtel noch umhatte.

"Entschuldigt mich bitte einen Moment." Gereint joggte hinter Branwyn her und kam kurz darauf mit einem Zeitungsstapel und einem Buch zurück.

"Das ist das Lesematerial, von dem ich gesprochen hatte", erklärte er und drückte es ihr in die Hände. "Das Kitab al Alacir hat sie leider nur im arabischen Original, aber das Paradigma ist in Französisch.

"Oh danke!" Anshara war diesmal ganz froh darüber, daß sie in ihren ersten Jahren in der Neuzeit in Ägypten Arabisch gelernt hatte, und das Französische beherrschte sie mittlerweile glücklicherweise auch. Sie blätterte neugierig in den Zeitungen.

"Das sieht ja extrem interessant aus", freute sie sich, auch wenn sie vieles nicht ganz verstand.

"Branwyn sagt, sie braucht die Sachen zwar im Augenblick nicht, möchte sie aber irgendwann wieder haben."

"Kein Problem." Anshara bewunderte die Abbildungen einiger besonders wilder Gerätschaften, bei denen ihr nicht einmal die Untertitel weiterhalfen.

Gereint ließ sich auf einen der Fellstapel fallen und betrachtete Anshara beim enthusiastischen Blättern. Jean war mittlerweile fast durch den Astérix-Comic durch, aber zum Glück lagen da noch zwei weitere. Gereint ergriff seine Harfe, um etwas darauf herumzuklimpern.

Nach einer ganzen Weile bemerkte Anshara, wie sie langsam müde wurde. Ihr Kopf sank langsam nach unten, und sie fing sich mit einem Ruck wieder.

"Müde?" fragte Gereint.

"Ja", gab sie zu. Dabei war sie gerade an so einer interessanten Stelle...

"Darf ich Euch Euer Zimmer zeigen?"

"Oh ja, bitte." Sie packte das Lesematerial zusammen, und der Hausherr führte sie ein Stück die Treppe herunter zu einem fensterlosen Schlafzimmer.

"Das ist ja perfekt", fand Anshara und sah sich bewundernd um, ehe sie die Zeitschriften vorsichtig auf dem Boden deponierte. "Wo steckt denn Jean? Sollte er sich nicht auch langsam zur Ruhe betten?"

"Ich werde ihm gleich sein Zimmer zeigen. - Bis zum Abend dann."

"Guten Tag." Sie lächelte ihm zu, ließ sich auf das Bett fallen und war prompt eingeschlafen.

Nachdem Gereint auch Jean ein Zimmer zugewiesen hatte, zog er sich ebenfalls zurück.

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Kapitel 3: Eine Nacht im Turm

Man schrieb Mittwoch, den 18. Dezember 1985, etwa 17:00 Uhr.

Anshara erwachte und fand sich in einer völlig ungewohnten und diffus erleuchteten Umgebung wieder. Sie brauchte einige Augenblicke, ehe sie sich orientieren konnte. Als ihr gewahr wurde, daß sie in ihren Sachen geschlafen hatte, seufzte sie, und als sie sich in den viel zu kleinen Spiegel betrachtete, stellte sie fest, das sie sich ja auch nicht abgeschminkt hatte und nun die goldene Farbe unregelmäßig über ihr ganzes Gesicht verteilt war.

Sie versuchte, das Malheur mit ein paar Papiertaschentüchern notdürftig zu beseitigen, aber sie brauchte unbedingt eine Dusche. Da sie sich hier nicht auskannte, guckte sie erstmal zur Tür hinaus. Die Treppe war düster erleuchtet, und es war niemand zu sehen. Es gab nur eine weitere Tür in Sichtweite, die etwa eine halbe Treppe höher lag. Anshara wanderte also dorthin, und da sie eine Aura in dem Raum spürte, klopfte sie sicherheitshalber an. Es handelte sich um Gereints Zimmer.

"Ja bitte?" ertönte dessen Stimme.

"Huhu", machte Anshara zaghaft. "Gibt es hier irgendwo ein Bad, wo ich mich frisch machen kann?"

"Ja, ganz unten, die weiße Tür." Gereint rollte sich wieder zusammen. Es war noch viel zu früh zum Aufstehen.

"Prima! Danke." Sie joggte die Treppe hinab und verbrachte erst einmal die obligatorische Stunde an Wasch- und Restaurationsarbeiten, bis sie der Ansicht war, daß sie wieder präsentabel aussah.

Jean schlief natürlich noch, außerdem gab es im Turm nur ein Bad, von dem er mit hoher Wahrscheinlichkeit annahm, daß Anshara es schon längst belegt hatte.

Schließlich kletterte Anshara die Treppe wieder hoch und überlegte, ob sie auf eigene Faust Erkundungen anstellen oder lieber in ihrem Zimmer noch ein Weilchen in den Zeitschriften lesen sollte. Etwa eine halbe Stunde blätterte sie erst einmal in den Heften herum, dann machte sie sich doch auf eine kleine Tour durch das Gebäude.

Gereint hatte sich inzwischen dazu durchgerungen, sich aus den Federn zu erheben und ging in die Küche, um sich ein Frühstück zu suchen. Als er an seinem Geschenk von Branwyn herumprobierte, trat Anshara ein.

"Guten Abend, Monsieur Gereint!" Sie betrachtete das eigenwillige High Tech Gerät, an dem allerlei Lämpchen und Sensorfelder funkelten. "Ist das der neue Kühlschrank?" fragte sie fasziniert.

"Guten Abend, Mademoiselle Anshara. - Ja. Ich hoffe es zumindest..."

"Und was hat er nun für Extras?"

"Keine Ahnung. Das muß ich erst herausfinden. Ich bin lieber immer vorsichtig, was neue Geräte von Branwyn betrifft."

"Weshalb?"

"Weil sie manchmal etwas ganz anderes tun als beabsichtigt."

"Oh." Anshara beschloß, lieber einen gewissen Sicherheitsabstand zu dem mysteriösen Haushaltsgerät einzuhalten, während Gereint es neugierig inspizierte. "Wie gefährlich kann so etwas werden?" wollte sie wissen.

"Es kann zum Beispiel explodieren."

"Oh-oh... Und wie sieht es bei diesem Gerät aus?"

"Es sieht mir nicht so aus, als würde es in die Luft fliegen."

"Beruhigend."

"Genau. Ich habe nämlich Hunger."

"Hm, Hunger habe ich eigentlich nicht - es ist mehr ein kleiner Appetit. Was hättet Ihr denn da?"

"Leider nicht viel", meinte er bedauernd. "Nur etwas Tütenkost."

"Ist vielleicht auch AB+ dabei?"

Gereint zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht."

"Das sollte eigentlich auf den Tüten aufgedruckt sein."

"Ich habe nicht draufgeguckt. Wißt Ihr, ich bin in dieser Hinsicht nicht so wählerisch." Er inspizierte die Blutkonserven. "Fast alles A+ und 0."

"Naja, A+ ist auch okay", erklärte Anshara, und er warf ihr eine Tüte zu.

"Danke. - Oh, schön kalt", fand sie.

"Eigentlich mag ich es lieber warm, aber was soll's?"

"Habt Ihr keinen Mikrowellenofen?"

"Nein."

"Das solltet Ihr Euch unbedingt besorgen; es ist sehr praktisch."

"Wir haben hier keinen Strom", machte Gereint sie aufmerksam, woraufhin sie sehr verdutzt dreinblickte.

"Und wie funktionieren dann die ganzen Geräte?" fragte sie neugierig.

"Fragt Branwyn."

"Werde ich tun." Anshara sah zur Decke, von woher die Beleuchtung kam. Erstaunlicherweise waren keine Lampen zu sehen. Gereint hatte unterdessen seine Zähne in die Packung geschlagen und leerte diese. Anshara nuckelte ebenfalls an ihrer Blutkonserve.

"Schon besser", erklärte er, als er den halben Liter ausgetrunken hatte.

"Stimmt", nickte Anshara. "Ist Branwyn auch für die Beleuchtung zuständig?"

"Sie ist für die ganze Technik hier verantwortlich, denn ich beschäftige mich nicht mehr damit."

"Nicht mehr? Warum denn nicht?"

"Das ist schon lange her, und außerdem kann ich eh nichts mehr in dieser Richtung tun."

Anshara betrachtete ihn nachdenklich. "Nichts mehr in dieser Richtung", widerholte sie sinnend. "Heißt das, Ihr habt auch zu den echten Magiern gehört, bevor Ihr ein Kainskind wurdet?"

"Ja. Obwohl ich zu einer anderen Tradition als Branwyn gehörte. Wißt Ihr, ich war ein Mitglied des Ordens des Hermes."

"Hm." Sie legte die Stirn in Falten. "Orden des Hermes - sind das nicht die, von denen die Tremere abstammen?" Sie hatte so etwas in Simons Handbuch gelesen.

"So ungefähr. Das Haus Tremere war eines der diversen Häuser aus denen der Orden bestand."

"Hm." Anshara dachte nach. "Müßtet Ihr dann nicht eher ein Tremere sein? So wie ich das verstanden habe, sind die Tremere doch eigentlich auch nicht von Anfang an auf Tremere zurückzuführen, sondern die Chefs haben sich durch einen magischen Trank in Vampire verwandelt. Also ist das doch eigentlich gar kein richtiger Clan, sondern von Anfang an nur eine Mixtur..."

"Ich denke, ich bin ein echter Toreador", fand Gereint. Mit den Tremere wollte er lieber nichts zu tun haben.

"Gut", kommentierte Anshara. Sie war mittlerweile der Ansicht, daß alle anderen Clans außer den Toreador ziemlich daneben waren. Nun gut, bei den Ventrue konnte man notfalls eine Ausnahme machen. "Was zeichnet denn den Orden des Hermes aus? Ich meine, daß die Söhne - äh, Kinder des Äthers hingebungsvolle Bastler sind, habe ich ja inzwischen mitgekriegt."

"Nun", begann Gereint zögerlich. "Stellt Euch die Tremere vor, nur erheblich schlimmer, was Hierarchien und Strukturen betrifft, dann kommt es in etwa hin."

"Das klingt aber gar nicht so toll", bemerkte sie. Vor allem, weil ihr die Tremere hochgradig suspekt waren. Das einzig Brauchbare an ihnen war die Thaumaturgie.

"Der Orden sieht das etwas anders", entgegnete Gereint belustigt.

"Und was ist mit den anderen Magiergruppierungen?"

"Die finden sich auch toll."

"Nein, ich meine, was kann man sich unter denen vorstellen?"

Gereint zog eine Grimasse, dann begann er, an seinen Fingern abzuzählen.

"Die Mitglieder der Bruderschaft Akashas sind eine Art Kung Fu-Mönche, die hauptsächlich meditieren, nichts tun und wenig wissen. Der Himmlische Chor besteht aus religiösen Dogmatikern, die nicht ganz erkannt haben, daß wir unser Schicksal bestimmen und nicht eine göttliche Macht. Die Anhänger des Kults der Ekstase sind leichtlebige Degenerierte, die meinen, daß sie nur dadurch zur Wahrheit finden, wenn sie alle Regeln brechen. Die Traumsprecher sind rückschrittliche Ökofreaks, die am liebsten mit Geistern reden und keine Ahnung von wahrer Magie haben. Die Euthanatos-Magier sind gefährliche Irre, die eine Freude daran haben, anderen das Lebenslicht auszublasen. Zum Glück sind sie auf unserer Seite und bekämpfen ebenfalls die Technokraten... Die Verbena sind Kräuterhexen und Baumliebhaber mit einem Hang dazu, sich magische Symbole in den Körper zu ritzen, um damit ihrer primitiven Naturmagie zu frönen. Die Virtuellen Adepten sind Computerfreaks mit einem kindlichen Gemüt, deren Eifer man in sinnvolle Bahnen lenken sollte. Die Hollow Ones sind kindisch-anarchistische Grufti-Magier, die sich als unabhängig betrachten und deren Wissen hauptsächlich von Experimenten am eigenen Leib stammt. Naja, und was die Technokratie betrifft - von denen sollte man sich tunlichst fernhalten, das sind hauptsächlich größenwahnsinnige Kontrollfreaks, die die Magier der Traditionen auslöschen wollen."

Anshara hatte höchst interessiert zugehört. "Hm. Aber ich habe den Eindruck, daß zumindest die Kinder des Äthers auch einiges an Technik einsetzen - warum sind die denn eine Tradition?"

"Die Kinder des Äthers und die Virtuellen Adepten waren anfangs Mitglieder der Technokratie, haben sich aber von diesen abgewandt, als sie erkannten, was die Technokraten vorhatten."

"Faszinierend. Das hört sich fast genauso an wie die Clans der Kainskinder."

"Richtig. Im Prinzip ist das alles dasselbe. Ich habe allerdings hauptsächlich oberflächliches Wissen über die aktuellen Aktivitäten der Magier, schließlich bin ich schon länger nicht mehr dabei. Wenn Ihr genaueres wissen wollt, müßt Ihr schon Branwyn fragen."

"Wie lange seid Ihr denn schon ein Kainskind?"

"Über vierhundert Jahre."

"Das ist wirklich lange. Was ist eigentlich besser - ein Magier zu sein oder ein Kainskind?" fragte Anshara neugierig.

"Nun, Magier haben es irgendwie einfacher, aber als Kainskind gefällt es mir eigentlich auch. Der größte Vorteil ist, daß Magier keine Probleme mit Sonnenlicht haben, und auch ihre Essensbedürfnisse sind leichter zu erfüllen."

"Nun, Ihr lebt hier auch ziemlich weit weg von der Stadt, wo Gefäße in Hülle und Fülle herumlaufen. Aber das mit dem Tageslicht ist ein Problem, vor allem im Sommer. Im Winter ist es zum Glück länger dunkel als hell. Man sollte sich wirklich überlegen, den Winter in Europa und den Sommer in Australien zu verbringen."

"Aber diese Reiserei ist doch sehr aufwendig. Ich bleibe lieber hier."

"Oh, ich finde es aufregend. Ich war schon in England und Amerika und Rumänien und Deutschland..."

"Früher bin ich auch oft gereist, aber jetzt habe ich keine Lust mehr dazu. Was gibt es denn schon neues zu sehen?"

"Sehr viel", widersprach Anshara. "Wißt Ihr, daß die in Amerika jetzt ein 'Space Shuttle' gebaut haben, mit dem man einfach so in die Erdumlaufbahn fliegen kann? Aber leider ist da oben ziemlich viel Sonne", seufzte sie bedauernd.

"Also nichts für uns", konstatierte Gereint.

"Dabei würde ich zu gerne im Flugzeug aus dem Fenster sehen, wenn es dem Tag entgegenfliegt... Aber was bleibt uns Kainskindern? Nur Reisen als Gepäckstück im Laderaum. Das ist frustrierend."

"Ist aber sicherer", stellte er belustigt fest.

"Zu meiner Zeit hat man an Flugzeuge nicht einmal gedacht, und jetzt, wo ich sie sogar benutzen kann, kann ich sie nicht genießen", schmollte Anshara.

"Jeder muß sein Schicksal tragen."

"Aber man muß es nicht mögen!" Sie setzte sich auf einen der Stühle und seufzte. "Wenden wir uns lieber einem erfreulicheren Thema zu. Wo habt Ihr eigentlich Branwyn kennengelernt?"

"Im Wald."

"Im Wald?" echote Anshara erstaunt. "Was hat sie denn im Wald getan?"

"Sie wollte irgendso ein Dings testen."

"Und? Hat es funktioniert?"

"Eher nicht..."

"Inwiefern?"

"Es machte ziemlich laut 'Puff!', und der halbe Wald war weg."

"Oh je - wohin? Und ist er wieder aufgetaucht?"

"Nein, er war einfach weg. Und wohin? Keine Ahnung."

"Das ist dumm. Aber sonst ist doch hoffentlich nichts passiert, oder?"

"Nicht besonders viel." Gereint wollte lieber nicht an das Paradox denken, das Branwyn durch ihren Fauxpas auf sich gezogen hatte. Eine ganze Woche hatte sie sich praktisch nicht aus dem Bett getraut, und er mußte sie füttern, da alles, was sie mit ihren Fingern anfaßte, plötzlich zu Tannennadeln wurde. Sie konnte nicht einmal zur Toilette gehen, sich anziehen oder waschen. Es hatte zwar sehr amüsant ausgesehen, wenn sich das Wasser prompt in grüne Nadeln verwandelte, sobald sie versuchte, sich die Finger zu waschen, aber irgendwie war es auch hochgradig lästig gewesen. Zum Glück war ihr eigenener Körper offenbar immun gegen diese Paradox-Auswirkung gewesen, sonst hätte sie diese Woche kaum überlebt. "Ich denke, ich sehe rasch nach Branwyn", meinte er dann. "Bis gleich."

"Gut. Bis gleich." Anshara fragte sich, wo Jean wohl gerade steckte und beschloß, ihn suchen zu gehen.

* * *

Jean war endlich aufgestanden und hatte sich in das Wohnzimmer begeben, von dessen Fenster er das Meer bei Nacht bewundern konnte.

Als Anshara den runden Raum betrat, sah sie ihren Gefährten auf der Fensterbank sitzen und in die glitzernde Dunkelheit hinausschauen.

"Hallo Jean! Gut geschlafen?"

"Hallo Anshara! - Aber ja, wie ein Toter", erwiderte er vergnügt.

"Ich auch, obwohl es auf den ganzen Fellen ungewohnt war."

"Ich fand es schön bequem."

"Das schon, aber ich war irgendwie so müde, daß ich ganz vergessen habe, mich meiner Kleidung zu entledigen." Sie guckte tragisch an sich herab. Ihr Hosenanzug war zwar angeblich bügelfrei, aber irgendwie schien der goldockerfarbene Stoff nicht hundertprozentig davon überzeugt zu sein.

"Was hast du nur wieder angestellt, um so erschöpft zu sein?"

"Ich habe gelesen. Diese ganze Magie-Sache ist einfach hochinteressant! Ich muß mich unbedingt in der Thaumaturgie üben, auch wenn die Rituale wohl nicht ganz so einfach sind..."

"Stimmt. Es sah sehr amüsant aus, wie die vor die Wände gerannt bist."

"Es tat weh", jammerte sie.

"Du hättest Gereint glauben sollen."

"Ich wollte es ausprobieren. Außerdem sagte er, nur Übung hilft. Also werde ich üben! Vielleicht klappt es ja dann irgendwann..."

"Wir werden es ja sehen."

"Genau. - Vielleicht kann mir Gereint auch noch andere Sachen beibringen. Er scheint ja noch viel mehr über Thaumaturgie zu wissen als Simon."

"Soweit ich weiß, hat Simon das alles von ihm gelernt."

"Ah! Dann ist man hier also an der Quelle. Praktisch."

"Allerdings ist Gereint manchmal ziemlich schwierig. Er vergräbt sich hier und will nichts mit anderen zu tun haben."

"Und was ist mit Branwyn?"

"Die ist eine Magierin. Mit der will ich nichts zu tun haben."

"Hm. So schlimm kommt sie mir nicht vor."

"Ich mag sie einfach nicht."

"Warum nicht?"

"Darum."

"Wenn du meinst..." Anshara zuckte die Achseln. "Also, ich fand sie bis jetzt ganz nett. Sie hat mir auch noch nichts getan."

"Das war reines Glück", kommentierte Jean, ehe er abwinkte. "Ach, ich mag sie einfach nicht."

"Gereint hat offenbar keine Probleme mit ihr."

"Meinst du? Mir scheint eher, die beiden leben in einer sehr merkwürdigen Art von Gleichgewicht. Sie lassen sich meistens in Ruhe."

"Hm. Momentan steckt er allerdings bei ihr..."

"Er sieht meist nur schweigend zu."

"Er traut sich wohl nicht, ihr zu helfen", mutmaßte Anshara.

"Er hat wohl eher keine Lust", widersprach Jean.

"Könnte auch sein. Gereint erzählte mir, daß er nicht mehr richtig dabei mitmischen kann."

"Eben."

"Anshara seufzte mitfühlend. "Und ich kann bei sowas auch nicht mitmachen, sagte er. Ich finde das unfair."

"Da kann man eben nichts ändern."

"Leider." Sie schmollte. "Na gut, dann muß ich eben bei der Thaumaturgie bleiben... Wenigstens kann man damit auch schon einiges machen - nur das Üben ist ziemlich lästig."

"Dir bleibt wohl nichts anderes übrig."

"Aber irgendwie kriege ich das Ritual noch hin!"

"Dann mußt du fleißig trainieren."

"Tue ich. Obwohl, momentan habe ich genug davon, vor irgendwelche Mauern zu rennen."

Jean sah wieder hinaus auf das Meer. "Ich finde das Wasser im Mondlicht zu schön."

"Stimmt. Ich sollte wirklich mal gucken, ob ich nicht malen oder fotografieren lernen kann."

"Ich wünschte, ich könnte so etwas auch lernen, aber ich kann das nicht."

"Du mußt es nur mal versuchen. Am besten wäre es vielleicht, mit dem Fotografieren anzufangen."

"Ich hasse diese Apparate!"

"Aber du probierst es?"

"Nein."

"Oooch, Jean", seufzte Anshara.

"Schade, daß wir nicht am Meer wohnen."

"Hier gibt es viel zu wenige Gefäße, und man kann auch nirgendwo in Ruhe einkaufen."

"Dafür ist es schön ruhig."

"Das ist wahr. Aber hier gibt es keine Parties."

"Darauf könnte ich verzichten, glaube ich."

"Hm, und wo soll man sich sonst zeigen und bewundern lassen? Außerdem sind da die ganzen Künstler zu finden."

"Auf die kann ich erst recht verzichten."

"Aber die produzieren Kunstwerke!"

"Na und? Es gibt doch schon genug davon."

"Es kann niemals genug Kunstwerke geben."

"Du bist der Kunstfan."

"Klar. Schöne Bilder, schöne Musik, schönes alles. Schöne Glitzersteine..."

"Letzteres schon eher."

"Ist aber auch Kunst."

"Weißt du, es würde mir gefallen, jetzt durch die Nacht zu jagen", erklärte Jean spontan.

"Warum nicht? Leider sind wohl kaum Menschen da."

"In der Nähe nicht."

"Zu weit laufen wäre nichts für mich."

"Ach ja, du bist ja unsportlich..."

"Eben!" Sie sah ihn jammervoll an.

"Vielleicht hat Gereint Lust, mich zu begleiten."

"Das wäre vermutlich eine bessere Idee. Dann kann ich ja mal gucken, was Branwyn so macht."

"Sei aber vorsichtig."

"Klar."

Als ihr Gefährte sich auf die Suche nach Gereint machte, trabte Anshara hinter ihm her. Sie wollte doch zu gerne wissen, wie so eine Mag- äh, Wissenschaftlerin arbeitete.

Vorsichtig spähte Jean in das Labor der Äthertochter, denn man wußte ja nie, wann hier wieder etwas explodierte.

"Gereint?" fragte er halblaut.

"Ja? Was ist?" kam die Antwort.

"Hast du Lust auf eine Jagd?"

"Immer." Der rothaarige Vampir gesellte sich zu seinem Bruder, als Anshara endlich auch ankam. Ihr fehlte dringend ein Lift in diesem Turm.

"Huhu", machte sie. "Darf ich hier mal zugucken?"

"Aber nichts anfassen", warnte Branwyn hinter einem komplizierten Versuchsanbau hervor.

"Ehrenwort."

"Wir gehen dann", meinte Jean und zerrte Gereint hinter sich her. Er war froh, daß er sich wieder in Sicherheit bringen konnte.

"Tschüs", sagte Anshara und betrachtete das Labor.

Es sah hier aus wie in einem antiken Science-fiction-Serial, nur weitaus bunter. Vielleicht konnte man es eher als Remake eines solchen bezeichnen, wobei ein bißchen Frankenstein-Laboratorium, ein bißchen HiTech und Computer und ein bißchen moderne Kunst beigemischt worden waren, dachte Anshara amüsiert. Sie ging in dem Raum herum und bestaunte die halb futuristischen, halb antiken Gerätschäften, blieb aber mindestens einen halben Meter von jeder der bunt blinkenden Konsolen entfernt. Anfänglich verfolgte Branwyn jede ihrer Bewegungen, als sie aber tatsächlich nichts berührte, wandte die Wissenschaftlerin sich wieder ihren Versuchen zu.

Unterdessen streiften Gereint und Jean durch die Gegend, weniger, um Nahrung zu finden als aus reiner Spielerei. Erst einige Stunden später kehrten die beiden wieder zurück.

Anshara saß derweil im Labor und betrachtete völlig verzückt die bunten Flüssigkeiten in der Anordnung aus Bunsenbrennern, Röhren, Schläuchen, Erlenmeyerkolben und Reagenzgläsern.

"Hallo, da sind wir wieder", rief Jean, als er seine Gefährtin erblickte. Sie nahm ihn gar nicht wahr, während Branwyn die Männer begrüßte.

"Huhu!" Jean winkte vor Ansharas Nase hin und her.

"Huh?" machte sie. "Oh, Jean! Ich dachte, du wolltest jagen gehen?"

"Ich war drei Stunden weg", maulte er, "und du hast mich nicht mal vermißt."

"In den Kolben waren so schöne bunte Chemikalien."

"Tse."

"Guck mal! Diese Flüssigkeit hat ein Blümchenmuster - sogar Rosen! - und die Blüten wechseln dauernd die Farben."

"Eben Magierkram."

"Genau. Ist das nicht toll?"

"Naja, wenn man das zum ersten Mal sieht."

"Es ist ästhetisch wertvoll. - Da! Jetzt werden aus den Blumen kleine Pentagramme..."

"Wie aufregend."

"Genau", meinte Anshara verzückt.

"Was hältst du davon, wenn wir noch mal nach draußen gehen?" fragte Jean Gereint.

"Immer", erwiderte dieser. "Ich habe so selten Gesellschaft von Gleichgesinnten."

Anshara nahm das gar nicht wahr, sie betrachtete gerade fasziniert die leuchtenden Glühbirnen, die nun in dem großen Erlenmeyerkolben herumschwammen.

"Dann laß uns flüchten", schlug Jean vor. "Mir ist es hier nicht geheuer."

"Guck mal, jetzt sind es bunte Fensterrahmen", stellte Anshara fest. Die Objekte schwammen in einer hellblauen Flüssigkeit mit Wolkenmuster.

"Hm, ob das was zu sagen hat?" fragte sich Jean. "Ich habe dabei so ein ungutes Gefühl."

"Ist 95 eigentlich eine magische Zahl?" wollte Anshara wissen, als plötzlich solche Nummern durch die Substanz geisterten, sich dann aber spontan in 96en, 97en und 98en verwandelten.

"Nicht daß ich wüßte."

Auf einmal verschwand der Spuk wie im Nichts, und der Inhalt des Gefäßes wurde leuchtend blau. Branwyn stieß eine Verwünschung aus.

"Mist, diese Version war schon wieder nicht stabil!" Sie schüttete die Flüssigkeit weg und begann mit einer neuen Versuchsreihe.

"Ich will hier raus", erklärte Jean.

"Dabei ist es hier wirklich völlig ungefährlich", fand Anshara. "In den ganzen vier Stunden, die ich hier bin, ist noch nichts explodiert."

"Das ist ein Rekord. Aber mir gefällt es hier trotzdem nicht."

"Dabei ist es hier so schön bunt und es blinkt alles so geheimnisvoll."

"Du kannst gerne hierbleiben. Ich bin draußen, wenn du mich vermissen solltest."

"Gut, gut..." Anshara juckte es förmlich in den Fingern, bei den Experimenten mitzumischen, aber sie durfte leider nichts anfassen.

Gemeinsam mit seinem Bruder verschwand Gereint, da Branwyn offenbar gerade wieder in einer Arbeitsphase war. Er ging mit Jean zum Meer hinunter, wo die beiden mit Odin Stöckchen holen spielten und die Landschaft bewunderten.

Im Labor betrachtete Branwyn gerade ein Gerät auf einem Regal, das verdächtig nach einem Tricorder aus der Fernsehserie Raumschiff Enterprise aussah, obwohl sie nicht wußte, was der neben dem Gerät liegende gefüllte Salzstreuer zu sagen hatte.

"Was ist das?" wollte sie wissen.

"Ein medizinischer Tricorder", sagte Branwyn selbstverständlich. "Das ist mein Fokus für die Lebenssphäre."

Anshara beguckte sich die anderen Gerätschaften und bekam gar nicht mit, wie die Zeit verging, als sie wieder in der Betrachtung der hypnotisch schillernden Chemikalien versank.

Kurz vor Sonnenaufgang kehrten Gereint und Jean zum Turm zurück und betraten das Labor. Jean seufzte, als er Anshara immer noch vor den Gläsern sitzen sah.

"Willst du nicht langsam zu Bett gehen?" fragte er.

"Hm? Oh! Ist es schon so spät?"

"Fast Sonnenaufgang."

"Oh je... Ja, dann muß ich wohl langsam."

Branwyn musterte das Kainskind leicht belustigt. Sie war eine angenehme Gesellschaft gewesen, denn sie hatte die meiste Zeit schweigend vor dem Erlenmeyerkolben meditiert. So eine Zuschauerin war akzeptabel.

Jean hingegen strafte seine Gefährtin mit Mißachtung, denn er war beleidigt, daß sie ihn nicht vermißt hatte.

Anshara guckte ihn leicht irritiert an, dann seufzte sie. Er war immer so furchtbar empfindlich. Sie trabte also zunächst in ihr Zimmer, wo sie sich diesmal ihrer Kleidung entledigte (die Sachen waren zerknittert genug). Tragisch bemerkte sie, daß sie unbedingt versuchen mußte, sich etwas neues anzuziehen besorgen. Mittlerweile waren ihre Sachen reichlich inakzeptabel. Schließlich schlief sie traumlos ein.

Immer noch verstimmt, beschloß Jean, bei Gereint zu bleiben. Außerdem wollte er versuchen, diesen dazu zu überreden, für eine Weile mit nach Paris zu kommen.

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Kapitel 4: Rückkehr nach Paris

Man schrieb Donnerstag, den 19. Dezember 1985, etwa 17:00 Uhr.

Diesmal waren Jean und Gereint schon kurz nach Sonnenuntergang auf, da es Jean tatsächlich gelungen war, seinen Bruder zu einem Ausflug nach Paris zu überreden.

Als Anshara zum Bad kam, war dieses gerade besetzt. Seufzend tigerte sie vor der Tür auf und ab, insbesondere, da sich die beiden Männer massig Zeit ließen. Sie wollten die Gunst der Tatsache nutzen, daß sie diesmal als erste im Badezimmer waren.

Branwyn kam als letzte die Treppe heruntergetrabt. Ihre Haare standen zerzaust in alle Richtungen ab, und sie trug einen silbernen Morgenmantel. Energisch klopfte sie an die Tür.

"Gereint, ich muß mal auf's Klo! Im Gegensatz zu dir pressiert es bei mir hin und wieder."

Die Tür öffnete sich, und Gereints Schopf zeigte sich. "So?"

"Genau so." Sie schmatzte ihm einen Kuß auf die Wange. "Guten Abend, mein Schatz."

"Dann komm rein."

"Danke. - Oh, Monsieur Jean! Würde es Ihnen etwas ausmachen, kurz zu verschwinden?"

"Ja - aber ich habe wohl keine Wahl", seufzte er, da er gerade im Begriff gewesen war, sich die Haare zu waschen.

"Danke." Die Magierin eroberte die Toilette für sich und seufzte erleichtert. "Also, manchmal beneide ich die Kainskinder..."

Gereint grinste. "Aber nur manchmal."

"Werdet Ihr da drinnen noch fertig?" moserte Jean.

"Doch, doch", rief Branwyn. "Ich wasche mir nur noch die Hände."

"Ohne Magie?"

"Abends meistens - sonst werde ich nicht wach." Sie spritzte sich auch eine ausgiebige Wassermenge ins Gesicht.

"Die Pfütze auf dem Teppich wird immer größer", bemerkte Jean, als er an sich herabsah. Gleich darauf kam Branwyn aus dem Bad, und Jean stürmte an ihr vorbei hinein, um sich fertig zu machen.

"Seufz", machte Anshara. Das konnte noch dauern.

Und tatsächlich verstrichen noch vierzig Minuten, bis die Männer endlich ihre Toilette beendet hatten.

Anshara gab einen weiteren Seufzer von sich und verschwand im Bad, während Branwyn in ihr Labor gegangen war, um sich magisch fertig zu machen, sonst gelänge es ihr heute bestimmt nicht mehr, sich anzukleiden.

"Beeil dich", mahnte Jean seine Gefährtin. "Wir wollen heute noch nach Paris zurück."

"Du hast dich auch nicht beeilt", maulte sie. Wenn er ihr schon zusah, konnte er sie eigentlich auch abschrubben, aber auf solche Ideen kam er natürlich nicht.

"Ich hatte ja auch Zeit, und außerdem muß ich gut aussehen."

"Ach, und ich nicht?"

"Du hast doch eh schon seit zwei Tagen dasselbe an."

"Deshalb wollte ich mit optimalem Styling von meinem indezenten Outfit ablenken." Sie sprang unter die Dusche.

"Hm."

"Leider passen mir Branwyns Sachen nicht. Warum sind nur alle so viel größer als ich?"

"Du bist eben so klein." Es ertönte ein fürchterlicher Seufzer aus dem rauschenden Wasser, und Jean lachte. "Gleich geht die Welt unter."

"Richtig", jammerte Anshara. "Meinst du, eine Streckbank hilft mir, größer zu werden?"

"Nein. Außerdem wärst du einen Tag später ohnehin wieder so klein wie zu Beginn."

"Vielleicht gibt es ja auch ein Ritual zum Körperwachstum. Ich muß Gereint unbedingt danach fragen." Jean grinste sie an, während sie weiter herumplantschte. "So, langsam geht es wieder", fand sie schließlich, als sie sich im Spiegel betrachtete. "Bis auf die Klamotten natürlich..."

"Allerdings", meinte er, wobei er ihr über die Schulter sah.

"Ich sollte unbedingt demnächst ein oder zwei Sätze Kleidung zum Wechseln im Auto deponieren. Wozu hat ein Mercedes so einen großen Kofferraum?"

"Stimmt."

"Du hast es ja gut, da du ungefähr so groß wie Gereint bist..."

"Ich bin schon ein Stück größer", korrigierte Jean grinsend. Anshara fand alle Leute ab etwa 1.75m riesig. "Gereints Sachen passen mir also auch nicht. Außerdem hat er so eine komische Vorliebe für Farbe."

"Türkis sähe an dir bestimmt nicht schlecht aus."

Er verzog das Gesicht. "Das macht mich viel zu dick."

"Wie kann dich irgendetwas zu dick machen, so schön schlank wie du bist?"

"In Schwarz gefalle ich mir eben besser", erklärte Jean, und Anshara seufzte. Er sollte unbedingt mal etwas Abwechslung in seine Garderobe bringen, fand sie. "Außerdem reicht es, wenn ich einmal im Jahr etwas anderes anziehe." Die Modeschöpferin Marie Dupont schaffte es in der Regel genau einmal im Jahr, ihn zu einer Vorführung ihrer aktuellen Collection zu überreden.

"Und ich kann dich wirklich nicht überzeugen?" Sie schmiegte sich an ihn. "Bitte, Jean - etwas in Türkis, ja?"

Er sah auf sie herab. "Hier habe ich ohnehin keine anderen Sachen. Mal sehen..."

"Oooooch, bitte!" Sie küßte ihn ausgiebig.

"Falls ich etwas passendes finde."

"Bestimmt! - Nebenbei, was meinst du, ob Branwyn mir etwas zum Anziehen zaubern könnte?"

"Ich weiß nicht."

"Dann werde ich sie fragen!" Anshara löste sich von Jean und trabte nach oben in das Labor, wo Branwyn gerade mit ihrer Ankleide fertig war. Sie trug einen violettglänzenden Colonel Deering-Overall aus der neuen Buck Rogers-Serie mit perlmuttfarbenen Stiefeln und Handschuhen. Anshara fand, daß das höchst faszinierend wirkte und bat die Magierin, ihr auch etwas zu organisieren.

"Hm", machte Branwyn gedehnt und musterte den goldockerfarbenen Hosenanzug, der wirklich eine Reinigung nötig hätte. "Ich kann dieses Kleidungsstück umwandeln", meinte sie. "Ihr braucht nur in die Strukturtransformatorkammer zu steigen." Sie deutete auf eine Art perlmuttschimmernde Duschkabine, an deren einer Seite ein Sensorfeld angebracht war. Anshara guckte zweifelnd, leistete der Aufforderung aber Folge.

"Was haben Sie denn so im Sinn?" fragte die Wissenschaftlerin.

"Hm... Etwas sauberes, das nicht zerknittert ist, am besten in Weiß mit Gold."

"In Ordnung." Branwyn schaltete an dem Tastenfeld herum, und innerhalb weniger Sekunden war Anshara in einen knallengen, glänzend weißen Overall mit goldenen Handschuhen, Gürtel und Stiefeln gehüllt. Sie trat aus der Kabine und sah an sich herab.

"Oh, danke!" Es war ein bißchen futuristisch, aber ansonsten okay, dachte sie und kehrte zu Jean zurück, während Branwyn begann, ihren tragbaren Materie-Fokus zu suchen.

"Tse", machte Jean, als er Anshara erblickte. "Willst du etwa Branwyn Konkurrenz machen? Ihr steht so etwas entschieden besser."

"Hm. Das hat sie mir gemacht, und ich wollte auch nicht herumquengeln. Nachher habe ich dann gar nichts mehr an oder so..."

"Viel Unterschied sehe ich da nicht."

"Aber es ist definitiv Stoff zwischen mir und der Umgebung, und außerdem ist es nicht zerknittert."

"Es kann auch gar nicht knittern. Aber so kannst du dich wirklich nicht auf die Straße wagen - du würdest sofort wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses eingesperrt werden."

"In den Filmen laufen die doch auch immer so herum..."

"In Filmen."

"Du kannst ja zu ihr gehen und sie fragen, ob sie mir etwas anderes kreiert. Mein Hosenanzug ist jedenfalls nicht mehr da."

"Dann muß ich wohl", seufzte Jean und machte sich, gefolgt von Anshara, auf den Weg ins Labor. Dort unterhielt sich Branwyn gerade mit Gereint.

"Huhu", begann Jean. "Störe ich?"

"Nein", meinte die Äthertochter. "Gereint hat mir nur erzählt, daß wir nach Paris wollen."

"Wir?" Jean war nicht allzu begeistert, daß Branwyn beschlossen hatte, mit ihnen zu kommen.

"Das hat er gesagt. - Also, was gibt es?"

"Ich wollte nur wissen, ob das so sein muß." Er deutete auf Anshara.

"Sicher. Ist es mir nicht perfekt gelungen?"

"Nein."

"Nein?" erkundigte sich Branwyn verdutzt. "Was ist denn daran nicht in Ordnung?" Sie inspizierte den Overall kritisch.

"Das kann man in der Stadt nicht tragen."

"So? Was trägt man denn momentan in der Stadt?" Die Magierin war fast zwei Jahre kaum aus ihrem Labor gekommen und hatte nur über ihr Heimportal den einen oder anderen Besuch in der Großen Halle der Söhne des Äthers in Paris und in dem Horizontreich Gernsback Kontinuum gemacht.

Da letzteres mehr oder weniger eine Verstofflichung aller großen Space Operas aus dem Goldenen Zeitalter der Science-fiction darstellte, waren ihre augenblicklichen Modevorstellungen ein wenig jenseits der aktuellen Norm.

Jean versuchte, ihr einige tragbare Kleidungsstücke zu beschreiben. Branwyns Gesicht hellte sich auf, und sie machte ein paar Skizzen mit einem funkelnden Silberstift auf einen Folienblock machte. Dann mußte Anshara erneut in die Kabine treten, und als sie wieder herauskam, trug sie das weiße Prinzessin-Leia-Kleid aus Krieg der Sterne.

"Besser?" fragte die Tochter des Äthers.

"Geringfügig", meinte Jean.

"Hm-hm", brummte Branwyn Im nächsten Versuch wurde aus dem Kleid das Kostüm, das Dale Arden zu Beginn des neuen Flash Gordon Films trug.

"Das geht", erklärte Jean, aber Anshara blickte nicht sehr glücklich drein, da ihr das Teil viel zu bieder wirkte.

"Bitte, noch ein Versuch", wandte sie sich flehentlich an Branwyn.

"Na gut." Jetzt trug Anshara die Wintersachen von Prinzessin Leia aus Das Imperium schlägt zurück.

"Das kommt mir alles ziemlich bekannt vor", fand Jean.

"Ich mag halt Science-fiction-Filme", gab Branwyn zu. "Da habe ich auch viele Anregungen für meine Geräte her."

Jean seufzte. "Ich wundere mich nur, daß Gereint nicht so etwas anziehen muß."

"Ich kaufe mir meine Sachen lieber", warf dieser ein.

"Leider", bedauerte die Magierin. "Dabei finde ich die schwarze Kombination von Luke Skywalker aus Rückkehr der Jedi-Ritter so hübsch..."

"Ich hasse Schwarz", kam es von Gereint.

"Die Sachen von Buck Rogers wolltest du ja nicht."

"Das steht mir nicht."

"Aber die Sachen von Ivanhoe oder Lancelot..."

"Das paßt eben besser zu mir. - Und du bist natürlich wieder anderer Meinung."

"Sicher. Ich möchte dich zu gerne mal in der dunkelblauen Uniform aus Kampfstern Galactica sehen."

"Pah! Ich komme doch nicht aus der Zukunft. Außerdem mag ich keine Uniformen."

"Dabei gibt es einige mit wirklich hübschen Designs."

"Diese Anzüge sind generell eine Zumutung. Denk daran, ich war ein Barde und kein Kampfpilot!"

"Oh", machte Anshara fasziniert. "Heißt das, Ihr könnt richtig singen und ein Instrument spielen?"

"Barden haben das so an sich..."

"Spielt Ihr mir etwas vor?"

"Mal sehen. Vielleicht wenn wir irgendwann Zeit haben."

"Können wir jetzt langsam fahren?" wollte Jean wissen.

"Ich bin jedenfalls fertig", erklärte Branwyn, die nach einem Kurzaufenthalt in der Strukturtransformatorkammer nun auch in den Leia-Winterklamotten steckte. Sie stopfte noch rasch Kombizange, Stift und den Folienblock in einen Rucksack, ehe sie mit einer Infrarotfernbedienung all ihre Geräte abschaltete und diese dann auch einsteckte.

"Laßt uns gehen, sonst wird es zu spät."

Die vier stiegen in den Mercedes, und Anshara fuhr die versammelte Mannschaft nach Paris.

* * *

Kurz vor Mitternacht kamen sie bei Jeans Haus an, und dieser wies den Besuchern erst einmal Zimmer zu.

Gereint bekam La Chambre de la Forêt, das Waldzimmer, das in Mahagoni und Smaragdgrün eingerichtet war, während Branwyn La Chambre de l'Automne, das in Gold, Orange und warmen Braunrottönen eingerichtete Herbstzimmer zugewiesen bekam.

"Jetzt kann ich mich auch endlich umziehen", seufzte Anshara begeistert, "obwohl diese Sache angenehm zu tragen und vor allem schön warm sind." Sie verschwand in ihren Räumlichkeiten und fragte sich, ob die von Branwyn herbeigezauberten Kleidungsstücke wohl dauerhaft waren oder irgendwann verschwänden. Zunächst einmal hängte sie sie in den Schrank, duschte sich noch einmal und kehrte dann in einer ihrer langen, weißen, ägyptischen Gewandungen zurück.

"So gefällst du mir besser", sagte Jean zufrieden. An diese Dinger hatte er sich im Laufe der Zeit wenigstens gewöhnt. Branwyn betrachtete die Ägypterin interessiert und machte sich im Geiste ein paar Notizen für die nächsten Kostümdesigns.

"Es sollte mal einen Science-fiction-Film geben, der sich ausgiebig mit der altägyptischen Symbolik befaßt", sinnierte sie. "Kampfstern Galactica zählt nicht - die haben außer den Helmen der Piloten, den Pyramiden von Kobol und den Hieroglyphen keine echten ägyptischen Entwürfe verwendet..."

"Kommt bestimmt noch", meinte Gereint. "Wenn den Regisseuren und Produzenten nichts anderes mehr einfällt."

"Das ist wahr - und was haben wir nun hier vor?" erkundigte sich die Magierin.

"Wie wäre es mit einem Einbruch?" schlug Anshara vor.

"Schon wieder?" seufzte Jean.

"Nicht in einen Laden... Es gibt doch bestimmt das eine oder andere lohnendere Objekt."

"Heute ist es dafür aber schon zu spät", erklärte ihr Gefährte. "Außerdem muß sich Gereint noch beim Prinzen vorstellen."

"Stimmt. Dann sollten wir zuerst das in die Wege leiten. Aber wir könnten uns doch schon mal überlegen, wo wir einbrechen können. Kunstwerke klauen ist ja leider nicht drin..."

"Ich würde es jedenfalls lassen", stellte Jean fest. Auf Kunstdiebstahl - insbesondere aus Elysien, wie die geschützen Gebiete der Kainskinder genannt wurden - stand im Machtbereich der Toreador eine Blutjagd.

"Allerdings könnten wir jemanden bestehlen, den Prinz Villon nicht mag."

"Da gibt es einige."

"Was haltet ihr von den Tremere?"

"Was willst du denn von denen?"

"Sie ausrauben natürlich! Die haben doch sicherlich viele wertvolle okkulte Gegenstände, oder?"

"Ich habe keine Ahnung, ich war noch nie bei denen."

"Bestimmt haben die das", versicherte Anshara. "Und wenn die sowas haben, dann kann man es auch mitgehen lassen."

"Nach meinen Informationen sind diese Möchtegern-Magier nicht ungefährlich, vor allem, wenn sie in Pulks auftreten", warnte Branwyn.

"Das meine ich auch", stimmte Gereint ihr zu.

"Aber mit vereinten Kräften müßte es doch gehen", fand Anshara.

"Kommt darauf an", meinte Gereint. "Gegen eine Übermacht haben wir jedenfalls keine Chance."

"Dann müssen wir sie austricksen."

"Nur wie?"

"Darüber muß ich noch nachdenken", erklärte Anshara.

"Tu das", sagte Jean.

"Ich bleibe lieber hier, wenn du dich vorstellen gehst", gab Branwyn von sich. "Ich fürchte, man würde mich wiedererkennen, und die Typen von der Iteration X sind überhaupt nicht gut auf mich zu sprechen."

"Ganz zu schweigen davon, daß Kainskinder normalerweise etwas gegen Magier haben..." Gereint grinste sie schief an.

"Abgesehen davon, daß ich eine Wissenschaftlerin bin, bin ich doch ganz harmlos."

"Manchmal", meinte Gereint.

"Meistens. Aber ich kann darauf verzichten, von ein paar HIT-Marks durch die Straßen von Paris gejagt zu werden."

"Also solltest du lieber hier auf mich warten."

"Mache ich. Sehnsüchtig!" Sie wühlte in ihrem Rucksack herum.

"Und keine Explosionen bitte."

"Keine Sorge - ich will nur kurz meinen Desintegratorstab neu justieren, falls doch einer der Männer in Schwarz oder so hier auftaucht."

Gereint sah an sich herab. "Ich muß mich noch umziehen. So kann ich beim Prinzen jedenfalls nicht erscheinen - das sind nur ein paar von meinen ältesten Wohlfühlklamotten."

"Das wäre sinnvoll, denn Prinz Villon achtet sehr auf das Äußere", warnte Anshara.

Branwyn kramte weiter in ihrem Rucksack herum und zog zwei silberne Stangen heraus und stellte sie auf dem Tisch auf, ehe sie ihre Fernbedienung nahm und daran herumschaltete. Auf einmal erschien eine Kugel über den Stangen, die das aktuelle Fernsehprogramm in 3D zeigte.

"Willst du etwa fernsehen?" fragte Gereint.

"Ihr geht doch zum Prinzen. Außerdem wollte ich doch ausprobieren, ob es mir endlich gelingt, die Programme aus der Zukunft zu empfangen."

Sie starrte auf ihre Armbanduhr, die nur Farbsektoren und keine Zeiger oder Ziffern hatte. Auf einmal sah man das Bild einer vage zylindrischen, bläulich grauen Raumstation vor poppig buntem Hintergrund.

"Dann hast du ja Beschäftigung", fand Gereint. "Ich ziehe mich eben um, dann können wir gehen."

"Klar. Oh, schon wieder Werbung... 'Das Auto des Jahres 96'... - Eh, es hat geklappt!" rief die Magierin.

"Fein. Bis gleich, Bran."

"Bis gleich." Sie winkte abwesend und betrachtete verzückt das 3D-Bild. Man konnte sogar um die Projektion herumgehen und sich die Rückseite der Bilder ansehen.

"Ich ziehe mich auch besser um", warf Jean ein und verschwand in seinem Zimmer. Anshara war zum Glück bereits fertig und bürstete ihre Haare.

"Und das ist Fernsehen in zehn Jahren?" erkundigte sich Anshara neugierig.

"Nein, nein", winkte Branwyn ab. "Nur die Werbung und die Serie. Der 3D-Effekt ist meine Erfindung."

"Schade. Ich hätte gerne so einen Fernseher."

"Den gibt es vermutlich 2037."

Kurz darauf kam Jean zurück, natürlich wieder ganz in Schwarz gehüllt. Anshara umkreiste derweil fasziniert den 'Fernseher', um sich die Rückseite der Bilder anzuschauen. Das war zu faszinierend.

"Das Ding ist toll", wandte sich Anshara an Jean.

"Du bist doch eh schon fernsehsüchtig", entgegnete dieser.

"Sicher, aber hiermit kann man Sachen gucken, die es noch gar nicht gibt."

"Man kann auch abgesetzte Serien sehen", stellte Branwyn fest, die gerade etwas ausprobiert hatte. "Das hier ist zum Beispiel die dritte Season von Galactica." Sie deutete auf den Schirm, wo Commander Apollo Colonel Starbuck auf der Brücke Befehle erteilte."

"Können Sie mir auch so einen bauen?" bat Anshara die Magierin.

"Ich fürchte, das geht nicht. Das Gerät ist kein Talisman; ohne meine Kräfte funktioniert es nicht."

"Ein Glück", atmete Jean auf.

"Es ist unfair", seufzte Anshara. "Ich will auch eine Magierin sein!"

"Magier sein ist auch nicht immer ein Zuckerschlecken", bemerkte Branwyn. "Als Mitglied einer Tradition wird man dauernd von den Technokraten gejagt."

"Wo Gereint bloß bleibt", fragte sich Jean.

"Er will sich besonders schick machen", vermutete Branwyn.

"Es werden sich doch eh alle nach ihm umdrehen", meinte Jean.

"Dann will er sich vielleicht tarnen", schlug Anshara vor.

"Auch möglich."

"Aber langsam könnte er wirklich kommen!"

"Vielleicht ist er im Bad ertrunken?" mutmaßte Anshara.

"Wir sollten nachgucken."

Sie gingen hinüber zu Gereints Zimmer. Dieser stand ratlos im Raum zwischen zig Klamotten, in denen Odin vergnügt herumsprang. Anshara nahm wieder einen Sicherheitsabstand zu dem Ghoulhund ein, während sie Gereint zusah. Er war wirklich ein echter Toreador.

"Ich kann mich nicht entscheiden", jammerte er. "Hier ist doch nur ein kleiner Teil meiner Sachen - was ist, wenn nichts davon dem Prinzen zusagt?"

"Moment." Anshara stöberte herum, um etwas für ihn zu suchen. Nach etwa fünfzehn Minuten seufzte sie auf. "Du hast recht, ich kann mich auch nicht entscheiden."

"Und du meinst, ich müßte ein Tremere sein."

"Ich nehme alles zurück."

"Gut. Aber was ziehe ich jetzt an?"

"Jean, hilf du doch mal!"

"Ich? Ich bin froh, daß ich schon angezogen bin."

"Wir könnten auch Branwyn fragen."

"Besser nicht", meinte Jean. "Das ist bestimmt wieder total unmöglich."

"Hm." Anshara zog zwei Stoffstücke und hatte ein Handtuch und einem Waschlappen in der Hand. "Das war auch nichts", stellte sie fest. Das nächste Teil, das sie zog, war Smaragdgrün und besser.

"Etwas altmodisch", kommentierte Jean.

"Paßt aber perfekt zu Gereints Augenfarbe. Er sieht sowieso toll aus."

"Ich hasse es, wenn mich alle angucken", maulte Gereint.

"Ihr seid einfach zu hübsch, um ignoriert zu werden."

Gereint seufzte. "Ich mag es aber nicht. Wäre ich bloß in meinem Turm geblieben!"

"Och, Gereint." Anshara lächelte ihn schmelzend an, und er senkte den Blick. "Da müßt Ihr halt drüber stehen. So, und nun zieht einen warmen Mantel über, dann können wir los."

"Hm", machte er nur und nahm einen passenden grünen, pelzgefütterten Umhang aus dem Schrank.

"Prima." Sie düsten also endlich los, verabschiedeten sich von Bran und fuhren mit einem Taxi zum Louvre.

"Ich finde diese Vorstellungen so überflüssig", grummelte Gereint.

"Prinz Villon ist leider anderer Ansicht."

"Er könnte ja mal eine Ausnahme machen."

"Ihr könnt ihn ja fragen, vielleicht habt Ihr ja Glück."

"Das bezweifle ich. Normalerweise brauche ich nur einen Fuß in den Louvre setzen, und es gibt eine Katastrophe."

"Warum das?"

"Es ist eben so."

"Was ist denn beim letzten Mal passiert?"

"Es war peinlich. Alle haben mich angesehen."

"Bestimmt, weil Ihr so wunderschön seid."

"Ach was", meinte Gereint peinlich berührt.

"Ich würde Euch gerne zeichnen, aber ich kriege nur die üblichen ägyptischen Bilder auf die Reihe."

"Ich lasse mich sowieso nicht gerne malen, fotografieren oder was auch immer."

"Eigentlich schade", fand Anshara, nahm ihren Notizblock und machte eine Skizze von Gereint, wie sie ihn sah. Das Bild wirkte wie eine der Wandmalereien aus den Pyramiden: zweidimensional und in der eigenwilligen ägyptischen Perspektive, die Kopf, Arme und Füße von der Seite, aber den Oberkörper und die Augen von vorne darstellte.

"Sieht amüsant aus", fand er.

"Naja, ich sagte ja, ich muß noch lernen, wie man neuzeitlich malt."

"So ist es aber einzigartig."

Sie erreichten den Saal, in dem sich Kainskinder zumeist aufhielten, und Gereint zögerte sogleich wieder, diesen zu betreten. Anshara hängte sich bei ihm ein und zog ihn mit sich, wobei sie unverbindlich nach links und rechts lächelte, während sie auf Monsieur Rodé zusteuerte.

Gereint sah sich ängstlich nach allen Seiten um.

"Keine Panik", versuchte Anshara ihn zu beruhigen. "Ich bin ja bei Euch."

"Ich habe aber Panik. Ich will hier raus!"

"Erst müßt Ihr beim Prinzen vorstellig werden."

"Ich habe ein Problem mit den vielen Leuten hier. Die beobachten mich alle."

"Sonnt Euch doch einfach in der Bewunderung. Lächelt zurück!"

"Das macht es nur noch schlimmer."

"Im Gegenteil! Die Leute freuen sich und behandeln Euch umso besser."

"Versuchen kann man es ja mal..."

"Genau." Sie lächelte ihm ermutigend zu. Gereint versuchte, seine Panik zu überwinden und straffte die Schultern, bevor er ein unverbindliches Lächeln aufsetzte. Anshara war ein wenig beruhigt; er wirkte nicht mehr ganz so wie ein gehetztes Reh. "Da vorne ist ist Monsieur Rodé. Wir fragen ihn, ob es dem Prinzen genehm ist, daß Ihr bei ihm vorsprecht."

Sie machte den Berater des Prinzen auf Gereint aufmerksam, und er sprach mit ihm. Prompt wurde er zu François Villon weitergeleitet, und Anshara wich nicht von seiner Seite.

Gereint stellte sich bei dem Prinzen vor, und dieser erkundigte sich nach dem Grund seines Aufenthalts und der Dauer.

"Auf dem Land war es einfach mal wieder langweilig", erzählte Gereint.

"Ah. Und wie lange wollt Ihr bleiben?"

"Ich weißt nicht. Bis mich die Stadt ermüdet."

"Wenn Ihr länger als eine Woche bleiben wollt, müßt Ihr eine Vorführung darbieten."

"Ich weiß", meinte Gereint.

"Wir könnten ja zur Sicherheit schon einmal einen Termin für die Präsentation vereinbaren", meinte der Prinz.

"Am besten gleich, bevor ich es mir anders überlege."

"Das wäre eine nette Ergänzung des heutigen Abends", überlegte Villon. "Wollt Ihr uns wieder etwas auf Eurer Harfe vorspielen?"

"Ja, aber ich habe sie nicht dabei."

"Das läßt sich regeln." François Villon wechselte einige Worte mit seinem Berater, und der kam bald darauf mit einer antiken Harfe zurück. Gereint nahm sie vorsichtig entgegen.

"Das ist ein wunderschönes Stück", stellte er fest.

"In der Tat. Sie ist allerdings momentan nicht gestimmt", entschuldigte sich Yves Rodé.

"Das macht nichts." Gereint begann sogleich damit, das Instrument zu stimmen. Der Prinz betrachtete ihn voller Vorfreude, denn er hatte schon einige Darbietungen des Barden genossen.

Mit dem Fuß angelte Gereint nach einem Hocker und ließ seinen Umhang darauf fallen, bevor er sich setzte. Langsam begannen sich die anderen anwesenden Kainskinder um ihn zu scharen.

Gereint war mit dem Stimmen der Harfe so beschäftigt, daß ihn das gar nicht störte. Anshara sah sich nach Jean um, da sie ihre Pflicht erfüllt hatte, Gereint an der Flucht zu hindern.

Jean hatte sich in der Nähe einen guten Platz gesucht. Er wollte die Vorführung seines Bruders nicht verpassen. Dieser begann nun, nachdem er das Stimmen abgeschlossen hatte, zunächst ein paar Tonfolgen, um sich an das Instrument zu gewöhnen.

"Ich bin ja mal gespannt, wie Gereint spielt", wandte sich Anshara an Jean und seufzte. "Ich möchte auch ein Instrument spielen können."

"Dann mußt du es lernen."

Inzwischen hatte Gereint mit einem einfachen Lied begonnen, denn die Harfe war immer noch etwas ungewohnt für ihn.

"Ich muß noch soooo viel lernen", bemerkte Anshara mit einem tragischen Blick. "Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Soll ich erst malen lernen oder erst ein Instrument? Ich kann mich einfach nicht entscheiden. Töpfern oder Bildhauerei oder Schreiben würde mir ja auch gefallen."

"Dann mach doch alles."

"Alles auf einmal schaffe ich nicht."

"Dann entscheide dich."

"Ich versuche es. Was soll ich denn für ein Instrument wählen, wenn ich mich für die Musik entscheide?"

"Warum fragst du mich? Ich habe von Musik keine Ahnung." Er wandte sich lieber wieder Gereint zu, der gerade ein sehr altes, keltisches Lied spielte.

"Das klingt toll", stellte Anshara fest. "Vielleicht sollte ich ja Harfe lernen."

"Vielleicht bringt Gereint es dir ja bei."

Dieser hatte mittlerweile seine Umgebung total vergessen und spielte, was ihm in den Sinn kam.

"Wie lange muß man wohl üben, um so gut zu werden?" wollte Anshara wissen.

"So dreihundert bis vierhundert Jahre, denke ich."

"Oh-oh, ich glaube, ich mache doch lieber etwas anderes."

Gereint hatte derweil seine Vorstellung beendet und wurde mit einem frenetischen Applaus von allen Seiten bedacht. Er gab die Harfe an Monsieur Rodé zurück.

"Ich hoffe, Ihr seid zufrieden, mein Prinz", wandte er sich an Villon, und der nickte.

"Es ist wie immer ein Vergnügen, Euren Darbietungen zu lauschen."

"Dann darf ich hoffen, die Erlaubnis zu erhalten, in der Stadt zu bleiben?"

"Sicherlich, Monsieur Gereint, solange Ihr mir die Gunst Eurer Lieder schenkt."

"Gerne."

"Dann amüsiert Euch gut in meiner Stadt. Ihr kennt ja die Regeln." Er machte eine Geste, die Gereint bedeuten sollte, daß er nun entlassen war.

"Natürlich." Gereint sammelte seinen Umhang ein, verbeugte sich elegant und ging zu Jean und Anshara hinüber. Die Ägypterin strahlte ihn an.

"Das war wundervoll!"

"Ich kam mit der Harfe nicht so gut zurecht", meinte Gereint. "Ich habe ein paar Mal daneben gegriffen, denn das Instrument ist für jemanden mit größeren Händen gedacht. - Da fällt mir gerade auf, heute ist kaum jemand da, den ich kenne."

"Soll ich Euch ein paar der Leute vorstellen?" Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm Anshara ihn bei der Hand und führte ihn zu einem kupferhaarigen, hochgewachsenen Mann in eleganter Kleidung.

"Das ist Julien Clarice. Er ist Maler. Julien, das ist Gereint, Jeans Bruder."

"Hallo", eröffnete Gereint schüchtern.

"Sehr erfreut", entgegnete Julien.

Anshara lächelte ihm freundlich zu, ehe sie ihren Schützling zu einer Punkerin mit schulterlangen, dunkelblauen Haaren führte, die eine nietenbesetzte Lederjacke, Stahlketten, Springerstiefel und eine zerfetzte schwarze Jeans trug.

"Das ist Natalie", erklärte Anshara. "Sie malt die herrlichsten Straßenbilder."

"Hi Ansh", knurrte die junge Vampirin. "Wer ist denn der Süße an deiner Seite?" Sie hatte eine wilde Kriegsbemalung im Gesicht, kaute auf einem Kaugummi herum und schwenkte lässig eine Zigarette in der Hand herum.

"Das ist Gereint; er ist ein Barde." Natalie stieß einen anerkennenden Pfiff aus. Gereint war das natürlich peinlich, und er sah zu Boden. "Nat ist übrigens auch eine Toreador", erläuterte Anshara.

"Ich bin sehr erfreut, Eure Bekanntschaft zu machen", sagte er höflich.

"Fein", kam es von Natalie. "Würdest du vielleicht mal für mich Modell sitzen?" Sie maß ihn mit einem prüfenden Blick und zog einen abgewetzten Lederrucksack zu sich heran.

"Wofür?" wollte Gereint neugierig wissen.

"Meine Straßenbilder natürlich. Um genau zu sein würde ich eine Skizze von Dir machen, die ich dann später draußen mit Kreide umsetze. Ich brauche auch nicht lange."

"Ich weiß nicht..."

Natalie kramte kurzerhand einen zerfledderten Skizzenblock und einen weichen Bleistift aus ihrem Rucksack, ehe sie begann, Gereint auf das Papier zu bannen. Der betrachtete das interessiert. Nach einer Minute war ein exzellentes Portrait von ihm fertig.

"Das ist wirklich gut", fand Gereint.

"Danke." Sie signierte das Bild und überreichte es ihm, bevor sie rasch ein weiteres für sich anfertigte. Gereint beobachtete, wie die Zeichnung Gestalt annahm.

"Das mache ich für mich", sagte Natalie.

"Na gut."

"Dafür hast du auch einen Original-Colbert als Gage bekommen."

"Ich werde ihn gut aufheben."

"Das möchte ich dir auch geraten haben!" Natalie befand sich - wie sie meinte - zur Zeit auf einem kometenhaften Aufstieg. "Immerhin ist es ein Original."

"Ich werde schon einen würdigen Platz finden."

"Gut." Natalie hatte ihre Skizze nun auch beendet, winkte noch einmal und zog dann zu einer anderen Gruppe. Anshara sah ihr amüsiert hinterher.

"Sie mag Euch. Sie hat kein einziges Mal 'Scheißkerl' gesagt oder versucht, Euch anderweitig zu beleidigen."

"Ist das gut?"

"Allerdings. Das heißt, sie wird Euch auch demnächst weder zusammenschlagen oder sonst etwas unangenehmes tun. Natalie ist manchmal ein wenig ruppig."

"Dann kann ich ja froh sein, daß sie zu mir so nett war."

"Stimmt. Das lag nur daran, daß sie hübsche Männer mag... - Mal sehen, wer hier noch so herumspringt. Hm, Marcel ist in Le Club des Vampires..."

"Ist das nicht der mit dem lauten Getöse? Dann ist es besser, daß er nicht da ist."

"Eigentlich ist er ganz nett."

"Aber so laut!"

"Das ist wahr. - Marie ist auch unterwegs..."

"Das ist schade. Sie entwirft immer so schöne Sachen."

"Stimmt. Sie schafft es sogar, daß Jean ab und zu nicht-schwarze Sachen trägt, und dabei ist es mir in den letzten drei Jahren noch nicht gelungen, ihn dazu zu bewegen."

"Ich glaube, er sperrt sich aus Prinzip, dabei stehen ihm farbige Sachen sogar viel besser als dieses ewige Schwarz."

"Ich wüßte gerne, warum."

"Keine Ahnung, ich weiß nicht, was er denkt."

"Und ich kann leider auch keine Telepathie..."

"Ich eigentlich schon", bemerkte Gereint.

"Seufz, alle können immer so viel, nur ich nicht", beschwerte sich Anshara.

"Ich habe auch wesentlich mehr Zeit zum lernen gehabt."

"Könnt Ihr mir vielleicht beibringen, wie man Telepathie einsetzt?"

"Ich glaube nicht. Ich kann nicht gut erklären."

"Das mit dem Ritual habt ihr aber gut erklärt, fand ich."

"Das war ja auch leicht."

"Und was ist an Telepathie schwerer?

"Das Erklären. Außerdem habe ich jetzt dazu überhaupt keine Lust. - Irgendwann mal..."

"Na gut..."

"Sind hier noch mehr interessante Leute?" wollte Gereint wissen.

"Hm." Anshara sah sich um. "Die Dame da hinten ist die Brujah Nadine Bakary. Sie hat es geschafft, daß Prinz Villon im Moment sogar wieder Brujah in Paris duldet."

"Die Brujah sind meist gar nicht so schlimm wie ihr Ruf."

"Viele von denen sind ziemlich brutal! - Naja, aber Nadine ist ganz in Ordnung. Nur mit ihren Wurfmessern ist sie extrem gefährlich, obwohl sie sich hauptsächlich für Finanzen interessiert. Da ist sie fast so schlimm wie eine Ventrue."

"Jedem das seine."

"Genau. Ansonsten mußt du mal Jean fragen, ob er meint, dir noch jemanden vorstellen zu müssen."

"Er ist höchstens der Ansicht, daß es Zeit sei zu gehen. Er hatte noch nie viel für andere Leute übrig."

"Och, es geht eigentlich. Mir hat Jean jedenfalls eine ganze Menge Leute vorgestellt."

"Man ist in Paris gezwungen, viele Leute zu kennen."

"Das habe ich auch schon gemerkt. Und leider gehören dazu auch viel zu viele Nervensägen, wie zum Beispiel Romain Destart..."

"Ach ja, der..."

"Oder Marianne Caledieux..."

"Der Name sagt mir nichts."

"Sei froh. Die ist eine totale Tratschtante. Wenn du irgendetwas bestimmt nicht wissen willst, wird Marianne es dir erzählen."

"Aber ich höre gerne Gerüchte