Les premières nuits à Paris

(c) 1995 by Shavana & Stayka

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Kapitel 1: L'Arrivée

Man schrieb Samstag, den 2. Januar 1982, etwa gegen 1 Uhr nachts.

Die Caravelle der Air France setzte auf dem neuen Großflughafen Charles-de-Gaulle im Nordosten von Paris auf, der etwa 30 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt war.

"Voilà. - Jetzt bist du in Frankreich", sagte Jean LeCartres auf Englisch zu seiner Begleiterin Anshara, als sie die Gangway hinabgingen. Der Franzose war ein ganz in schwarz gekleideter, hochgewachsener junger Mann Anfang zwanzig. Er sah auf die kleine Ägypterin herab, die ihm knapp bis zur Schulter reichte und sich neugierig umsah.

"Wow", machte sie andächtig. Bislang hatte sie die meiste Zeit ihres Unlebens in Karnak und Luxor sowie in den Vereinigten Staaten verbracht, und Europa war ihr weitestgehend fremd. In der letzten Woche hatte sie das falsche Flugzeug erwischt und war versehentlich in Frankfurt am Main gelandet, wo sie Jean kennengelernt hatte, der ihr nun seine Heimatstadt Paris zeigen wollte.

"Endlich daheim", meinte Jean zufrieden. Er hatte etwas über schulterlange, schwarze Haare und sah nachgerade phänomenal gut aus, was durch seine tief türkisfarbenen Augen noch verstärkt wurde.

Anshara sah zu ihm hoch und seufzte. 'Daheim'? Ihr Zuhause existierte seit über 3800 Jahren nicht mehr. Einst war sie eine Priesterin im Tempel der Ma'at in Karnak gewesen, bis ein Vampir - Kainskind, verbesserte sie sich gedanklich - ihr den Kuß ewigen Lebens gegeben hat. Und ewiger Dunkelheit und Verdammnis, fügte sie melancholisch hinzu.

"In spätestens zwei Stunden sind wir bei meinem Haus", eröffnete Jean, der seit dem Jahr 1658 zu den Untoten gehörte. "Holen wir unser Gepäck."

Sie gingen zur Gepäckausgabe, wo die Koffer der Air France-Maschine auf einem Laufband an den wartenden Passagieren vorbeizogen. Schließlich erschien auf ihr umfangreicher Koffersatz, den Jean mit einem fatalistischen Gesichtsausdruck einsammelte.

"Wer soll das bloß wieder schleppen?" fragte er rhetorisch und suchte nach einem Gepäckwagen.

"Du", erklärte Anshara und nahm einige kleinere Stücke. Sie war knapp 1.60m groß und zierlich, und Körperkraft zählte nicht gerade zu ihren herausragenden Eigenschaften. Sie warf Jean einen koketten Blick aus ihren bernsteinfarbenen Augen zu. Der brummelte etwas und packte die Koffer auf einen gerade eroberten Gepäckwagen, der anschließend reichlich überladen wirkte.

"Suchen wir uns ein Taxi", schlug er vor. "Am besten ein großes."

"Wie wäre es mit einem LKW?"

"Ich bezweifle, daß wir einen solchen hier am Taxistand vorfinden werden." Er schob den Gepäckwagen dorthin und lud mit Hilfe des Fahrers die Koffer in das Auto. Dummerweise stellte sich heraus, daß außer dem Gepäck nun nichts weiteres in den Wagen paßte. Jean zog eine Grimasse und gab dem Fahrer an, zu welcher Adresse er die Koffer bringen sollte. Seine Begleiterin und er würden mit einem weiteren Fahrzeug nachkommen.

"Ich hoffe, der liefert die Sachen auch ordentlich ab", sorgte sich Anshara.

"Doch", beruhigte Jean sie. "Ich habe die Taxe schließlich nur angezahlt." Er hielt ihr die Tür des nächsten Wagens auf.

"Merci", versuchte sie sich an dem einzigen französischen Wort, das sie bislang gelernt hatte und stieg ein. Jean grinste, kletterte ebenfalls in das Fahrzeug und gab dem Fahrer die Adresse. Dieser machte sich gleich darauf hinter dem anderen Taxi her.

Bald standen zwei Autos vor Jeans Behausung, einem edlen Gebäude in barockem Stil, das etwas zurückgesetzt in einem gepflegten Garten lag.

Jean half den Fahrern, das Gepäck auszuladen und zu seinem Haus zu bringen, ehe er die beiden Männer entlohnte und ihnen ein großzügiges Trinkgeld gab. Als die beiden Wagen weggefahren waren, öffnete er die Haustür und machte eine einladende Geste.

"Willkommen in meinem Heim", sagte er.

"Oh danke." Anshara trat in den Flur und sah sich um. "Hübsch hast du es hier."

"Danke", erwiderte er und transportierte die Koffer hinein. "Soll ich dir zuerst dein Zimmer zeigen, damit du dich etwas frisch machen kannst?"

"Das wäre lieb." Anshara nahm die zwei kleinsten Koffer von denen, die mit ihren Sachen gefüllt waren und folgte Jean, der sich ebenfalls einige Gepäckstücke aufgeladen hatte. Er führte sie hinauf in den ersten Stock und öffnete ihr die Tür. Das Zimmer war mit exquisiten antiken Möbeln eingerichtet, die alle aus einem goldschimmernden Holz bestanden und teilweise mit passendem Stoff bezogen waren.

"Das ist ja herrlich", rief sie aus. "Da passe ich ja richtig hinein!"

"Finde ich auch", meinte Jean und betrachtete die hübsche junge Frau, deren helle Haut einen leichten Goldschimmer aufwies, und die wie meist goldenes Make-Up trug, das perfekt zu ihrem ockerfarbenen Hosenanzug paßte.

"Ich finde es erstaunlich, daß du deine Einrichtung nicht auch in Schwarz gehalten hast wie deine ganze Kleidung."

"Du hast ja bis jetzt nur ein Zimmer gesehen."

"Oh. Ist der Rest etwa schwarz?"

"Nein", meinte Jean vergnügt. "Nur ein Zimmer. Jedes hat eine andere Farbe. Bei diesem hier habe ich an meine Mutter gedacht; sie liebte diese Farben." Er stellte die Koffer neben das Bett. "Das Bad ist dort." Er wies auf eine schmale Tür.

"Ist da auch ein Ankleidespiegel?" Hier in dem Raum vermißte Anshara ein solches Utensil.

"Nein, aber hier." Er öffnete einen Schrank, dessen Türen von innen verspiegelt waren.

"Praktisch. Hier gefällt es mir", verkündete sie. "Da fällt mir ein - wie sieht es mit den Fenstern aus? Hast du lichtdichte Vorhänge?"

"Nein, aber etwas besseres. Hier sind die Schalter für die Rolläden." Jean zog die Vorhänge beiseite und gab den Blick auf die innen liegenden Rolläden frei. "Da die Fenster von außen verspiegelt sind, sieht man nicht, wenn der Lichtschutz tagsüber heruntergelassen ist."

"Du hast offenbar an alles gedacht", stellte Anshara bewundernd fest.

"Hier gibt es viele, die mir mit Rat zur Seite standen. In Paris leben sehr viele Kainskinder, und einige davon entwerfen Häuser."

"Prima. Sag mal, gibt es hier auch Parties?"

"Fast jede Nacht."

"Ich glaube, hier werde ich mich rasch eingewöhnen." Sie strahlte ihn begeistert an.

"Das würde mir gefallen. Ich suche schon länger jemanden, der La Chambre du Soleil - das Sonnenzimmer - bewohnen könnte."

"Jetzt hast du ja jemanden gefunden. Weißt du eigentlich, daß mein Name auch etwas mit 'Sonne' zu tun hat? Eigentlich heiße ich ja Anch-Ra, aber der Typ, der mir meinen Ausweis gefälscht hat, hat das wohl nicht richtig verstanden und mich Anshara geschrieben..."

"Wo ist da der Unterschied?"

"Hm. Moment. Hast du etwas zu schreiben?" Sie nahm einen Stift und einen Zettel von ihm entgegen und malte die Versionen auf, eine in Buchstaben, die andere in Hieroglyphen. "So. Anch-Ra heißt übrigens soviel wie Ra - also die Sonne - ist das Leben..."

"Paßt doch hervorragend."

"Seit einigen Jahren nicht mehr", seufzte sie.

"Also, ich finde, du strahlst immer noch."

"Vielleicht bin ich ja als Kainskind ein wenig fehlgeschlagen."

"Du bist jedenfalls das einzige, das ich kenne, das in dieses Zimmer paßt", erklärte Jean. "Allerdings bin ich auch ziemlich wählerisch, was meine Gäste betrifft."

"Dann muß ich dir ja danken, daß du mich als würdig empfindest, hier mein Domizil aufzuschlagen." Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte, ihm einen Kuß auf die Wange zu geben, was aber leider infolge des Größenunterschieds scheiterte. Jean sah auf sie herab.

"Was hast du vor?"

"Eigentlich wollte ich dir einen Kuß geben", seufzte sie und sah tragisch zu ihm hinauf.

"Sag das doch." Er hob sie hoch und stellte sie auf das Bett, und nun gelang es Anshara, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. "Du solltest immer einen Schemel bereit halten", kommentierte er belustigt.

"Oder eine Trittleiter", ergänzte sie, und er lachte.

"Oder du könntest dir jemanden suchen, der besser zu dir paßt."

"Ach nee, du bist schon okay", winkte sie ab. Jean grinste.

"Trotz meiner offensichtlichen Fehler?"

"Ja." Sie musterte ihn von unten bis oben. "Immerhin sind die zusätzlichen Zentimeter nicht überflüssig, sondern ausnehmend gut gebaut." Sie schlang die Arme um ihn, und er sah sie an.

"Ich finde, du paßt hervorragend in dieses Haus", äußerte er, und Anshara strahlte ihn an wie die Sonne, die ihren Namen zierte. "So, ich lasse dich nun besser allein, damit du dich erst einmal häuslich einrichten kannst. Wenn ich noch etwas von deinen Sachen in den anderen Koffern finde, bringe ich es dir vorbei. Jetzt muß ich erst einmal nachsehen, wie es um das Haus bestellt ist."

"In Ordnung." Sie begann, die Koffer auszupacken und den Inhalt in den Schränken zu verstauen.

Jean machte sich auf den Weg, das Haus zu überprüfen; er war schließlich fast drei Monate nicht mehr hier gewesen. Vorgestern hatte er zwar seinen Hausdiener Marc angerufen, damit dieser das Haus in einen bewohnbaren Zustand bringen sollte, aber nachschauen war allemal besser. Vor allem wollte er wissen, ob Marc auch frisches Blut vom Lieferservice für Kainskinder geordert hatte, denn er hatte keine Lust, schon in der ersten Nacht auf die Jagd gehen zu müssen.

* * *

Nach knapp einer Stunde brachte Jean Anshara die restlichen Kleidungsstücke, die sich zwischen seinen versteckt hatten und legte sie auf das Bett.

"Hier hast du noch etwas zum Einräumen."

"Ah, danke!" Sie stürzte sich prompt auf den neuerlichen Berg und sichtete und faltete alles sorgfältig. Einiges flog gleich in die Ecke; es handelte sich um die Sachen, die unbedingt einer Reinigung bedurften.

Jean schaute ihr fasziniert dabei zu. Er fand es zu interessant, wie jemand eigenhändig seine Sachen aufräumte. Das war wirklich bewundernswert.

"Da hinten ist eine Kiste für die schmutzige Wäsche", erklärte er und deutete auf einen goldbraunen, geflochtenen Wäschekorb.

"Prima." Anshara stopfte den Haufen aus der Ecke in den Korb, ehe sie den Deckel zuklappte und das darauf gehörende Deckchen wieder an seinen Platz rückte.

Sie musterte die nunmehr in ihren Schränken befindlichen Kleidungsstücke und seufzte.

"Ich brauche unbedingt noch ein paar Sachen", erklärte sie. "Es wäre toll, wenn wir demnächst einmal einkaufen gehen könnten."

"Machen wir auf jeden Fall."

"Hm. Und wir müssen irgendwie meine Sarkophage und den restlichen Kram aus Karnak holen."

"Ich werde mich darum kümmern", versprach Jean. "Es kann aber etwas dauern, da alles per Schiff hergebracht werden muß."

"Hauptsache, der Zoll findet das Zeug nicht - es handelt sich bei den restlichen Grabbeigaben von Nefer-Arishi schließlich um wertvolle Kunstschätze, und ich bezweifle, daß die ägyptischen Behörden akzeptieren würden, daß die mir gehören." Dabei war das doch nur ausgleichende Gerechtigkeit dafür, daß der Hohepriester Menekhat sie 3809 Jahre in dem Sarkophag hatte schmoren lassen, fand Anshara.

"Wir werden das schon arrangieren", beruhigte Jean sie.

"Gut. Aber erst muß ich jetzt noch etwas einkaufen. Ich habe doch fast gar nichts anzuziehen!" Ihre Sachen lagen schließlich größtenteils in ihrem Kleidersarkophag in der Grabhöhle bei Karnak.

"Ich hoffe, der Schrank reicht."

"Ja, ich brauche doch aber unbedingt etwas neues, wenn ich hier zu einer Party gehen will. Vor allem, wo die Pariser Mode so weltberühmt ist..."

"Chacun son goût. - Das ist wohl Geschmackssache", gab Jean zurück. "Manches ist mir definitiv zu modisch. Aber auf jeden Fall gibt es hier viele ausgefallene Boutiquen."

"Prima. Da muß ich überall hin."

Jean lachte. "Wir haben doch Zeit." Er sah zum Fenster hinaus in die Dunkelheit. "Und was möchtest du jetzt tun?"

"Wann wird es denn wieder hell?"

"In etwa vier Stunden."

"Dann lohnt es sich kaum noch auszugehen. Wie wäre es, wenn du mir erst einmal dein Haus zeigst? Und außerdem hätte ich nichts gegen einen kleinen Snack einzuwenden."

"Ich habe einen exquisiten Kellerbestand." Marc hatte wie stets all seine Lieblingssorten beschafft, und vor allem war alles absolut frisch.

"Grandios! Ganz wie ich es erhofft habe."

"Ich weiß, was ich meinen Gästen schuldig bin. - So, und jetzt laß mich dich herumführen. Suis-moi! Hier entlang." Jean hielt ihr die Tür auf.

"Danke - äh, merci", fand sie eine neuerliche Anwendung für ihr ganzes Wissen an Französisch.

"S'il te plaît", meinte Jean belustigt. "Bitte sehr. Hier in der ersten Etage sind hauptsächlich die diversen Schlaf- und Gästezimmer untergebracht, welche alle unterschiedliche Farben haben. Dies hier ist La Chambre de la Mer, das Meereszimmer", sagte er und öffnete die Tür zu einem Raum, der ganz in dunklem Holz und leuchtend dunkelblauen Stoffen gehalten war.

"Hübsch", kommentierte Anshara. Sie gingen weiter.

"Hier siehst du La Chambre de la Forêt, das Waldzimmer", erklärte er und gab den Blick auf einen Raum frei, der in Mahagoni und Smaragdgrün eingerichtet war.

"Toll!" Sie wanderten durch die diversen anderen Räumlichkeiten, die allesamt elegant und geschmackvoll dekoriert waren. "Und was ist auf den anderen Etagen?"

"Unten befinden sich zwei Salons und ein Lesezimmer sowie der Speiseraum und die Küche. Im Keller sind hauptsächlich Sachen gelagert, ebenso wie auf dem Dachboden."

"Hast du auch eine Bibliothek?"

"Im Lesezimmer gibt es einige Bücher. Die meisten sind natürlich in Französisch, aber es sind auch einige englische darunter."

"Hm. Hast du auch ein Französischlehrbuch für englisch- oder arabischsprachige Schüler?"

"Ich nicht, aber ich bin sicher, da läßt sich etwas organisieren."

"Das wäre praktisch."

"Ich werde mal nachfragen."

"Merci", strahlte sie.

"Ich glaube, ich sollte dir wenigstens ein zweites Wort beibringen. Laß mich überlegen... Wie wäre es mit oui? Das heißt ja."

"Ah, oui", machte Anshara prompt.

"Jetzt kannst du wenigstens zu allem ja sagen."

"Hm. Nur zur Sicherheit - was heißt nein?"

"Das erfährst du morgen." Jean betrachtete sie amüsiert. "Ich glaube, langsam habe ich Hunger."

"Ich auch." Sie musterte mal wieder seinen - wie sie fand - überaus appetitlichen Hals. Jean gab ihren Blick ebenso zurück. "Aber du erwähntest ja deinen gut bestückten Getränkekeller..."

"En effet", stimmte Jean gedankenverloren zu. "In der Tat."

"Sonst werde ich dich nämlich gleich mit Haut und Haaren auffuttern..."

"Kannst du gerne tun", meinte er grinsend.

"Huch! Aber dann bleibt von dir ja gar nichts mehr übrig..."

"Dann hättest du jedenfalls das Haus für dich allein."

"Ooch, weißt du, eigentlich gefällt mit der Inhalt ja..."

"Die Möbel?"

"Eher das unlebende Inventar."

"Das hast du noch gar nicht gesehen."

"Ich dachte dabei an dich." Sie runzelte die Stirn. "Äh, wer unlebt denn noch hier?"

"Niemand von besonderer Bedeutung. Nur ein paar Dienstboten."

"Männlich oder weiblich, lebendig oder nicht?"

"Drei weiblich, einer männlich."

"Hübsch?"

"Selbstverständlich."

"Hm. Ich hätte gerne auch einen oder zwei hübsche Herren als Dienstboten", überlegte sie.

"Dann schaff dir doch welche an. Aber du mußt dich alleine um sie kümmern. Solange sie mich nicht nerven, können sie auch hier unterkommen."

"Keine Sorge, ich sperre sie in einen Schrank, so lange ich sie nicht brauche. - Aber wie kriege ich die dazu, mir zu gehorchen?"

"Am besten, indem du sie zu Ghoulen machst. Das heißt, du mußt sie dein Blut trinken lassen."

"Oh." Anshara guckte fasziniert. "Und die tun so etwas freiwillig? Als ich noch ein Mensch war, hätte ich den Gedanken, Blut zu trinken, total widerlich gefunden."

Jean lachte. "Jetzt aber nicht mehr, hm?"

"Nein, jetzt nicht mehr. Sonst hätte ich vermutlich auch ein Problem."

"Stimmt. - Allerdings brauchst du die Erlaubnis des Prinzen, um einen Ghoul zu schaffen", erklärte er. "Und die bekommt man nicht so einfach."

"Und wie hast du sie erlangt?"

"Ich habe so lange genörgelt, bis er sie mir erteilte. Aber ich habe ja auch nur einen Ghoul. Die anderen sind ganz normale Menschen, die keine Ahnung haben, was ich bin. Für's Saubermachen und Wäsche wegbringen etc. reichen die aus."

"Ach so. Hm. Ich hatte bislang noch keine Diener", sinnerte Anshara.

"Ich putze doch nicht selbst", erklärte Jean. "Dienstboten sind sehr praktisch. Vor allem, wenn man so unordentlich ist wie ich. Ich kann alles herumliegen lassen, es wird schon weggeräumt." Er bot ihr seinen Arm an. "Darf ich dich nun ins Gewölbe führen, wo ich meine erlesenen Getränke lagere?"

"Natürlich darfst du."

Sie gingen in den Keller herab. "Was darf es denn sein?" fragte er.

"Hast du etwas leckeres Süßes da?"

"Bien sûr. - Aber sicher." Jean suchte eine Flasche aus den Regalen. "Da vorne in dem Schrank sind die Gläser."

Anshara nahm zwei heraus und reichte ihm eines, nachdem er die Flasche geöffnet hatte. Er schenkte ein, und sie schnupperte an der tiefroten Flüssigkeit.

"Riecht nach mehr." Sie nippte daran. "Schmeckt auch so."

"Ich habe davon jede Menge. Wenn ich da bin, wird es täglich vom Lieferdienst gebracht, Marc kümmert sich darum."

"Es gibt extra einen Lieferdienst für Blut? Wie praktisch! Und Marc, das ist wohl dein Ghoul?"

"Richtig."

"Mh, wie heißt diese Marke denn? Die ist echt lecker."

"Das ist Lundi, meine Lieblingssorte aus der Collection de la Semaine."

"Muß ich mir merken. Gibt es noch mehr in der Richtung?"

"Naturellement.."

"Hier gefällt es mir immer besser." Sie leerte ihr Glas und hielt es ihm zum Auffüllen hin. Er schenkte ihr nach. Schließlich war die Flasche leer.

"Noch mehr?"

"Nein danke, ich bin rundum satt."

"Und jetzt? Ab in die Heia?"

"Ja, langsam bin ich doch ein wenig müde."

"Schaffst du es noch bis oben?" erkundigte sich Jean amüsiert.

"Wie weit ist es? Zwei Treppen?" Sie guckte zweifelnd. "Kannst du mich tragen?"

"Will ich dich tragen?" fragte er zurück.

"Oui!"

"Ich hätte dir doch das Wort für nein beibringen sollen", seufzte er.

"Oui", grinste sie.

"Ausnahmsweise, weil es heute deine erste Nacht unter meinem Dach ist", meinte er und hob sie hoch. Sie schlang ihm die Arme um den Hals und himmelte ihn an. "Falls ich nicht unterwegs zusammenbreche, heißt das..." Er machte sich also an den Aufstieg.

"Oooch Jean, ich bin doch ganz leicht", beruhigte Anshara ihn. Tatsächlich brachte sie kaum 45 kg auf die Waage, was sich aber bei zwei Stockwerken dennoch bemerkbar machte. Endlich war Jean oben und legte sie auf ihrem Bett ab. Sie zog ihn zu sich herab.

"Merci..."

"Ich dachte, du bist müde?"

"Sicher, aber ich hätte gerne eine Zudecke."

"Dafür bin ich doch zu schmal."

"Hm, dann muß ich dich wohl auf die Hälfte falten..."

"So?" machte Jean vergnügt. "Ich glaube, eine richtige Decke wäre wesentlich praktischer."

"Hm. Vermutlich. Auf jeden Fall wäre sie leichter." Sie gab ihm einen Kuß, und er drohte wieder, in ihren Bernsteinaugen zu versinken.

"Et après?" wollte er wissen. "Und nun?"

"Was immer du möchtest..."

"Was möchte ich denn?"

"Bei mir bleiben?" schlug sie vor.

"Dem wäre ich nicht abgeneigt. Aber so ist es etwas unbequem."

"Du kannst dich ja hinlegen."

Jean stieg aus seinen Stiefeln und ließ sich auf das Bett fallen. Anshara kuschelte sich an ihn; er war zwar nicht warm, aber knuffig. Jean brummte zufrieden. Er war froh, wieder zu Hause zu sein, und diesmal sogar mit netter Gesellschaft. Diese strahlte wieder einmal vor sich hin, und als er vergnügt durch ihre Haare wuschelte, begann sie prompt zu schnurren.

"Sowas Kuscheliges wie du hat mir hier noch gefehlt", stellte er fest, und sie gluckste auf, ehe sie ihn erstaunt ansah.

"Du hast in der ganzen Zeit nichts passendes gefunden?"

"Das ist gar nicht so einfach", machte er sie aufmerksam. "Wer will schon mit mir kuscheln?"

"Du bist doch so süß - wer will nicht?"

"Die meisten haben irgendwelche Hintergedanken", seufzte er, und Anshara schmiegte sich an ihn, um ihn zu trösten. Er fand das sehr nett und lächelte. "Du bist auch sehr süß."

"Ich bemühe mich." Sie gab ihm einen Kuß. "Aber du bist auch immer lieb zu mir, ja?"

"Bien sûr." Jean knabberte an ihr herum, und sie kicherte amüsiert.

"Oui! Oui!"

"Tse", machte Jean. "Heißt das, du willst mehr?"

"Oh, oui!"

"Ah, tu es vraiment jolie." Er sah Anshara tief in die Augen. "Hm. Mir scheint, du bist immun gegen meine Versuche, dich zu beeinflussen."

"Wieso? Wolltest du mich denn beeinflussen? Und in welche Richtung?"

"Ich wollte nur wissen, ob ich dich hypnotisieren kann."

"Kannst du denn andere Leute hypnotisieren?"

"Manchmal."

"Wovon hängt das ab?"

"Ob sich derjenige beeinflussen läßt."

"Hm." Sie runzelte die Stirn, und Jean betrachtete sie ausgiebig. "Also, irgendwie werde ich jetzt doch langsam müde..."

"Dann schlaf."

Sie schloß die Augen und rollte sich zusammen. Jean deckte sie zu.

"Merci", murmelte sie. "Und guten Tag."

"Bonjour, ma belle", sagte er leise.

Als Anshara in tiefem Schlummer versunken war, steckte Jean die Decke um sie fest und begab sich in sein Schlafzimmer.

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Kapitel 2: 2. Januar 1982

Samstag, der 2. Januar 1982, ca. 17:00 Uhr.

Anshara erwachte und schaute sich verdutzt um. Wo war sie denn nun schon wieder gelandet? Langsam kam die Erinnerung zurück. Jetzt war sie in Frankreich und logierte bei Jean. Sie wusch sich und kleidete sich an. Als sie fertig war, ging sie auf die Suche nach ihm. Sie öffnete eine Zimmertür nach der anderen und guckte nach.

Jean schlief noch in seinem Raum, der La Chambre de la Nuit, also Nachtzimmer hieß. Jetzt, wo er nach Hause zurückgekehrt war, konnte er mal wieder so richtig faulenzen, hatte er beschlossen.

Endlich hatte sie ihn gefunden und betrachtete fasziniert, wie seine helle Haut von der schwarzen Bettwäsche abstach. Sie schwebte zu ihm hin und gab ihm einen Kuß auf die Wange. Jean sah sie verträumt an; er war definitiv noch nicht ganz wach. Prompt bekam er einen weiteren Kuß, da Anshara das absolut süß fand.

"Seufz", machte er.

"Guten Abend. Die Sonne ist gerade untergegangen."

"Est-ce qu'il y a déjà si tard?" Jean streckte sich. "Ist es schon so spät?"

"Ist es. Wir müssen doch einkaufen gehen. Ach ja, und ich vermute, ich muß mich wohl hier auch erst beim Prinzen vorstellen."

"Ja. Hier ist es allerdings etwas komplizierter als in Frankfurt - hier mußt du dem Prinzen eine künstlerische Vorführung darbieten."

"Ich muß was?" Anshara guckte ihn entsetzt an.

"Der Prinz ist eben etwas eigen", erklärte er. "Du hast dafür eine Woche Vorbereitungszeit."

"Was kann ich denn machen?"

"Laß dir etwas einfallen."

"Meinst du, ein ägyptischer Tempeltanz qualifiziert in den Augen des Prinzen als Kunst?"

"Je ne sais pas. Keine Ahnung. Er wechselt seine Meinung ziemlich oft."

"Was passiert denn, wenn ihm eine Darbietung nicht gefällt?"

"Dann kann es unter Umständen sogar eine Blutjagd geben..."

"Nur weil etwas nicht den künstlerischen Ansprüchen dieses Prinzen genügt? Was machen denn die Leute, die überhaupt keine künstlerische Ader haben?"

"Nun, der Prinz ist auch an geistreichen Vorträgen interessiert, oder zum Beispiel bei Angehörigen des Clans Tremere an Vorführungen magischer Tricks."

"Hm-hm... Kannst du mir nicht vielleicht ein paar Tips geben?" Sie sah ihn hoffnungsvoll an.

"Mal sehen. Zunächst mußt du dich ohnehin erst einmal beim Prinzen sehen lassen. Er befindet sich meist im Louvre, da dieser ihm gehört."

"Und wo finde ich den Louvre?"

"Er liegt auf der anderen Seite der Seine. Für Kainskinder gibt es natürlich auch dort einen speziellen Eingang; ich werde dich am besten dort hinbringen."

"Du bist lieb! - Sag mal, was trägt man denn hier bei der Vorstellung beim Prinzen?"

"Am besten etwas Schönes."

"Laß mich überlegen... - Ah! Ich bin gleich wieder da." Sie trabte davon und schlüpfte in ein goldbraun und ockerfarbenes, langes Abendgewand von ungewöhnlichem Schnitt; es sah aus wie eine Mischung aus mittelalterlich und modern. Als sie zurückkehrte, betrachtete Jean sie anerkennend.

"Meinst du, ich kann mich so vor dem Prinzen sehen lassen?"

"Je le crois. - Ich denke schon. Du siehst wie immer bewundernswert aus."

"Danke", lächelte sie. "Ziehst du dich dann auch an, damit wir losgehen können?"

"Dann muß ich wohl aufstehen. Tu es cruelle", seufzte er. "Du bist grausam."

"Nur ein bißchen." Anshara setzte sich auf die Tischkante und betrachtete ihn.

Jean kletterte ächzend aus dem Bett, ehe er wie üblich ratlos vor seinem Schrank stand und seine Sachen musterte. Er nahm einige Kleidungsstücke, sah sie kurz an und warf sie dann zurück.

"Mir fällt die Entscheidung immer so schwer", meinte er und zog weiter Klamotten aus den Fächern.

"Dabei hast du doch nur schwarze Stücke! Was soll ich denn sagen - ich muß mich zunächst für eine Farbe entscheiden, ehe ich mich zu der rechten Form durchzuringen habe."

Jean seufzte und entschied sich dann doch für eine seiner üblichen Kombinationen, nur diesmal in der eleganten Variante.

"Was war daran jetzt so schwer?" wollte Anshara wissen.

"C'était un acte de pur désespoir." Er begann, seine Mähne zu striegeln. "Das war eine Verzweiflungstat."

"Soso. Sollen wir noch rasch einen Snack einnehmen oder sofort gehen? Ich halte es für sinnvoll, zunächst noch etwas zu futtern."

"Gut, dann laß uns in den Keller gehen. Ah, einen Augenblick..." Er ging zum Telefon und rief ein Taxi, damit sie anschließend gleich aufbrechen konnten, dann stiegen sie die Treppen hinab und leerten eine weitere Flasche Lundi im Kellergewölbe.

"So. Es-tu finie?" erkundigte er sich. "Bist du fertig?"

"Ja. - Ist mein Make-Up noch in Ordnung?"

"Ich finde, du siehst wie stets perfekt aus."

"Gut." Sie legte sich noch rasch einen dunkelbraunen Umhang um, ehe sie zum Taxi hinausgingen. In wenigen Minuten waren sie am Louvre, wo Jean Anshara zum Nebeneingang führte.

"Wow!" bewunderte sie das gewaltige Bauwerk. Sie betraten das Gebäude, und Anshara sah sich fasziniert um.

"Jetzt müssen wir nur noch den Prinzen finden", sagte Jean.

"Du weißt doch hoffentlich, wie er aussieht?"

"Was dachtest du?"

"Gut. Ich verlasse mich ganz auf deine Expertise."

"Solltest du nicht tun. Ich bin nicht gerade der Meister in so etwas."

"Aber du weißt mehr als ich."

"Das schon."

"Also..." Sie bewunderte einige Ausstellungsstücke in ihrer Reichweite.

"Dann laß uns mal suchen."

"Moment!" Sie hatte gerade ein besonders interessantes Bild entdeckt, das sie verzückt betrachtete.

"Viens", drängte Jean, "Komm schon." Er packte sie beim Arm und zog sie durch die Gänge. Anshara schmollte und sah immer wieder zu den Kunstwerken herüber. "Du kannst nachher gucken."

"Na gut." Widerstrebend folgte sie ihm, wobei sie natürlich ständig weitere interessante Dinge fand, die zu bewundern sie nun doch nicht verschieben konnte.

"Du bist ganz schön stressig", beschwerte Jean sich.

"Der Louvre ist ganz schön schön", verteidigte sie sich.

"Stimmt", gab er zu. Inzwischen hatten sie einen größeren Raum erreicht, in dem sich einige Kainskinder aufhielten. Anshara sah sich neugierig um.

"Und hier residiert also der Prinz von Paris? - Wo ist er denn nun?"

Jean sah sich suchend um.

"Le voilà." Er wies auf einen elegant gekleideten Enddreißiger mit pechschwarzem Haar, der von zwei Leibwächtern flankiert wurde. "Da vorne."

"Meinst du, ich darf mich ihm einfach so nähern und ihn fragen?" Sie guckte zweifelnd. In Frankfurt hatte sie den Prinzen schließlich auch nicht selbst zu Gesicht bekommen; Chris, ein Vertrauter des Prinzen, hatte diesen für sie gefragt.

"Nein, wende dich erst einmal an den Mann da drüben." Jean deutete auf einen Mann mittleren Alters, der irgendwie unscheinbar wirkte. "Das ist Yves Rodé, ein Sekretär des Prinzen."

"Gut." Anshara schwebte elegant zu ihm hinüber und machte einen Knicks; im Fernsehen sah das immer sehr wirkungsvoll aus. "Mister Rodé?"

"Oui?" erwiderte dieser fragend. Anshara fuhr auf Englisch fort; mit zwei französischen Worten konnte sie nicht ganz eine Konversation führen.

"Ich bin neu in Paris und möchte mich bei dem Herrn Prinzen vorstellen, wie es sich geziemt."

"So? Wie ist denn Euer Name?"

"Ich bin Anshara vom Clan Toreador."

"Bien", meinte er. "Ich hoffe, Ihr habt schon die Bedingungen zur Kenntnis genommen?"

"Was für Bedingungen?" Sie fragte lieber noch einmal bei der Quelle nach.

"Eine künstlerische Vorführung in Le Club des Vampires innerhalb von einer Woche. Der Club befindet sich auf einem Schiff auf der Seine und ist nicht zu übersehen."

"Ah. Welcher Art soll die Vorführung sein? Würde zum Beispiel ein Tanz aus meiner Heimat als adäquat angesehen werden?"

"Durchaus."

"Sehr gut. Darf ich während der Vorbereitungszeit notfalls hier jagen?"

"Ja. Die Jagdreviere der Toreador befinden sich auf der Ile St-Louis, in den Tuileries, in St-Germain-Des-Prés, auf dem Champs-Elysées und in Chaillot. Beaubourg und Les Halles sind offen für alle Clans, dort dürft Ihr also auch speisen. Denkt jedoch daran, Ihr habt Euch am 9. Januar um Mitternacht in Le Club des Vampires einzufinden, wo über Euren weiteren Verbleib entschieden wird."

Anshara guckte verdutzt. Das waren aber nur sechs Tage! Hm. Aber wenn der Prinz von Paris befahl, mußte man vermutlich springen.

"Ich werde da sein", erklärte sie also.

"Gut. Ich werde dem Prinzen melden, daß er Euch um diese Zeit erwarten darf." Er gab ihr noch allerlei Verhaltensmaßregeln für die Zwischenzeit.

Anshara bedankte sich artig, machte noch einen Knicks und ging zu Jean zurück.

"Nun?" fragte dieser.

"Ich soll am 9. Januar um Mitternacht in einem Le Club des Vampires auf der Seine etwas präsentieren. Der Sekretär hat gesagt, man kann den Club nicht übersehen. Weißt du, wo der ist?"

"Auf der Seine halt. Es gibt nur zwei oder drei Stellen, wo das Schiff immer liegt."

"Gut. - Aber jetzt muß ich gucken, damit ich ein Kleid für meine Vorführung finde."

"Stimmt, du solltest gut aussehen."

"Ich dachte da an ein langes, weißes Gewand, wie es die Tänzerinnen zu Hause immer trugen."

"Du könntest dir ja etwas machen lassen", empfahl er.

"Das ist eine gute Idee. Dann habe ich ja gleich zwei Kunstwerke vorzuführen. Das von mir entworfene Kleid und den Tanz, eines davon müßte ja wohl akzeptiert werden."

"Hoffentlich. Ich würde nur ungerne auf dich verzichten."

"Ich werde mich anstrengen. Wo kann ich mir denn so ein Kleid anfertigen lassen?"

"Bestell dir doch einen Schneider ins Haus. Es gibt hier einige gute", schlug Jean vor.

"Such du mir einen aus. Am besten einen, der auch Englisch kann."

"Ich werde mich darum kümmern."

"Prima." Sie strahlte ihn an. "Und ich bräuchte noch passende Musik. Dieses ganze neumodische Zeug paßt nämlich nicht zu unseren alten Tänzen."

"Die werden wir auch bekommen."

"Sehr gut. Meine Vorführung soll nämlich auf jeden Fall außergewöhnlich sein."

"Das wäre mal was", fand er. "Das meiste ist nämlich ziemlich öde."

"Oh, dann muß es hier ja wohl häufiger Blutjagden geben..."

"Manchmal." Er lächelte sie an, Anshara würde der Prinz bestimmt nicht jagen lassen, dachte er. "Und was machen wir nun?"

"Einen Schneider und passende Musik suchen."

"Bien."

Sie machten sich auf den Rückweg, wobei Anshara wieder bei den diversen Kunstwerken hängen blieb. Jean wartete geduldig auf sie, er kannte den Louvre ja schon zur Genüge.

"Hier könnte ich ein Zelt aufschlagen", seufzte sie.

"Soll ich dir mal etwas Schönes zeigen?" fragte er. Er zog sie in die ägyptische Ausstellung.

"Ooooh", machte Anshara hingerissen und bewunderte die Stücke. "Wie zu Hause."

"Ich finde die Sachen auch sehr hübsch", stimmte er zu.

"Verstehst du jetzt, warum ich so traurig darüber bin, wie Ägypten jetzt aussieht?" seufzte sie.

"Ja." Jean nahm sie in den Arm. Anshara schmiegte sich an ihn und blickte tragisch drein. Er fand es gar nicht gut, wenn sie so traurig guckte und strich ihr tröstend durch das Haar. Sie sah zu ihm hoch.

"Komm, gehen wir einen Schneider suchen", sagte sie.

"Ich brauche nur ein Telefon."

"Gut. Ich schlage vor, daß wir zu dir zurückgehen, dann kann er ja direkt bei dir vorbeikommen."

Jean hieß ihren Vorschlag gut, und so kehrten sie zu ihm nach Hause zurück.

* * *

"Monsieur Caradouc, der Schneider, wird in einer Stunde hier eintreffen. Du kannst ja schon mal überlegen, was du willst."

"Oh, ich weiß es schon ziemlich genau." Sie suchte sich einen Stift und einen Notizblock und begann, das zu skizzieren, was ihr vorschwebte. Jean sah ihr neugierig über die Schulter, als sie ein wehendes Gewand aus mehreren Lagen malte, das bis zu den Knöcheln reichte und von goldenem Schmuck ergänzt wurde. Amüsanterweise wirkte die Zeichnung genauso wie die ägyptischen Reliefs in den Museen: Die Figur war gnadenlos zweidimensional halb frontal und halb von der Seite dargestellt.

"Kannst du mit dem ganzen Zeug überhaupt tanzen?"

"Sicher. Unsere Tänze sind schließlich langsam und elegant." Sie stieg aus ihren Schuhen und demonstrierte ihm ein Stück. "Meinst du, das wird den Prinzen beeindrucken?"

"Das kann ich schwer abschätzen, aber ich finde es hübsch."

"Ich werde auf jeden Fall mein bestes geben, damit ich hier anerkannt werde", versprach Anshara.

"Dann gib dir Mühe. Ich werde dich auf jeden Fall bewundern." Er himmelte sie an, als sie eine alte, ägyptische Melodie summte und sich zu den Klängen wiegte. Er betrachtete sie, bis es klingelte.

Monsieur Caradouc war ein älterer Mann, nur wenig größer als Anshara, der unaufhörlich auf Französisch herumplapperte, kaum daß er den Raum betreten hatte.

"Ah, bonsoir, mademoiselle et monsieur", sprudelte er los. "Oh la la, vous êtes une très jolie jeune fille. Commençons! Qu'est-ce que vous voulez? Quoi est-ce que vous diriez d'une robe de velours rose?"

"Guten Abend", sagte Anshara auf Englisch. Der Schneider sah sie an wie ein ungewöhnliches Insekt.

"Mademoiselle?"

"Oui?" Das Wort konnte sie ja.

Schon plapperte der Mann wieder los. "Oh, je vous peux voir en une longue robe merveillieuse, d'une couleur très aimable... J'ai un tissu magnifique pour vous..."

Anshara sah hilfesuchend zu Jean herüber, doch der grinste sie nur an. Kurzerhand zog sie ihre Skizze hervor und hielt sie M. Caradouc hin. Der rümpfte die Nase und ließ einen weiteren Schwall französischer Worte auf sie los.

"Jean, was sagt der Typ?"

"Hm", machte Jean. "Er will wissen, warum du ihm ein ägyptisches Wandbild zeigst."

"Weil er mir das schneidern soll, natürlich."

"Er möchte dich aber lieber in rosa Samt sehen."

"Sag ihm bitte, daß ich einen ägyptischen Tanz am besten in einem ägyptischen Tanzkleid vorführen kann."

Jean tat dieses, und der Schneider quittierte dies mit gestenreichen Protesten, immerhin war das doch in keinster Weise in. Auch dieses wurde prompt übersetzt.

"Sag ihm bitte, das ist mir egal", soufflierte Anshara. "Ich will etwas Außergewöhnliches tragen."

"Extraordinaire! Ha!" rief M. Caradouc. "Je dis que vous fairiez la meilleur figure dans ce velour!"

"Er läßt sich den rosa Samt nicht ausreden", meinte Jean nach einiger Diskussion.

"Dabei paßt das doch überhaupt nicht zu mir."

"Ich weiß. Ich vermute, er hat sich verkauft und will das Zeug loswerden."

"Aber nicht bei mir", erklärte sie kategorisch. "Ich brauche etwas halbdurchsichtiges Weißes."

Jean redete weiter auf den Schneider ein, bis er einige Musterbücher aus seinem Koffer holte. Anshara deutete auf ein Stück weißen Chiffons. Ihr "Das da!" brauchte Jean nicht einmal zu übersetzen, und der Mann nickte mürrisch.

"Was hat er jetzt für ein Problem?" wollte sie wissen.

"Er mag es nicht. Er findet, so etwas ist unter seiner Würde - vermutlich, weil es nicht sein Design ist."

"Sag ihm, ich bin eine Künstlerin, und er soll sich geschmeichelt fühlen, daß ich ihn erwählt habe, meinen Entwurf umzusetzen", erklärte sie, was Jean unmittelbar übersetzte.

M. Caradouc bedachte sie mit einem tödlichen Blick, woraufhin Anshara ihn betont hoheitsvoll ansah und sich gar nicht bewußt war, wie sie auf einmal ihre vampirische Präsenz einsetzte, um ihn auf seinen Platz zu verweisen. Sogleich wurde er ein paar Zentimeter kleiner. Jean guckte sie überrascht an.

"Weißt du, was du gerade getan hast?"

Sie schaute mit großen Augen zurück. "Was denn?"

"Du hast gerade einen Teil deiner besonderen Kräfte eingesetzt - und zwar die Eigenschaft der Präsenz, vermute ich."

"Ah. Solange er dann tut, was ich sage, bin ich beruhigt. - Also?" Anshara deutete vehement auf ihre Skizze, woraufhin der Schneider nickte und ein Maßband zückte. Sie stellte sich in Pose und wurde millimetergenau vermessen, wobei Jean interessiert zusah, während er in Französisch auf den Mann einredete. Anshara fragte sich, worüber die beiden sich wohl unterhielten; es sah jedenfalls sehr angeregt aus. M. Caradouc nickte heftig, während Jean in den Musterbüchern blätterte.

"Worüber redet ihr?" wollte sie wissen.

"Über Mode", entgegnete Jean. "Ich war immerhin drei Monate nicht in Paris. Er meint, ich brauche definitiv neue Sachen."

"Ich könnte auch etwas Aktuelles gebrauchen", fand Anshara. "Nur keinen rosa Samt."

"Zur Zeit ist angeblich gerade Millefleur in allen Farben total in. Du weißt doch, diese furchtbaren winzigen Blümchen, die über den ganzen Stoff verteilt sind."

"Oh. Ich glaube, dann bleibe ich erstmal noch ein Weilchen out." Sie zog eine Grimasse. Blümchen! "Was ist denn in der nächsten Saison in?"

Jean und der Schneider wechselten ein paar Sätze. "Rot und Schwarz, sagt er."

"Meinst du, das könnte mir stehen?"

"Bestimmt."

"Dann teile ihm mit, er mag mir noch zwei Kleider entwerfen, wie sie in der nächsten Saison in sind."

Jean sprach mit ihm. Allerdings sagte er M. Caradouc nicht das, was Anshara ihm aufgetragen hatte, sondern gab ihm ganz spezifische Anweisungen. Er wußte, was er gerne an ihr sehen wollte...

"Nun? Was sagt der Mann?" hakte sie nach.

"Er ist einverstanden. Brauchst du sonst noch etwas?"

"Hm. Ah! Ich glaube, ein schwarzer Kapuzenumhang wäre noch eine gute Idee."

"Bien." Jean gab die Anweisungen weiter.

"Das wäre dann alles. Wann ist denn mein Tanzkleid fertig?"

"Er sagt in zwei bis drei Tagen."

"Gut. Das reicht."

Der Hausherr begleitete den Schneider hinaus und kehrte anschließend zu Anshara zurück.

"Ich bin ja schon soooo gespannt", seufzte sie. "Jetzt brauche ich nur noch die passende Musik."

"Darum können wir uns morgen kümmern." Er betrachtete sie nachdenklich und fragte sich, ob seine Auswahl an Kleidern ihr wohl stehen würde. "Bis du zufrieden?"

"Oh ja!" Sie strahlte ihn an und summte wieder eine der alten Melodien. "Nur die Idee mit dem rosa Samt oder den Blümchen..."

"Mag ich auch nicht."

"Ich fasse es nicht, daß man so etwas heutzutage trägt." Plötzlich kicherte sie los. "Ich versuche gerade, mir vorzustellen, wie du im Blümchenlook aussehen würdest."

"Ich finde die Vorstellung nicht gerade toll", maulte er.

"Und was können wir jetzt noch unternehmen? Es ist doch noch nicht einmal Mitternacht."

"Wozu hättest du denn Lust?"

"Irgendwohin auszugehen. - Weißt du was? Ich ziehe mich jetzt um, und du führst mich in ein Etablissement, das zu meinem Outfit passt."

"Gut", stimmte er zu. Anshara rauschte nach oben und kehrte bald darauf mit einem rasanten knallroten Kleid zurück. Auch ihr Make-Up war diesmal nicht golden.

"Cela me plaît." Jean umrundete sie bewundernd. "Das gefällt mir."

"Prima. Ich wollte das ausprobieren, weil der Schneider doch etwas von Rot und Schwarz erzählt hatte. Also, wo gehen wir hin?"

"Ins La Lune Brillante. Warte bitte kurz hier, ich muß mich auch noch passend kleiden."

"Oui", lächelte sie.

Erstaunlicherweise war er schon nach fünf Minuten wieder zurück und trug nun etwas sportlichere schwarze Sachen. Anshara hatte schon ein Taxi gerufen und war froh gewesen, daß die Leute der Taxi-Zentrale offenbar keine Probleme hatten, Englisch zu verstehen. Aber sie mußte langsam wirklich Französisch lernen. Als sie dies Jean gegenüber erwähnte, nickte er zustimmend.

"Du hast recht. Aber so kann ich dir alles sagen, was ich möchte." Er ließ einen Schwall französischer Worte folgen, die sich hauptsächlich mit Ansharas Aussehen beschäftigen.

"Und was hast du nun gesagt?"

"Das sage ich dir bestimmt nicht. Das wäre mir zu peinlich."

"Oooch Jean", schmollte sie, doch der schüttelte energisch den Kopf. Sie schlang die Arme um seine Mitte, und er sah nachdenklich auf sie herunter.

"Ich mag dich", erklärte er. Sie schmiegte sich zur Antwort an ihn. Sie mochte ihn ebenfalls, auch wenn er ziemlich lang war.

Schließlich klingelte es an der Tür.

"Das wird das Taxi sein", stellte Jean fest. Anshara wickelte sich in ihren weißen Mantel, und sie machten sich auf den Weg zum La Lune Brillante.

* * *

"Oh! Das sieht interessant aus", meinte Anshara, als sie eintraten. Alles war in Mitternachtsblau eingerichtet, und in der Decke funkelten unzählige Glühlampen wie Sterne.

"Finde ich auch. Hier gibt es übrigens keinen separaten Bereich für uns, hier sind die Gäste gemischt."

"Das heißt, hier müssen wir in unseren Äußerungen etwas diskreter sein, hm?"

"Genau."

"Kriegen wir hier denn etwas Gutes zu trinken?"

"Ja, aber die Auswahl ist wesentlich geringer als zum Beispiel im Dark Mirror in Frankfurt." Er sah sich um.

"Was suchst du?"

"Interessante Leute. - Ah, da ist einiges, was sich lohnen würde..." Er seufzte. "Ich hatte schon länger nichts richtiges mehr zum Futtern. Flaschenkost ist eben doch nicht dasselbe."

"Allerdings", stimmte Anshara zu. "Ich habe in meinem ganzen Leben nicht soviel 'Flaschenkost' gehabt wie in der letzten Woche."

"Das hat einfach nicht den richtigen Biß", meinte Jean und reckte sich neugierig, um die Gäste zu begutachten. Anshara kicherte. "Dafür gibt es hier eine ganze Menge Auswahl an frischem Fleisch. Deshalb komme ich auch häufiger her, wenn ich in Paris bin." Er durchmusterte die Anwesenden. "Ich hätte Lust auf eine kleine Jagd in den hübschen dunklen Ecken, die es hier gibt."

"Ah, und das darf man hier?"

"Ich habe nie danach gefragt. Außerdem bin ich sehr diskret und hinterlasse keine Spuren."

"Daß heißt, du nimmst dir immer nur ein bißchen?"

"Naturellement. Alles andere wäre hier ein Problem. Auf jeden Fall ist es relativ einfach - wer sollte denen schon glauben? Immerhin gibt es keine Beweise, und falls sie etwas sagen, wird angenommen, sie hätten Drogen genommen oder wären betrunken."

"Hm. Ich weiß nicht, ob man das als 'Jagd' bezeichnen kann."

"Für mich ist so etwas immer eine Jagd, denn meist zieren sich die Damen ja etwas."

"Die Herren scheinen da weniger Probleme zu machen."

"Naja, die sind für mich nicht so sehr von Interesse."

"Dann kommen wir uns wenigstens nicht so leicht ins Gehege", fand Anshara.

"C'est vrai. Hast du schon jemanden im Auge?"

"Ja, da vorne. Guck mal, der schnuckelige Blonde, der da so traurig alleine herumsitzt."

"Der ist süß", stimmte Jean zu.

"Eben. Könnte mir direkt gefallen - aber leider ist er ja nur ein Snack."

"Tse", machte Jean vergnügt.

"Ich lasse ihn auch ganz", versprach sie. "Dann kann ich immer mal wieder von ihm trinken, falls er mir erneut über den Weg läuft."

"Ich habe Hunger", äußerte Jean. Die Diskussion machte es nur noch schlimmer.

"Ich dachte, du wolltest eine Dame?"

"Naja, ich bin nicht immer ganz prinzipientreu."

"Aber den will ich", schmollte sie.

"Très bien, du bist die Schwächere von uns beiden - ich suche mir ein anderes Opfer."

"Das ist lieb." Sie himmelte ihn an, ehe sie zu dem einsamen Blondschopf herüberschwebte.

Roland Lataille saß trübsinnig über seinem dritten Glas Bordeaux. Gestern war ihm seine Freundin weggelaufen, und nun fühlte er sich zutiefst deprimiert. Als sich unerwartet eine atemberaubende, schwarzhaarige junge Frau in einem feuerroten Kleid zu ihm setzt, stellte er fest, daß es auf der Welt ja nicht nur ein Mädchen gab, das zu erobern sich lohnte.

Von dieser Situation begünstigt (und der Tatsache, daß Roland als Anglistik-Student der englischen Sprache mächtig war, was die Konversation stark vereinfachte), gelang es Anshara in kürzester Zeit, sich eine labende Dosis frischen, warmen Blutes abzuzweigen. Erstaunlicherweise wehrte sich Roland in keinster Weise, im Gegenteil, er fand das alles überaus anregend. Er lächelte verzückt, als Anshara ihn in seiner Ecke zurückließ und gab sich ganz der Schwäche hin, die auf einmal in so köstlicher Weise von ihm Besitz ergriffen hatte.

Jean sah sich suchend um und entdeckte eine aufregende, dunkelhaarige Schönheit, die erstaunlicherweise noch alleine an der Bar stand. Ohne größere Probleme gelang es ihm, sie in eine unbesetzte Nische zu entführen, wo er begann, mit ihr herumzuschmusen. Als sie sich entspannte, nutzte er die Gelegenheit, ganz vorsichtig seinen Hunger zu stillen.

Als sie erschöpft in seinen Armen zusammensackte, hielt er sie fest, damit sie nicht umfiel. Er ließ sie einschlafen, und während er noch überlegte, wie er sein Opfer am geschicktesten ablegen könnte, erschien Anshara auf der Bildfläche. Sie trat zu Jean hin.

"Nun? Satt?"

Er warf ihr einen übermütigen Blick zu. Anshara guckte zu ihrem Opfer herüber, das ganz von sich aus eingeschlummert war und sich offenbar süßen Träumen hingab; zumindest hatte Roland ein ziemlich seliges Grinsen auf den Lippen.

"Und was ist mit dir?" erkundigte sich Jean.

"Njam", machte sie.

"Du siehst aus wie eine Katze, die Sahne genascht hat."

"Es war auch erste Sahne", seufzte sie. "Den sollten wir in deinen Vorratskeller packen."

"Kommt nicht in Frage. Ich will keine Sterblichen in meinem Haus."

"Hm. Und von Ghoulen trinkt man nicht?" Sie warf einen nachdenklichen Blick in die Nische mit Roland.

"Ich tue es jedenfalls nicht."

Anshara seufzte. "Leider sagtest du ja, daß das mit den Ghoulen ohnehin nicht so einfach war."

"Stimmt."

"Aber früher oder später möchte ich schon einen hübschen Ghoul!"

"Tse", machte Jean. "Wünsche hast du..."

"Du hast immerhin auch einen."

"Dafür habe ich mich auch ganz schön anstrengen müssen. Der Prinz hat eine Performance von mir verlangt, um zu sehen, ob ich der Ehre würdig wäre, mir einen zulegen zu dürfen."

"Und was hast du dafür gemacht?"

"Erzähle ich dir später mal."

"Na gut. Aber nachher. Versprochen?" Sie sah ihn intensiv an.

"Ich verspreche generell nichts", meinte Jean belustigt. Anshara seufzte abermals und wirkte wieder wie Tragik personifiziert. Er lachte.

Sein Opfer rührte sich inzwischen wieder, und er ließ sie los, stand auf und legte Anshara den Arm um die Schultern. Diese schmiegte sich prompt an ihn.

"Ich könnte dich jetzt auf der Stelle anknabbern", flüsterte Jean ihr ins Ohr.

"Tu's doch..." Sie nahm seine freie Hand, führte sie an den Mund und kitzelte die Innenseite seines Handgelenks mit der Zunge.

"Pense-tu?" Jean sah sie an und zog sicherheitshalber seinen Arm weg. "Meinst du?"

"Was immer dir beliebt." Sie sah der Hand sehnsüchtig nach. Jean verschränkt seine Hände hinter dem Rücken. Von solchen Spielereien bekam er weiche Knie, und das war ihm hier zu gefährlich. Anshara strahlte ihn an.

"Sollen wir uns wieder setzen, oder sollen wir gehen?"

"Eigentlich habe ich noch keine Lust zu gehen", überlegte er. "Ich suche uns lieber eine schöne dunkle Ecke."

Er zog Anshara in eine freie Nische. Sein Opfer würde sich an nichts erinnern und vermutlich glauben, sie hätte ein oder zwei Gläschen Wein zuviel getrunken.

Jean zog Anshara neben sich. Da er etwas zu heftig war, landete sie auf seinem Schoß und gluckste auf.

"Tse", machte er. "Das war wohl etwas zu fest."

"Also, ich finde, ich sitze hier gut." Sie kuschelte sich an ihn.

"So schmusig heute?"

"Gutes Essen macht mich auch hungrig auf andere Dinge. Abgesehen davon muß ich dich doch von all den anderen Frauen ablenken, schließlich bin ich doch jetzt hier."

"Ist das ein Grund?"

"Natürlich."

Jean warf ihr einen Blick zu.

"Du willst mich wohl am Jagen hindern?"

"Hast du etwa immer noch Hunger?"

"J'ai toujours faim", erklärte er. "Ich habe immer Hunger, wenn auch nicht unbedingt auf Blut."

"Für das andere stelle ich mich gerne für dich zur Verfügung."

"Meinst du, das reicht?" Er guckte sie amüsiert an.

"Was fehlt denn?"

"Die freie Auswahl."

"Hast du doch. Mich, mich oder mich."

"Ziemlich abwechslungsreich", kommentierte er ironisch. "Da hätte ich ja auch zu Hause bleiben können." Er durchmusterte den Raum nach weiteren interessanten Damen. Er war ziemlich aufgekratzt und schäumte förmlich vor Energie über.

"Was hast du nur?" fragte Anshara, da er unruhig herumzappelte.

"Nichts weiter." Sie hinderte ihn ja daran aufzustehen und auf die Pirsch zu gehen.

"Ah." Anshara begann, an seinem Hals herumzuknabbern, und er gab einen überraschten Laut von sich.

"Was hast du vor?" fragte er.

"Spielen."

Jean bemühte sich, ihr zu entkommen, doch sie folgte seinen Bewegungen. Langsam fühlte er sich ziemlich in die Ecke gedrängt, und das machte sein Gesichtsausdruck recht deutlich.

"Jean?" machte sie fragend.

"Ich will endlich aus dieser Ecke hier raus!"

"Oh." Sie beschloß, ihm den Gefallen zu tun und von ihm herunter zu rutschen. Im nächsten Augenblick war Jean auf den Beinen und seufzte zufrieden. Er haßte es, sich so gefangen zu fühlen. Anshara sah ihm tragisch hinterher, als er durch den Raum wanderte und mit allerlei Ladies flirtete und schüttelte leicht schmollend den Kopf. Sie mußte ihn unbedingt noch ein wenig erziehen. Aber was er durfte, durfte sie ja wohl auch, und so streifte sie nun ebenfalls herum und warf diversen Herren kokette Blicke zu.

Jean war momentan in seinem Element. Endlich war er wieder zu Hause und konnte in seinem angestammten Revier jagen. Er hatte keine Lust sich zurückzuhalten und wollte sich ausgiebig vergnügen. Natürlich biß er niemanden mehr, denn das wäre zu auffällig, abgesehen davon war er gut gesättigt. Nun stand er an der Bar, in jedem Arm eine hübsche junge Frau und spielte ein wenig mit diesen herum.

Roland war nun auch wieder zu sich gekommen, aber im Gegensatz zu Jeans Opfer erinnerte er sich ziemlich genau an die umwerfende Frau in Rot. Er wußte zwar nicht mehr genau, was passiert war, nur daß sie ihn völlig umgehauen hatte. Und da er festgestellt hatte, daß sie ihn nicht ausgeraubt hatte, konnte es sich nicht um k.o.-Tropfen gehandelt haben. Sehnsüchtig sah er sich nach ihr um, denn solch einen Kick mußte er unbedingt noch einmal erleben. Endlich hatte er sie erspäht und erhob sich, um unsicheren Schrittes (das mußte ein Kuß gewesen sein, wenn es ihm derart die Sinne geraubt hatte!) auf sie zuzugehen.

"Ich will mehr!" forderte er. Anshara sah den Blondschopf verdattert an. "Ich bin ganz dein", erklärte er weiter, und sie wußte nicht so recht, was sie davon zu halten hatte.

Jean, der zufällig in Ansharas Richtung geschaut hatte, bemerkte ihren leicht verschreckten Gesichtsausdruck und guckte nun genauer hin. Was wollte der Typ von ihr? War das nicht ihr Abendessen gewesen?

Roland sank vor seiner Traumfrau auf die Knie. 'Wenn er jetzt sagt Ich bete dich an!, dann schreie ich', dachte Anshara. Dieses Aktion kam Jean nun doch langsam komisch vor. Er gab seinen beiden Eroberungen einen Kuß und schob sie beiseite, um Anshara zu Hilfe zu kommen.

"Tu mit mir, was du willst", flehte Roland.

"As-tu un problème?" wollte Jean wissen. "Hast du ein Problem?"

"Ja", sagte Anshara, da ihr Verehrer mittlerweile ihre Hand ergriffen hatte und hingebungsvoll tätschelte.

"Bitte, tu noch einmal mit mir, was du gerade gemacht hast", bat er.

"Was hat sie denn gemacht?" fragte Jean und guckte besorgt. Sie mußten doch die Maskerade aufrecht erhalten!

"Das weiß ich nicht genau, aber es war himmlisch", seufzte Roland. "Ich will für immer dir gehören, bis in die Ewigkeit."

Jean sah Anshara fragend an.

"Ich habe gar nichts besonderes getan", verteidigte sie sich. "Ich habe nur ein wenig - na, du weißt doch..." Roland verstand immerhin Englisch, also mußte sie mit ihren Äußerungen vorsichtig sein.

"Bist du dir sicher?" wollte Jean von ihr wissen. Sie nickte heftig. "Hm", machte er. "Und was machen wir nun?"

"Weiß nicht", jammerte sie.

"Was machst du auch immer", sagte er kopfschüttelnd und zog Roland erst einmal am Kragen in die Höhe.

"Ich? Nichts?" behauptete sie.

"Ein einziger Kuß dieser Frau, und ich hatte so weiche Knie wie nie zuvor", seufzte Roland verzückt und warf Anshara leidenschaftliche Blicke zu. Diese versteckte sich sicherheitshalber hinter Jean.

Jean zog die Augenbrauen zusammen und warf ihm einen ungehaltenen Blick zu. "Nun reiß dich zusammen!" Da Roland nun offenbar in der Lage war, alleine zu stehen, konnte er ihn endlich loslassen. "Und du brauchst dich gar nicht hinter mir zu verstecken!" Er zog Anshara wieder nach vorne, und sie guckte treuherzig zu ihm hinauf.

"Ooooch Jean!"

"Meine wunderschöne Herrin, sprich wieder zu mir", flehte Roland.

"Mh-mh", machte sie entschieden. Plötzlich erhellte sich ihre Miene. "Ich habe eine Idee! Ich bin gleich wieder da." Sie stürmte aus dem Lokal, und Jean hielt ihren Verehrer sicherheitshalber mit einer Hand fest, während er dessen Drinks bezahlte. Sie hatten genug Aufsehen erregt, und eine etwaige Zechprellerei würde nur auf sie zurückfallen.

"Okay, jetzt können wir gehen", erklärte Anshara, als sie kurz darauf zurückkehrte.

"Bien", gab Jean von sich und schob Roland zur Tür hinaus. Anshara ging zu einen Taxi und öffnete die Tür.

"Steig ein!" befahl sie, und Roland tat prompt, wie ihm geheißen. Kaum daß er auf dem Rücksitz saß, warf sie die Tür zu, und der Wagen startete durch.

"Meinst du, so wirst du ihn dauerhaft los?" fragte Jean.

"Naja, falls er wieder auftaucht, fällt mir hoffentlich ein, was ich mit ihm anstellen kann. Ich habe dem Taxifahrer 150 Franc in die Hand gedrückt und ihm gesagt, er soll ihn zu einem Domina-Studio fahren, weil er seine Herrin sucht."

"Tiens", machte Jean amüsiert.

"Ich frage mich nur, warum der so reagiert hat", überlegte sie irritiert.

"Je ne sais pas", seufzte er. "Ich weiß es nicht."

"Und wenn das noch einmal passiert?"

"Dann solltest du vermutlich auf Flaschenkost umsteigen." Sie sah ihn tragisch an, und er lachte. "Es sei denn, du willst eine ganze Herde solcher Typen haben."

"Äh, ich glaube, das wäre mir zu stressig." Sie dachte nach. "Also, in Ägypten und in den Vereinigten Staaten ist mir das nicht passiert."

"Bist du dir sicher? Oder warst du einfach zu schnell weg?"

"Also, ich bin nie da geblieben, da hast du recht."

"Dann kannst du es auch nicht genau wissen." Jean streckte sich. "Was machen wir jetzt? In den Club sollten wir heute besser nicht noch einmal zurückgehen. - Wie wäre es, gehen wir noch was spazieren?"

"Gerne."

Jean steckte die Hände in die Hosentaschen und schlenderte die Straße entlang, während Anshara eilig hinter ihm hertrippelte. Er seufzte und betrachtete die Gegend. Anscheinend war Anshara doch eine größere Last als er erwartet hatte.

"Du gehst ziemlich schnell", fand sie. Jean blieb stehen und sah sich zu ihr um. Sie schloß zu ihm auf.

"Das war mir gar nicht bewußt."

"Du hast riesig lange Beine und machst große Schritte", erklärte sie.

"So? Ich finde mich eher normal. Du bist winzig."

"Dabei war ich zu Hause bei uns im Tempel eine der längsten."

"Ts", fand Jean. "Eine Gartenzwergkolonie."

"Püh", machte Anshara. Sie wußte zwar nicht genau was das war, aber es hörte sich nach einer Beleidigung an.

"Es fehlen nur diese roten Zipfelmützen."

Sie guckte ihn verständnislos an.

"Weißt du, ich habe diese Dinger in Frankfurt gesehen, in den Vorgärten", erklärte er.

"Da stehen Zwerge herum?" fragte sie ungläubig.

"Genau. Mit Schubkarren, Schaufeln, Harken und so weiter."

"Ach so, die erledigen dann die Gartenarbeit", erkannte sie.

"Nein, die sind so etwas wie Skulpturen."

"Ah! Kunst! Jetzt verstehe ich es, glaube ich."

"Ich zeige dir zu Hause an besten ein paar Bilder davon. Aber wenigstens weiß ich jetzt, wo die wirklichen Gartenzwerge geblieben sind."

"Oh. Aber ich kann dir versichern, in den Tempeln hat niemand rote Zipfelmützen oder Gartenwerkzeuge getragen", stellte sie klar. Jean grinste sie an und stürmte weiter die Straße entlang.

"Jean, nicht so schnell", bat Anshara. Er verlangsamte seine Schritte. "Danke." Sie mußte dennoch hinter ihm herrennen.

"Und der Abend hatte so schön angefangen", seufzte er.

"Kann ich etwas dafür, daß der Typ so ausflippt?"

"Ja. Du hast ihn gebissen."

"Du hast die Frau doch auch gebissen."

"Aber da ist nichts passiert."

"Wenn ich nur wüßte, warum..."

"Keine Ahnung. Vielleicht lag es auch einfach nur an diesem Typ." Jean seufzte tief.

"Hoffentlich. Sag mal, kannst du mir beibringen, wie man jemanden hypnotisiert?"

"Vielleicht. Ich weiß leider nicht, ob man es einfach so lernen kann."

"Wie fängt man es denn an?"

"Ich gucke einfach nur."

"Ist das auch wieder diese Sache mit der Präsenz?"

"Hm, möglich." Jean begutachtete sie.

"Dann müßte ich es eigentlich auch können."

"Wir können es ja ausprobieren."

"An wem?"

"Keine Ahnung."

"Wie wäre es mit deinem Ghoul? Oder kann man den Ghoul eines anderen nicht hypnotisieren?"

"Weiß ich nicht. Wir können es ja mal probieren."

"Gut. wenn es nicht klappt, müßte ich es zwar sicherheitshalber noch einmal mit einen Sterblichen versuchen, aber im Prinzip müßte es dann klar sein."

"Stimmt."

"Sag mal, wo ist dieser Marc eigentlich? Versteckst du ihn immer im Schrank, wenn du ihn nicht brauchst?" Bislang hatte Anshara den Ghoul noch nicht zu Gesicht bekommen.

"Nein", meinte Jean amüsiert. "Ich habe ihm lediglich befohlen, dir aus dem Weg zu gehen."

"Und warum?"

"Weil ich es so will." Er klang nicht so, als wolle er sich weiter dazu äußern, also fragte sie erst einmal nicht nach. "Also, was machen wir nun?" fuhr Jean fort. "Besuchen wir noch eine Bar oder eine Disco? Wir könnten auch noch in den Park..."

"Der Park wäre eine gute Idee.", fand Anshara.

"Bien. Hier geht es weiter." Sie hakte sich bei Jean ein, und gemeinsam wanderten sie zum Parc Monceau. Als sie dort angekommen waren, führte er sie durch ein vergoldetes Schmiedeeisentor in die kunstvoll gestaltete Anlage.

Andächtig flanierten sie durch den Park, der ob dieser Jahreszeit zwar recht kahl an Pflanzen, aber dafür mit erlesenen Kunstwerken versehen war. Im Licht des zunehmendem Halbmondes schimmerten sie wie Skulpturen aus einer anderen Welt.

Verzückt betrachteten die beiden die unwirkliche Landschaft an dem von eleganten korinthischen Säulen flankierten 'Naumachia'-Bassin und gaben sich deren magischem Zauber hin. Erst gut zwei Stunden später gelang es ihnen, sich aus der Trance zu befreien.

"Wunderschön", seufzte Anshara. Sie wußte gar nicht so recht, wo sie anfangen sollte, die ganzen Wunder von Paris in sich aufzunehmen. "Sag mal, Jean, gibt es hier in der Nähe eine Galerie oder ein Museum, von dem du meinst, daß ich es unbedingt sehen müßte?"

"Hier in der Nähe weniger. Die beiden im Park sind nicht so interessant. Das Musée Nissim de Camondo gibt das Innere eines Stadthauses wieder, wie es Aristokraten zur Zeit von Louis XV und Louis XVI bevorzugten, und das Musée Cernuschi enthält lediglich eine Privatsammlung asiatischer Kunst."

"Schade." Sie sah sich um und seufzte, als sie die Pflanzen im Park betrachtete. "Im Winter sieht die Natur irgendwie trostlos aus. Aber es ist dann leichter, die Sehnsucht zu unterdrücken, die Pflanzenpracht noch einmal im Sonnenlicht zu erblicken", sinnierte sie.

"Ich mag Pflanzen auch bei Nacht", entgegnete Jean.

"Aber es ist doch ein Unterschied, ob man saftige, grüne Felder wie in den Tälern des Nils im strahlenden Sonnenschein oder im milden Silberschein des Mondes betrachtet. Auch so manche Blüte wird sich erst öffnen, wenn sie Ras Antlitz in voller Pracht erblickt."

"Ich weiß. Aber wozu gibt es Gewächshäuser?"

"Im künstlichen Licht sind die Farben anders. Es ist zwar schon weit über dreitausendachthundert Jahre her, aber ich erinnere mich noch. Es waren lebendigere Schattierungen, kraftvollere Farben..."

"Durchaus. Aber dafür haben wir hier das Schweigen der Nacht."

"Das ist wahr. Und im Winter ist alles noch einmal so ruhig - als ob die Natur den Atem anhält."

"Ich ziehe den Winter dem Sommer vor", sagte Jean.

"Ich stamme aus einem Land der Sonne", erinnerte sie ihn.

"Ich nicht", kam es trocken von ihm.

"Vermißt du denn nicht manchmal die Wärme Ras auf deiner Haut? Den Duft eines Sommerabends, bevor Aker dem Sonnenwagen die Tore zur Unterwelt öffnet?"

"Ich habe schon immer die Nacht bevorzugt."

"Oh." Anshara musterte ihn nachdenklich. "Offenbar stimmt es wirklich, was du sagtest - daß ich für ein Kainskind ungewöhnlich strahle."

"Stimmt."

"Bin ich tatsächlich derart untypisch?"

"Eigentlich nicht. Alle Kainskinder sind verschieden"

"Komisch, in den Filmen werden sie fast alle immer gleich dargestellt."

"Tse, das sind eben Filme." Jean schaute amüsiert drein.

"Chris wirkte auf jeden Fall nicht sonderlich düster", reflektierte Anshara.

"Der ist eben auch so ein typischer Sonnenschein."

"Und du bist ein echtes Kind der Nacht", deklamierte sie, eine Anleihe bei Bram Stoker nehmend.

"Man hat mich jedenfalls schon immer so bezeichnet", erklärte er belustigt.

"Hm. Ich wäre von alleine nicht darauf gekommen", überlegte sie.

"Jetzt kann ich ja auch nicht mehr tagsüber herumlaufen. Außerdem bezog sich das wohl eher auf meine Herkunft." Jean lehnte sich an einen Baum, um den Himmel zu betrachten. Es waren einige Wolken unterwegs, die hin und wieder den Mond verdeckten.

"Woher stammst du denn eigentlich?"

"Aus Paris."

"Das war nicht, was ich meinte - woher stammst du?"

"Was willst du denn wissen?"

"Alles."

"Kommt nicht in Frage", sagte er kategorisch.

"Ooooch, Jean..." Sie sah ihn herzzerreißend an, und er erwiderte ihren Blick.

"Du willst aber auch immer gleich alles wissen."

"Na gut, dann nur ein bißchen. Wer waren deine Mutter und dein Vater?"

"Meine Mutter hieß Soleil, aber was meinen Vater betrifft - keine Ahnung."

"Oh. Das klingt aber traurig."

"Pourquoi? Wenn ich es wüßte, würde das doch auch nichts ändern. Es hätte ihn eh nicht interessiert."

"Das tut mir leid."

"Das macht mir nichts mehr. Es ist ohnehin schon alles Vergangenheit - über dreihundert Jahre."

"Oh. Wann hast du eigentlich Geburtstag?"

"Am 1. Mai."

"Hm. Schenken sich Vamp... - äh, Kainskinder - eigentlich etwas zum Geburtstag? Oder eher zum Tag des Kusses?"

"Das ist unterschiedlich. Die Ventrue begehen große Parties zur 'Todesnacht', wie sie es nennen. Bei den anderen ist es reine Geschmackssache."

"Ah, und wozu hättest du lieber ein Geschenk?"

"Eigentlich mag ich Geschenke jederzeit, aber ich würde meinen Geburtstag vorziehen."

"Den wievielten feierst du denn dieses Jahr?"

"Hm. Dreihundertvierundvierzig", rechnete er. "Aber wehe, du schenkst mir einen Kuchen mit so vielen Kerzen, sonst räche ich mich."

"Das würde ich gerne sehen! Ein Kuchen mit - Moment! Ich war siebzehn, als ich den Kuß empfing, dann habe 3809 Jahre geschlafen, und jetzt bin ich seit 1965 wieder wach... Das heißt, ich werde dieses Jahr 3843."

"Ganz schön alt", kommentierte Jean.

"Na! Wenn man meinen Schlaf abzieht, bin ich nur vierunddreißig. Und da ich erst seit gerade mal siebzehn Jahren ein Kaiskind bin, brauche ich auch nur siebzehn Kerzen." Sie nickte erfreut. "Ja, das hört sich definitiv nicht mehr so peinlich an."

"Durchaus."

"Wenigstens bekomme ich keine Falten oder graues Haar, und zunehmen werde ich auch nicht", stellte sie fest. "Bin ich froh, daß ich schön schlank war, als ich gebissen wurde und ich meine Fingernägel gerade an dem Morgen manikürt hatte."

"Das ist wahr", meinte Jean belustigt und nahm ihre Hand, um sie zu betrachten. Anshara lächelte ihn an.

"Zum Glück warst du ja wohl auch in sehr guter Verfassung." Sie umrundete ihn soweit es ging, da er immer noch an dem Baum lehnte.

"Ich kann mich mit meinem Aussehen abfinden."

"Ich auch." Sie fuhr mit den Händen über seine Vorderfront, und Jean blickte lächelnd auf sie herab. Besitzergreifend schlang sie die Arme um seine Mitte und schloß die Augen. Hier konnte sie noch eine Weile bleiben. Jean sah nach oben und betrachtete den Himmel. Er liebte die Nacht mit all ihren Schatten und träumte vor sich hin. Anshara begann, wieder eines der alten ägyptischen Lieder zu summen.

"Was summst du da?"

"Eins von den Liedern, die im Tempel gesungen wurden."

"Das klingt hübsch."

"Finde ich auch. Leider bezweifle ich, daß man so etwas hier auf Schallplatte oder Cassette findet."

"Wahrscheinlich nicht. Und ich fürchte, es gibt auch keine Live-Musiker, die dich mit passenden Instrumenten unterstützen könnten. Vermutlich mußt du dich selbst begleiten."

Sie seufzte. "Sag mal, was ist denn dein besonderes künstlerisches Talent?"

"Ich habe eigentlich keins."

"Und was hast du dann dem Prinzen vorgeführt?"

"Mich", verkündete Jean amüsiert.

"Oh." Anshara musterte ihn ausgiebig. "Du bist also zu ihm hingegangen und hast gesagt 'Hi! Hier bin ich!'?"

"So ungefähr."

"Und das hat er akzeptiert?"

"Sonst wäre ich nicht hier."

"Du hattest es gut", seufzte sie und kuschelte sich an ihn.

"Willst du schmusen?" fragte er vergnügt.

"Wenn du nichts dagegen hast?" Sie sah belustigt zu ihm hoch.

"Du hast mich ganz in deiner Gewalt."

"Das gefällt mir." Sie vergrub ihre Hände in seinem dichten, schwarzen Haar.

"Wozu kämme ich mich eigentlich?" erkundigte Jean sich fatalistisch.

"Damit ich dich besser zerzausen kann."

Er ließ gespielt geschafft den Kopf hängen, was Anshara nur zu neuerlichen Wuschelaktionen verführte.

"Man sollte dir ein Haustier schenken", fand er.

"Ich wuschele doch nicht alles", entrüstete sie sich. "Es muß sich auch lohnen." Sie schlang die Arme um seinen Hals und zog ihn zu sich herab.

"Eh, willst du mir das Genick brechen?"

"Nein, ich will dich nur auf eine passende Höhe mit mir bringen."

"Tse, die meisten mögen es, daß ich so groß bin."

"Es sieht ja auch gut aus, ist aber reichlich unpraktisch."

"Dann mußt du dir halt einen Hocker mitnehmen." Er lachte sie an. "Aber vielleicht tut es das ja auch." Er hob sie hoch und stellte sie auf einem Baumstumpf ab.

"Oui", jauchzte sie und küßte ihn ausgiebig, was sich Jean nur zu gerne gefallen ließ. Er fand, wenn Anshara ihn schon bei den Spielchen in der Bar gestört hatte, durfte sie auch gerne Ersatz dafür liefern. Sie hingegen hatte hauptsächlich beschlossen, ihm alle anderen Frauen austreiben zu wollen. Jean brummte zufrieden.

"Du bist knuffig", sagte er.

"Ich dachte, das ist eher eine Bezeichnung für männliche Wesen?"

"So?" machte er belustigt. "Wie soll ich dich denn sonst nennen?"

"Niedlich", schlug sie vor. "Süß bist ja du."

"Bin ich das?" fragte er. Natürlich liebte er es, bewundert zu werden.

"Oh ja." Sie schleckte an seinem Hals herum, und Jean gab sich ganz dem aufregenden Gefühl hin. "Sehr süß", ergänzte sie.

"Du machst mich total fertig", stellte er fest, als sie begann, ihn mit der Zunge zu kitzeln. "Das ist gemein, ich habe schon ganz weiche Knie."

"Dann laß uns nach Hause gehen, so lange du noch dazu in der Lage bist", kicherte sie. "Wo finden wir hier ein Taxi?"

"Am besten am Boulevard de Courcelles, der ist ganz in der Nähe." Jean führte sie zu der großen Straße, wo sie tatsächlich innerhalb weniger Minuten ein freies Taxi anhalten konnten.

* * *

Wieder daheim schloß Jean die Haustüre auf, und Anshara zog ihn hinter sich her nach oben.

"Warum hast du es auf einmal so eilig?" erkundigte er sich belustigt.

"Ich will nur da weitermachen, wo wir gerade aufgehört haben." Sie schon ihn in ihr Zimmer und schubste ihn sanft auf ihr Bett, wo sie sich wieder seinem Hals widmete. Alles in ihr sehnte sich danach, zuzubeißen und sein Blut zu kosten, und es gelang ihr nur unter größter Willensanstrengung, ihn nur zu necken. Jean sah sie verträumt an. Bei einer solchen Behandlung schweiften seine Gedanken sofort ab. Er bekam es gar richtig nicht mit, wie Anshara ihn von seinen Kleidungsstücken befreite.

"Ich frage mich langsam, ob es gut oder schlecht war, daß ich dich getroffen habe", sinnierte er. "Du kannst mich total um den Finger wickeln."

Sie streichelte ihn ausgiebig, und er räkelte sich wohlig.

"Das ist nicht richtig", erklärte er. "Ich bin doch nicht dein Ghoul, mit dem du machen kannst, was du willst."

"Dabei habe ich dir doch nicht einmal mein Blut zu trinken gegeben."

"Aber ich habe dennoch das Gefühl, daß du mich wie einen Menschen beeinflussen kannst."

"Dabei tue ich doch gar nichts."

"Doch", widersprach er. "Du machst mich total schwach."

"Dabei bist du doch so stark." Sie fuhr hingebungsvoll mit den Fingern über seine kühle, bleiche Haut. Jean hielt ihre Hände fest.

"Nur, solange ich dich daran hindere, mich anzufassen."

Sie sah ihn eindringlich aus ihren Bernsteinaugen an. Jean erwiderte ihren Blick und versank ihn ihnen, woraufhin er ihre Hände losließ. Natürlich begann sie erneut, ihn zu liebkosen.

"Ich hasse es, so schwach zu sein", seufzte er.

"Ich hab dich lieb", erklärte sie und knabberte ihn vorsichtig an.

"Wenn du noch lange so weitermachst, verliere ich die Kontrolle", warnte er.

"Sei einfach nur schön und kuschelig, dann bin ich mit dir zufrieden."

"Das erwartet man meist von mir." Jean stieß einen Seufzer aus. "Viel mehr habe ich nicht zu bieten - ich bin halt bloß hübsch", meinte er melancholisch.

"Nicht 'bloß' - ausgesprochen hübsch."

"Aber nichts weiter."

"Hm. Dann müssen wir dir ein paar Sachen beibringen."

"Ich bin viel zu dumm, um etwas zu lernen", behauptete er. Was nicht so ganz stimmt, er war eher viel zu faul...

"Das ist bestimmt nicht wahr. Naja, wir werden sehen." Sie gab ihm einen Kuß. "Du wirst mir dein Französisch beibringen, und ich kann dich in Altägyptisch, Arabisch oder Medizin unterweisen. Apropos Medizin - ich bin praktisch fertig mit meinem Fernstudium, aber weißt du, wie ich das mit dem Examen hinkriegen soll? Vor allem, wo ich doch jetzt nicht mehr in den Vereinigten Staaten bin. Hm. Ich muß einmal darüber nachdenken. Aber das mit dem Französisch ist ein Muß. Abgemacht?"

Jean sah sie an. "Wenn du willst." Er angelte nach ihren Händen und hielt sie fest.

"Was hast du jetzt mit mir vor?" wollte sie wissen. Sie legte den Kopf schief und erwiderte seinen Blick.

"Ich weiß noch nicht. Erst einmal muß ich meine Gedanken sortieren." Es fiel ihm sichtlich schwer, sich überhaupt auf etwas zu konzentrieren, geschweige denn irgendwelche Entscheidungen zu treffen.

"So?"

"Das kann noch etwas dauern, du verwirrst mich."

"Oooch!" Sie gab ihm einen weiteren Kuß, der von Jean hingebungsvoll erwidert wurde.

"Ich weiß nicht, was mit mir los ist", meinte er schließlich. "Du bringst mich total durcheinander."

"Dabei bist du doch im Prinzip älter und weiser als ich."

"Die drei Jahre!"

"Hm. Wo hast du eigentlich die fehlenden Jahre verbracht? Wenn du sagst, daß du 19 Jahre ein Kainskind, aber 334 Jahre alt bist, dann gibt es da knapp dreihundert überzählige Jahre."

"Hm", machte Jean zögernd. Er sprach nicht gerne darüber. "Die Jahre zählen nicht, weil ich mich in der Starre befand."

"Und wie ist das passiert?"

"Es ist eben passiert. Ich möchte lieber nicht darüber reden." Er wandte sich ab; er war tief in Gedanken versunken. Die Zeit in dem Verlies war grausam gewesen - zumindest zu Beginn. Als er dann endlich aus Nahrungsmangel das Bewußtsein verlor, war ihm alles so ziemlich egal gewesen.

Anshara bemerkte seinen Stimmungsumschwung und begann, ihn tröstend zu streicheln, doch er war momentan so deprimiert, daß er sie beiseite schob.

"Jean? Was ist?" Sie guckte ihn besorgt an.

"Ich bin nur traurig. - Es ist die Erinnerung..."

"Laß mich dich trösten."

Sie nahm ihn in die Arme, und er schmiegte sich trostsuchend an sie.

"Du bist so lieb", bemerkte er.

"Ich habe dich eben lieb."

"Ich mag dich auch." Jean strich ihr durch die Haare und betrachtete ihren schlanken Hals und die Verlockung ihres süßen Blutes. "Es fällt mir immer schwerer, nicht zu weit zu gehen."

"So lange du mich nicht ganz austrinkst und mir dann auch etwas von dir abgibst..."

"Es macht mir aber auch Angst. Das Blutsband, daß ich zu meinem Erzeuger hatte, ist mittlerweile erloschen, und ich bräuchte nur dreimal von dir zu trinken, um neuerlich gebunden zu sein." Und wenn sie dreimal sein Blut tränke, dann wäre sie ebenso ihm ergeben. Die Idee war ebenso verlockend wie beängstigend, fand er.

Anshara runzelte die Stirn. Das mit dem Blutsband hatte sie immer noch nicht so ganz verstanden. Wie mochte sich so etwas anfühlen? Sie fuhr sanft über Jeans Rücken. Er kuschelte sich an sie und seufzte.

"Ich glaube, ich bin schrecklich verliebt", erklärte er.

"In mich?" Sie guckte ihn entzückt an.

"Nein, in dieses dekorative Kopfkissen", meinte er seufzend, und Anshara prustete los.

"Du bist süß!"

"Ich bin ein Trottel."

"Warum?"

"Weil ich mich so benehme."

"Ich finde dich eher schön knuddelig. Weißt du, ich habe dich auch unheimlich lieb." Sie schlang die Arme um ihn und hielt ihn fest.

"Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll", meinte Jean. "Ich bin nicht auf so etwas vorbereitet."

Anshara sagte gar nichts und guckte ihn an, und er erwiderte ihren schimmernd braungoldenen Blick. Als er begann, mit einer Haarsträhne von ihr herumzuspielen, fing sie seine Hand ein und küßte die Innenseite seines Handgelenks. Jean erschauerte, zog diesmal aber den Arm nicht weg, was Anshara weidlich ausnutzte, indem sie sich an diesem entlang vorarbeitete.

"Du bist einfach süß", gab Jean zum wiederholten Male von sich und grinste. "Ich frage mich, wie oft wir uns das noch erzählen werden."

"Vielleicht sollten wir versuchen, es in etwas poetischere Worte zu kleiden", kommentierte Anshara trocken. "Oder wir könnten nach weiteren zutreffenden Aussagen suchen, die wir noch nicht so strapaziert haben. Meines Erachtens bist du nämlich auch noch knuffig, knuddelig, niedlich und insgesamt ziemlich unwiderstehlich. Irgendwelche Einwände?"

"Nein."

"Prima." Sie widmete sich erneut ihrer Eroberung, bevor er nun seinerseits begann, sie anzuknabbern.

"Du bist faszinierend", fand Jean eine neue Vokabel und beschloß, wieder einmal einen Tauchgang in ihre Bernsteinaugen zu unternehmen. "Diese Farbe ist höchst ungewöhnlich", bemerkte er. "Ich dachte eigentlich, daß die meisten Ägypter dunkle Augen hätten.

"Stimmt. Aber vielleicht war ich ja ein Seitensprung?"

"Wer hat denn solch eine Augenfarbe?"

"Vielleicht einer unserer Götter. Die sehen so aus, wie sie wollen." Sie musterte seine Augen. "Dieses geniale dunkle Blautürkis scheint aber auch nicht gewöhnlich zu sein", meinte sie. "Ich habe es jedenfalls bislang noch nirgendwo gesehen. - Ist das von deiner Mutter?"

"Oui. Elle était vraiment magnifique", erwiderte Jean in Gedanken. "Sie war wunderschön."

"Praktisch, das du das geerbt hast", fand Anshara. "Männer gefallen mir nun einmal am besten, wenn sie auch noch toll aussehen."

"Wie nett", kommentierte er.

"Bin ich immer." Sie betrachtete schon wieder seinen Hals, und amüsiert bemerkte Jean ihren Blick. "Du siehst einfach zum Anbeißen aus."

"So?" Er stützte sich auf den Ellenbogen auf.

"Oh ja." Sie seufzte. "Und irgendwann werde ich vermutlich auch anbeißen."

"Ich wehre mich nicht."

"Und dann bist du auch noch ein williges Opfer", stellte sie entzückt fest.

"Ich bin eben in jeder Beziehung perfekt." Er grinste sie an, und sie knabberte spielerisch an ihm herum, was er sich nur zu gerne gefallen ließ. Er fand das Spiel sehr aufregend und betrachtete Anshara mit einem ziemlich merkwürdigen Blick, während sie sich fragte, was wohl geschähe, wenn sie wirklich richtig zubeißen würde.

"Ich hoffe, du weißt genau, was du tust", sagte Jean schließlich.

"Nein. Dazu verwirrst du mich zu sehr."

Jean richtete sich auf, um sie zu betrachten. "Mir geht es ähnlich", gab er zu.

"Passiert so etwas unter Kainskindern eigentlich häufiger?"

"Ich habe noch nie davon gehört. Jedenfalls hat mir noch keiner etwas gesagt."

"Hm", machte sie. Jean stand auf und lehnte sich mit der Stirn gegen die Wand. Anshara sah ihm hinterher. "Was hast du?"

"Mir schwirrt der Kopf." Er schaute über die Schulter. "Ich komme mir vor wie ein Kind, das von nichts eine Ahnung hat. - Und du weißt ja auch nicht im geringsten, was du eigentlich tust..."

"Woher auch? Bei Anubis, wenn ich den Typen in die Finger kriegen würde, der mir den Kuß gab, dann würde ich ihm ordentlich die Meinung sagen, weil er mich einfach so zurückließ."

Jean seufzte schwer. "Ich glaube, ich gehe besser in mein Zimmer."

"Warum?"

"Ich bin müde." Eigentlich wollte er eher aus Ansharas Nähe verschwinden, um richtig nachdenken zu können.

"Aber es sind bestimmt drei oder vier Stunden bis zum Sonnenaufgang, und du mußt mir all das beibringen, was ich noch nicht weiß!"

"Ich weiß doch auch nichts", protestierte er.

"Können wir denn nicht jemanden suchen, der uns all das beibringt, was wir wissen müssen?"

"Meinst du wirklich, ein älteres Kainskind würde sich mit uns abgeben? In deren Augen sind wir doch nichts."

"Wie bitte? Ich bin Anch-Ra, Priesterin der Ma'at und deren Vertreterin auf Erden."

"Das warst du vielleicht mal, aber jetzt bist du nur eins von den ganzen Küken und Neugeborenen, die hier herumlaufen."

"Humpf", machte sie. "Ich bin doch kein Vogel! - Ist denn nicht dein Erzeuger dafür zuständig, dir alles Wichtige beizubringen? Warum fragen wir den nicht? Meiner ist ja verschollen..."

"Er hat gesagt, ich könne für mich selbst sorgen."

"Aber du sagtest, du weißt nichts. Ergo kannst du auch nicht richtig für dich selber sorgen."

Jean machte ein Gesicht, als ob sich ein Kelch Blut als Himbeersirup entpuppt hätte. "Na gut, wir können Simon ja fragen. Aber erwarte nicht zuviel von ihm." Simon war definitiv kein guter Lehrer; er war in jeder Beziehung viel zu ungeduldig, um irgendjemandem etwas beizubringen. Außerdem war er ein Sadist und Egoist, und überhaupt wollte er ihn nicht so bald wiedersehen.

Anshara musterte ihn intensiv. "Du hast immer noch Angst vor ihm?"

"Ja."

"Hm. Was meinst du, wie wird er auf mich reagieren?"

"Vielleicht will er dich ja behalten." Simon sammelte ohnehin alles mögliche, besonders wenn es eine Zierde für sein Haus war.

"Kommt gar nicht in die Tüte", erklärte Anshara kategorisch.

"Ich wäre auch nicht dafür, aber er ist sehr stark."

"Der soll es wagen!" Aus ihren Augen sprühten goldene Blitze. Jean guckte eher ängstlich drein; seine Furcht vor Simon war einfach zu groß, als daß er sie einfach überwinden könnte. Anshara stand auf und nahm ihn tröstend in die Arme, und er schmiegte sich an sie.

"Zusammen müßten wir uns doch eigentlich gegen ihn durchsetzen können", meinte sie. Jean guckte ziemlich zweifelnd drein.

"Vor Simon habe ich wirklich Angst." Er seufzte und ließ den Kopf hängen. Anshara hielt ihn ganz fest und küßte ihn. "Ich glaube, an deine Nähe könnte ich mich echt gewöhnen", sagte er schließlich. "Du bist süß. Aber du verhinderst auch, daß ich einen einzigen klaren Gedanken fassen kann."

"Und was schlägst du zur Abhilfe vor?"

"Ich lasse das Denken besser ganz."

"Dann muß ich ja für uns beide denken."

"Tust du das nicht ohnehin? Ich eigne mich eben am besten zur Dekoration." Zumindest hatte ihm das Simon des öfteren vorgeworfen.

"Das müssen wir noch ändern", fand sie. "Mir fällt schon noch etwas ein. - Wo wohnt denn dein Erzeuger?" wechselte sie das Thema.

"Hier in Paris."

"Praktisch. Dann solltest du ihn anrufen und ihm mitteilen, daß wir morgen abend bei ihm vorbeikommen", bestimmte sie.

"Bien", entgegnete Jean. Er war zwar immer noch nicht begeistert davon, aber vermutlich war es wirklich die beste Idee.

"Prima. Hoffentlich erfahren wir durch ihn etwas mehr." Sie löste sich von Jean und setzte sich auf den Rand ihrer Liegestatt. "So, dann sollten wir jetzt doch am besten ins Bett gehen und uns ausruhen. Kommst du mit in meins?" Sie legte den Kopf schief und warf ihm einen auffordernden Blick zu.

"Würdest du mich gehen lassen?" wollte er wissen.

"Nein, ich würde dich verfolgen."

"So?" Jean entfernte sich ein Stück, und Anshara sprang auf, um ihm hinterher zu traben. Auch als er in sein Zimmer ging, blieb sie ihm dicht auf den Fersen. Schließlich blieb er stehen. "Und nun?"

"Ich könnte dich als meine Beute betrachten und zur Strecke bringen", überlegte sie.

"Fang mich doch!"

Sie sprang auf ihn zu, wobei sie unbewußt ihre volle Geschwindigkeit einsetzte. Da er nicht damit gerechnet hatte, gelang es Jean nur knapp, ihr zu entwischen.

"Eh, du bist ja genauso schnell wie ich, das ist ja unfair", schmollte sie.

"Dann mußt du dich eben etwas anstrengen." Er beobachtete sie genau und bemühte sich, ständig einen ausreichenden Abstand zu ihr zu wahren. Anshara fand das gar nicht gut. Sie hatte etwas gegen Opfer, die sich ihr entziehen wollten.

"Na, gibst du auf?" fragte er mit einem herausfordernden Blick und tänzelte vor ihr hin und her.

"Bestimmt nicht." Sie versuchte einen Hechtsprung über das Bett zu machen, blieb jedoch hängen und plumpste unelegant auf den Bauch. "Graaa!"

"Ich dachte, du wolltest mich fangen", neckte er sie, "und nicht wie eine Bleiente auf das Bett klatschen..."

"Pah!" Sie rappelte sich auf und warf ihm einen vernichtenden Blick zu, ehe sie einen neuerlichen Versuch machte, sich auf ihn zu stürzen. Dummerweise war Jean wieder schneller und wich hinter einen Stuhl zurück. "Jetzt gib endlich auf, du hast ja doch keine Chance!" forderte sie.

"Davon mußt du mich erst überzeugen", entgegnete Jean belustigt. Sie musterte ihn und kam zu dem Schluß, daß sie im direkten Nahkampf wohl wenig ausrichten konnte. Vor allem wurde sie langsam hungrig, da der häufige Einsatz ihrer Geschwindigkeit an ihren Reserven zehrte. Jean hatte ein ähnliches Problem, versuchte aber, dies zu unterdrücken.

Nun beschloß Anshara, sich auf eine andere Taktik zu verlegen. Sie täuschte einen neuerlichen Sprung an, während sie einige der auf dem Boden liegenden Kleidungsstücke in seine Ausweichrichtung kickte. Prompt verfingt sich Jean darin und landete unelegant auf dem Hinterteil. Mit einem begeisterten Aufschrei stürzte sich Anshara nun auf ihn und stand plötzlich vor einem gewaltigen Problem.

Sein überaus appetitlicher Hals befand sich in lockender Reichweite, und sie verspürte auf einmal einen unwiderstehlichen Drang, ihren Hunger an ihm zu sättigen. Ohne noch länger darüber nachzudenken biß sie zu und labte sich an seiner kostbaren Vitæ. Die Ekstase, die sie dabei verspürte, war unbeschreiblich, und es gelang ihr nur unter Aufbietung aller Willenskraft, von ihm abzulassen, bevor sie ihn ganz ausgesaugt hatte.

"Du bist wirklich süß", seufzte sie verzückt und betrachtete ihn liebevoll. Jean sah sie ziemlich verwirrt an, und sie strich sanft durch seine Haare. "Ich habe dir doch hoffentlich nicht weh getan?"

"Non..." Er fühlte sich nur ziemlich schwach. Anshara beugte sich zu ihm herab und küßte ihn. Jean versuchte sich aufzurichten, doch irgendwie wollte es ihm nicht gelingen, bis sie ihm aufhalf. Er hielt sich an ihr fest, und sie schlang die Arme um ihn.

"Darf ich dir auch etwas anbieten?" fragte sie besorgt.

"Schon gut, danke", erwiderte er. "Ich bin nur etwas wacklig auf den Beinen." Wenn er ihr Angebot annehmen würde, könnte er mit Sicherheit nicht mehr rechtzeitig aufhören.

Sie sah ihn ein wenig schuldbewußt an. "Tut mir leid..."

"Aber es war schon ein einmaliges Gefühl", sinnierte er.

"Stimmt." Anshara sah ihn hingebungsvoll an. Sie wußte nicht, was in sie gefahren war, aber es war höchst erregend gewesen.

"Aber jetzt brauche ich unbedingt etwas zu trinken."

"Das kann ich verstehen." Sie legte den Kopf an seine Brust. "Hier, willst du?" Sie hielt ihm ihr Handgelenk hin. Immerhin war es allein ihre Schuld, daß er so fertig aussah, und daher sollte sie ihm lieber etwas von sich anbieten, damit er nicht total zusammenklappte. Jean schüttelte nachdrücklich den Kopf.

"Hol mir lieber etwas aus dem Keller." Das war auf jeden Fall die sicherste Methode.

"Gut." Sie joggte nach unten und kam mit einem ganzen Korb voller Flaschen zurück. Jean saß auf dem Bett, da er momentan seinen Beinen nicht traute, ihn zuverlässig zu tragen. Viel hätte wirklich nicht gefehlt, und Anshara hätte ihn allen Blutes beraubt. Sie füllte einen Kelch mit seiner Lieblingssorte und hielt ihn Jean hin. Er trank gierig; der Hunger in ihm brannte fürchterlich, und es brauchte schon ein paar Flaschen Lundi, bis er gesättigt war.

Anshara sah ihn derweil verlegen an, das war nicht geplant gewesen, aber diese Herumjagerei hatte sie hungrig gemacht, und er war gerade so schön greifbar gewesen. Sie trank die beiden restlichen Flaschen aus, sicher war sicher.

Jean lag auf dem Bett und sah sie an, während sie sich setzte und begann, ihn zu streicheln. Er seufzte, als sie seinen Blick erwiderte.

"Wie fühlst du dich?" fragte er neugierig.

"Seltsam. Weißt du, du bist viel schmackhafter als ein Mensch." Sie himmelte ihn an.

"Was ist denn anders?"

"Nun, es gab einen unbeschreiblichen Kick. Es ist schwer zu erklären, es fühlte sich einfach himmlisch an."

Jean angelte nach ihr. "Ich fand es auch nicht schlecht." Um genau zu sein, war es ziemlich aufregend gewesen.

"Ich fand es einfach unvergleichlich." Sie schleckte über seinen Hals, wo man schon nichts mehr von den Bißwunden sah.

"Aber ich glaube, auf eine Wiederholung kann ich heute verzichten", sagte er. "Du bist ganz schön anstrengend."

"Oh." Sie streichelte ihn.

"Aber ich lasse mich natürlich gerne von dir verwöhnen." Er schnappte spielerisch nach ihren Händen, und sie ließ sich einfangen. Er küßte ihre Fingerspitzen und himmelte sie nun seinerseits an. Genüßlich arbeitete er jeden Finger ab, was prompt dazu führte, daß Anshara zu schnurren begann.

Amüsiert rollte er sich herum und hauchte ihr einen Kuß auf die Hand, um sich dann weiter nach oben vor zu arbeiten. Sie quietschte begeistert auf, das machte Spaß.

Inzwischen war Jean bei ihrer Schulter angekommen, und sie gab wieder leise Schnurrlaute von sich.

"Du bist bestimmt in deinem vorigen Leben eine Katze gewesen", bemerkte er und küßte sie auf den Hals, ehe er ihr aus kürzester Entfernung in die Augen sah.

"Siebenundzwanzig", sagte er nach einer Weile. "Du hast siebenundzwanzig goldene Punkte in der Iris."

"Oh." Sie gab ihm einen Kuß. Jean war absolut süß.

"Ich könnte dich auf der Stelle auffuttern", seufzte er.

"Ts, du hast doch schon gegessen." Sie strich sanft mit der Hand über seine Wange. "Na gut, so lange du ausreichende Stücke übrig läßt, darfst du gerne an mir herumknabbern."

"Fein." Er machte sich über ihre Schulter her. Da sie wieder zu schnurren begann, kicherte er. "Miau?" fragte er belustigt.

"Maunz", kam die Antwort.

"Ich finde dich einfach toll." Er widmete sich wieder ihrer Hand. "Wahrscheinlich werde ich dich unentwegt schrecklich verwöhnen."

"Ich erhebe keine Einwände."

"Habe ich fast erwartet." Übermütig kniff er sie, was sie mit einem Aufquietschen quittierte. "Du bist wirklich zum Anbeißen."

"Du auch."

"Du hast das aber ziemlich wörtlich genommen."

Anshara schaute verlegen drein.

"Ich könnte mich ja rächen." Jean verharrte nachdenklich über ihrem Hals. Er hielt ihre Kehle ganz vorsichtig mit den Zähnen umfangen, jedoch ohne zuzubeißen, da er immer noch überlegte. Anshara guckte ihn aus großen Augen an.

Jean gab sie wieder frei, um sie anzusehen. "Was ist?"

"Ich frage mich, wie es sich wohl anfühlen würde..."

"Wahnsinnig."

"Darunter kann ich mir viel vorstellen", meinte sie amüsiert. Jean zwickte sie sanft mit den Zähnen in die zarte Haut des Halses. Da er keinen Hunger hatte, waren solche Spielchen lustig. "Ts, du bist ein Kneifer", kommentierte sie.

"Besser als bissig, oder?"

"Kommt darauf an. Solange du von mir noch etwas übrig läßt, hätte ich nichts dagegen."

"Keine Sorge, ich wollte noch länger etwas von dir haben", sagte er. "Also spiele ich lieber."

Sie schmiegte sich an ihn. "Du kannst gerne weitermachen."

"Daran wirst du mich auch nicht hindern können."

"Um so besser." Sie drapierte sich malerisch zurecht, und Jean betrachtete sie ausgiebig. "Und was hast du nun mit mir vor?"

"Dich ansehen", erklärte er andächtig. Diese vollendeten Formen waren eine Augenweide und sollten unbedingt in irgendeinem Kunstwerk verewigt werden, fand er. "Du gäbst bestimmt eine wunderschöne Skulptur ab."

"Verstehst du dich denn auf Bildhauerei?"

"Leider nicht besonders gut."

"Ich habe bislang nur ab und zu Hieroglyphen und Bilder in Tempelwände gemeißelt, ansonsten habe ich keine Erfahrung in Sachen Plastiken."

"Ich glaube, du würdest dich hervorragend in einer Vitrine machen."

"Aber Jean! Denk daran, mit mir in einer Vitrine ist nicht gut kuscheln."

"Tse", machte er und fuhr sanft mit den Fingern über ihre Wange. Sie lächelte ihn an. "Du bist entschieden kuschelsüchtig."

"Stört dich das?"

"Nein, eher im Gegenteil."

Anshara strahlte ihn an und küßte ihn.

"Dann können wir ja jetzt schlafen", meinte Jean und schlang den Arm um sie. "Bonjour, ma belle." Er zog die Decke über sie beide.

"Guten Morgen." Sie schmiegte sich an ihn und schlummerte alsbaldig ein.

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Kapitel 3: 3. Januar 1982

Sonntag, der 3. Januar 1982, ca. 17:20 Uhr.

Jean erwachte und streckte sich. Er betrachtete Anshara, die noch zu schlafen schien. Er grinste amüsiert und küßte sie, um zu sehen, ob sie wach wurde. Da sie nur vor sich hingedöst hatte, schlug sie prompt die Augen auf.

"Bonsoir, ma chère", sagte er.

"Guten Abend." Sie räkelte sich, ehe sie ihn ihrerseits küßte.

"So müßte man jeden Abend beginnen", seufzte Jean zufrieden.

"Was spricht dagegen?"

"Wer weiß, wie lange du bei mir bleibst. Vielleicht findest du ja jemanden, der dir besser gefällt."

"Hm, momentan bin ich mit dir eigentlich recht zufrieden." Sie lächelte ihn an und erhob sich aus den Federn.

"Dann bin ich beruhigt." Er stand ebenfalls auf und bewunderte sie wie stets. Zwar kannte er Anshara erst seit knapp einer Woche, aber irgendwie würde ihm wirklich etwas fehlen, wenn sie plötzlich nicht mehr da wäre. Es war schon eigenartig, fand er.

"Sag mal, hattest du eigentlich bei Simon angerufen?"

"Nein, aber er wäre sowieso nicht 'rangegangen."

"Und was machen wir dann? Können wir einfach bei ihm vorbeigehen?"

"Nun, dann schmeißt er uns entweder sofort raus oder nach zehn Minuten."

"Er scheint wirklich überaus freundlich zu sein", kommentierte Anshara trocken.

"Ungemein."

"Gibt es denn irgendeine Möglichkeit, ihn ein wenig gnädiger zu stimmen?"

"Hm. Wir sollten vielleicht hoffen, daß er gut gefrühstückt hat."

"Könnten wir ihm nicht vielleicht eine besondere Flasche mitbringen?"

"Je ne sais pas.", entgegnete Jean. "Ich habe so etwas noch nie probiert."

"Oder wie wäre es mit irgendeinem Kunstwerk als 'Bestechung'?"

"Simon hat eine seltsame Vorstellung von Kunst. Die Austellungsstücke, mit denen er sich umgibt, müssen nämlich auf die eine oder andere Art lebendig sein."

"Oh."

"Ich denke, du wirst ihm bestimmt gefallen. Er hat etwas für bernsteinfarbene Augen übrig."

"Nicht für türkisfarbene?" Anshara dachte an Jean und dessen Katze.

"Nun, es gab eine ganze Menge Bewohner in Simons Schloß." Jean dachte nicht gerne an seine anfänglichen Jahre unter Simons Herrschaft nach. Mittlerweile wohnte dieser allerdings in einem großen Haus etwas außerhalb der Stadt und mußte sich entsprechend etwas einschränken.

"Aha." Anshara hoffte, daß der Typ nicht beschloß, sie in seine Sammlung aufzunehmen. Jean hatte offenbar ähnliche Gedankengänge verfolgt, denn er nahm sie besitzergreifend in die Arme, woraufhin sie den Kopf an seine Brust legte.

"Du paßt doch auf mich auf, ja?" Sie sah zu ihm hoch.

"Ich versuche es jedenfalls."

"Gut."

"Und was machen wir jetzt? Frühstücken?"

"Natürlich." Sie hatte momentan zwar keinen echten Hunger, aber sie zog es vor, ständig gut gesättigt zu sein. Jean hob sie hoch, um ihr in die Augen sehen zu können.

"Zuerst sollten wir uns allerdings ankleiden", empfahl er.

"Stimmt", kicherte sie. "Obwohl es eine Wonne für meine Augen ist, dich pur zu betrachten."

"So?" fragte er belustigt, ohne sie loszulassen. Sie war leicht genug, daß er sie problemlos länger halten konnte.

"Oui. Du bist ästhetisch wertvoll."

"Soviel kannst du doch gar nicht sehen", stellte er vergnügt fest und stellte sie auf dem Bett ab.

"Dann dreh' und wende dich mal vor mir", forderte sie.

"Dann müßte ich dir ja den Rücken zuwenden und könnte dich nicht mehr anschauen."

"Oh, das ist ein Punkt. Wir sollten ein Zimmer einrichten, das rundum verspiegelt ist", schlug sie vor.

"Hm", machte er. "Meinst du, wir würden es jemals wieder verlassen können?"

"Guter Einwand. Aber allein die Vorstellung eines solchen Raumes gefällt mir."

"Moi aussi - mir auch", meinte Jean und küßte die Innenflächen ihrer Hände.

"Vielleicht sollten wir uns so ein Zimmer einrichten und Marc bitten, ab und zu hineinzugucken. Wenn wir dann zu lange drin sind, müßte er halt notfalls Tüten oder Säcke über uns stülpen."

"Ich war mal in der Galerie des Glaces, dem Spiegelsaal in Versailles", erzählte Jean. "Wenn Marc mich nicht gewaltsam herausgeholt hätte, dann hätte ich wohl die Sonne inmitten von all dem Kristall und den Spiegeln begrüßt..."

"Oh, ich glaube, da muß ich auch einmal hin - aber nur mit Aufpasser."

"Stimmt." Jean sah bewundernd zu Anshara auf. "Es wäre der passende Rahmen für dich. Alles dort ist golden, und von der hohen, gewölbten Decke hängen prunkvolle Kristallüster herunter, die das Licht in allen Farben des Regenbogens brechen und mit ihrem märchenhaften Glitzern den Raum zu einem Elfenpalast verzaubern..." Gedankenverloren sah er in die Ferne und versuchte, sich den Anblick wieder ins Gedächtnis zu rufen.

"Du schmeichelst mir." Sie sah verlegen zu Boden, ehe sie die Arme um seinen Hals schlang.

"Mit dem größten Vergnügen." Er musterte sie ausgiebig. "Ich könnte dich stundenlang bewundern."

"Mir geht es ebenso." Sie vergrub ihr Gesicht in seiner nachtfarbenen Mähne. Jean seufzte und legte ihr die Arme um die Hüften.

"Was machen wir nun?"

"Uns ausnahmsweise mal voneinander losreißen, dann anziehen und anschließend Simon heimsuchen", erklärte Anshara den Ablauf dieser Nacht.

"Das gefällt mir aber gar nicht", maulte Jean.

"Nun, und wenn die Zeit nachher noch reicht, könnten wir ja Versailles besuchen." Aber vermutlich müßten sie bis morgen abend damit warten, denn immerhin lag Versailles einige Kilometer nordwestlich vom Pariser Stadtzentrum. Außerdem sollte man vermutlich schon ein wenig Zeit mitbringen, um das Schloß und die umliegenden Anlagen gebührend zu bewundern.

"Seufz", machte Jean.

"Kopf hoch, da müssen wir durch."

"Aber deshalb muß ich es nicht mögen. Und so einfach lasse ich dich auch nicht los, vor allem, wo ich momentan eine ganz neue Perspektive von dir habe." Ausnahmsweise mußte er im Augenblick zu ihr aufsehen, da sie durch ihren erhöhten Standort etwa zwanzig Zentimeter größer war als er - im Gegensatz zu den 35 Zentimetern, die ihr normalerweise fehlten. Übermütig gab Anshara ihm einen Kuß auf den Scheitel. "So siehst du gar nicht wie ein Zwerg aus", fand er amüsiert.

"Ich bin auch kein Zwerg", entrüstete sie sich.

"C'est vrai. - Stimmt. Eigentlich siehst du eher einer der Statuen ähnlich, die ich im Museum gesehen habe."

"So? Was für Statuen denn?"

"Verrate ich nicht."

"Ooooch, Jean..." Sie sah ihm tief in die Augen, und er erlaubte sich, ganz in ihrem Blick zu versinken. "Also - was für Statuen?"

"Hm?" Er sah sie irritiert an, er hatte schon wieder ganz vergessen, von was er gerade gesprochen hatte, so sehr war er von den Goldpünktchen in Ansharas Augen fasziniert.

"Offenbar setzt bei dir tatsächlich einiges aus, wenn du mich anguckst", seufzte sie. Sie schüttelte belustigt den Kopf, ehe sie ihn küßte. Jean mußte sich strecken und fand das höchst amüsant. Er sollte Anshara öfter auf irgendwelche Sachen stellen. "Sollen wir uns nicht doch einmal langsam anziehen?" fragte sie.

"Wenn du darauf bestehst."

"Auf jeden Fall. Wir können ja nicht die ganze liebe lange Nacht damit verbringen, uns zu bewundern."

"Warum nicht?" Er nahm ihre Hände.

"Weil wir irgendwann hungrig werden und dann übereinander herfallen."

"Hm, du hast recht. Du siehst sehr schmackhaft aus", überlegte er und grinste sie an.

"Ich habe mich noch nicht probiert, da kann ich kein Urteil abgeben."

"Obwohl du natürlich noch nicht frisch gewaschen bist..."

"Nun, dem könntest du einfach abhelfen."

"Ich weiß", meinte Jean. "Was hältst du von einer Dusche?"

"Viel." Sie sah ihn auffordernd an.

"Wie Ihr befehlt", sagte er und trug sie ins Bad, wo er sie unter der Dusche abstellte und das Wasser laufen ließ. "Und jetzt wirst du erst einmal gründlich geschrubbt."

"Dann mach mal." Sie stellte sich in Pose und strahlte ihn an. Jean machte sich mit einem weichen Schwamm über sie her, und Anshara gab allerlei behagliche Geräusche von sich. Schließlich war er bei ihren Füßen angekommen und umfaßte einen ihrer Knöchel, wobei er ihr einen übermütigen Blick zuwarf.

"Was hast du vor?" wollte sie wissen.

"Ich überlege mir, wie ich dich unterwerfen kann."

"Schäm dich in Grund und Boden - ein Mann unterwirft sich einer Dame, nicht umgekehrt!"

"Selbstverständlich umgekehrt", widersprach Jean.

"Wer hat dir denn diese Irrlehre beigebracht?"

"Soweit ich weiß, waren alle dieser Meinung, sowohl Menschen als auch Kainskinder."

"Hm. Ich glaube, ich muß dich unbedingt umerziehen. Weißt du, zu meiner Zeit galt die Gleichberechtigung von Mann und Frau, und meist haben die Herren das getan, was die Frauen wollten, ganz wie es sich gehört."

"Hm", machte Jean. "Zu meiner Zeit war es eher anders herum."

"Die Zivilisation hat mit dem Niedergang des Alten Ägypten alle Werte verloren", seufzte Anshara.

"Also, mir gefiel meine Zeit."

"So lange du mit mir zusammen bist, darfst du das vergessen. Mich unterwirft mann nicht."

"Aber umwerfen kann ich dich", grinste er und zog sanft an ihrem Bein. Da der Boden rutschig war, landete sie mit einem satten 'Platsch!' und einem Aufschrei auf dem Hinterteil.

"Wüstling!"

"Oh ja, erzähl' mir mehr", forderte er.

"Pöh! Du bist ein Lump, ein hinterhältiger", schimpfte sie.

"Fein, was noch?"

Sie schaute ihn erbost an, doch ob seines impertinenten Grinsens konnte sie nicht mehr an sich halten und prustete los. "Du bist unmöglich", fand sie.

"Findest du?" Er legte den Kopf schief. Sie nickte heftig und streckte ihm die Arme entgegen.

"Zieh mich wieder hoch!"

"Warum?"

"Weil du mich umgeworfen hast, natürlich."

"Ich wollte nur dein Bein bewundern", behauptete Jean und angelte wieder nach diesem.

"Eh!" Sie lag auf dem Rücken wie ein Käfer, und er betrachtete vergnügt ihre Zehen.

"Genau wie ich es mir dachte. Du hast wahrhaft winzige Füße."

"Und was ist daran ungewöhnlich?"

"Nichts. Ich wollte nur wissen, ob die zum Rest passen."

"Natürlich passen meine Füße zum Rest! Die sind zusammen designt worden. - Kriege ich meinen Fuß heute noch zurück?"

"Nein." Er hielt diesen weiterhin fest und drehte und wendete ihn scheinbar interessiert. Anshara guckte ihm mißtrauisch dabei zu.

"Laß den bloß dran! Ich habe mich im Laufe der Zeit gut mit ihm angefreundet."

"Ne te fais pas de soucis", winkte er ab. "Keine Sorge." Er zog sie daran näher zu sich heran, und sie quietschte entrüstet auf, ehe sie wieder platt auf dem Boden lag.

"Aha, sehr interessant..."

"Was?" Sie stützte sich auf einem Arm auf und schmollte ihn an.

"Ich habe so etwas mal in einem Steinzeitfilm gesehen", grinste er.

"Chauvi!" grummelte sie. "Ich muß dir wirklich noch Manieren beibringen."

"Versuch's doch."

"Ich arbeitete daran", versprach sie. "Wart's nur ab."

"Ja?" Er guckte sie erwartungsvoll an. Da er sie immer noch nicht los ließ, warf sie ihm den Schwamm an den Kopf. Dies fruchtete immer noch nichts, und so zog sie ihn mit dem anderen Fuß die Beine weg, woraufhin er sich zu ihr gesellte.

"Au", gab er von sich und rieb sich den Hintern.

"Das war die gerechte Strafe." Sie rutschte zu ihm herüber und himmelte ihn an.

"Finde ich nicht", maulte Jean, stemmte sich wieder auf die Füße und betrachtete sich im Spiegel. Endlich konnte auch Anshara aufstehen, da ihr Fuß nun wieder in ihrem Besitz war. Sie schlang die Arme um Jeans Mitte. Er sah auf sie hinunter und fuhr durch ihre nassen Haare.

"Ich hab dich lieb", erklärte sie.

"Ich dich auch."

"Und jetzt sollten wir uns abtrocknen und ankleiden, ehe wir weggespült werden."

"So?" Jean gab ihr einen Kuß und seufzte. Anshara war ziemlich bestimmt, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Sie unterstrich diese Einschätzung noch, indem sie das Wasser abstellte und eins der riesigen schwarzen Badetücher holte. Jean sah ihr dabei zu, dann wickelte Anshara sie beide in das monumentale Tuch. Er grinste kurz, dann zog er das Tuch bis unter seine Achseln, was dazu führte, daß Anshara komplett darunter verschwand.

"He", kam es dumpf unter dem Frotteestoff hervor. "Hier ist es finster!"

"Ich dachte, du magst es dunkel." Er rubbelte sie schon mal trocken.

"Ein bißchen wollte ich schon von dir sehen." Sie seufzte. "Es ist unfair, daß du so riesig bist."

"Ich bin nicht riesig, nur ein bißchen hochgewachsen", korrigierte Jean.

"Du bist mindestens einen halben Meter größer als ich", übertrieb sie. Jean pellte sie wieder ein Stückchen aus.

"Zufrieden?" fragte er.

"Ja, ich kann wieder sehen." Sie legte den Kopf an seine Brust. Er lachte und trocknete sie fertig ab, wobei sie behagliche Laute von sich gab. Schließlich kniete er sich hin, um auch noch ihre Beine und Füße zu bearbeiten. Anshara gefiel das sichtlich.

"So, jetzt bist du trocken."

"Ich danke dir, mein Herzallerliebster", sagte sie übermütig.

"Gern geschehen, o du Strahlende."

Anshara lächelte ihn an. "So, und was soll ich nun anziehen?" überlegte sie.

"Mußt du denn etwas anziehen?"

"Soll ich etwa so vor Monsieur Simon treten?"

"Es würde ihm sicherlich gefallen."

"Mir aber nicht. Ich bin ein züchtiges Mädchen."

"Wo?"

"In der Gesellschaft natürlich - allerdings nicht in deiner."

"Eh bien", meinte Jean belustigt. "Und was wirst du also anziehen? Ich hoffe, etwas besonders Schönes, das deine Einzigartigkeit noch betont..."

"Du Schmeichler", sagte sie und guckte leicht verlegen zu Boden. "Schade, daß die neuen Sachen noch nicht fertig sind."

"Wir haben noch nicht nach der Post geschaut", machte Jean sie aufmerksam. Er hatte dem Schneider eine erkleckliche Summe versprochen, wenn er zumindest eins der Kleider bis heute fertig hatte, und da Monsieur Caradouc mehrere Näherinnen beschäftigte, sollte ihm dies auch gelungen sein.

"Dann laß uns nachsehen."

Jean packte Anshara in das Badetuch und trug sie in ihren Raum. "Ich schaue gleich nach."

"Ich werde dich freudig hier erwarten."

Er grinste sie an und verschwand erst einmal in seinem Zimmer, um sich einen Bademantel zu holen, ehe er nach unten ging. Der Schneider war seinem guten Ruf tatsächlich wieder einmal gerecht geworden und hatte sogar drei der Kleider geliefert, wie Jean dem an ihn addressierten Begleitbrief entnahm. Vermutlich hatten die Näherinnen die letzten Stunden exklusiv für Anshara gearbeitet. Er brachte das Paket zu ihr nach oben.

"Ein Päckchen? Für mich?" erkundigte sie sich begeistert. Sie nahm es entgegen und stürzte sich auf den Karton. Zunächst einmal mußte sie sich durch allerlei Lagen Seidenpapier arbeiten, ehe sie die drei Kleider befreit hatte. Es handelte sich um ein rot-schwarzes, wie sie es bestellt hatte und zudem um je ein dunkelblaues und ein gold/beigefarbenes Gewand, von denen sie nichts wußte.

"Oh! Hast du die beiden für mich geordert?" wollte sie wissen. "Die sehen hübsch aus!"

"Ich weiß von nichts", behauptete Jean, doch sein zufriedenes Gesicht sprach Bände.

Anshara legte zunächst das Samtkleid an, das weitestgehend schwarz war bis auf die Korsage und einige rot unterlegte Falten im Rock. Sie drehte und wendete sich vor dem Ankleidespiegel im Schrank.

"Du siehst wundervoll aus", fand Jean.

"Merci", strahlte sie ihn an. "Das gefällt mir auch. - So, und jetzt muß ich unbedingt die beiden Überraschungskleider probieren."

Sie stieg auf dem Samtkleid und hängte es auf einen gepolsterten Bügel, ehe sie das dunkelblaue, schimmernde Satinkleid überstreifte. Jean hatte Monsieur Caradouc während der diversen in französisch gehaltenen Dialoge offenbar genaue Anweisungen erteilt. Hoffentlich brachte er ihr bald diese dumme Sprache bei!

Das blaue Kleid war schulterfrei, schmal geschnitten und hatte einen hohen Stehkragen.

"Ts, das ist aber schwierig, sich in diesem Gewand zu bewegen", stellte sie fest.

"Das sollst du auch gar nicht."

Kopfschüttelnd wand sie sich aus der Robe heraus und wechselte in das Dritte. Dieses entsprach seinem Stil nach fast einem Kleid aus dem letzten Jahrhundert, es hatte eine eng anliegende beigefarbene Korsage mit einer goldenen Rüsche, die über die Schultern reichte, dazu einen ebenfalls goldenen Unterrock, über den ein weiter, beigefarbener, vorne offener Überrock drapiert war.

"Hübsches Design." Sie bewunderte sich im Spiegel.

"Finde ich auch." Jean trat hinter sie und strich ihr sanft durch die Haare. Sie schlang ihm die Arme um die Taille und kuschelte sich an ihn, während er an ihren Haaren herumspielte. "Ich denke, hochgesteckte Haare würden dir auch stehen."

"Kannst du mir ja mal machen."

"Kann ich." Er küßte sie auf die Schulter. "Zu diesem Kleid fehlt nur der passende Schmuck", stellte er fest. "Warte mal kurz." Jean verschwand und kam gleich darauf mit einer Schachtel zurück. "Was hältst du davon?" Er hielt ihr die geöffnete Schatulle mit einem goldfarbenen Topas-Collier hin.

"Wow!" begeisterte sich Anshara. "Legst du es mir an?" Sie blickte erwartungsvoll zu ihm auf, und er leistete ihrer Bitte Folge.

"Nun?"

"Herrlich! - Wie heißt das auf Französisch?"

"Magnifique."

"Ja, dann genau das!"

"Du bist wunderschön", erklärte er. "Ich bin sicher, jeder wird dich bewundern."

"Merci." Sie schlug dezent die Augen nieder. Jean trat hinter sie, um die Arme um sie zu legen und betrachtete ihr Abbild im Spiegel. Anshara legte den Kopf in den Nacken und sah zu ihm hoch.

"Wenn du mir deine entzückende Kehle nur noch ein wenig länger darbietest, dann darfst du dich nicht wundern, wenn es mir nicht mehr gelingt, meinen Appetit zu zügeln", bemerkte er.

"Du darfst dich gerne bedienen, so lange du nicht zu gierig bist und mir mein Kleid nicht vollkleckerst."

"Ich kleckere doch nicht", erwiderte Jean mit hochgezogenen Augenbrauen.

"Das hoffe ich für dich."

Jean lachte und strich ihr mit den Fingern über die Kehle, woraufhin sie wohlig erschauerte. Diese Reaktion fand er um so anziehender, und er beugte sich langsam über ihren Hals und küßte sie dort hin.

"Du bist eine ständige Versuchung", stellte er fest und beobachtete ihr Spiegelbild, ehe er wieder begann, an ihrem Hals herumzuknabbern. Anshara seufzte auf; es war immer so aufregend, wenn er mit seinen Zähnen über ihre Haut glitt. Ob er wohl wirklich zubeißen würde? Sie wollte unbedingt wissen, wie sich das anfühlte. 'Wahnsinnig' hatte er das Gefühl bezeichnet - das wollte sie auch gerne erleben.

Da sie offenbar nichts dagegen hatte, beschloß Jean, sich bei ihr sein Frühstück zu genehmigen. Außerdem interessierte es ihn, wie ihr Blut wohl schmecken würde. Er spielte noch ein Weilchen herum, und dann biß er zu. Anshara hatte gar nicht mehr damit gerechnet und guckte dementsprechend verdutzt, ehe sie sich ganz den Empfindungen hingab, die sie durchströmten. Es war tatsächlich unbeschreiblich, grandios... Sie lehnte sich zuück an Jean, da sie nun eine wohlige Schwäche überkam. Er war nicht sonderlich hungrig und beraubte sie nur ein wenig ihrer Vitæ, bevor er verliebt ihren Hals abschleckte.

"Das war magnifique", seufzte sie.

"N'est-ce pas? - Ich habe auch nicht gekleckert."

"Stimmt." Sie betrachtete ihren Hals. Es war keine Spur mehr zu sehen. "Aber jetzt könnte ich auch etwas zu trinken gebrauchen."

"Ich werde dir etwas holen." Jean ließ sie widerstrebend los und holte einige gut gekühlte Flaschen und zwei Gläser aus dem Keller.

"Du bis überaus aufmerksam", sagte sie, als er das Frühstück auf dem Tisch aufgebaut hatte.

"Ich will ja nicht, daß du vor Schwäche eingehst. - Obwohl ich ja nur ein bißchen an deinem Lebenssaft genippt habe."

"Es war aber trotzdem ...faszinierend." Sie nahm ein gefülltes Glas entgegen und leerte es in einem Zug.

"Es ist ganz anders als einen Menschen zu beißen", sinnierte Jean. "Irgendwie ist es ...gehaltvoller."

"Hm." Anshara lauschte in sich hinein. "Müßte man nicht eigentlich schon etwas von diesem Blutsband merken?"

"Soweit ich weiß, merkt man das erst richtig, wenn man dreimal von einem anderen getrunken hat."

"Ah. Was ist eigentlich, wenn man so ein Band hat und dann dreimal das Blut eines anderen trinkt?"

"Da dürfte dann eigentlich nichts passieren, denn man kann nur ein Blutsband haben."

"Wenn man es recht überlegt, ist das doch sogar praktisch, wenn man eins hat - schließlich kann man dann nicht mehr von einem böswilligen Individuum überrumpelt werden, das einem ein Blutsband aufzwingen will."

"C'est vrai", stimmte Jean zu. "Das ist wahr." Allerdings hatte er schon mal Gerüchte gehört hatte, daß es Möglichkeiten geben sollte, auch ein bestehendes Band zu brechen.

"Hm. Wäre es dann nicht sinnvoll, vorsorglich ein Blutsband zu jemandem zu schaffen, denn man mag?"

"Die meisten Kainskinder trauen niemandem, und schon gar nicht soweit daß sie jemandem solche Macht über einen geben."

"Das ist ja tragisch. Kein Vertrauen..."

"Es ist auf jeden Fall sicherer. Einige der Kainskinder sind ziemlich gefährlich." Das war eine leichte Untertreibung, dachte Jean ironisch. Der Sabbat zum Beispiel, eine Sekte der Kainiten, bestand aus einer reinen Ansammlung von irren Massenmördern, und für die Chance, ihre Generation auf die Stufe von Anshara zu erhöhen, würden auch andere diese mit Freuden umbringen, um sie ihrer kostbaren Vitæ zu berauben.

"Aber wenn man niemanden hat, der einem den Rücken deckt, dann kann man sich doch niemals richtig sicher fühlen", wandte sie ein.

"Sûr, aber was meinst du, warum Paranoia und Verfolgungswahn völlig normale Eigenschaften der Kainskinder sind?"

"Oh. Aber ich denke, dir kann ich vertrauen", meinte sie. "Du bist nämlich absolut lieb." Sie ergriff seine Hand und legte sie an ihre Wange, ehe sie zu ihm auf den Schoß herüberrutschte.

"Ich mag dich eben." Er lächelte sie an und streichelte ihren Rücken.

"Jean, sag mal, wie wird man eigentlich ein Blutsband wieder los, wenn man es nicht mehr will?"

"Gar nicht."

"Oh."

"Sowas ist für immer - beziehungsweise für ziemlich lange."

"Dann sollte man es sich wirklich gut überlegen." Sie legte den Kopf an seine Schulter.

"Das wäre sinnvoll, aber meistens wird man vorher gar nicht erst gefragt. Ein neuerschaffenes Kainskind weiß in der Regel gar nichts über die Bedeutung des Blutsbands und trinkt widerspruchslos mehrfach das Blut seines Erzeugers, und schon ist es geschehen."

"Das ist aber nicht fein", sagte Anshara mißbilligend. "Kann man sich denn nicht irgendwo darüber beschweren? Zum Beispiel beim zuständigen Prinzen?"

"Der wird bestimmt nichts unternehmen, schließlich benutzt er ja auch Blutsbänder, um andere an sich zu fesseln."

"Alles korrupt", mokierte sie sich.

"Exakt."

Sie löste sich aus Jeans Armen und stand auf.

"Wir sollten wirklich langsam los. Außerdem mußt du dich noch anziehen." Sie musterte seinen makellosen Körper in dem schwarzen Bademantel voller Wohlgefallen. "Oder willst du die Aufmerksamkeit aller auf dich ziehen, indem du nackt erscheinst?"

"Ich glaube nicht, daß das irgendjemanden besonders interessieren würde."

"Nicht?" Sie guckte leicht irritiert.

"Ich ziehe mich ja schon an", lachte er.

"Gut." Irgendwie wollte ihr der Gedanke nicht gefallen, daß andere Personen Jean in seiner vollen Pracht erspähten. Er warf ihr einen belustigten Blick zu.

"Bis gleich." Er verschwand in seinem Zimmer.

"Bleib nicht zu lange", rief sie ihm hinterher. "Ich kann doch nicht solch eine Ewigkeit ohne dich sein. Ich würde vor Sehnsucht vergehen!"

"Ich beeile mich aber trotzdem nicht", ertönte es amüsiert von der anderen Seite des Flurs. "Die Wahl meines Gewandes will wohlüberlegt sein."

"Dann werde ich mich zu dir gesellen, um dich dabei zu unterstützen und meinen Augen den Genuß deines Anblicks nicht zu verwehren."

"Ich würde sagen, mit deiner Anwesenheit werde ich ewig und drei Tage brauchen."

"Aber zumindest muß ich dich dann nicht missen."

Jean kramte derweil weiter in seinem Schrank herum und warf ihr ab und zu belustigte Blicke zu, da sie die Wand neben der Tür elegant mit ihrer werten Person dekorierte. Natürlich wurde die Zeitdauer des Anguckens immer länger, während die Suche nach den Sachen untergeordnete Bedeutung erhielt.

"Hast du schon eine Entscheidung getroffen?" fragte Anshara, als sie den Flug eines schwarzen Sporthemdes verfolgte, das hinter dem Bett landete.

"Was für eine Entscheidung?" fragte er verwirrt und betrachtete sie gebannt.

"Was du anziehst."

"Äh, nein..."

"Such etwas elegantes Schwarzes aus", bestimmte sie.

"Bien..." Er wandte sich widerstrebend abermals dem Schrank zu und war wirklich kurz darauf ansprechend gewandet.

"So, und nun sollten wir aufbrechen."

"Wenn du darauf bestehst..."

"Allerdings. Ich hoffe, daß Simon mir etwas Brauchbares erzählt. Wie soll ich ihn eigentlich anreden? Monsieur Simon?"

"Er heißt Simon de Sanquere, aber ich bezweifle, daß er darauf achtest, wie du ihn anredest, wenn er dich erblickt."

"Oh. Ich hoffe, er kann Englisch?"

"Er beherrscht eine ganze Menge Sprachen außer Französisch", erzählte Jean. "Englisch, Deutsch, Altgriechisch, Latein, Hebräisch und bestimmt noch einige mehr."

"Wow!" machte sie bewundernd. "Wobei mir wieder einfällt, daß ich immer noch Französisch lernen muß. - Wann bringst du es mir denn endlich bei?"

"Wenn wir Zeit haben."

"Oooch Jean, wenn du täglich zwei, drei Stunden intensiv mit mir übst, dann sollte es doch klappen..."

Jean verzog das Gesicht. "Sowas ist doch langweilig", beschwerte er sich.

"Und wie soll ich es sonst lernen? Ein Wort pro Tag wie bisher?"

"Sicher. Das macht immerhin 365 pro Jahr und in Schaltjahren sogar 366."

"Dann ist es mir in zehn Jahren vielleicht möglich, eine Konversation zu führen", grummelte sie. "Unter hundert Vokabeln am Tag läuft nichts."

"Das sind zu viele. Ich biete dir maximal fünf pro Tag", widersprach er.

"Das dauert doch eeewig!"

"Du hast auch ewig Zeit. Wie viele Worte kannst du denn schon?"

"Nur drei!"

"Ist doch prima. Mal sehen, vielleicht bringe ich dir nachher noch zwei weitere bei." Er grinste. "Immerhin will ich dich nicht überanstrengen."

"Bestimmt nicht! Laß mal überlegen - ich kann oui, merci und magnifique. Wie wäre es mit nein und bitte?"

"Non und s'il vous plaît", gab er an.

"Bitte auf französisch klingt ja nach einem halben Roman!"

"Nun, es heißt wörtlich wenn es Ihnen gefällt."

"Ziemlich umstandlich", fand Anshara. "Und überhaupt - gibt es das auch in du?"

"Sicherlich. S'il te plaît."

"Französisch ist schon eine komische Sprache. Ich dachte immer, bitte wäre bitte... Brauche ich noch irgendwelche wichtigen Worte?"

"Na gut. Was hältst du von bonsoir, bonjour und bonne nuit?"

"Ah, stimmt, das hattest du schon mal gesagt. War das nicht guten Morgen etc.?"

"Genau. Guten Abend, guten Morgen bzw. Tag und gute Nacht."

"Bon", kommentierte Anshara, da dies offenbar gut bedeutete.

"C'est assez pour aujourd'hui", sagte Jean kategorisch. "Das reicht für heute. Wir wollten doch gehen."

"Oh, sicher." Sie stieg in ihre Schuhe und den Mantel, und auch Jean zog sich seine Jacke über.

* * *

"Warum hast du eigentlich keinen eigenen Wagen?" wollte Anshara wissen, als sie auf das Taxi warteten.

"Ich kann nicht fahren", antwortete er.

"Oh. Ich habe in den Vereinigten Staaten den Führerschein gemacht. Allerdings nur für Automatikwagen."

"Prima, dann kannst du ja demnächst fahren", freute er sich.

"Wenn ich ein Auto hätte, schon."

"Dann kaufen wir eben eins. - Ah, voilà le taxi!"

Sie kletterten in den Fond des Wagens und ließen sich zu Simon de Sanquere chauffieren.

Die Fahrt nahm einige Zeit in Anspruch, da er etwas außerhalb von Paris wohnte, und Jean betrachtete die Umgebung. Er war ungewöhnlich schweigsam, und da Anshara auch die Landschaft betrachtete, sagte sie ebenfalls nichts.

Schließlich hielt das Fahrzeug vor einem altertümlichen Haus.

"Sollen wir das Taxi warten lassen, falls Simon uns rausschmeißt?" wollte Anshara wissen. "Ich habe nämlich keine Lust, die Strecke zurücklaufen zu müssen."

"Wäre sinnvoll. Vor Sonnenuntergang würden wir mein Haus nie erreichen."

"Wir sollten dem Fahrer genug Geld geben, damit er so lange wartet, bis wir entweder rausgeworfen werden oder ihm sagen, daß er zurückfahren kann", empfahl sie.

"Gut", stimmte Jean zu und sprach kurz mit dem Fahrer, wobei er ihm einige Geldscheine in die Hand drückte.

Sie stiegen aus, und Anshara begutachtete den edlen Bau.

"Gehen wir also in die Höhle des Löwen", sinnierte sie.

"Du gehst vor!"

"Ich weise darauf hin, daß Simon dein Erzeuger ist."

"Aber dir schlägt er vielleicht nicht sofort die Tür vor der Nase zu. Ich glaube nämlich nicht, daß er über mein Auftauchen in irgendeiner Art und Weise begeistert ist."

"Was hat er denn gegen dich?"

"Ich habe nie das gemacht, was er wollte, und dann gab es da noch so ein kleines Problem wegen der Erlaubnis zu meiner Erschaffung..."

"Ist das denn nicht sein Problem?"

"Natürlich. Aber mach das mal Simon klar. Er sagt doch immer, ich wäre an allem schuld." Er zog eine Grimasse und ging zur Tür, dicht gefolgt von Anshara. Mit dem Gesicht eines römischen Gladiators vor dem tödlichen Zweikampf betätigte er die Klingel, woraufhin ein melodischer Gong zu hören war.

Nach einiger Zeit ertönten Schritte, und die Tür wurde geöffnet. Ein niedliches Dienstmädchen in einem schwarzen Kleid mit weißer Schürze und Spitzenhäubchen fragte nach ihrem Begehr.

"Wir würden gerne Monsieur de Sanquere besuchen", eröffnete Anshara auf Englisch.

"Bitte treten Sie ein", erwiderte das Dienstmädchen in der gleichen Sprache. "Ich werde sehen, ob Monsieur zu sprechen ist." Sie musterte Jean mit einem leicht amüsierten Blick.

"Merci", sagte Anshara und trat ein. Das Dienstmädchen führte sie in einen eleganten Salon und verschwand. Anshara sah sich interessiert um. Der Raum war in barockem Stil eingerichtet, mit allerlei verschnörkeltem Zierrat auf Kommoden und in Vitrinen sowie einigen Ölgemälden, die Landschaftsbilder aus der Provence und der Camargue zeigten.

Jean blickte aufmerksam zur Tür.

"Das Haus ist hübsch", fand Anshara und bewunderte eine goldene Uhr unter einer Glasglocke.

"Simon hat einen exklusiven Geschmack. Die Gemälde finde ich immer wieder wunderschön."

"Stimmt." Eines der Bilder zeigte eine weite Ebene unter einem sturmgepeitschten Himmel, wo eine Herde Wildpferde entlang galoppierte.

Unvermittelt klopfte es, und das Dienstmädchen kehrte zurück. "Monsieur erwartet Sie im oberen Salon."

"Dann laß uns nach oben gehen", sagte Jean fatalistisch.

"Ich habe das Taxi entlassen", fuhr das Dienstmädchen an Jean gewandt fort. "Monsieur sagte, Sie bleiben zum Abendessen. - Wenn Sie mir nun folgen würden?"

Sie führte die beiden die breite Treppe hinauf in dem oberen Salon. Die Wände entlang der Treppe waren mit kleinen Landschaftsaquarellen geschmückt, die Anshara ausgiebig bewunderte.

Der obere Salon war noch kostbarer ausgestattet als der Empfangsraum im Parterre. Auch hier hingen Ölgemälde, die jedoch hauptsächlich Portraits zeigten.

"Hier bräuchte man bestimmt ein, zwei Tage, um alles zu bewundern", fand Anshara begeistert.

"C'est vrai. Das Haus ist ein Museum", meinte Jean und betrachtete Porzellanfiguren in einer Vitrine. Das Dienstmädchen war inzwischen wieder gegangen und hatte sie alleine zurückgelassen.

Anshara trat neben ihn und sah sich ebenfalls die zierlichen Figuren an.

"Sind sie nicht wundervoll?" fragte Jean fasziniert.

"Stimmt. Magnifique."

"Du erinnerst dich noch daran?" Er sah sie überrascht an.

"Sicher. Es war das dritte französische Wort, das ich gelernt habe."

Jean konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

"Bonsoir, mes amis", ertönte plötzlich eine neue Stimme. Lautlos hatte Simon de Sanquere den Raum betreten und trat auf sie zu. Er wirkte wie Anfang dreißig, hatte blondes Haar und hypnotisch wirkende, tiefschwarze Augen.

"Bonsoir, Monsieur", erwiderte Anshara und machte einen dezenten Knicks.

Auch Jean begrüßte seinen Erzeuger, bedachte ihn aber mit einem trotzigen Blick, was Simon aber nur ein amüsiertes Lächeln entlockte.

"Was verschafft mir die Ehre Eures Besuches?" erkundigte er sich auf Englisch. Da Jean nichts sagte, ergriff Anshara die Flucht nach vorn.

"Oh, wißt Ihr, mein Sire hat mich ziemlich unwissend allein gelassen, und Jean meinte, Ihr wüßtet so viel über die Kainskinder und alles, was dazu gehört, und da dachte ich, vielleicht wäret Ihr ja so lieb, mir ein wenig darüber beizubringen", sprudelte es aus ihr hervor.

Simon maß sie mit einem belustigten Blick.

"Ich muß mich für meine Manieren entschuldigen. Bitte, nehmt doch zunächst einmal Platz." Er wies auf die Sitzgelegenheiten, und Anshara leistete der Aufforderung mit einem strahlenden Lächeln Folge. Sie ordnete den Rock ihres Kleides und ließ sich in einem der Sessel nieder. Jean blieb stehen, was seinen Erzeuger nicht weiter interessierte. Er war ganz auf Anshara fixiert und setzte sich ihr gegenüber in einem weiteren Sessel.

"Zudem bitte ich, über meine mangelhafte Kleidung hinwegzusehen", fuhr Simon fort. "Ich war im Labor." Er strich ein paar imaginäre Stäubchen von seinem makellosen Anzug. "Aber Ihr habt mir noch gar nicht Euren Namen verraten."

"Oh, entschuldigt vielmals", sagte sie bestürzt. "Ich bin Anshara."

"Anshara", wiederholte Simon gedehnt. "Ägyptisch?"

"Ja." Sie sah ihn erstaunt an. "Eigentlich heiße ich Anch-Ra, aber das können die wenigsten richtig aussprechen, und deshalb nenne ich mich lieber gleich Anshara."

"Die Welt ist es auch nicht Wert, solch einen erlesenen Namen zu benutzen", erklärte er.

"Ihr schmeichelt mir." Sie schlug verlegen die Augen nieder.

"Ich spreche nur die Wahrheit", widersprach er.

"Ihr seid ein Charmeur."

"Das hat man mir schon häufiger versichert", meinte Simon erheitert. "Was wünscht Ihr nun von mir zu erfahren?"

"Hm. Naja, Jean erzählte mir von den Traditionen - aber wie wäre es mal mit dem Anfang? Wo kommen die Vamp- äh, Kainskinder, überhaupt her?"

"D'accord... Das ist eine Geschichte, die viele Varianten hat, und welche davon die Wahrheit ist - wenn es denn überhaupt eine wahre Version gibt - ist schwer zu sagen." Er lehnte sich in seinem Sessel zurück.

"Verzeiht mir, wenn ich nur eine gekürzte Form erzähle, denn wenn ich so weit aushole, wie ich es könnte, dann würde ich noch in einer Woche reden... Es begann alles mit der christlich biblischen Geschichte, da Kain, der erstgeborene Sohn Adams und Evas seinen Bruder Abel erschlug. Die genauen Hintergründe davon könnt Ihr gerne in der Bibel nachlesen, es steht alles ziemlich weit vorne, in der Genesis. Kain wurde von Gott daraufhin verflucht und zum Vampir verwandelt. Im Laufe der Zeit lernte er allerlei Fähigkeiten - das könnt Ihr im Buch von Nod nachlesen, falls Ihr einmal eine der weitgehend restaurierten Kopien des Aristotle deLaurent findet - und schuf schließlich drei Kinder. Diese drei erzeugten ihrerseits insgesamt dreizehn Nachfahren. Es ist jetzt müßig, die genauen Hintergründe über das Leben in der Ersten Stadt darzulegen - es sei nur soviel gesagt, daß es einen Aufstand der Dreizehn gab, bei dem deren Erzeuger vermutlich alle den Tod fanden. Es geht zwar das Gerücht um, daß Arikel, die Gründerin unseres Clans, ihren Erzeuger verschonte, aber darüber sind keine genauen Fakten bekannt. Nun, auf jeden Fall stammen alle heute lebenden Kainskinder von diesen dreizehn der dritten Generation ab, und sie sind ihren Schöpfern nach in dreizehn Clans eingeteilt, bei denen jedes Mitglied etwas von den Talenten des ursprünglichen Clangründers erhalten hat. Arikel sagt man nach, daß sie von unvergleichlicher Schönheit war und dazu eine begnadete Bildhauerin, deren Werke niemals wieder von anderen erreicht wurden."

"Das ist ja faszinierend", fand Anshara. Jean hatte gesagt, daß sie vermutlich der fünften oder sechsten Generation angehörte - das hieße ja, daß sie eine Enkelin bzw. Urenkelin dieser Clangründerin sein müßte! Sie fragte sich, in welchem Umfang sie wohl etwas von deren Talenten mitbekommen hatte, und eine steile Falte erschien auf ihrer Stirn.

"Heißt das, daß auch Leute ohne irgendwelchen Hang zur Kunst durch den Kuß eines Toreador-Clanangehörigen zu Künstlern werden können?"

"Nein, ich denke, man muß von Geburt an ein Künstler sein - dazu kann man nicht gemacht werden."

"Und was machen dann Toreador ohne ein Talent?"

"Die werden zu Kunstkritikern", antwortete Simon trocken.

"Hm. Wißt Ihr, ich zum Beispiel halte mich nicht für sonderlich künstlerisch talentiert."

"Die eigene Meinung darüber ist nicht Ausschlag gebend", gab Simon zu bedenken. "Nur die Meinung der anderen bestimmt, ob man ein Künstler ist oder nur ein Poseur."

"Ich habe leider bislang noch nichts produziert", seufzte sie. "Dabei würde ich gerne etwas schaffen."

"Probiert es einfach aus. Irgendwann werdet Ihr sicherlich Eure Berufung finden."

"Vielleicht sollte ich mich ja mal an der Bildhauerei versuchen", überlegte sie. Hieroglyphen in Wände meißeln konnte sie ja.

"Tut einfach das, wonach es Euch drängt", empfahl Simon.

"Hm." Momentan drängte es sie hauptsächlich danach, sich mit Jean zu vergnügen, aber das war wohl kaum künstlerisch wertvoll. Sie warf diesem einen verliebten Blick zu. Simon folgte ihrem Blick amüsiert.

"Ich vermute, Ihr seid augenblicklich zu beschäftigt, um Eure künstlerischen Neigungen zu erforschen."

"Äh, ja..." Anshara guckte ausgesprochen verlegen drein, was Simon mit einem belustigten Lächeln quittierte. Anshara versuchte angestrengt, im Sessel zu versinken, und Simon mußte sich bemühen, ernst zu bleiben.

"Kann ich Euch etwas offerieren?" überspielte er als Gentleman den peinlichen Moment.

"Gerne, Monsieur, Ihr seid überaus zuvorkommend." Sie war froh, daß er das Thema gewechselt hatte und guckte erneut zu Jean herüber. Der tat, als ginge ihn das alles überhaupt nichts an.

Simon betätigte den Klingelzug, und das Dienstmädchen erschien. Er gab ihr einige Anweisungen auf Französisch. Durch die offene Tür huschte eine crèmefarbene Langhaarkatze herein. Anshara war entzückt; sie liebte doch Katzen und versuchte, das Tier zu sich zu locken. Die Katze guckte interessiert und sprang ihr auf den Schoß. Anshara war begeistert und streichelte sie ausgiebig, was das monumentale Fellknäul mit einem unüberhörbaren Schnurren dankte. Simon lehnte sich in seinem Sessel zurück und betrachtete die beiden.

"Ihr Name ist Champagne", eröffnete er.

"Ah. Hallo, Champagne", sagte Anshara und kraulte sie unter dem Kinn. Die Katze purrte und rollte sich auf den Rücken. "Ist die süß!"

"Selbstverständlich."

"Jean erzählte mir, daß ihr auch eine schwarze Katze mit türkisfarbenen Augen hattet, die Diavolo hieß..."

"Ah, non - Ihr meint Diable. Insgesamt habe ich zwei bis drei Dutzend Katzen hier."

"Ich sollte mir auch mal eine zulegen. Immerhin sind Katzen heilig."

"Ich habe darüber gelesen." Er zitierte eine ägyptische Inschrift über die Heiligen Katzen von Bubastis.

"Ihr sprecht ja Altägyptisch", stellte sie entzückt fest. "Nur die Aussprache stimmte nicht ganz." Sie verbesserte zwei der Worte.

"So?" meinte Simon irritiert. Er mochte es gar nicht, korrigiert zu werden. "Woher stammt die Weisheit?"

"Ich habe es so gelernt."

"Nach Meinung der führenden Wissenschaftler war meine Version richtig."

Das Dienstmädchen betrat den Raum und servierte die georderte Erfrischung.

"Die wissen auch nicht alles", meinte Anshara. "Oder es hat sich im Laufe der Zeit geändert." Zumindest in der 12. Dynastie sprach man das Ägyptische nicht so, wie Simon meinte.

"Ihr wart wohl dabei?" erkundigte sich Simon ironisch.

"Äh", machte Anshara peinlich berührt und sagte lieber nichts weiter. Simon betrachtete sie interessiert, während er sein Glas zur Hand nahm.

"Auf Euer Wohl." Er sprach kurz mit dem Dienstmädchen, und diese verließ wieder das Zimmer.

"Und auf das Eure", entgegnete sie und stieß mit ihm an. Irgendwie war Simon doch nicht so schlimm, wie Jean behauptet hatte. De Sanquere erhob das Glas auch in Jeans Richtung, und dieser erwiderte die Geste.

"Pourquoi es-tu si silencieux, mon ami?" wollte er wissen. "Warum bist du so schweigsam, mein Freund?"

"Je n'ai rien à dire", entgegnete er. "Ich habe nichts zu sagen."

Simon zuckte mit den Achseln und wandte sich wieder Anshara zu. Er hatte zumindest versucht, ein Gespräch mit seinem mißratenen Sprößling zu beginnen.

"Warum setzt du dich nicht zu uns, Jean?" fragte Anshara.

"Ich stehe lieber. Außerdem hatte ich mir gerade diese Figuren angesehen."

"Aha." Sie zog eine Augenbraue hoch und widmete sich lieber wieder ihrem Getränk. Es handelte sich um ganz frisch gezapfte Gruppe AB positiv mit einem Hauch von erhöhtem Blutzuckerspiegel. "Das ist höchst schmackhaft, Monsieur de Sanquere", lobte sie.

"Ich habe eine Vorliebe für alles Auserlesene." Das Dienstmädchen brachte einen geschlossenen Korb und ging anschließend wieder.

"Ich habe schon Euren Kunstgeschmack bewundert. Die Bilder, die ich bislang in Eurem Haus sehen konnte, sind wundervoll. Hm. Vielleicht sollte ich ja einmal versuchen zu zeichnen oder zu malen."

"En effet! Die Malerei ist eine faszinierende Kunst. Das Entstehen eines Bildes aus weißer Leinwand und Farben ist fast ein wahrer Akt der Schöpfung."

"Das kann ich mir gut vorstellen." Sie fragte sich, ob es hier wohl irgendwo echten Papyrus zu kaufen gab. Simon öffnete den Korb und trug ihn zu Anshara herüber.

"Ich dachte mir, daß Ihr vielleicht einmal Champagnes Nachwuchs begutachten wollt."

"Sind die niedlich", begeisterte sie sich und bewunderte die winzigen Flauschknäule. Champagne lag noch auf ihrem Schoß und schien sich dort recht wohl zu fühlen.

"Sie werden bestimmt wie ihre Mutter", bemerkte Simon. "Ihre Namen sind Une, Deux und Trois." Er wies dabei auf das beigefarbene, das rote und das gefleckte Katzenkind.

"Das klingt hübsch", fand sie. "Haben die Namen auch eine Bedeutung?"

"Ja. Eins, Zwei und Drei", antwortete Simon belustigt. "Ihr sprecht wohl überhaupt kein Französisch?"

"Jean hat mir bislang nicht einmal ein Dutzend Worte beigebracht", seufzte sie. "Ich kann nur Ägyptisch, Arabisch und Englisch." Sicherheitshalber ließ sie das 'Alt' beim 'Ägyptisch' weg.

"Ihr solltet Euch bemühen, das Französische alsbald zu erlernen", riet er. "Der Prinz spricht niemals eine andere Sprache."

"Jean meinte, er wolle mir pro Tag ein Wort beibringen", schmollte sie.

"Typisch", war Simons einziger Kommentar, ehe er einen der Katzenwinzlinge in die Hand nahm, um ihn zu streicheln.

"Habt Ihr vielleicht ein Französischlehrbuch für englisch- oder arabischsprachige Schüler?" wollte Anshara wissen.

"Ich vermute nein, dazu hatte ich bislang keinen Bedarf. Aber es gibt einige gute Buchhandlungen in der Stadt, die Euch mit Sicherheit weiterhelfen können. Ich werde Euch die Adressen zusenden."

"Das wäre nett."

Simon setzte das Kätzchen wieder zu seinen Geschwistern und ging zu Jean herüber, der immer noch die Figuren anstarrte.

"Was hältst du von meinen Neuerwerbungen?"

"Sie sind exquisit." Jean schaute Simon an. Die beiden waren fast gleich groß, so daß sie sich ohne Probleme direkt in die Augen sehen konnten. Schweigend starrten sie sich eine Weile an, bis Jean den Blick senkte. Diese Duelle hatte er noch nie gegen seinen Erzeuger gewonnen. Simon war zufrieden, daß Jean ihm nachgegeben hatte und legte ihm die Hand auf die Schulter, während er auf ihn einredete. Jean blickte ein wenig düster drein, denn es war nicht zu übersehen, daß Simon sich ungemein für Anshara interessierte.

Diese peilte in den Korb mit den Minikätzchen, aus dem es kläglich miaute, als die Kleinen versuchten, herauszukrabbeln. Sie nahm das crèmefarbene Kätzchen heraus und legte es neben Champagne. Die Farben waren absolut identisch. Die Mutter begann, ihr Junges abzulecken. Anshara war absolut entzückt und legte die anderen Kleinen dazu, und die Kätzchen tappten unbeholfen aber nichtsdestotrotz neugierig über den weichen Stoff ihres Kleides. Während sie an ihrem Glas nippte, streichelte Anshara abwechselnd alle vier Stubentiger.

"Ein Bild des Entzückens", kommentierte Simon, als er sich Anshara zuwandte.

"Ja, die sind wirklich allerliebst."

"Leider werden sie alle groß."

"Aber die Große ist doch auch süß!"

Simon lachte. "Katzen sind meine große Leidenschaft", erzählte er.

"Wir hatten auch mehrere Katzen zu Hause."

"Interessant", bemerkte Simon. "Und nun habt Ihr keine mehr?" Er sah ihr in die Augen.

"Ich bin sehr viel unterwegs, und das ist nichts für eine Katze. Zunächst bin ich durch Ägypten gezogen, dann durch England und Amerika, bis ich auf der Rückreise aus Rumänien in Frankfurt auf Jean traf."

"Solche Ortswechsel sind wirklich nichts für Katzen", stimmte er zu. "Wie hat es Euch denn in den diversen Ländern gefallen?"

"Nun, Ägypten hat mich sehr traurig gestimmt. Die ganze Kultur ist in den letzten zweitausend Jahren völlig verfallen. England war ganz nett, aber es war dort nicht viel los. Die Vereinigten Staaten waren sehr interessant, aber an Kultur habe ich auch dort wenig entdecken können; es ist alles sehr schnellebig. Rumänien war eine völlige Enttäuschung, und in Frankfurt war ich nur fünf Tage, bis ich Jean nach Paris begleitete."

"Ich muß zugeben, ich liebe Paris und verlasse die Stadt der Lichter nur selten", erklärte Simon.

"Ich bin ja erst zwei Tage hier und hatte noch gar keine Zeit, alles zu erkunden. Ich habe von Versailles gehört und dem Spiegelsaal, ein wenig sah ich vom Louvre, als ich dem Prinzen meine Aufwartung machte, und dann bin ich durch den Park Monzo gewandert. Bislang gefiel es mir sehr gut. Ich glaube, ich könnte mich hier eingewöhnen."

"Das wäre eine Bereicherung unserer Gesellschaft."

"Meint Ihr? Jean erzählte mir, daß es hier häufig interessante Festivitäten gäbe."

"Eigentlich ist es eine ewig andauernde Feierlichkeit", meinte Simon. "Aber ich besuche selten gesellschaftliche Anlässe, denn meine Interessen sind anderer Natur. Hier in meinem Heim habe ich ausschließlich die Gesellschaft, die mir genehm ist."

"Was sind denn Eure Interessen? Oder ist es zu indiskret von mir, dies zu fragen?"

"Ich beschäftige mich hauptsächlich mit den Wissenschaften."

"Mit allen?"

"Ich hatte viel Zeit."

"Das ist ja faszinierend. Was macht Ihr denn?"

"Eigentlich alles."

"Ich habe bislang hauptsächlich Bücher darüber gelesen", sinnierte sie.

"Bücher haben auch ihre eigene Faszination. Ich habe eine riesige Bibliothek."

"Habt Ihr? Fantastisch! Ich denke, ich sollte mir auch eine solche anlegen."

Simon musterte Anshara amüsiert. "Seid Euch im Klaren, daß so etwas zu einer Passion werden kann."

"Sicher. Mein großes Problem war früher, daß ich zuviel las. Ich habe deshalb immer Ärger bekommen. Aber nun, wo mir niemand da hineinreden kann..."

"Ich bin sicher, man hatte lediglich Angst, daß Ihr Euch diese wundervollen Augen verderben könntet."

"Nein, das nicht", winkte sie ab. "Es lag daran, daß es sich um die geheimen Bücher im Tempel handelte, die mir als Novizin nicht zustanden, wie der Hohepriester meinte."

"Im Tempel?" fragte er interessiert. "Verratet Ihr mir, um welchen es sich handelte?"

"Um den Tempel der Ma'at in Karnak", erwiderte sie selbstverständlich.

"Davon ist mir nichts bekannt." Er guckte ein wenig zweifelnd drein.

"Außerhalb von Ägypten scheint er auch nicht sonderlich bekannt zu sein", gab sie zu. "Ich weiß auch nicht, woran das liegt, immerhin ist Ma'at eines der höchsten Prinzipien."

Simon hob fasziniert die Augenbrauen. Entweder war die kleine Ägypterin eine ziemliche Aufschneiderin, oder sie gehörte doch eher zu den Malkavianern als zu den Toreador...

"Wenn Ihr es sagt", kommentierte er mit einem unbestimmten Tonfall.

"Nun, aber leider muß ich mich jetzt nach einer anderen Beschäftigung umsehen", seufzte sie. "Ich suche noch nach einer geeigneten Profession."

"Ich bin sicher, Ihr werdet eine finden." Eigentlich würde es ausreichen, wenn sie Parties mit ihrer Anwesenheit dekorierte, dachte er.

"Wißt Ihr, ich dachte an einen medizinischen Beruf. Heilpraktikerin zum Beispiel. Dabei habe ich nur ein Problem - ich weiß nicht, wie ich meine Abschlußprüfung und die Praktika machen soll, die tagsüber stattfinden. Ich habe in Amerika zwar einige Jahre Medizin im Fernstudium absolviert und sogar häufig Nachtwachen in Krankenhäusern abgehalten - die haben dort immer frische Blutkonserven! - aber mir fehlen die Papiere, um das alles beweisen zu können. Irgendwie ist das unfair." Sie zog einen Flunsch.

"Das ist ein Problem", stimmte Simon zu. "Aber es gibt immer Wege und Möglichkeiten - allerdings sind diese meist nicht ganz billig."

"Geld ist ein minderes Problem", erklärte sie. "Und außerdem bin ich qualifiziert - ich brauche nur diese Papiere."

"Man muß nur die Verbindungen haben", sagte er.

"Und, hättet Ihr denn welche?"

"Ich denke, sie reichen aus, um Euch das Gewünschte zu beschaffen."

"Würdet Ihr das für mich tun? Und wieviel würde es kosten?"

"Mal sehen. Ich werde mich einmal umhören."

"Ihr seid überaus zuvorkommend." Sie schenkte ihm ein hinreißendes Lächeln. "Aber das war nicht der eigentliche Grund meines Kommens. Ich suche nach Wissen über die Kainskinder, die Clans, eben alles. - Zum Beispiel, wo sind eigentlich die Gründer der dreizehn Clans? Leiten die immer noch deren Geschicke?"

Simon de Sanquere schaute sie belustigt an. Anshara schien ganz schön wissensdurstig zu sein.

"Die Gründer der Clans sind weitestgehend verschollen."

"Oh. Und wer leitet dann die Clans?"

"Das ist mir auch nicht so ganz klar." Simon vermutete, daß es vielleicht den einen oder anderen Nosferatu gab, der die verschlungenen Wege der Clanpolitik durchschaute, aber ihm war es bislang noch nicht gelungen, hinter die Kulissen zu sehen.

"Hm." Anshara runzelte die Stirn. "Und wer hat dann das Sagen bei den Kainskindern?"

"Hier in Paris ist es auf jeden Fall François Villon."

"Gibt es denn eine Rangordnung unter den Clans?"

"Das kommt wohl auf die Sichtweise an." Er verzog ironisch das Gesicht. "Wollt Ihr eine Lobpreisung des Toreador-Clans hören oder meine wirkliche Meinung?"

"Da ich erst seit etwa einer Woche überhaupt weiß, daß es so etwas wie diese Clans gibt, bin ich nicht sonderlich an irgendwelche Clankodexe und -vorurteile gebunden", meinte Anshara trocken. Sie war immerhin sechzehn Jahre ganz ohne weitere Kainskinder ausgekommen. "Aber jetzt, wo ich mir deren Präsenz bewußt bin, halte ich es schon für sinnvoll, etwas mehr darüber zu erfahren. Sagt also Eure Meinung."

"Ich finde, jeder Clan hat sein Für und Wider", holte Simon aus. "Natürlich legt jeder Wert darauf, seinen Clan möglichst hochzuloben und die anderen abzuwerten. Ich habe nicht viel mit anderen Kainskindern zu tun, weshalb ich mir nicht anmaße, irgendwelche Kritik zu üben."

"Und wie sieht also das Verhältnis der Clans untereinander aus?" hakte sie nach.

"Meist haben sie irgendeine Art von Abkommen miteinander, obwohl es natürlich auch tiefverwurzelte Feindschaften gibt."

"Hm." Bislang hatte Simon nicht mehr als Gemeinplätze von sich gegeben, dachte Anshara unzufrieden. "Woran erkennt man denn die anderen Clans?" versuchte sie einen weiteren Vorstoß.

"Das ist nicht so einfach zu sagen. Ich verlasse mich meist auf meine Erfahrung mit den Mitgliedern der Clans. Außerdem gibt es in meiner Bibliothek eine Sammlung von Abbildern, die ich Euch vielleicht einmal zeigen kann."

"Oh, bitte, das fände ich überaus interessant."

"So eifrig? Eigentlich hätte Euch Euer Erzeuger all das beibringen sollen."

"Ich erwähnte doch, daß dieser mich schmählich im Stich ließ", schmollte sie.

"Das ist unverantwortlich. So etwas gehört geahndet."

"Finde ich auch." Anshara stieß einen Seufzer aus. "Aber ist das meine Schuld? Ich weiß ja nicht einmal, wo mein Sire heute ist."

"Ihr seid zu bedauern. Aber dann müßt Ihr halt alleine lernen, wie das Leben in der Gesellschaft der Kainskinder funktioniert."

"Wenn mir niemand etwas erzählt, wird es mir wohl nie gelingen." Sie guckte, als ob sie gleich in Tränen ausbrechen wollte. Simon betrachtete das eher amüsiert. Anshara wußte entschieden, wie man seinen Willen durchsetzte. "Bitte, seid doch so lieb und helft meinem Mangel ab."

"Da gibt es soviel, daß ich Wochen, wenn nicht Monate brauchen würde."

"Könnt Ihr nicht schon mal anfangen und gucken, wie weit Ihr kommt?" Sie schaute ihn hoffnungsvoll an.

"Ich könnte schon - wenn es sich für mich lohnt. Was Ihr mir bieten wollt, das überlasse ich ganz Euch."

"Was haltet Ihr davon, wenn ich Euch ab und zu das Vergnügen der Anwesenheit meiner Person schenke?"

"Haltet Ihr das für einen angemessenen Preis für meine Weisheit?"

"Natürlich", verkündete Anshara überzeugt.

"Tse", machte Simon. Diese jungen Dinger wurden auch immer selbstbewußter und frecher den Älteren gegenüber.

"Seid Ihr anderer Ansicht?" erkundigte sie sich hoheitsvoll.

"Ihr glaubt doch nicht, daß ich Euch widersprechen würde."

"Ihr seid nett." Sie strahlte ihn an.

"Wenn Ihr es sagt", meinte Simon amüsiert. Als 'nett' hatte ihn eigentlich selten jemand bezeichnet.

"Wärt Ihr nun so lieb, Eure Weisheit mit mir zu teilen?" Sie warf ihm einen schmelzenden Blick aus ihren Bernsteinaugen zu.

"Ich finde es süß, wie Ihr Euch bemüht, mich zu überzeugen", sagte Simon vergnügt. "Aber ich finde, nun ist Zeit für das Abendmahl. Darf ich Euch zu Tisch führen?"

"Sicherlich. - Heißt das, es gelingt mir nicht, Euch dazu zu bringen, mich ein wenig über die Kinder Kains zu lehren?"

"So jedenfalls nicht." Anshara setzte einen Schmollmund auf, und Simon lachte. "Es ist erstaunlich, welche Wandlungsfähigkeit in Euch steckt."

"Ihr macht Euch über mich lustig", klagte sie.

"Ich amüsiere mich nur über Eure kindlichen Versuche. Ich hätte auf etwas Eleganteres und Ausgefalleneres gehofft, das mich ein wenig herausfordert."

"Da wage ich mich lieber nicht heran, denn Jean erwähnte, daß Ihr ziemlich stark seid. Ich bin es leider nicht." Sie guckte tragisch.

"Eure Schwäche ist aber auch eine Stärke", stellte Simon fest. "Ihr sprecht sicherlich bei den meisten den natürlichen Beschützerinstinkt an."

"Aber offenbar leider nicht bei Euch."

"Vielleicht habe ich ja keinen. Ich halte mich nicht immer an die Höflichkeitsregeln."

"Weshalb denn nicht?"

"Warum sollte ich das? Ich lege wenig Wert darauf, den Mitgliedern der Gesellschaft zu gefallen."

"Aber das heißt ja, daß Ihr ganz allein und einsam seid. Das ist sehr traurig."

"Ich bin nicht allein", wandte Simon belustigt ein.

"Stimmt. Hier lebt ja auch noch dieses Dienstmädchen - hat sie eigentlich einen Namen?"

"Ja. Yvette."

"Ist sie auch ein Ghoul, oder ist sie eine menschliche Dienerin?"

"Weder noch. Sie ist eins meiner Kinder."

"Macht es ihr denn nichts aus, immer das Dienstmädchen spielen zu müssen?"

"Wer sagt, daß sie das immer tut?" Simon lächelte. "Vielleicht gefällt sie mir ja einfach nur in dieser Kleidung."

"Ah. Ich würde allerdings andere Gewänder bevorzugen..."

"Ich denke, es würde nicht zu Euch passen. Außerdem gehört Ihr nicht zu meiner Brut - obwohl Ihr dazu passen würdet."

"Hm. Ich bleibe lieber bei Jean", erklärte sie.

"Das kann ich mir denken. Immerhin ist er jung, hübsch und leicht zu beeinflussen."

"Er ist lieb", stellte sie ihre Prioritäten klar.

"Das auch." Simon sah zu seinem Sprößling hinüber, der immer noch in der Ecke stand.

"Ich muß sagen, Ihr scheint gar nicht so schlimm zu sein." Nachdenklich betrachtete Anshara Simon.

"Ich kann eben auch nett sein. - Darf ich Euch nun in den Speisesaal geleiten?"

"Gerne." Sie lächelte ihm zu, woraufhin er ihre Hand nahm und sie nach nebenan führte. Jean folgte ihnen, nachdem Simon ihm einen befehlenden Blick zugeworfen hatte.

Der Speisesaal war ebenfalls sehr elegant eingerichtet und wurde von einem Tisch beherrscht, der mit silbernem Geschirr gedeckt war.

"Das ist wirklich erlesen", bewunderte Anshara.

"Ich hasse es, wenn etwas nicht meinen Sinnen schmeichelt." Simon rückte ihr den Stuhl zurecht, bevor er selber Platz nahm. Jean war schweigsam wie bereits die ganze Zeit und ließ sich ebenfalls nieder.

"Danke", sagte Anshara huldvoll.

"Was darf ich Euch kredenzen?" Simon deutete auf diverse gut gekühlte bzw. erwärmte Karaffen.

"Habt Ihr etwas angenehm süßes?"

"Selbstverständlich." Simon schenkte ihr ein (unbehandelter Diabetiker Typ I, Blutgruppe A positiv) und tat gleiches bei Jean, dessen Geschmack er ja kannte.

"Ich danke Euch." Sie hielt ihm ihr Glas entgegen, und er stieß mit ihr an. Jean betrachtete hauptsächlich den Grund seines Glases, und Simon war amüsiert darüber, daß sein Sprößling immer noch solche Angst vor ihm hatte.

"Erzählt Ihr mir nun von den Clans?" wollte Anshara wissen. "Was macht sie aus? Bislang habe ich eigentlich nur gehört, daß die Toreador Schönheit und Kunst lieben. Was machen zum Beispiel die Ventrue?"

"Politik."

"Und die Setiten?"

"Korruption."

"Ist das nicht dasselbe wie bei den Ventrue?"

"Eigentlich nicht." Simon lachte. Prinzipiell hatte Anshara ja nicht ganz unrecht...

"Oh. Was gibt es denn noch an Clans?" Sie sah hilfesuchend zu Jean herüber.

"Insgesamt gibt es dreizehn Clans", dozierte Simon. "Assamiten, Brujah, Gangrel, Giovanni, Lasombra, Malkavianer, Nosferatu, Ravnos, Setiten, Toreador, Tremere, Tzimisce und Ventrue." Er warf Jean eine leicht enervierten Blick zu. Das hatte er länger mit ihm gepaukt.

"Ah. Und könnt Ihr mir dann auch sagen, was diese dreizehn Clans auszeichnet?"

"Wie schon erwähnt ist die Passion der Toreador Kunst und Schönheit, die Ventrue verfolgen Politik und Macht und Setiten streben danach, alle anderen zu korrumpieren. Die Assamiten sind Killer, die Brujah weitgehend anarchistisch veranlagt, die Gangrel haben viele Eigenschaften mit Tieren gemein, die Giovanni stehen mit der Mafia in Verbindung (so sagt man jedenfalls), die Malkavianer sind irre, die Nosferatu sind begnadete Informationssammler, auch wenn sie häßlich wie Ungeheuer sind, die Ravnos ziehen haltlos herum und klauen alles, was nicht angenagelt ist, die Tremere sind undurchsichtige Magier und Lasombra und Tzimisce gehören zum Sabbat und sollten gemieden werden."

"Ah!" Anshara war begeistert. Endlich wurden ihr einige Sachen klarer. Andere jedoch... "Was ist der Sabbat?"

"Der Sabbat ist eine Sekte der Kainskinder. Sie halten sich nicht so unbedingt an die Maskerade. Ihre ganzen unheiligen Taten lassen sich nicht in einem Satz erläutern, man sollte einfach nichts mit ihnen zu tun haben, da sie gefährlich sind und ihnen weder das Leben noch das Unleben etwas bedeutet. - Aber jetzt muß ich diese Lehrstunde leider abbrechen, da ich noch einiges zu tun habe."

"Schade. Dürfte ich Euch bei Gelegenheit noch mal besuchen und zu all diesen Dingen befragen?"

"Ihr könnt kommen, wann immer Ihr wollt."

"Danke. Merci. Vielleicht gelingt es mir ja dann auch irgendwann einmal, ein vollwertiges Mitglied in der Gesellschaft der Kainskinder zu werden..."

"Falls Euch das erstrebenswert erscheint."

"Ich bin lange genug alleine gewesen."

"Da habt ihr nicht unrecht. Einsamkeit ist sicherlich kein erstrebenswerter Zustand."

"Stimmt." Sie warf zur Abwechslung mal wieder einen glühenden Blick in Richtung Jean, der von diesem eher zurückhaltend erwidert wurde. "Ihr seid nicht so gerne in der Gesellschaft der Gesellschaft, nicht wahr?" erkannte Anshara.

"Nein", gab Simon zu. "Vielleicht sollte man eher sagen, die Gesellschaft schätzt meine Gesellschaft nicht."

"Warum nicht? Ihr scheint doch geistreich und ein angenehmer Gesprächspartner zu sein."

"Ich hatte einige Meinungsverschiedenheiten mit dem Prinzen."

"Oh. Ich hörte, daß so etwas zu Problemen führen könnte."

"So könnte man es sehen", kommentierte Simon erheitet. "Er ist zudem sehr nachtragend."

"Aber offenbar liegt Euch nicht sehr viel daran, dies zu ändern."

"Nein."

"Ich muß zugeben, ich will lieber erst einmal einen guten Eindruck beim Prinzen hinterlassen."

"Das wäre angebracht. Ich nehme an, Eure Aufführung steht noch bevor?"

"Stimmt." Sie guckte tragisch drein. "Ich hoffe, ich blamiere mich nicht. Was meint Ihr, wird er es akzeptieren, wenn ich einen alten Tanz aus Ägypten aufführe?"

"Jedenfalls hatten wir so etwas schon länger nicht mehr."

"Das wäre ja dann auf jeden Fall von Vorteil."

"Das ist anzunehmen."

"Gut." Anshara wirkte ein wenig beruhigt. Sie beendeten das Abendessen, und Simon erhob sich.

"Ich muß Euch nun bitten, mich zu entschuldigen", erklärte er und reichte Anshara die Hand. "Ihr könnt gerne noch bleiben, solange Ihr möchtet. Yvette wird ein Taxi rufen, wenn Ihr es wünscht."

"Das wäre sehr zuvorkommend, schließlich möchten wir Euch nicht zur Last fallen. - Bitte sagt Yvette wegen dem Taxi Bescheid."

"Selbstverständlich. Ich hoffe, Euch demnächst wieder begrüßen zu dürfen."

"Auf jeden Fall", versicherte Anshara. "Und dann werden wir uns auch vorher anmelden", versprach sie.

"Das wäre sinnvoll", meinte Simon. "Ich bin meist sehr beschäftigt."

"Ich entschuldige mich auch noch einmal nachträglich für diesen Überraschungsbesuch."

"Das ist nicht notwendig. Ich hätte ohnehin eine Pause eingelegt."

"Gut." Bald darauf klingelte es.

"Ich vermute, das ist Euer Taxi", sagte Simon und geleitete Anshara zur Tür. Jean folgte ihnen.

"Auf Wiedersehen, Monsieur de Sanquere."

Unbemerkt von Simon und Anshara reichte Yvette Jean ein voluminöses Päckchen, das dieser sicherheitshalber vor seinem Erzeuger verbarg.

"Au revoir, Mademoiselle Anshara."

Die beiden stiegen in das Taxi und machten sich auf den Rückweg. Wie bei allen Taxen trennte sie eine stabile Scheibe vom Fahrer, so daß sie sich in Ruhe unterhalten konnten.

* * *

"Also, ich muß sagen, Monsieur de Sanquere ist doch eigentlich gar nicht so schlimm", stellte Anshara fest. "Wieso hast du so eine Panik vor ihm?"

"Du hast keine Ahnung, wie Simon wirklich ist", meinte Jean düster und las den Zettel, der an dem Paket angebracht war.

"Möglicherweise", gab sie zu. "Jedenfalls war er mir gegenüber höflich und zuvorkommend."

"Das ist er am Anfang immer." Jean legte ihr das Paket auf den Schoß. "Für dich."

"Für mich?" Sie guckte erstaunt und packte es aus. Es handelte sich um einen Ordner mit zig Kopien zu allen Themen, die ein neu erschaffenes Kainskind interessieren könnten. "Hey, das ist ja fantastisch", rief Anshara, als sie die Bilder betrachtete. "Es hat nur einen Nachteil - es ist alles auf Französisch!" Sie setzte einen Schmollmund auf.

"Selbstverständlich", meinte Jean, und sie grummelte.

"Und du mußt es mir wirklich so schnell wie möglich beibringen."

"In der Zwischenzeit kannst du dir ja die Bilder angucken."

"Nun gut. - Hm, die Nosferatu sehen ja wirklich eklig aus."

"Ich weiß."

"Hast du schon mal einen live gesehen?"

"Nein."

"Ich fürchte, ich würde schreiend davonrennen."

"Wahrscheinlich. - Für den Ordner solltest du dich übrigens bei Yvette bedanken."

"Oh, es ist von ihr und nicht von Monsieur Simon?"

"Simon hätte es dir nicht einfach so gegeben. Nicht ohne Gegenleistung."

"Oh. - Kennst du Yvette schon länger? Warum ist sie denn immer noch bei Simon, wenn er so schlimm ist, wie du meinst?"

"Yvette ist etwas älter als ich. Sie war schon da, als ich zu Simon kam, und sie bleibt bei ihm, weil sie es will."

"Hm. Hältst du es für wahrscheinlich, daß sie ihn manipuliert? Sie scheint mir in keinster Weise von ihm eingeschüchtert zu sein."

"Ich bin sicher, daß sie es tut, obwohl sie es selten nötig hat. Simon vergräbt sich in der Regel völlig in seinen Forschungen."

"Und warum hat er dich dann so schlecht behandelt?"

"Je ne sais pas", seufzte Jean. "Wir sind wohl einfach zu unterschiedlich. Yvette war schon immer sein Liebling."

"Wie viele Kinder hat Simon denn insgesamt?"

"Ich weiß von fünf, aber ob das alle sind, kann ich nicht sagen."

"Und alle sind illegal?"

"Nein, nur ich. Die anderen sind alle älter als ich, und ich vermute, der Prinz war der Ansicht, Simon hätte schon eine ausreichend große Brut. Jedenfalls gab es nach mir keinen mehr."

"Wenn er damit den Prinzen verärgert hat, war es vermutlich sicherer für ihn."

"Seitdem beschäftigt er sich nur noch mit der Wissenschaft."

"Ah." Anshara blätterte interessiert in dem Ordner herum. "Die ist ja hübsch!" Sie betrachtete das Bild einer Toreador. "Geneveve Orseau", las sie vor, allerdings mit englischer Betonung.

"Stimmt", nickte Jean. "Sie ist hübsch." Es hieß, daß sie ein Kainskind war, das Elfenblut in den Adern hatte, aber das war vermutlich nur eine Legende.

"Simon hat wirklich recht - irgendwie wirken die diversen Clanangehörigen tatsächlich unterschiedlich."

"Manche sind gut zu erkennen."

"Die meisten der Brujah sehen ziemlich ...vulgär aus."

"Die sehen nicht nur so aus", kommentierte Jean.

"Ts. Drei der fünf Malkavianer tragen Zwangsjacken", stellte Anshara fest.

"Nach meiner Einschätzung sollten alle eine tragen."

"Die beiden anderen sind eine Psychiater - das steht was von Léon Jolliffe, psychiatre drunter - und ein ziemlich merkwürdig dreinblickendes unidentifizierbares Etwas. Hm. Shari Tallakha, archange des sottises - was ist das?"

"Hm", machte Jean. "Wörtlich übersetzt heißt das Erzengel der Streiche. Ich vermute, das ist sein oder ihr Spitzname."

"Das steht aber da, wo bei dem anderen der Beruf steht."

"Für die Malkavianer ist es eine Berufung, anderen auf die Nerven zu gehen und Streiche zu spielen."

"Aha. - Die Ventrue sehen alle total normal aus", fand sie. "Gut, manche wirken etwas altmodisch, aber ich glaube nicht, daß ich einen Ventrue unter all den Menschen erkennen würde. Das gilt auch für einen Großteil der Toreador - nur, daß die weit moderner gekleidet sind als die Ventrue."

"Nun, es gibt nicht zu viele Kainskinder, die extrem herausstechen. Anderenfalls hätten wir auch größere Probleme, die Maskerade aufrecht zu erhalten."

"Die Nosferatu bilden wohl die große Ausnahme, nicht wahr?"

"Sicher, aber die leben in der Regel auch fast ausschließlich in Katakomben und unterirdischen Gängen. Da ist alles aber so heruntergekommen, die möchtest du nicht besuchen."

"Klingt nicht sehr verlockend", stimmte Anshara zu. "Diese Gangrel sind auch irgendwie ...anders", bemerkte sie. "Der hier auf dem Bild hat eher Fell als Haare, und komische Augen hat er auch."

"Die Gangrel sind eben ziemlich tierhaft. Sie können sich auch in verschiedene Tiergestalten verwandeln."

"Auch Fledermäuse?"

"Ja, auch Fledermäuse."

"Dann ist ja an den Vampirfilmen doch etwas dran." Sie blätterte weiter. "Hier sind aber kaum Bilder von den Lasombra und diesen Tschimi-, Zimi... Naja, den Clans, von denen Simon riet, die Finger zu lassen."

"Die lassen sich wohl nicht photographieren."

"Dasbei sollte man doch gerade bei denen wissen, wie sie ausschauen, damit man sie meiden kann. Von den Lasombra ist sogar nur eine - ziemlich miese - Zeichnung dabei!"

"Lasombra..." Jean dachte nach, dann fiel ihm wieder ein, was an denen Besonderes war. "Stimmt, die kann man - glaube ich - nicht fotografieren, immerhin haben sie auch kein Spiegelbild."

"Kein Spiegelbild? Wie Dracula?"

"Genau."

"Vielleicht war Dracula ja ein Lasombra."

"Ich kann nicht das Gegenteil beweisen."

"Gibt es eigentlich auch Kainskinder, die Kreuze nicht vertragen?"

"Das kann man nicht so pauschal sagen. Es hängt davon ab, wie stark eine Person, die ein heiliges Symbol hält, an dieses glaubt. Zumindest hat Simon mal so etwas erwähnt."

"Ich verstehe. Dann könnte man sich heutzutage auch als Kainskind beruhigt in eine Kirche setzen..."

"Richtig."

Anshara stöberte weiter in dem Ordner herum und ärgerte sich über ihre Unkenntnis des Französischen. Jean lehnte sich an sie, um auch etwas sehen zu können, und sie kuschelte sich an ihn.

"Kannst du mir das bitte mal übersetzen?" Sie deutete auf eine Passage, die mit L'importance de l'art pour les Toreador überschrieben war. Sie vermutete zwar die Bedeutung, da die französischen Worte den englischen ähnelten, aber sie wollte sichergehen.

"Die Bedeutung der Kunst für die Toreador."

"Und weiter?"

"Soll ich das jetzt wirklich alles übersetzen?" wollte Jean wissen.

"Nun, wir könnten auch mit dem Französisch-Unterricht weitermachen."

"Wenn wir zu Hause sind. Es sind ja nur noch ein paar Minuten."

"Na gut." Sie legte den Kopf an seine Schulter. "Weißt du, ich komme mir immer so... unbeholfen vor, weil ich hier nichts verstehe."

"Arme Anshara, was machen wir da nur?"

"Es gibt doch diese Sprachkurse mit Audiocassetten - vielleicht wäre das eine gute Idee."

"Ich werde dir welche besorgen."

"Das wäre fabelhaft!"

"So, wir sind da." Jean stieg aus und half Anshara aus dem Taxi, ehe er bezahlte. Das Auto fuhr ab, und sie gingen zum Haus. "Und was machen wir nun?"

"Kuscheln und mir dabei französisch beibringen", schlug Anshara vor.

Jean prustete los. "Ich glaube, ein paar Redewendungen sollte ich dich auf jeden Fall lehren."

"Äh, was habe ich denn gesagt?"

"Nun, etwas, was du lieber nicht in der Gesellschaft äußern solltest."

"Was? Daß ich Französisch lernen will? Warum?"

"Nein, daß du französisch kuscheln willst."

"Wie kuschelt man denn auf Französisch?" erkundigte sie sich. "Oder in anderen Sprachen?"

Jean grinste sie an. "Vielleicht bringe ich es dir mal bei."

"Dein Gesichtsausdruck läßt nichts Gutes vermuten", fand sie mißtrauisch.

"Aber erst solltest du wirklich einmal die französische Sprache beherrschen." Er schloß die Tür auf, und sie traten ein.

Im Vorbeigehen angelte Jean nach der Post, die Marc inzwischen dort hingelegt hatte und ging nach oben.

"Ist auch was für mich dabei?"

"Nein, sind alle für mich." Jean sortierte die Werbung aus und warf sie in die Ecke, bevor er den Rest der Kuverts begutachtete. "Nur normale Briefe", antwortete er auf ihren fragenden Blick hin. Er öffnete zuerst den Brief von Angélique, die sich erkundigte, wie er mit seiner ägyptischen Prinzessin zurecht kam. Er faltete das Blatt wieder zusammen und steckte es in die Tasche, bevor er sich dem nächsten widmete. Anshara spähte neugierig zu ihm hinüber.

"Ah, eine Einladung zu einer Galerie-Eröffnung", kommentierte er. Er war sie in eine silberne Schüssel auf dem Schrank. "Sowas kriegt man andauernd hier."

"Gibt es denn hier so viele Galerien?"

"Unzählige."

Jean las den nächsten Brief, der einen ziemlich aufdringlichen Duft verströmte, ehe er das Teil genüßlich zerfetzte.

"Was war das denn?" Anshara rümpfte die Nase. Veilchenduft! "Eine Verehrerin?"

"Der gehört zu den Briefen, die man am besten sofort vergißt." Er warf die Schnipsel in den Papierkorb. "Du wirst auch noch früh genug erfahren, wie ekelhaft diese Briefe sind." Er verzog das Gesicht. "Die kriegt anscheinend jeder hier, der einigermaßen gut aussieht."

"Dann hast du vermutlich ein definitives Problem."

"Naja, man gewöhnt sich daran."

"Ich bin mal gespannt, ob ich auch welche bekomme."

"Bestimmt."

"Weißt du zufällig, wie spät es gerade ist?"

"Hm, 4:17 Uhr", erwiderte Jean nach einem Blick auf die Uhr.

"Sollen wir noch etwas unternehmen?"

"Eigentlich habe ich keine Lust, noch auszugehen."

"Was würdest du denn vorschlagen?"

"Ich muß noch einen Brief schreiben, und es gibt auch so noch was zu tun. Schließlich muß ich noch Rechnungen nachsehen, Überweisungen unterschreiben etc."

"Papierkrieg", seufzte sie mitfühlend.

"Genau." Jean setzte sich an seinen Schreibtisch und öffnete die Mappe, die Marc ihm schon zurechtgelegt hatte. Anshara stellte sich hinter ihn und legte ihm das Kinn auf die Schulter. Jean zog ihr an den Haaren, die ihm über die Schultern hingen, denn es irritierte ihn, wenn sie ihm beim Schreiben zusah. Entrüstet quietschte Anshara auf, ehe sie begann, an seinem Ohr und seinem Hals herumzuknabbern. Nun bekam sie den Stift auf die Nase.

"Püh!"

Unbeirrt nahm Jean einen Briefbogen und begann zu schreiben. Anshara guckte zu und schmollte. Das war ja schon wieder Französisch! Sie konnte nur dem Namen nach erkennen, daß der Brief an Angélique gerichtet war.

"Ist das ein Liebesbrief?" wollte sie mißtrauisch wissen.

"Natürlich", erklärte Jean übermütig.

"Du bist niederträchtig! Hm. Was heißt denn 'Ich liebe Dich' auf Französisch?" Sie starrte inquisitorisch auf das Papier, um irgendwelche verdächtigen Worte umgehend zu identifizieren.

"Sage ich nicht."

Natürlich wurde das von einem schmolligen "Ooooch, Jean!" quittiert, doch er ließ sich nicht stören, sondern schrieb eifrig weiter auf, was Anshara gerade tat.

"Jean, was heißt das? Was schreibst du da über mich?" wollte sie plötzlich wissen, als sie ihren Namen erspähte.

"Das ist ein persönlicher Brief", machte er sie aufmerksam.

"Aber du schreibst etwas über mich - das geht mich doch an!"

"Nein. Ich will ja auch nicht wissen, was du deinen Freunden schreibst."

"Ich habe doch niemanden, dem ich einen Brief schreiben könnte", deklamierte sie.

"Oooch", bedauert er sie und wendete das Blatt, um dort weiterzuschreiben. Er hatte Angélique eine Menge über die 'Prinzessin' zu erzählen. Um ihn abzulenken, fuhr Anshara mit ihren Fangzähnen an seinem Hals entlang, und Jean erschauerte. "Du willst mich wohl nicht arbeiten lassen?"

"Ich will wissen, was du da über mich schreibst", beharrte sie.

"Die Wahrheit."

"Und? Die wäre?"

"Mußt du doch wissen. - Und ich sage dir trotzdem nicht, was ich schreibe."

"Auch nicht, wenn ich dich ganz lieb bitte?"

Er sah sie an. "Du willst mich schon wieder 'überreden'?"

"Natürlich."

"Nein." Er schob sie ein Stück weg und widmete sich seinem Brief, obwohl es ihm ziemlich schwer fiel, insbesondere, da sie ihm nun ins Ohr pustete. "Hier, guck nach", meinte Jean schließlich und drückte ihr ein Französisch/Englisch-Englisch/Französisch Wörterbuch in die Hand.

"Ah!" Sie strahlte ihn an und begann, eifrig zu blättern. "Chère..." Sie runzelte die Stirn. "Das heißt lieb oder teuer. Hm, hm." So hatte Jean Angélique in dem Brief angeredet. Dieser ließ sie blättern und beendete den Briefe in aller Ruhe.

Anshara beeilte sich mit dem Suchen, aber sie hatte gewisse Schwierigkeiten, bestimmte Vokabeln zu finden. "Was heißt denn était? Das steht hier gar nicht drin."

"War", antwortete er ohne Aufzublicken.

"War?" Sie blätterte herum, bis sie die Seiten mit den Hilfsverben und unregelmäßigen Verben fand und quietschte geschockt auf. "Ist das kompliziert", beschwerte sie sich. Jean lachte.

"Finde ich nicht." Er setzte seinen Namen unter den Brief und suchte nach einem Umschlag.

"Da hat ein einzelnes Verb zig Formen - wer soll sich die alle merken?"

"Du, wenn du Französisch lernen willst." Jean adressierte den Umschlag, faltete den Bogen und packte ihn hinein.

"He, ich habe den Brief doch noch gar nicht gelesen", protestierte Anshara.

"Sollst du auch nicht." Er klebte den Umschlag rasch zu, ehe er die anderen Sachen aus der Mappe nahm und begann, systematisch überall seine Signatur auf die Schriftstücke zu setzen. Da er sie gerade nicht beachtete, beschloß Anshara, in der Zwischenzeit nachzusehen, was es mit dem Ich liebe dich auf sich hatte. "Je aimer tu", fand sie heraus. Jean verzog das Gesicht. Das war ja grausam, was sie seiner geliebten Muttersprache antat, aber er verkniff sich lieber einen beißenden Kommentar.

Anshara dachte derweil nach, ob sie diese Kombination irgendwo in dem Brief gesehen hatte, aber nein, daran konnte sie sich nicht erinnern.

Endlich hatte Jean die Unterschriften erledigt und klappte die Mappe zu.

"Fertig?" fragte Anshara.

"Ja."

"Und was unternehmen wir nun?"

Jean legte den Stift weg und streckte sich. "Hm. Eigentlich wollte ich mir noch ein paar Kataloge ansehen."

"Was für Kataloge?"

"Für alles, was man gebrauchen kann."

"Klingt interessant. Einkaufen gefällt mir immer."

"Ich gehe eben nach unten." Er nahm den Brief an Angelique und die Mappe.

"Aber laß mich nicht zu lange warten!"

"Mal sehen", erwiderte er amüsiert und warf ihr eine Kußhand zu.

"Nicht 'mal sehen' - Spute dich!"

Jean grinste und verschwand ins Erdgeschoß, wo er die erledigten Sachen im Arbeitszimmer von Marc ablegte. Der würde sich über Tag darum kümmern. Anschließend lief er in den Keller, wo er sich erst einmal eine Flasche seiner Lieblingsmarke genehmigte.

Anshara schmollte, denn das dauerte ziemlich lange. Sie beschloß, erst einmal alle Flüche auf Französisch zu lernen, die das Wörterbuch hergab. Jean ließ sich absichtlich Zeit. Nachdem er seinen Hunger gestillt hatte, suchte er im Erdgeschoß nach den bewußten Katalogen. Er brauchte dringend etwas neues zum Anziehen.

Derweil versuchte sich Anshara an der Aussprache der Redewendungen, aber irgendwie hatte sie Probleme mit der Lautschrift. Auch wenn sie kein Französisch konnte, war sie sich sicher, daß das, was sie da von sich gab, nicht im entferntesten danach klang. Irgendwann kam Jean mit den Katalogen sowie zwei Flaschen wieder nach oben.

"Endlich!" rief Anshara. "Ennfinn!" (Dieses Wort hatte sie speziell für Jeans Wiedererscheinen herausgesucht.)

"Was?" fragte der irritiert.

"Na, ennfinn!" Sie deutete auf das Wort enfin im Wörterbuch. Jean warf einen Blick darauf.

"Ach so." Er ließ sich mit seinem Kram auf dem Bett nieder.

"Was hast du denn alles mitgebracht?"

"Etwas zu essen und etwas zu gucken."

"Ah." Sie setzte sich neben ihn und sah ihm dabei zu, wie er den Korken mit den Zähnen aus der Flasche zog, da er die andere Hand zum Blättern in dem Katalog benötigte.

"Sind da auch ein paar hübsche Sachen für mich dabei?"

"In diesem Katalog wahrscheinlich nicht; das ist nur Männermode. Aber ein paar von den anderen müßten gemischt sein."

"Also, wir brauchen demnächst auch unbedingt welche für mich", fand sie.

"Dann bestell dir welche", empfahl Jean und betrachtete fasziniert diverse schwarze Outfits, wobei er ab und zu einem Schluck aus der Flasche nahm.

"Wo denn? Und wie?" Sie kuschelte sich an ihn.

"In den Katalogen sind überall Bestellkarten für andere drin. Du füllst einfach diese Karten aus und legst sie in den Postausgang, dann bringt Marc sie zur Post."

"Das klingt einfach. - Äh, sag mal, wie lautet eigentlich deine Adresse?"

"Da ist sie." Er deutete auf einen Adressaufkleber eines Katalogs.

"Prima." Begeistert ging Anshara auf die Fahndung nach den Bestellkarten und füllte einfach alle aus, die sie fand, da sie das Französische ohnehin nicht verstand. Währenddessen war Jean weiter in die Betrachtung der Kataloge versunken und verzierte interessante Seiten mit Eselsohren. Schließlich warf er einen Blick auf das Kartenhäufchen, das Anshara mittlerweile produziert hatte.

"Was willst du denn mit Umstandskleidung?"

"Oh." Sie sah an sich herab. "Ich glaube, das ist eigentlich nicht notwendig..."

Jean nahm die Karten auf und blätterte sie durch.

"Damenmode für die reife Frau", übersetzte er. "Mode für 12-15jährige, 'Lack Total'..." Er grinste und las weiter. "Mode für den Liebling - oh, und das da ist ein Antifaltenmittel, das du bestellt hast."

Anshara prustete los. Jean suchte drei der Karten heraus und warf die anderen weg.

"Die drei sind für Damenmode", erklärte er. "Du kannst sie am besten schon mal in den Postkorb legen."

"Gut." Anshara tat dieses und sah ihm anschließend bei der weiteren Klamottenwahl zu. Sie schmiegte sich hingebungsvoll an ihn.

"Was hast du vor?"

"Kuscheln."

"So?" Jean legte ihr einen Katalog auf den Bauch und blätterte weiter darin.

"Mit dir, nicht mit den dummen Katalogen."

"Ich bin beschäftigt."

"Du bist ganz schön unverschämt."

"Immer." Er bedachte sie mit einem amüsierten Blick, woraufhin sie sich schüttelte und den Katalog herunterrutschen ließ. Jean plazierte ihn wieder fein säuberlich auf ihr und hielt ihn fest.

"Eh!" Sie bäumte sich auf, und Jean versuchte, sie in die Kissen zu drücken, was ihm dank seiner größeren Stärke auch gelang. Anshara schmollte. Er betrachtete sie und bemühte sich, in eine bequemere Position zu rutschen, da er momentan auf dem Katalog lag, den er wiederum auf Anshara drapiert hatte. "Das ist unbequem", maulte sie. "Nimm sofort das Teil weg."

"Welches?"

"Den Katalog natürlich!"

"Ach so." Er tat wie ihm geheißen und ließ sich wieder ins Bett fallen; Anshara beschloß, sich auf ihn zu rollen.

"Und was hast du nun vor?"

"Ich will dich mir unterwerfen."

"Meinst du, du schaffst das?"

"Ich arbeite zumindest angestrengt daran." Sie musterte seinen Hals.

"Guck nicht so gierig", lachte er.

"Dabei bist du so appetitlich... Und auch sehr gehaltvoll."

"Und momentan bin ich sogar ziemlich voll", erklärte er vergnügt, was darin resultierte, daß Anshara an seinem Hals herumknabberte. Sie hatte das Adjektiv 'schmackhaft' vergessen, stellte sie fest.

Jean versuchte, ihr zu entkommen, und Anshara krabbelte ihm bis zum Rand des Bettes hinterher. Dort blieb er an der Bettkante sitzen und rollte einen dünnen Katalog zu zusammen.

"Ich warne dich", meinte er und erhob die Rolle wie zum Schlag.

"So?" Sie schlang von hinten die Arme um ihn und bekam prompt eins mit dem Katalog auf die Finger. Sie quietschte entrüstet auf, hielt ihn aber umso vehementer fest.

"Willst du mich erdrücken?"

"Das gelingt mir ohnehin nicht - ich bin doch soooo schwach..." Jean versuchte, ihren Griff zu lockern, was ihm auch gelang. "Willst du mir etwa entfliehen?"

"Natürlich." Er dreht sich ihr zu, und sie zog ihn schwungvoll an sich. Jean zog eine Schnute. Immer diese Klammerei! Er stemmte sich gegen sie, um nach seiner zweiten Flasche Blut angeln zu können.

Anshara seufzte und ließ den Blick zwischen dem Blut in der Flasche und seinem Hals hin und her schweifen.

"Das ist meins", erklärte Jean. "Beides. - Ich bin heute ausgesprochen selbstsüchtig."

"Ich merke es", deklamierte sie betrübt. Er hielt sich an der Flasche fest und betrachtete sie. Anshara hatte wieder einmal einen ihrer höchst gefährlichen tragischen Bernsteinblicke aufgesetzt. "Bekomme ich auch einen Schluck?" Sie klimperte mit den Wimpern.

"Warum?" Er nahm die Flasche besitzergreifend in den Arm.

"Weil es mich dürstet, oh du mein Liebster!"

"Na gut."

"Das war aber nicht sehr überzeugend."

"Muß ich das sein?"

"Klar! Du solltest mich mit glänzenden Augen und einem strahlendem Lächeln auf den Lippen auf Händen tragen und verwöhnen."

"Kommt gar nicht in Frage. Du bist zu schwer."

"Ich wiege gerade mal 45kg! Du kannst viel schwerere Dinge tragen."

"Naja..."

"Siehst du."

"Ich tue es aber nicht."

"Ooch Jean..."

"Darauf falle ich nicht rein."

"Hm. Aber ich bekomme doch etwas zu trinken?" Sie legte den Kopf schief und musterte ihn.

"Bevor ich in den Keller laufen muß..."

"...oder ich mich an dir gütlich tue..."

"Das weiß ich schon zu verhindern. Schließlich bin ich schneller als du."

"Das ist gemein. Ich mag es nicht, wenn sich meine Opfer wehren."

"Finde ich nicht. Immerhin bin ich nicht dein Opfer."

"Schaaade..."

Jean schaute sie belustigt an. "Du bist nur zu faul zum Jagen."

"Nein. Ich bin aber so zart, daß mich die Jagd ungebührlich anstrengt." Sie versuchte, möglichst schwach und zerbrechlich zu wirken, was er ihr nicht abnahm. Anshara war auf keinen Fall so schwächlich. Vor allem, wenn sie sich so verführerisch an ihn schmiegte wie gerade im Augenblick.

"Was hast du vor?"

"Ich möchte mir nur etwas zu futtern organisieren."

"Bei mir?"

"Warum nicht? Du hast ausgiebig gespeist."

"Ich habe keine Lust, dich mit durchzufüttern. Es ist schon anstrengend genug, mich zu sättigen."

"Aber du bist so schmackhaft..." Anshara fuhr sich genießerisch mit der Zungenspitze über die Lippen, und Jean betrachtete aufmerksam jede ihrer Bewegungen. Als sie intensiv seinen Hals musterte, warf er sich demonstrativ in Positur und warf ihr auffordernde Blicke zu. Natürlich konnte Anshara der Versuchung nicht widerstehen, und sie stürzte sich auf ihn, und Jean gelang es gerade noch, von ihr wegzurollen. "Eh, du wehrst dich ja schon wieder!"

"Klar", meinte er vergnügt. "Ich mag es eben, wenn du mich jagst."

"Aber du bist doch so viel schneller."

"Nur, so lange ich genug Blut habe."

"Momentan müßtest du eigentlich komplett abgefüllt sein - die Mahlzeit bei Simon, dann jetzt die beiden Flaschen... Ich sollte dich wirklich von all dem Überschuß befreien."

"Dann mach mal." Er warf ihr einen verführerischen Blick zu, und sie versuchte erneut, ihn einzufangen, allerdings vergeblich.

"Eh! Du willst mir wohl nichts mehr übrig lassen", beschwerte sie sich, denn jedesmal, wenn er seine überlegene Geschwindigkeit einsetzte, brauchte dies etwas von seinem Blutvorrat. Jean streckte sich aufreizend.

"Das ist doch mein Blut."

"Wie egoistisch!"

"Außerdem habe ich doch noch eine ganze Menge intus."

Sie sprang wieder auf ihn zu und prallte gegen ihn, da er diesmal stehengeblieben war. Die Kollision warf sie zu Boden, und sie setzte sich unsanft auf ihren Po.

"Ups! Ich dachte, du würdest wieder abhauen", grummelte sie und rieb sich ihr malträtiertes Hinterteil.

"Ich dachte, du wolltest, daß ich mich einfangen lasse", grinste Jean und ließ sich auf dem Bett nieder. Anshara erhob sich und setzte sich neben ihn, ehe sie versuchte, ihn in die Kissen zu drücken. Er ließ sich zurücksinken.

"Ah, jetzt komme ich doch noch zu meinem Appetithäppchen." Sie schleckte über seinen Hals.

"Ich beiße zurück", warnte er.

"Das wollen wir sehen." Sie biß ganz vorsichtig zu. Eigentlich hatte sie ja keinen Hunger, aber der Geschmack von Jeans Blut und die Gefühle, die sie durchströmten, wenn sie von ihm trank, waren einfach zu verlockend. Nach nicht mehr als einem moderaten Schlückchen hielt sie inne; sie wollte ihn ja nicht gefährden. Da er nun doch ein wenig hungrig wurde, biß Jean tatsächlich zurück, und Anshara wehrte sich nur pro Forma ein bißchen. In dieser Richtung war der Kuß gleichfalls überwältigend, fand sie.

"Und was hat das jetzt gebracht?" meinte Jean vergnügt, als er von ihr abließ.

"Spaß?" schlug sie vor und kuschelte sich hingebungsvoll an ihn.

"Auf jeden Fall bleibt man im Training."

"Bist du denn schon häufiger gejagt worden?"

"Nicht so oft. Meist jage ich."

"Und dein Lieblingsopfer sind wohl arme, kleine, ägyptische Priesterinnen."

"Also, dich habe ich noch nie gejagt."

"Aber zur Strecke gebracht." Sie räkelte sich wohlig.

"Das war aber keine Anstrengung. Ich werde bestimmt noch total faul."

"Du bist schon total faul", korrigierte sie.

"Nicht immer. Aber es muß sich schon lohnen. Zum Beispiel, wenn es etwas besonders Appetitliches zu erobern gilt..."

"Bin ich nicht appetitlich genug?"

"Schon, aber keine Herausforderung." Er musterte sie intensiv. "Du bist eine wundervolle Blume", erklärte er.

"Du bist ein Charmeur." Anshara strahlte ihn an. "Und überaus süß." Sie schmiegte sich an ihn.

"Ich glaube, langsam wird es Zeit für das Bettchen."

"Wir sind doch schon drin."

"Eigentlich wollte ich ja in Ruhe schlafen."

"Was ist das Problem?"

"Nicht was, wer", meinte er.

"Ich tue doch gar nichts."

"Du hinderst mich nur am schlafen."

"Na gut, dann werde ich mich in mein Zimmer zurückziehen." Sie warf ihm einen herzzerreißenden Blick zu.

"So ungern gehst du?" fragte Jean amüsiert. Anshara nickte heftig. "Dann bleib eben hier - ich werde es überstehen."

"Wie nett", seufzte sie, als Jean sich zusammenrollte. Sie betrachtete ihn liebevoll, ehe sie ebenfalls die Augen schloß und sich in die Decke rollte.

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Kapitel 4: 4. Januar 1982

Montag, der 4. Januar 1982, ca. 17:35 Uhr.

Jean wachte wie üblich nach Sonnenuntergang auf und streckte sich genüßlich, wobei er überlegte, was sie heute wohl machen könnten. Eigentlich hatte er ja Lust auf ein richtiges Souper, nicht schon wieder diese Flaschenkost.

Da er bei seinen Streckmanövern versehentlich Anshara in die Seite boxte, erwachte diese eher unsanft mit einem "Umpf!"

"Das ist ein Grund, warum ich lieber alleine schlafe", kommentierte Jean vergnügt und rollte sich aus dem Bett.

"Du mußt dich nur daran gewöhnen", seufzte Anshara und rieb die getroffene Stelle.

"Ich denke eher, du mußt dich daran gewöhnen." Jean betrachtete sich im Spiegel.

"Daß ich morgens immer von dir geknufft werde?"

"Genau."

"Hm."

Jean begann, in den herumliegenden Klamotten zu stöbern, um etwas zum Anziehen zu finden, und Anshara nutzte die Zeit, um in ihr Zimmer zu gehen und es ihm gleich zu tun. Sie wählte eine strahlend weiße Kombination und kehrte alsbald zu ihm zurück. Jean, mittlerweile wie üblich in Schwarz, stand vor dem Spiegel und striegelte seine Mähne, als Anshara sich neben ihn plazierte. Kritisch zupfte er an seiner Frisur herum, da er mit dem Ergebnis noch nicht ganz zufrieden war, und Anshara schlang einen Arm um seine Mitte.

"Ich möchte so gerne längere Haare haben", seufzte sie.

"Stimmt, das wäre hübsch", fand er und vergrub seine Finger in ihrer seidigen, blauschwarzen Mähne.

"Eben. Ich will wieder richtig lange Haare haben, bis hier hin!" Sie deutete auf ihren Po.

"So richtig schön zum Spielen", kommentierte er.

"Gibt es denn gar keine Möglichkeit, die Haare wachsen zu lassen, wenn man untot ist?" Sie seufzte tragisch. Das war das, was sie am meisten am Vampirsein bedauerte.

"Ich weiß es nicht", erwiderte er. "Ich habe noch nie davon gehört. Aber du könntest ja vielleicht einmal Simon fragen, vielleicht hat der eine Ahnung."

"Bei Gelegenheit. Erst muß ich genug Französisch lernen, damit ich sein Buch lesen kann. Vielleicht steht ja etwas darüber drin."

"Hm, ich habe nichts derartiges gesehen."

"Schade. Weißt du, was Simon eigentlich alles aufgeschrieben hat?"

"Mehr als ich mir merken kann."

"Kannst du es mir bei Gelegenheit übersetzen?"

"Sicher. Aber nicht jetzt. - Was sollen wir denn heute mal unternehmen?" fragte Jean, ohne den Blick vom Spiegel zu nehmen.

"Chic ausgehen?" Da Jean nur kurz aufbrummte, fuhr sie fort: "Oder hast du etwas anderes vor?"

"Eigentlich nichts besonderes. Ich finde nur, es wird langsam Zeit, daß ich meine alten Gewohnheiten wieder aufnehme."

"Und die wären?"

"Raubzüge aller Art und jede Menge Spaß haben."

"Das klingt lustig. Kann ich mitmachen?"

"Ich weiß nicht - kannst du das denn?"

"Noch nicht - außer dem Spaß haben natürlich. Aber du hast es doch auch einmal gelernt."

"Hm." Er musterte sie prüfend. "Wo fangen wir an... Sollte ich dir nicht zuerst Taschendiebstahl beibringen?"

"Was immer du als sinnvoll betrachtest."

"Dann fang gleich mal an", wies er sie vergnügt an. "Versuch mal, mir etwas aus der Tasche zu ziehen." Prompt kuschelte sie sich an ihn und setzte ihr Vorhaben in die Tat um. Jean erwischte ihre Hand, als sie gerade in der Tasche war. "Netter Versuch. Aber ich habe auch einige Jahre gebraucht, es zu lernen."

Sie startete einen erneuten Versuch mit ebensowenig Erfolg.

"Das bedarf noch einiger Übung. Zugegebenermaßen ist es bei einer engen Jeans besonders schwierig."

"Gibt es denn eine leichtere Variante?"

"Sicher. Aber ich finde deine Versuche ganz nett."

"Soso." Sie steckte ihre Hände in seine hinteren Hosentaschen und zog ihn zu sich heran.

"Na", machte er belustigt. "Was suchst du denn da?"

"Deine entzückende Rückfront."

"Ach?" Er beugte sich zu ihr herunter und gab ihr einen Kuß, während er versuchte, ihr die Halskette zu entwenden. Anshara erwiderte den Kuß hingebungsvoll und attackierte ein drittes Mal seine Brieftasche. Jean bemerkte dies zwar, ließ sie aber gewähren, da er mittlerweile ihre Halskette in der Hand hielt.

"Das hat aber lange gedauert", kommentierte er die Tatsache, daß sie endlich seine Brieftasche erobert hatte.

"Ich übe ja noch. In einem Jahrhundert habe ich es vielleicht gemeistert..."

"Ich denke eher, besonders bei deinem Ablenkungsmanöver. Auch wenn du es nicht immer einsetzen kannst, ist es doch ein guter Ansatzpunkt." Er reichte ihr die goldene Kette.

"Wie hast du das denn gemacht?"

"Das war leicht, so sehr wie du dich auf meine Tasche konzentriert hattest. Weißt du, wir haben früher mit Puppen geübt, die überall Glöckchen hängen hatten."

"Das sollte ich auch mal ausprobieren."

"Du darfst auch gerne an mir üben."

"Gerne..." Sie legte den Kopf an seine Brust und schmiegte sich an ihn. Jean legte ihr die Kette wieder um. "Danke."

Jean behielt präventiv den Spiegel im Auge, der ihm zeigte, was hinter seinem Rücken vorging. Für eine blutige Anfängerin war Anshara wirklich nicht schlecht, vor allem ihre Ablenkungsmanöver wirkten bei ihm ziemlich gut.

"Und an was für Raubzüge hattest du gedacht?" Sie sah neugierig zu ihm hoch.

"Ich weiß noch nicht. Meist überkommt es mich einfach so, wenn ich irgendetwas sehe. Zum Beispiel, wenn etwas verlockend glitzert..."

"Aha. Dann solltest du wohl besser einen Bogen um Lampengeschäfte machen."

Jean grinste sie an. "Manchmal bin ich nicht zu bremsen. Naja, jeder hat so seine Probleme."

"Stimmt." Sie sah ihn hungrig an.

"Appetit?" fragte er und malte mit dem Finger die Konturen ihrer Lippen nach.

"Ja." Sie küßte ihn auf die Fingerspitzen.

"Was ziehst du vor?"

"Etwas Süßes."

"Ein Fläschchen?"

"Ja, erst einmal ein Fläschchen, und dann vielleicht ein Hälschen..."

"Wie das hier?" Jeahr fuhr ganz sanft mit den Zähnen über ihren Hals, und sie erschauerte wohlig.

"Genau."

"Aber jetzt sollte ich doch erst einmal in den Keller gehen und deine Vorspeise holen." Aber bis er sich dazu überwand, widmete er sich weiter ihrem Hals. Sie schlang die Arme um ihn und ließ ihn gewähren. "Wenn du mich nun für einen Augenblick entschuldigst..."

"Gut."

Jean lief nach unten und brachte eine Kollektion verkorkter Flaschen mit. Anshara sah ihm sehnsüchtig entgegen und ließ den Blick nicht von ihm, als er das erste Behältnis öffnete und ihr unter die Nase hielt.

"Ist das genehm?"

"AB positiv. Oh ja, das ist okay." Sie setzte die Flasche an und leerte sie in wenigen Zügen. "Obwohl - da war ziemlich viel Heparin drin", stellte sie stirnrunzelnd fest. "Das solltest du reklamieren." Nichtsdestotrotz leerte sie eine weitere Flasche, damit sie nun vollends gesättigt war. "So, jetzt darfst du." Sie bot ihm ihren Hals dar.

"Wer weiß, wie das jetzt schmeckt", überlegte Jean. "Obwohl, die Versuchung ist groß..." Er nahm sie in die Arme und sah sie an, woraufhin Anshara sich prompt auf die Zehenspitzen stellte und ihn küßte. "Du bist ausgesprochen süß." Er biß ihr vorsichtig ins Ohrläppchen, und sie quietschte auf. Jean sah auf und grinste sie an. "Und du quietschst so schön."

"Wenn du mich erschreckst... Daß du mich in den Hals beißt, das erwarte ich ja - aber ins Ohr?"

"Ich fand, es verlangte geradezu danach, gebissen zu werden."

"Es hat nichts dergleichen geäußert", widersprach sie.

"Es hat ein Schild hochgehalten."

"Hm. Ich wußte gar nicht, daß es schreiben kann."

"Siehst du, du verkennst es total." Anshara prustete los, das war zu albern. Jean grinste zurück. "Aber wenn es dir lieber ist, kann ich auch deinen Hals nehmen."

"Aber nickt kleckern!" forderte sie. "Ich habe weiße Sachen an."

"Ich kleckere nicht.", meinte Jean. "Ich bin doch kein Ferkel."

"Beruhigend."

"Ich glaube, du bist immer noch nicht von der Vorstellung der Fernsehvampire geheilt."

"Naja, ich lege halt viel Wert auf Sauberkeit."

"Ich weiß. Letztlich habe ich einen Vampirfilm gesehen, da haben die das ganze Blut total verschwendet."

"Das ist Dummheit", stimmte Anshara zu.

"Eben", meinte Jean. "Genau wie dieses ganze andere Gehabe - das Fauchen, die Bißtechnik..."

"Fauchen finde ich aber lustig." Sie führte ihm ihre Variante davon vor.

"Normalerweise finde ich Fauchen beängstigend, aber bei dir ist es einfach süß", kommentierte er. Anshara zog eine Schnute.

"Sollten Vamp- äh, Kainskinder ihre Gegner nicht allein durch ihre Anwesenheit einschüchtern?"

"Viele schon."

"Ich fürchte, bei mir würden sie sich nur kaputtlachen", seufzte sie.

"Bei mir klappt das auch nie", beruhigte er sie. "Vielleicht sollte ich auch fauchen lernen."

"Hm." Sie musterte ihn. "Fauch mal!"

"Ich bin sicher, du lachst." Um sie von der Idee abzubringen, hob er Anshara hoch und stellte sie auf dem Bett ab, ehe er sie küßte. So brauchte er sich wenigstens nicht zu bücken, und er nutzte die Gelegenheit, um spielerisch nach ihr zu schnappen.

"Du bist bei weitem der beste Spielpartner, den ich je hatte."

Sie betrachtete ihn mißtrauisch.

"Wie viele ...Spielpartner hattest du denn schon?"

"Einige", erklärte er vergnügt. Er sah sie intensiv an. "Haps!" machte er und ließ seine Zähne vor ihrer Nase zuschnappen. Anshara hüpfte erschreckt einen Schritt zurück.

"Nicht meine Nase!"

"Ich glaube nicht, daß ich sie dir abbeißen würde. Normalerweise beiße ich höchstens in etwas und nicht etwas ab."

"Das beruhigt mich ungemein. Meine Nase ist mir nämlich heilig."

"So?" Er betrachtete diese aufmerksam, wobei Anshara darauf achtete, ihm ihre Schokoloadenseite zuzuwenden. Es war jedoch mehr ihr Hals, der Jeans Aufmerksamkeit beanspruchte, und er schob ihre dichten, seidigen Haare beiseite, um sich die optimale Bißstelle auszusuchen.

"Was hast du vor?"

"Frühstücken."

"Ah." Sie stellte sich in Pose, woraufhin Jean sich über ihren Hals beugte und sich ein paar Schlucke genehmigte. Er fand es aufregend, Ansharas Blut zu trinken, es war so ganz anders als das der Sterblichen. Sie schlang die Arme um ihn und genoß das erregende Gefühl dieses Kusses. Daran konnte sie sich wirklich gewöhnen, dachte sie wohlig.

Jean hob sie wieder vom Bett herunter, damit er nun sein Gesicht in ihren Haaren vergraben konnte. Anshara ließ ihn dabei keine Sekunde los.

"Daran könnte ich mich gewöhnen", bemerkte er und leckte die Wunden an ihrem Hals zu.

"Ich habe jedenfalls nicht vor, dich so bald wieder gehen zu lassen", entgegnete sie.

"Ich will ja gar nicht gehen." Als er das mit solcher Überzeugung sagte, war Jean über sich selbst erstaunt. Oder lag dies jetzt daran, daß er zum dritten Mal von ihrer Vitæ getrunken hatte? "Was sollen wir nun unternehmen?" wollte er wissen und sah sie verliebt an.

"Du wolltest doch auf einen Raubzug gehen."

"Ich will dich aber nicht verlassen, und ich fürchte, du bist mir unterwegs keine zu große Hilfe."

"Und wenn ich dich als dein Lehrling begleite?"

"Gut, aber nur, wenn du etwas anderes anziehst. Weiß ist für Raubzüge die ungeeignetste Farbe - außer selbstleuchtenden Neonfarben."

"Ginge mein schwarzes Kleid?"

"Etwas Praktisches wäre sinnvoller."

"Was hältst du davon, wenn wir demnächst ein paar schwarze Sachen für mich mitbestellen?"

"In Kindergrößen", meinte Jean amüsiert.

"Solange sie passen... Aber dann kann ich mit auf Raubzüge gehen." Sie strahlte ihn an. "Wenn du mich einen Augenblick entschuldigst, damit ich mich umziehen kann?" Sie wartete keine Antwort ab, sondern stürmte in ihr Zimmer. Jean sah ihr hinterher, ehe er einen Blick in den Spiegel warf, um seine Kleidungsstück und Haare wieder in Ordnung zu bringen.

Bald darauf kehrte Anshara zurück, nun in einem mittelbraunen Rollkragenpullover über einer dunkelbraunen Samthose, die in halbhohen Stiefeln steckte.

"Ein ungewohnter Anblick", kommentierte Jean ihr Auftreten. "Jetzt bist du jedenfalls nicht sofort zu sehen." Er nahm seinen Werkzeuggürtel und legte ihn um die Hüften, bevor er eine schwarze Jacke überzog.

"Hast du auch eine Jacke für mich?" fragte Anshara. Ihr Mantel war weiß, und das lange schwarze Cape war bestimmt nicht für heimliches Verschwinden geeignet. Jean durchsuchte seinen Schrank und förderte ein Jäckchen zu Tage, das ihm gerade bis zur Taille reichte. Als Anshara es überzog, wirkte es wie ein normal langes Oberbekleidungsstück, nur die Ärmel waren ein gutes Stück überdimensioniert. Jean half ihr, diese aufzukrempeln, und sie himmelte ihn an.

"So, fertig", verkündete er schließlich. "Hast du Handschuhe?"

"Ja." Sie zeigte ihm ein paar braune Fingerhandschuhe, die sie anschließend wieder in ihre Umhängetasche packte.

"Dann laß uns gehen."

Jean lief erst einmal ein Stück durch die Stadt, um zu sehen, ob er etwas fand, das seinen Vorstellungen entsprach. Zunächst war ihm allerdings noch nichts genehm.

"Wenn ich zu schnell gehe, sagst du Bescheid?" fragte er, da Anshara einen ziemlich forschen Schritt halten mußte, um auf gleicher Höhe mit ihm zu bleiben.

"Bis jetzt geht es. Mit den Stiefeln kann ich erheblich besser laufen als mit meinen Sandalen."

Neugierig betrachtete Jean die diversen Schaufenster, die sie passierten. Anshara bewunderte die Auslagen eines Juweliers.

"Das ist hübsch", fand sie.

"Glitzersteinchen", stimmte Jean zu.

"Genau. Und Gold."

"Gold ist nicht so ganz mein Fall. Zu dir paßt es, aber zu mir?"

"Nicht ganz", lächelte Anshara.

"Dann wird es darüber wohl auch keinen Streit geben."

"Bestimmt nicht. Obwohl ich natürlich auch Glitzersteine mag. Am schönsten ist aber immer noch Lapislazuli, der ist nämlich der Stein des Himmels der Ägypter."

"Stimmt, das ist ein schöner Stein. Mir sind jedoch Diamanten und Smaragde am liebsten, aber schließlich bin ich auch nicht aus Ägypten..."

Anshara lächelte und betrachtete einen dunkelblauen Saphir, dessen Farbe so tief war wie der atlantische Ozean. "Der ist aber auch wunderschön. Meinst du, ich könnte mir den zulegen?"

"Warum nicht?"

"Nun, der Preis ist doch ziemlich gewaltig, und fast mein ganzes Vermögen liegt noch in Karnak." Sie himmelte Jean an. "Würdest du mir den schenken?"

"Vielleicht."

Sie schlang die Arme um seinen Hals, zog ihn zu sich herunter und küßte ihn ausgiebig. Jean gefiel das natürlich.

"So könntest du mich fast überzeugen", stellte er fest. Anshara wiederholte die Aktion. "Das kannst du ruhig nochmal machen." Natürlich wurde sie dessen nicht müde, was dazu führte, daß Jean schon wieder vergaß, was er eigentlich hier wollte.

"Also - bekomme ich den Stein?" fragte sie schließlich nach.

"Welchen Stein?" entgegnete Jean zerstreut. Anshara deutete auf den Saphir, woraufhin ihr Gegenüber das Schaufenster musterte. "Das ist aber nicht so leicht. Der Laden hat mir Sicherheit eine Alarmanlage."

"Kannst du die nicht ausschalten?"

"Von hier aus?"

"Wie wäre es, wenn wir das Geschäft erst ausspionieren? Wir könnten das morgen am frühen Abend in Angriff nehmen."

"Mal gucken", meinte Jean und verschwand in der schmalen Gasse zwischen den Häusern. Anshara schlich hinter ihm her und beobachtete, wie er sich umsah. Sicherheitshalber verhielt sie sich ganz ruhig, um ihn nicht bei der Arbeit zu stören.

Jean suchte nach einer Möglichkeit, unbemerkt in das Haus zu kommen, doch im Erdgeschoß waren alle Eingänge mit Gittern verschlossen, von denen er vermutete, daß sie alarmgesichert waren. Endlich entdeckte er eine Feuerleiter, die nach oben zum Dach führte. Der einzige Haken war, daß sie erst ein ganzes Stück über seinem Kopf begann.

"Meinst du, wir kommen von oben hinein?" fragte Anshara im Flüsterton.

"Möglich."

"Prima. Nur, wie können wir da hochkommen?" Sie folgte Jeans Blick, als dieser die Entfernung abschätzte.

"Ich glaube, ich komme da hinauf", kommentierte er.

"Ich schaffe das nur, wenn du mich hochziehst."

"Versuchen wir es." Er sprang nach der Leiter, erwischte sie sogar im ersten Anlauf und zog sich in die Höhe. Als er auf der untersten Sprosse saß, hielt Anshara ihm auffordernd die Arme entgegen. "Hey, ich bin doch kein Artist", machte er sie aufmerksam und überlegte, wie es ihm am besten gelingen könnte, sie in die Höhe zu hieven, ohne daß er das Gleichgewicht verlor.

"Leider ist es mir nicht möglich, mich in eine Fledermaus zu verwandeln", erklärte sie mit einem schiefen Grinsen.

"Mir auch nicht. - Ich klettere erst einmal zur Plattform, und von da kann ich dich dann hoffentlich hochziehen."

Anshara wartete, während Jean die restlichen Sprossen der Leiter erklomm. Dort wickelte er das Seil ab, das er um die Taille trug. Er band es am Geländer fest und warf ihr das andere Ende zu. Sie band es sich um und sah zu ihm hoch.

"Du kannst mich raufziehen!"

"Du könntest auch mal klettern", maulte Jean, streifte sich seine Handschuhe über und hievte sie mühsam nach oben. "Du bist ganz schön schwer."

"45 Kilo und kein Gramm mehr", verteidigte sie sich. Jean seufzte nur und rollte sein Seil wieder auf, ehe er die immer noch angeleinte Anshara hinter sich her die Treppen hinaufzog. Als sie am Dach angekommen waren, verharrte Jean und wandte sich an sie.

"Du bleibst hier stehen."

"Gut, ich passe auf, daß uns niemand folgt", erwiderte sie fatalistisch.

"Fein." Jean kletterte auf das Dach und balancierte auf den Dachpfannen entlang zu einer der Luken, bevor er sich daranmachte, diese aufzubrechen. Er fluchte leise auf Französisch vor sich hin, da das Teil ziemlich verrostet war. Anshara verrenkte sich fast den Hals beim Versuch, sich nichts entgehen zu lassen. Auf einmal gab die Arretierung des Fensters krachend nach, und Jean verharrte stocksteif. Auch Anshara erstarrte. Hoffentlich hatte das keiner gehört.

Als nach fünf Minuten immer noch nichts passierte, schob er die widerspenstige Luke ganz auf und spähte auf den Dachboden, ehe er Anshara mit einem Wink bedeutete, sich zu ihm zu gesellen. Lautlos schlich sie zu ihm herüber, und er wies auf die Öffnung. Das Seil hatte er bereits an einem stabil aussehenden Träger befestigt.

"Da unten ist die Luft rein. Geh du zuerst, ich halte dich fest."

"Gut." Sie ließ sich vorsichtig herunter, bis sie auf dem staubigen Holzboden stand. "Okay, ich bin unten", flüsterte sie. "Du kannst nachkommen." Sie löste das Seil von ihrer Taille, und Jean folgte ihr auf dem Fuß. Sie stiegen durch eine Bodenluke nach unten und hinterließen einige staubige Fußabdrücke, bis Anshara eine Packung Papiertaschentücher zückte und sie verwischte, ehe sie die Sohlen ihrer Stiefel säuberte. Um die Spuren auf dem Dachboden mußten sie sich auf dem Rückweg kümmern.

Endlich sah sie sich um. Jean war schon auf der Suche nach der Treppe. Offenbar befanden sie sich in einer Wohnetage, und möglicherweise wohnte hier sogar der Juwelier, den sie um seine Juwelen erleichtern wollten.

Schließlich hatte Jean das Treppenhaus entdeckt und bedeutete Anshara zu warten, bis er alles abgesichert hatte. Er schlich lautlos hinunter, und als er befand, daß die Luft rein war, gab er Anshara ein Zeichen, ihm zu folgen. Er war positiv überrascht, daß sie sich recht geschickt anstellte und kaum ein Geräusch produzierte.

Unten angekommen, öffnete er die Tür und sah in den Flur des Erdgeschosses. Es war alles verlassen. Vorsichtig sicherte er dennoch nach allen Seiten, bis er vor der Tür des Ladens stand, neben dem sich ein Kasten befand, der eine Schalttafel verbarg.

"Meinst du, die ist von der Alarmanlage?" wollte Anshara leise wissen.

"Ich denke, es ist eher der Sicherungskasten."

"Oh."

Jean seufzte und sah sich weiter in der Nähe nach etwas Interessantem um.

"Es scheint ja doch ziemlich schwierig zu sein, irgendwo einzubrachen", stellte Anshara fest.

"Was dachtest du?" fragte Jean und spähte hinter einen Vorhang.

"Naja, ich habe so etwas noch nie gemacht."

"Tse." Er guckte hinter ein Bild. Dafür, daß das hier nur eine Eingangshalle war, sah es ziemlich wohnlich aus. Es fehlte nur noch ein Teppich auf dem Boden und Einrichtungsgegenstände.

"Was suchst du eigentlich genau?"

"Den Schalter der Alarmanlage."

"Meinst du, der ist draußen?"

"Natürlich. Wie soll man den denn von ihnen einschalten und dann herauskommen, ohne den Alarm auszulösen?"

"Zum Beispiel mit einer Zeitschaltuhr."

"Nicht in so einem alten Laden."

"Ah." Anshara hob die Fußmatte hoch, um Jean zu unterstützen, aber selbst mit ihren geschärften Sinnen nahm sie nichts von Bedeutung wahr. "Sag mal, hat es etwas zu bedeuten, daß diese Tür drei Schlösser hat?"

"Sie ist schwerer zu knacken als eine Tür mit einem Schloß."

"Hm. Und davon kann keins der Schalter der Alarmanlage sein?"

"Möglich wäre das schon, aber dann kommen wir ohne Schlüssel nicht hinein."

"Hast du für sowas keinen Dietrich oder so?"

"Schon", gab Jean zu. "Aber wenn ich damit in dem Schloß herumfummele, löst das garantiert den Alarm aus."

"Kann man denn nicht feststellen, was davon ein echtes Schloß ist? Zum Beispiel mit einem Stethoskop?" Anshara hatte entschieden zu viele Krimis gesehen.

"Willst du den Herzschlag überprüfen?"

"In den Filmen hören die doch auch immer alles ab."

"Safes mit Zahlenschlössern vielleicht..."

"Aber irgendetwas muß es doch geben!"

"Ja, einen versteckten Schalter, hoffe ich." Sie spähten weiter herum.

"Hast du schon den Türrahmen überprüft", wollte Anshara wissen.

"Ja. Ich habe nichts gefunden." Jean fluchte leise vor sich hin und begann noch einmal von vorne. Nach einiger Zeit hielt er inne. "Hey, ich glaube, hier ist was." Er hatte einen Schrank geöffnet und sah hinein.

"Der Schalter?"

"Hier läßt sich ein Teil verschieben", meinte er und drückte dagegen. Als er die kleine Platte beiseitegeschoben hatte, konnte er ein Zahlenschloß erkennen, und er seufzte schwer. Die Dinger haßte er wie die Pest.

"Und?" fragte Anshara.

"Ich kriege sowas nie auf..."

"Was? Den Knopf?"

Jean spähte ärgerlich hinter der Tür hervor. "Mach dich nur über mich lustig!"

"Laß mich doch endlich mal gucken!"

"Bitte." Er trat zur Seite, und Anshara betrachtete sein Problem.

"Ah! Ein Zahlenrätsel", kommentierte sie und begann herumzuprobieren, nachdem sie ihre Handschuhe ausgezogen hatte. Jean setzte sich auf die Kommode und wartete. Er fragte sich, wann sie wohl entnervt aufgeben würde, als sie aufsah.

"Oh, das war aber einfach", stellte sie fast ein wenig enttäuscht fest. "Da hat gerade etwas geklackt."

"Zeig mal." Sie ließ ihn wieder an den Schrank, wo er sah, daß eine grüne Lampe die rote ersetzt hatte. "Stimmt, es ist aus."

"Wir können also endlich hinein?" Sie zog die Handschuhe wieder an.

"Wenn wir die Türschlösser aufkriegen."

"Das ist dein Metier."

Jean schob die kleine Klappe wieder zu, nachdem er sorgsam alle etwaigen Fingerabdrücke Ansharas abgewischt hatte. Nachdem er den Schrank wieder geschlossen hatte, bearbeitete er die Schlösser der Tür, wobei ihn Anshara neugierig beobachtete. Eines der drei bekam Jean rasch auf, die anderen beiden waren jedoch komplizierter.

"Das mußt du mir unbedingt beibringen", fand sie.

"Bei Gelegenheit", meinte Jean und seufzte zufrieden, als das zweite Schloß nachgab. Für das dritte brauchte er allerdings weitere zehn Minuten, was ihm gar nicht gefiel. Er war wohl etwas aus der Übung gekommen, fürchtete er, also sollte er besser wieder häufiger Raubzüge unternehmen.

"Du hast es geschafft", flüsterte Anshara erfreut und gab ihm einen Kuß.

"Hast du etwas anderes erwartet?" fragte er vergnügt.

"Bislang hatte ich dich noch nicht auf einem Raubzug begleitet, daher konnte ich mir vorab kein Urteil erlauben."

"Tse." Er machte langsam die Tür auf, bevor er sich wieder aufrichtete. Anshara wartete ab und sah zu, wie Jean den Raum von der Tür aus aufmerksam mit Blicken und seinen vampirisch scharfen Sinnen absuchte. "Ich sehe nichts gefährliches, wir können hinein", konstatierte er schließlich. Er ging voran, und nichts passierte. Anshara folgte ihm lautlos, wobei sie sich neugierig umschaute.

Jean suchte vorsichtig alle Auslagen nach Berührungssensoren oder anderen zusätzlichen Alarmanlagen ab, doch der Inhaber des Geschäfts hatte offenbar nicht allzuviel Geld in die Sicherheit investiert.

"Ich würde sagen, wir können", erklärte er schließlich.

"Prima!" Anshara schwebte zum Fenster und begann, alles goldene und alle blauen Steine einzupacken. Jean lachte leise, als er sie beobachtete.

"Du bist mir ein kleiner Geier!"

"Nimmst du etwa nichts mit?" fragte sie unschuldig zurück.

"Ich habe noch nichts ansprechendes gefunden." Er spähte routiniert in die verschiedenen Vitrinen und Auslagen.

"Aha. - Oh, hier sind ja noch andere hübsche Sachen", stellte sie entzückt fest und deutete auf ein goldenes Collier, das mit extravant geschliffenem Imperial-Topas verziert war.

"So eins hast du doch schon", kommentierte Jean.

"Aber deshalb ist es trotzdem schön." Es verschwand in ihrer Tasche. "Oder diese Steine hier..." Sie deutete auf einen Regenbogen aus ungefaßten Turmalinen.

"Die sind wirklich hübsch", stimmte Jean zu, und Anshara seufzte. Am liebsten würde sie ja alles mitnehmen, aber soviel konnte sie nicht tragen. Ihr Gefährte spielte mit einigen Silberschmuckstücken herum, aber bislang war nichts dabei, was ihn richtig fasziniert hätte.

"Oh, guck mal!" begeisterte Anshara sich und nahm einen goldenen Torque aus einer Vitrine, um ihn sich anzuhalten. "Das wäre eines Pharao würdig!" Sie setzte ein selbstzufriedenens Lächeln aus. "Das will ich auch", erklärte sie, und das Schmuckstück verschwand ebenfalls in der Tasche.

"Gut, daß deine Tasche so groß ist", kommentierte Jean belustigt.

"Stimmt."

Jean grinste und ließ den Schmuck auf den schwarzen Samt zurückfallen, um in einige der Schränke zu spähen. Er mußte dazu noch weitere Schlösser aufbrechen, aber diese waren einfacher zu knacken als die drei an der Tür. Vorsichtig zog er eine der Schubladen heraus und spähte darauf.

"Hast du schon was gefunden?"

"Nur langweiliges Zeug", winkte er ab. Das hier waren maximal 0.25-Karäter, also alles Spielzeug. Er wandte sich dem nächsten Schrank zu, der etwas besser gesichert war, und hier wurde er fündig. "Oh, Glitzersteinchen!"

"Zeig mal!"

Jean hielt ihr eine Schublade mit vielleicht zwei Dutzend lupenreinen, einkarätigen Diamanten entgegen.

"Schööön!"

"Die nehmen wir mit." Er leerte die Schublade in einen seiner Beutel, bevor er weiter stöberte.

"Gibt es davon noch mehr?"

"Ja, einiges. Hier sind ganz viele blaue und grüne Steine. Saphire und Smaragde, würde ich sagen."

"Die blauen sind für mich", erklärte Anshara.

"Dann nehme ich die grünen."

Nachdem diese ebenfalls verstaut waren, öffnete er die nächste Schublade, die einige Etuis enthielt. Neugierig öffnete er sie.

"Das sind ein paar aufwendig gearbeitete Colliers", kommentierte er.

"Ist auch etwas für mich dabei?"

"Was hättest du denn gerne?"

"Etwas schönes natürlich."

"Laß mal sehen... Wie wäre es denn mit dem?" Er hielt ihr eine Schatulle mit einen in Gold gefaßten Saphir-Collier entgegen.

"Toll", hauchte sie und packte es zu ihrer Sammlung dazu. Jean tat es ihr gleich und steckte sich die vier nach seinem Geschmack schönsten Schmuckstücke ein. Anshara hatte sich derweil über eine weitere Schublade hergemacht und eine Handvoll tiefroter Steine auf schwarzem Samt entdeckt.

"Lauter Rubine!" erklärte sie und bewunderte die edel geschliffenen Kostbarkeiten.

"Hübsch. Wie Blutstropfen."

Sie beschlossen, diese Errungenschaft gleichmäßig unter sich aufzuteilen, und so verschwand die eine Hälfte in Jeans Beutel, während der Rest in Ansharas Tasche wanderte.

"Findest du noch etwas?" wollte Jean nun wissen, und Anshara schüttelte den Kopf. Sie wollte jetzt schnell nach Hause, um all die hübschen Sachen ausgiebig zu bewundern. Jean gab ihr ein Zeichen und verschloß erst einmal wieder die Schränke und Vitrinen, damit alles auf den ersten Blick noch normal aussah, dann schlichen sie den gleichen Weg zurück, den sie gekommen waren, wobei sie ihre Fußabdrücke im Staub und sonstige Spuren sorgfältig verwischten.

"Und jetzt schnell nach Hause", sagte Jean, als sie die Feuerleiter herabgestiegen waren. Sie legten einen kleinen Spurt ein, und Jean fühlte sich nach dem gelungenen Raubzug vollends zufrieden. Anshara trabte fröhlich neben ihm her.

* * *

Im Haus angekommen, warf Jean sich auf sein Bett und schüttete den Beutel mit der Beute auf der schwarzen Satindecke aus. Anshara stand daneben und war von den funkelnden Kleinoden völlig fasziniert. Jean brummte zufrieden und entledigte sich seiner Handschuhe und Jacke, die in der nächsten Ecke landeten, ehe er sich seinen Steinchen widmete - die glitzerten so schön.

Anshara suchte sich einen freien Fleck auf dem Bett, auf dem sie ihre Tasche entleerte. Es kam ein Berg unterschiedlicher Dinge zum Vorschein - von Werkzeug über Make-Up bis hin zu einem Etui mit allerlei Schreib- und Zeichenutensilien - und dazwischen lagen die ungefaßten Edelsteine und die Schmuckstücke, die ihr Augenmerk auf sich gezogen hatten.

Nachdem sie alle Kostbarkeiten aus allen Ecken der Tasche entfernt hatte, räumte sie die Dinge wieder zurück, die hineingehörten. Als alles wieder eingepackt war, begann sie, ihre Steine nach Farbe und anderen Kriterien zu sortieren, damit sie sie anschließend gebührend bewundern konnte.

"Ich finde es nur bedauerlich, daß ich so etwas nicht tragen kann", seufzte Jean schließlich, als er sich von dem funkelnden Farbenspiel losgerissen hatte.

"Warum denn nicht?" wollte Anshara wissen. Sie hatte die Rubine auf der Handfläche verteilt und drohte schon wieder, in dem herrlichen, tiefroten Schimmer zu versinken.

"Das sieht doch ziemlich merkwürdig aus, oder etwa nicht?"

"Kommt drauf an - als Krawattennadel ginge es auf jeden Fall..."

Jean verzog das Gesicht. "Ich trage keine Krawatte."

"Dann vielleicht eine Brosche?"

"Hm."

"Es sollte natürlich etwas Geschmackvolles und doch Extravagantes sein."

Er guckte zweifelnd.

"Weißt du, ich werde ein paar Stücke für dich entwerfen", beschloß sie.

"Da bin ich drauf gespannt", meinte er lächelnd und rollte sich auf den Rücken, um an die Decke zu gucken. Mit einer Hand fischte er nach einem der Colliers, hielt es hoch und betrachtete es gegen das Licht.

"Wie wäre es mit einer Rose?"

"Dir würde das bestimmt stehen."

"Dir auch."

Jean schüttelte den Kopf. "Ich glaube, ich bleibe lieber ganz bei Schwarz."

"Schade", seufzte sie. Jean schob die ganzen Steine vom Bett auf den Boden. Anshara guckte besorgt. "Vorsicht, da sind ein paar unter das Bett gerollt."

"Macht doch nichts." Jean zuckte mit den Schultern.

"Und wenn man nun drauftritt?"

"Wir können ja staubsaugen."

"Die armen, hübschen Glitzersteinchen..."

"Ich kann sie auch aufheben."

"Das fände ich besser." Anshara suchte ein paar Taschentücher aus dem Chaos und wickelte ihre Beute sortiert hinein, während Jean sich ächzend aus dem Bett rollte, um seine Sachen in einen Beutel zu stopfen, den er auf dem Nachttisch ablegte.

"Ich glaube, ich muß mir unbedingt ein paar Etuis für all diese Kleinodien holen", überlegte Anshara. "Zeigst Du mir, was du noch alles erbeutet hast?"

"Oh je, die Sachen von meinen frühren Raubzügen liegen überall hier im Haus herum. Du brauchst nur in irgendwelchen Schränken, Schubladen und Truhen nachsehen. Ich habe den Kram überall dort verstaut, wo Platz war."

"Aber da kann man die Steine doch gar nicht gebührend bewundern."

"Ich habe so viel davon", erklärte Jean und sah zu, wie sie anfing, wahllos einige Schubladen aufzuziehen. Bei jeder neuen Entdeckung stieß sie einen Ruf des Entzückens aus, was ihn zu einem Lächeln verleitete. "Ich weiß schon gar nicht mehr, daß ich so etwas hatte", sinnierte er bei einem Blick auf einige ungefaßte tropfenförmige Brillanten.

"Ich sollte das alles mal sortieren und katalogisieren", befand Anshara.

"Das muß nicht sein", entgegnete Jean und dachte an die Berge von Karteikarten und Ordnern.

"Warum nicht? Es gibt doch jetzt diese neumodischen Computer", erzählte Anshara. "Damit soll so etwas ganz leicht gehen. Und man kann alles auf normalen Musikcassetten speichern - das habe ich im Fernsehen gesehen. Man spart sich eine Menge Papier damit."

"Das ist mir viel zu anstrengend."

"Wieso? Wenn sich dann etwas am Bestand ändert, lädt man einfach alles von der Cassette zurück, korrigiert es und sichert es wieder. Ganz einfach."

"Du verlangst doch wohl nicht von mir, daß ich so etwas verstehe?"

"Es ist doch gar nocht so schwierig. Weißt du, ich finde diesen ganzen neumodischen Kram total genial. Genau wie Autos und Flugzeuge. Und U-Bahnen!"

"Also, ich finde diese neuen Sachen ja ganz nett, aber nur, solange ich mich nicht zu sehr damit abplagen muß."

"Es heißt überall, daß Computer die Arbeiten total vereinfachen werden..."

"Ich arbeite eh nicht."

"Aber auch das Vergnügen. Ich habe im Fernsehen so ein Computerspiel gesehen, wo man selber auf dem Mond landen sollte. So richtig mit Treibstoffverbrauch und Aufsetzgeschwindigkeit. Echt toll, das Ganze."

"Ich finde das langweilig", erklärte Jean gnadenlos.

"Aber alle sagen, das wäre die Technologie der Zukunft", machte Anshara ihn aufmerksam.

"Werden wir ja sehen. Wenn es relevant wird, kann ich mich immer noch damit beschäftigen."

"Also, ich werde mir auf jeden Fall so ein Teil besorgen."

"Tu was du willst."

"Das mache ich sowieso", strahlte sie ihn an.

"Ich weiß", seufzte er.

Anshara beschloß, erst einmal ihre Errungenschaften in ihrem Zimmer zu verstauen, ehe sie zu Jean zurückkehrte. Sie wollte gerade nachfragen, was sie nun unternehmen sollten, als ihr der nachdenkliche Blick Jeans zur Decke des Zimmers Gewahr wurde, während er abwesend mit den Troddeln der Kissen herumspielte.

"Worüber denkst du nach?" wollte sie wissen.

"Nichts besonderes", erwiderte er und lächelte sie an. Anshara strahlte zurück.

"Ich hoffe es gibt keinen allzu großen Ärger mit dem Juwelier."

"Ich habe alles überprüft, wir haben keine Spuren hinterlassen."

"Prima. Aber sollten wir den ganzen Kram nicht trotzdem sicherheithalber irgendwo verstecken, wo man ihn nicht finden kann?"

"Ich lasse niemanden in mein Haus", erklärte er kategorisch, ehe er das Thema wechselte. "Was machen wir nun?"

"Hm", überlegte Anshara. "Was hältst du von einem Besuch in einem der hiesigen Museen oder Nachtclubs?"

"Was immer du möchtest."

"Dann ein Museum mit schönen Bildern", bestimmte sie.

"Gut", meinte Jean und schwang sich aus dem Bett. "Ich schlage das Musée de l'Orangerie vor, das liegt sogar halbwegs in der Nähe. Aber ein Taxi sollten wir dennoch in Anspruch nehmen..." Er ging zum Telefon und verhandelte kurz mit der Zentrale eines Taxiunternehmens.

"Hm. Wir sollten uns vielleicht doch ein Auto zulegen", fand Anshara. "Dann müßten wir nicht unentwegt ein Taxi rufen."

"Man gewöhnt sich daran." Jean begann sich umzuziehen, und auch Anshara war flugs in ein festliches Gewand in Hellbraun und Gold gehüllt. Sie bewunderte Jeans elegante Garderobe, die natürlich wie jedes andere seiner Kleidungsstücke von Kopf bis Fuß schwarz war, und er lächelte sie gewinnend an. Logischerweise führte dies wieder einmal dazu, daß sie sich auf ihn stürzte und übermütig die Arme um ihn schlang. "He, du zerknautschst meine Garderobe", mahnte er belustigt, schob sie sachte von sich und strich seine Sachen glatt.

"Tut mir leid, aber du bist zu sehr Versuchung für mich", seufzte sie und die beiden betrachteten ihren Anblick im Spiegel. Anshara sann darüber nach, wie gut es war, daß sie im Gegensatz zu einigen anderen Vampirgestalten in der Literatur über ein Spiegelbild verfügte. Wie könnte sie sonst ihr Make-Up auftragen und ihre Frisur ordnen? Ganz abgesehen davon, daß sie sich zu gerne in einem Spiegel bewunderte...

Nun fiel ihr Blick wieder auf Jean, der seine zerzauste nachtfarbene Mähne striegelte. Bei Isis, war der hübsch, fand sie andächtig. Sie würde ihn bestimmt nicht mehr entkommen lassen. Als er mit dem Bürsten fertig war, wandte er sich an sie.

"Meinst du, so kann ich mich sehen lassen?"

"Auf jeden Fall", erklärte sie. "Und was ist mit mir?" Sie drehte sich probeweise einmal um ihre Achse.

"Du bist immer süß", kommentierte er, und gerade, als er nach ihren Haaren angelte, klingelte der Taxifahrer. Da sie im Augenblick zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren, hörten sie es erst, als der Fahrer begann, ärgerlich Sturm zu klingeln.

Unwillig ging Jean zur Tür und bat den Mann, noch ein wenig zu warten, was er ihm mit einem nicht zu kleinen Geldschein versüßte.

Anshara war gerade dabei, sich zu überlegen, ob sie das eine oder andere Schmuckstück aus Jeans Sammlung anlegen sollte. Sie hatte sich alsbald für ein goldenes Ensemble entschieden, das mit honigfarbenen Topasen besetzt war, und von dem Jean meinte, daß der Raub lange genug in der Vergangenheit lag, um es ungefährlich erscheinen zu lassen.

Als sie nach einer Viertelstunde endlich im Taxi saßen, wies Jean den Fahrer an, sie zum Place de la Concorde zu fahren. Nachdem der Mann sie abgesetzt und ein angemessenes Trinkgeld empfangen hatte, gingen die beiden zum Jardin des Tuileries, nicht ohne daß Anshara den Obelisken aus Luxor ausgiebig bewunderte, der den geschichtsträchtigen Platz zierte.

Schließlich betraten sie das Museum durch einen der Eingänge, die den Kainskindern vorbehalten waren und gelangten bald in die ovalen Räume im Erdgeschoß, die von Claude Monets berühmten Seerosenbildern beherrscht wurden.

Anshara sah sich um und war begeistert. Sie hatte Zeit ihres Lebens und Unlebens schon einiges gesehen, aber eine solche schwimmende Blütenpracht war ihr bislang noch nicht untergekommen. Jean beobachtete lieber ausgiebig Anshara, die durch die Räume schwebte und alles in sich aufzunehmen versuchte, denn er kannte das Museum schon in und auswendig.

"Gefällt es dir hier?" fragte er.

"Oh ja!" Sie verweilte vor einem Bild, das eine Szene aus dem höfischen Leben zeigte. "Das ist hübsch. Diese Kostüme sind einfach ...edel."

"Teilweise sind die aber ziemlich unpraktisch. Mir sind die aktuellen Sachen lieber."

"Die mögen ja praktisch sein, aber sie wirken nicht so majestätisch wie die antiken Sachen."

"Die sehen aber auch nur auf den Bildern wirklich gut aus", bemerkte Jean amüsiert. "Die Leute damals waren nicht halb so 'majestätisch'..."

"Oh."

"Die Maler haben natürlich den wohlhabenden Kunden sehr geschmeichelt, sonst hätten sie keine neuen Aufträge bekommen."

"Tja, damals gab es eben noch keine Fotoapparate", stellte Anshara fest. "Wenigstens sind die Bilder durch die Schönzeichnerei ästhetisch ansprechend geworden."

"Das stimmt", gab Jean zu und betrachtete ein besonders elaborates Kleid in himmelblau mit ungezählten Perlen. "Die Roben der Damen haben mir damals allerdings auch gefallen", sinnierte er.

"Warum kann man sowas eigentlich heute nicht mehr anziehen? Ich dachte eigentlich, daß heutzutage in der Mode alles erlaubt sei..."

"Ich glaube, alles ist doch nicht erlaubt."

"Dann müßte man sie wieder einführen", fand Anshara mit einem leicht schmolligen Blick. Sie wollte unbedingt so ein Kleid haben und auch anziehen.

"Ich bezweifle, daß die Damen der Gesellschaft darüber sehr begeistert wären. Die Kleider waren nämlich überaus unbequem."

"Ich will aber eins!" sagte sie.

"Naja, wenigstens kannst du nicht darin ersticken", grinste er und dachte daran, wie die feinen Damen bei der geringsten Aufregung oder Anstrengung reihenweise in Ohnmacht gefallen waren, weil sie einfach nicht genug Luft bekamen, so sehr wie sie sich zu eleganten Paketen verschnüren hatten lassen.

"Ich werde mir auf jeden Fall für irgendeinen Ball so ein Gewand anfertigen lassen", erklärte Anshara bestimmt. "Ich hoffe, Monsieur Caradouc bekommt so etwas hin."

"Bestimmt."

"Prima." Sie schwebte zum nächsten Bild, Dans le Parc du Château Noir von Paul Cézanne, während Jean sich kurz absetzte, um nachzusehen, ob sich noch andere Kainskinder hier befanden. Und wirklich traf er in dem Raum, der mit Chaim Soutines Werken prunkte, drei weitere Mitglieder des Toreador-Clans, von denen er einen, Julien Clarice, kannte.

Nachdem sie ihre Runde beendet hatte, stieß Anshara zu dem Quartett. Jean stand mit dem Rücken zu ihr und sah sie nicht sogleich, bemerkte ihre Ankunft aber aufgrund von Juliens interessiertem Blick, der an ihm vorbei und ein Stück nach unten gerichtet war.

"Hallo Jean", sagte sie strahlend, ehe sie dem hochgewachsenen kupferrothaarigen Mann gegenüber von Jean ein huldvolles Lächeln schenkte. "Bonsoir, Monsieur..."

"Mademoiselle", erwiderte Julien mit einem leichten Neigen des Kopfes, und auch die beiden anderen Herren grüßten sie. Jean stellte sie einander vor. Juliens Begleiter waren Rodrigo de Santos y Gonzales aus Barcelona und Erik Torbjørnson aus Stockholm.

Der Spanier begann sofort, mit Anshara zu flirten, was Jean gar nicht gefiel. Sie tat betont schüchtern. Rodrigo war irgendwie niedlich, fand sie, insbesondere, da er nur vielleicht zehn Zentimeter größer war als sie. Die drei anderen waren im Vergleich dazu Riesen - Jean sowieso, und Julien und Erik mußten bestimmt auch um die 1.90m sein.

Anshara ließ sich von Rodrigo über die Kunstschätze seiner Heimatstadt erzählen, während Jean sie nicht aus den Augen ließ. Auch der Schwede betrachtete Anshara fasziniert, nur Julien bemühte sich, sie nicht so auffällig anzustarren. Da sie derart zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit erkoren wurde, fühlte sie sich ein wenig unsicher, vor allem, wo alle der Herren wirklich hübsch waren. Aber der niedlichste war immer noch Jean, befand sie.

Während Erik und Rodrigo eifrig um Ansharas Gunst buhlten, unterhielten sich Jean und Julien auf französisch über den neusten Klatsch der Gesellschaft. Die Ägypterin war froh, daß ihre beiden Gesprächspartner Englisch konnten, da sie weder Ahnung von Schwedisch noch von Spanisch hatte. Mittlerweile hatten sowohl Erik als auch Rodrigo je eine ihrer Hände ergriffen und hielten sie fest, wobei Anshara ihnen abwechselnd schüchtern zulächelte und hoffte, daß Jean sie bald rettete.

Julien warf den beiden Männern neidische Blicke zu, während Jean eher ärgerlich guckte. Anshara fühlte sich allmählich ein wenig unbehaglich, konnte aber auch nicht einfach flüchten, da dieses reichlich unhöflich gewesen wäre. Sie warf Jean möglichst unauffällig einen hilfesuchenden Blick zu, und sofort ging dieser zu ihr herüber und legte ihr besitzergreifend die Hand auf die Schulter.

"Jean", sagte sie erleichtert, eroberte ihre Hände zurück und lehnte sich an ihn. Rodrigo und Erik ließen dies bedauernd geschehen, aber sie hatten keine Lust, sich um offensichtlich schon geklärte Besitzansprüche zu streiten.

"Ich glaube, wir müssen uns jetzt verabschieden. Wir werden erwartet", behauptete Jean den drei anderen gegenüber. Diese drückten ihr Bedauern darüber aus, daß Anshara schon gehen mußte und hofften, sie bald wieder zu sehen.

"Bestimmt", erwiderte sie mit einem unverbindlichen Lächeln. Jean verabschiedete sich rasch und schob Anshara zur Tür. Als sie wieder draußen waren und durch den Park zurück in Richtung Place de la Concorde gingen, beschloß sie, Jean ein wenig über die drei auszufragen. Daß es sich um Kainskinder gehandelt haben mußte, war aus der unüblichen Stunde des Museumsbesuches klar ersichtlich.

"Waren die auch alle vom Toreador-Clan?" wollte sie neugierig wissen. Sie hatte nicht nachgefragt, um ihre relative Unkenntnis nicht zu verraten.

"Ja."

"Und alle Künstler?"

"Ja", antwortete er einsilbig.

"Und welche Art von Kunst machen sie denn?" Irgendwie hatte sie sich mit Rodrigo nur über die Schönheiten Barcelonas unterhalten, und Erik hatte hauptsächlich sie ausgefragt. Jean hatte von Julien auch einige Stichworte über dessen Begleiter in Erfahrung gebracht.

"Julien ist Maler, der Spanier Bildhauer und der Schwede macht Filme."

"Oh, ich liebe Filme! Was für welche macht er denn? Krimis oder Dokumentarfilme?"

"Weiß ich nicht."

Anshara legte den Kopf an seinen Arm.

"Was sollen wir den Rest der Nacht unternehmen?"

"Gibt es hier noch ein Museum mit Skulpturen?"

"Hm, in dem Falle sollten wir noch einmal zum Louvre gehen", überlegte Jean, denn dort waren Ausstellungsstücke der europäischen Bildhauerei von 1100 bis 1900 zu bewundern. "Wir sind natürlich genau in die falsche Richtung gewandert", meinte er. "Am besten, wir gehen durch den Park zurück, dann kommen wir direkt zum Louvre."

"Gut."

Nicht lange darauf waren sie wieder in dem gewaltigen Bau, der eine der wichtigsten Kunstsammlungen der Welt beherbergte. Diesmal begaben sie sich unter Jeans Führung direkt zu der Skulpturensammlung, die sie beim letzten Besuch nur kurz gestreift hatten. Auch hier trafen sie einige Kainskinder, die die Exponate betrachteten, aber diesmal ließ Jean Anshara nicht allein. Die Zeit verging wie im Flug, und bald war es nur noch eine kurze Weile bis zum Sonnenaufgang.

"Wir sollten langsam gehen", empfahl Jean. "Wir können ja wiederkommen; der Louvre läuft uns nicht weg."

"Gut." Sie gingen nach draußen, und Jean hielt ein spät durch die Nacht fahrendes Taxi an. Anshara seufzte. "Du solltest Marc unbedingt fragen, ob er uns ein Auto besorgen kann."

"Sollte ich."

"Und ich werde mal sehen, wie ich an einen Ghoul komme..."

"Erst einmal brauchst du die Aufenthaltserlaubnis", erinnerte er sie.

Schließlich waren sie wieder bei Jean zu Hause, und Anshara ging zu ihrem Zimmer, wo sie sich ihrer Gewandung entledigte, da sie noch baden wollte.

Jean hatte sich voll angezogen auf das Bett geworfen, und Anshara trat zu ihm hin. "Willst du nicht noch ein bißchen mit mir plantschen kommen?"

"Ich bin doch gar nicht schmutzig." Er guckte schläfrig. "Außerdem bin ich müde."

"Hm." Sie krabbelte zu ihm aus Bett, knabberte an seinem Hals herum und zerwühlte seine Haare. Jean betrachtete sie nur, ehe er sie ausgiebig küßte, was dazu führte, daß sie an diesem Morgen doch nicht mehr in die Badewanne kamen.

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Kapitel 5: 9. Januar 1982

Man schrieb Samstag, den 9. Januar 1982.

Anshara war schon eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang erwacht, was normalerweise ein ziemliches Kunststück für ein Kainskind darstellte. Allerdings fühlte sie sich dermaßen aufgeregt an diesem Tag, da sie sich François Villon, dem Prinzen von Paris, präsentieren sollte, daß sie es nicht mehr in ihrem Bett ausgehalten hatte.

Sie hatte sich das speziell für diesen Auftritt geschneiderte, halbdurchsichtige weiße Kleid mit den goldenen Applikationen übergestreift, sich frisiert und geschminkt. Nun tigerte sie vor dem Spiegel auf und ab und verfiel in immer heftigeres Lampenfieber.

Jean schlief natürlich noch, aber er war auch nicht nervös.

Anshara sah sich ungeduldig um - warum war ihr Gefährte noch nicht auf den Beinen, um ihr Beistand zu leisten? Das war unfair, hier ging es immerhin um ihren weiteren Verbleib in der Stadt der Lichter!

Jean erwachte erst mit Sonnenuntergang und blieb träge liegen, da er vermutete, daß Anshara schon total aufgeregt war. Er zog sich die Decke über den Kopf; er würde nicht eine Sekunde eher aufstehen, als es unbedingt nötig war.

Derweil hüpfte Anshara wie ein untoter Gummiball herum und überprüfte gerade zum x-ten Mal ihr Make-Up. Als sie damit fertig war, zog sie zur Abwechslung erneut ihr Kleid aus und bat Jeans Ghoul Marc, den sie vorgestern endlich kennengelernt hatte, es noch einmal zu bügeln - ungeachtet der Tatsache, daß der Stoff bügelfrei war.

Marc Mathieu nahm das Kleid entgegen und schwieg vorsichtshalber, da er sich die Reaktion lieber nicht vorstellen wollte, wenn er der kleinen Ägypterin erklärte, daß es nicht notwendig war, das Kleid zu bügeln. Sie hat ein ähnliches Temperament wie Königin Cleopatra in dem Zeichentrickfilm von Uderzo und Goscinny, was sie gerade wieder vorführte, indem sie aufgeregt vor dem Spiegel hin und herlief.

Nach einer halben Stunde brachte Marc das Kleid zurück, wie er es entgegengenommen hatte. Er hatte die Zeit genutzt, um in Ruhe zu Abend zu essen.

"Danke", sagte Anshara und stieg in das hauchzarte Gewand. "Ja, so ist es besser", erklärte sie nach einem prüfenden Blick in den Spiegel, ehe sie dazu überging, sich erneut zu schminken. Marc sagte sicherheitshalber nichts, sondern verschwand wieder ins Parterre, bevor sie auf neue Einfälle kam.

Gegen 22:00 Uhr geruhte Jean, sich vom Bett zu erheben und warf als erstes einen Blick in Ansharas Zimmer. Sie war gerade dabei, ihre goldenen Sandalen auf Hochglanz zu polieren (zum dritten Mal).

"Jean! Guten Abend! - Äh, bonsoir... - Wie sehe ich aus?"

"Du hast Schuhcreme auf der Nase", behauptete er mit einem verhaltenen Grinsen und wurde mit einem entsetzten Quietscher belohnt, ehe ihr auffiel, daß er sie nur auf den Arm nehmen wollte. "Ich werde mich jetzt auch erst einmal anziehen", beschloß er.

"Jean, du kannst mich doch nicht alleine lassen..."

"Soll ich etwa so gehen?"

"Vielleicht achten die dann nicht so sehr auf mich", hoffte sie.

"Pah", machte er. "Ich lege Wert auf einen ordnungsgemäßen Auftritt."

"Naja... Aber meinst du, ich kann so vor den Prinzen treten - wie hieß er noch - François Vilain?"

Jean prustete los. "Das verzeiht er dir nie", kicherte er.

"Hm?" Anshara guckte vollkommen verdutzt.

"Vilain heißt Bauer oder Leibeigener oder auch gemein beziehungsweise widerlich."

"Oh." Sie sah schockiert drein und wäre sicherlich puterrot geworden, wenn dies für ein Kainskind nicht mit einer gewissen Anstrengung und dem Einsatz einer merklichen Menge von Blut verbunden wäre. "Und wie heißt er richtig?"

"Villon."

"Das klingt aber ziemlich ähnlich", fand sie.

"Ist aber ein bedeutender Unterschied." Er streckte sich. "Entschuldige mich für einen Moment, damit ich mich fertig machen kann. Ich will heute perfekt aussehen."

"Ich auch." Sie übte sicherheitshalber die korrekte Aussprache von François Villon. Jean schüttelte amüsiert den Kopf und wandte sich zum Gehen, als sie ihn zurückhielt.

"Sag mir bitte vorher, wie ich aussehe", bat sie.

"Wie jeden Abend", fand Jean.

"Und das heißt?"

"Gut."

"Nur 'gut'?" Sie wirkte als wäre sie am Boden zerstört, und Jean betrachtete sie sichtlich amüsiert. "Sag mir die Wahrheit", forderte sie.

"Du bist wie immer wunderschön", versicherte er ihr lächelnd, "und jetzt gehe ich mich umziehen."

Anshara atmete auf und himmelte ihn an. "Gut." Sie striegelte zur Abwechslung mal wieder ihre tiefschwarzen Haare, die ihrer Ansicht nach immer noch viel zu kurz waren.

Jean winkte ihr zu und verschwand wieder in sein Zimmer. Heute ließ er sich extrem viel Zeit, denn ein offizieller Anlaß wie eine Präsentation war doch etwas Besonderes, und da einige ihm bekannte Kainskinder anwesend waren, wollte er auf jeden Fall gut aussehen. Er suchte seine elegantesten Stücke heraus und band seine Haare zum Pferdeschwanz zusammen.

Endlich hatte Anshara beschlossen, daß sie nichts mehr an sich verbessern konnte und guckte sich nur noch ausgiebig im Spiegel an. Halt, da war noch etwas - sie ergriff einen Puderquast und bearbeitete ihre Nase damit. Perfekt.

Jean betrat erneut ihr Zimmer und gesellte sich zu ihr. Er sah einfach atemberaubend aus, fand sie, aber das half ihr in ihrer momentanen Verfassung nicht weiter.

"Ich bin absolut nervös", jammerte sie.

"Ich weiß."

"Was ist, wenn meine Präsentation dem Prinzen nicht gefällt?"

"Das wäre schlecht - aber es wird ihm schon gefallen. Du solltest nur möglichst wenig sagen."

"Eine Woche ist eben zu wenig, um Französisch zu lernen", seufzte sie. Ein paar Floskeln waren ihr mittlerweile geläufig, aber für eine Konversation reichte es immer noch nicht.

"Genau, also schweige lieber."

"Ich will ja nur tanzen..."

"Umso besser."

"Liegt die Cassette schon richtig gespult im Rekorder?"

"Keine Ahnung."

"Wo ist bloß Marc? Ich habe ihn gebeten, sich darum zu kümmern."

Jean sah auf die Uhr. "Ich vermute, er ist inzwischen zu Hause im Bett. Aber ich denke, er hat alles erledigt. Du hast es ihm doch bestimmt mindestens zehn Mal gesagt..."

"Äh, ich glaube schon", meinte sie verlegen. Vermutlich war sie dem Ghoul damit ziemlich auf die Nerven gegangen.

"Dann hat er es auch gemacht."

"Gut." Sie ging hektisch auf und ab, und Jean verfolgte sie mit seinem Blick. "Und du meinst, es wird nicht tragisch sein, wenn ich nur einen erfundenen Sire habe? Ich meine, wird nicht jemand nachforschen, wer Anetmut aus Ägypten ist?"

"Die haben besseres zu tun", vermutete Jean.

"Gut", sagte Anshara erleichtert. "Ich meine, es ist mir ziemlich peinlich, daß ich nicht weiß, wer mich gebissen hat..." Sie seufzte tragisch. "Und du bist sicher, daß ich zum Toreador-Clan gehöre?"

"Nein, aber ich vermute es."

"Und wenn jemand anders feststellt, daß ich eigentlich zu einem anderen Clan gehören müßte?"

"Das glaube ich nicht. Wenn, dann ist das garantiert eine ziemlich komplizierte Sache - aber du solltest besser Simon fragen, denn ich habe davon keine Ahnung."

"Ich kann den aber doch jetzt nicht fragen - ich muß mich gleich dem Prinzen vorstellen."

"Dann heb dir die Frage auf."

"Auf jeden Fall. Aber vorerst bin ich halt eine Toreador-Dame."

"Gut", meinte Jean. Er konnte sich auch gar nichts anderes bei ihr vorstellen.

"Und du meinst, ich kann den Prinzen ausreichend beeindrucken?" versuchte sie erneut, von Jean Zuspruch zu erhalten. Sie besah sich kritisch im Spiegel, arrangierte ihren Schmuck und polierte einen Fingerabdruck weg.

"Bestimmt." Er grinste. "Übrigens, wir müssen langsam gehen."

"Ich habe Lampenfieber", jammerte sie.

"Dann schalte die Lampe ab."

"Lieber nicht - stell dir vor, mein inneres Licht verlischt..."

Jean lachte. "Es wird schon klappen", versuchte er sie zu beruhigen.

"Hoffentlich."

* * *

Von einem Taxi ließen sich Jean und Anshara zum Seine-Ufer chauffieren, wo gerade das Schiff lag, das Le Club des Vampires beherbergte.

Nach dem Ausstieg verwandte Anshara mindestens zehn Minuten, um erst einmal ihre Gewandung neu zu arrangieren. Jean betrachtete das amüsiert und überlegte, ob er den Cassettenrekorder in der Hand behalten oder abstellen sollte. Er entschied sich zu ersterem.

"Du siehst wie immer perfekt aus", bemühte er sich, sie aufzubauen.

"Ich muß aber noch besser aussehen. Wie soll ich sonst inmitten all dieser schönen Leute bestehen?"

"Ne te fais pas de soucis", sagte er. "Du bist außergewöhnlich, und jeder wird dich bewundern."

"Gut." Sie strahlte ihn an.

"Nun komm." Sie schwebte neben ihm her und wirkte wie eine ätherische Erscheinung aus der fernen Vergangenheit.

Sie betraten das Schiff über den Steg und kletterten die Treppen herunter, um zu dem Saal zu gelangen, in dem die Vorstellung stattfinden sollte, denn dieser befand sich auf dem untersten Deck. Jean grüßte einige der Kainskinder, die ihm unterwegs begegneten, und Anshara tat es ihm unbekannterweise gleich.

Schließlich erreichten sie La parade éternelle wie der düsterrot erleuchtete Saal auch genannt wurde. Als Jean sie zur Bühne im hinteren Teil desselben führte, sah Anshara sich panisch um. Sollte sie wirklich da hochklettern und sich vor all diesen gelangweilt dreinblickenden Leuten präsentieren?

"Ich lasse dich wohl besser allein", meinte Jean und stellte den Rekorder auf der Bühne ab. "Ich möchte mir einen guten Platz zum Zusehen suchen." Er lächelte ihr aufmunternd zu und suchte sich einen Platz an der Wand, denn er hatte lieber keine Leute im Rücken.

"Osiris, verleihe mir die Stärke, das durchzuhalten", seufzte sie, "Isis, gib mir die Anmut, und Anubis, du könntest schon mal ein Loch bereithalten, in das ich mich notfalls verkriechen kann, wenn der Auftritt danebengeht..."

Während sie noch überlegte, was sie nun unternehmen sollte, trat Yves Rodé, der wichtigste Sekretär Villons, zu ihr hin.

"Mademoiselle?"

"Monsieur ...Rodé? - Ich bin Anshara und soll mich heute dem Prinzen vorstellen..." Sie bemerkte ganz zusammenhanglos, daß ihr Name ohne einen Nachnamen so trivial klang. Vielleicht sollte sie sich irgendwoher einen organisieren? Aber das hatte noch Zeit bis nach der Präsentation.

"Je sais", nickte dieser und wechselte zu Englisch. "Ich weiß. Es ist alles bereit. Was für eine Art der Aufführung soll ich ankündigen?"

"Einen altägyptischen Tanz", entgegnete Anshara mit gemischten Gefühlen. "Ich hoffe nur, daß dieser das Wohlwollen des Prinzen erregen wird..."

"Wir werden sehen", meinte Monsieur Rodé unverbindlich und stieg die fünf Stufen zur Bühne hinauf, wo er auf Französisch um Ruhe bat und Anshara ankündigte. Sie verstand nur ihren Namen und deutete dies als Aufforderung.

Mit zitternden Knien erklomm sie die Treppe, wo Rodé ihr Platz gemacht hatte. Als sie dann aber den Rekorder einschaltete und sich zu den Klängen der Musik wiegte, vergaß sie alles um sich herum. Sie stellte sich vor, sie wäre wieder vierzehn Jahre alt und durfte zum ersten Mal im Kreis der anderen Mädchen und Frauen dieses Gebet an Isis tanzen.

Die Anwesenden betrachteten ihre Aufführung kritisch und mit angemessenem Ernst, und glücklicherweise fand kaum jemand einen entscheidenden Fehler in ihrer Darbietung. François Villon saß im Kreise seiner Herde, die sich aus den schönsten Models rekrutierte, die derzeit über die Pariser Laufstege flanierten und flirtete mit ihnen herum, wobei er aber keine Sekunde die Vorführung Ansharas aus den Augen verlor.

Als die Musik des etwa fünfzehnminütigen Stückes geendet hatte, wartete alles gespannt auf die Äußerung des Prinzen. François Villon war die absolute Autorität darüber, was als Kunst anzusehen war und was nicht, und bevor er nicht sein Urteil abgegeben hatte, wagte niemand es, sich zu der Präsentation zu äußern.

In der plötzlichen Stille stand Anshara verschüchtert auf der Bühne und erlebte die - wie sie fand - beinahe schlimmsten Sekunden ihres Unlebens. Sie hatte getan, was sie konnte, und nun kam alles auf den Prinzen an.

Villon ließ sich absichtlich Zeit, um wieder einmal seine absolute Macht über die anderen Kainskinder auszukosten, ehe er sich zu einem verhaltenen Applaus entschloß. Sofort folgten die anderen Anwesenden seinem Beispiel.

Anshara setzte ein zaghaftes Lächeln auf und wußte nicht, was nun von ihr erwartet wurde. Sollte sie die Bühne verlassen? Abwarten? Sie sah sich suchend um und streifte Jeans Blick, der merklich erleichtert wirkte.

Yves Rodé gab ihr ein Zeichen, daß sie die Bühne verlassen und beim Prinzen vorstellig werden sollte. Anshara beeilte sich zu tun, wie ihr geheißen wurde und beschloß, einen angemessen unterwürfigen Blick aufzusetzen.

Als sie bei Villon angekommen war, stellte der Sekretär sie noch einmal explizit vor.

"Bonsoir, Mademoiselle Anchara", begrüßte der Prinz sie. Nun hatte sie erstmals Gelegenheit, ihn genauer zu mustern. Villon war ein exquisit gekleideter, gutaussehender Mann mit schwarzem Haar und braunen Augen. Entgegen dem Standard für Vampire wirkte seine Haut leicht gebräunt, und sein Alter mochte man auf Ende Dreißig schätzen. Auf jeden Fall strahlte er ein Aura von Macht aus, die es ratsam erscheinen ließ, sich ihm nur sehr vorsichtig zu nähern.

"Bonsoir", erwiderte sie und machte einen Hofknicks, da sie leider keine Ahnung hatte, wie sie den Prinzen auf Französisch anreden sollte. 'Mister Prince' war definitiv die falsche Wahl, vermutete sie. Jean kam von der anderen Seite des Raums zu ihrer Rettung vorbei, und die Leibwächter des Prinzen ließen ihn anstandslos passieren, da er hier kein Unbekannter war. Er stellte sich neben Anshara, damit er als ihr Übersetzer fungieren konnte, weil Villon sich weigerte, eine andere Sprache als Französisch zu sprechen.

"Oh, Jean, vous êtes revenu à Paris?" fragte Villon interessiert. "Ihr seid wieder nach Paris zurückgekehrt?"

"Oui. Ich bin schon einige Tage wieder in der Stadt."

"Wie schön für uns. Ich hörte, Ihr habt jemanden aus Frankfurt mitgebracht. Handelt es sich dabei um dieses niedliche Persönchen?" Er sah zu Anshara herüber, die zwar mitbekam, daß die beiden über sie sprachen, aber leider kein Wort verstand.

"Oui."

"Es ist bedauerlich, daß sie offenbar nicht des Französischen mächtig ist", stellte er fest. "Sagt ihr, sie ist in meiner Stadt willkommen." Jean übersetzte pflichtbewußt.

"Merci", bedankte sie sich und zelebrierte noch einen Knicks.

"Und ich hoffe, Euch demnächst einmal wieder bei einer Modenschau zu sehen", wandte Villon sich erneut an Jean.

"Vielleicht", meinte Jean. "In letzter Zeit habe ich mich weniger für die aktuellen Trends interessiert."

"Das ist ein arges Versäumnis", tadelte Prinze Villon nicht ganz im Ernst. "Ihr solltet dies unbedingt nachholen. Außerdem bin ich sicher, daß Mademoiselle Anchara an der Pariser Mode interessiert sein dürfte - sie ist doch ein Mitglied des Clans Toreador? Ach, was frage ich, ihr Tanz war Ausweis genug."

Anshara schmollte. Der Typ sprach über sie, und sie hatte keine Ahnung, ob es Komplimente oder Beleidigungen waren.

"Ich bin ganz Eurer Meinung", entgegnete Jean zuvorkommend, woraufhin Villon unverbindlich lächelte und Anshara und Jean zunickte, daß sie entlassen waren. Er hatte wichtigere Dinge zu tun, als sich um neugeborene Kainskinder zu kümmern; da war zum Beispiel seine Herde, und außerdem standen zwei weitere Präsentationen auf dem Plan.

Die zweite war eine Nadine Bakary vom Clan Brujah, die für einige Zeit in Paris verweilen wollte, um Geschäfte zu tätigen, und er war gespannt, ob sie dort auf der Bühne irgend etwas Niveauvolles vollbringen konnte. Im gegenteiligen Falle würde er sie wohl nur der Stadt verweisen, denn heute war er für eine Blutjagd viel zu gut gelaunt - insbesondere da es sich bei der letzten Vorführung von heute um Francesca Taglione handelte, eine italienische Toreador-Sopranistin, die er vor zehn Jahren schon einmal hatte bewundern dürfen, als sie die Braut in Fortners Bluthochzeit gesungen hatte.

Jean nahm Anshara am Arm und führte sie in eine ruhigere Ecke des Saals.

"Was hast du denn alles mit dem Prinzen besprochen?" wollte sie wissen.

"Nur das Übliche."

"Und was ist bei einem Prinzen 'das Übliche'?"

"Sowas wie 'lange nicht gesehen', 'auch wieder im Lande' und 'wäre schön, mal wieder etwas von Euch zu sehen'..."

"Aha. Ist der Prinz eigentlich auch ein richtiger Künstler? Ein Maler oder ein Sänger?"

"Eigentlich ist er ein Lyriker."

"Oh. Hast du Bücher von ihm zu Hause?"

"Nein. Du weißt doch, daß ich selten lese."

"Schade, dabei würde es mich interessieren, etwas von ihm zu lesen. Obwohl, ich fürchte auch dabei läuft alles darauf hinaus, daß ich Französisch lernen muß..."

"Richtig", äußerte Jean vergnügt.

"Ich will es sofort können", quengelte sie.

"Keine Chance. Du wirst es nur mit der Zeit lernen."

Anshara seufzte schwer und nahm sich endlich die Zeit, sich in dem Raum umzusehen. Wenn sich die Augen an das düsterrote Licht gewöhnt hatten, konnte man entlang einer Wand dreizehn Gemälde sehen, welche die dreizehn Clans repräsentierten. An einer anderen Wand befand sich ein Wandgemälde, das den Fortschritt eines Vampirs zu Golconda, der legendenumrankten angestrebten Erlösung der Kainskinder, zeigte.

(Was bislang niemand gewagt hatte, François Villon mitzuteilen, war die Tatsache, daß der Architekt, der ihm vor gut fünfzig Jahren nahegelegt hatte, dieses Schiff zu Le Club des Vampires umzubauen, die Pläne von Sebastian Melmoths Vampire Club in San Francisco fast 1:1 kopiert hatte. Der Hauptunterschied war die Tatsache, daß es sich beim Vampire Club in den Vereinigten Staaten um ein auf Grund gelaufenes Schiff handelte, über das der Alexandrian Club gebaut worden war, während die französische Variante sich vollständig auf einem noch fahrtüchtigen Schiff befand, das von einer Anlegestelle zur anderen schipperte.)

Der Rest des Raumes war von unterschiedlichen Sitzgelegenheiten übersät, und es gab Stühle, Sessel und Kissen in allen Stilrichtungen. In einer Ecke des Raumes befand sich die Bühne, wo Anshara ihren Auftritt absolviert hatte und daneben führte eine Tür in einen weiteren Saal.

Jean sah sich neugierig nach bekannten Gesichtern um. Erst jetzt fiel es ihm auf, wie er die Gesellschaft der anderen Kainskinder vermißt hatte.

"Ich finde dieses Etablissement faszinierend", stellte Anshara fest. "Kannst du mich hier einmal herumführen?"

"Sicher. Was willst du sehen?"

"Alles", erwiderte sie.

"Das habe ich irgendwie vermutet..."

"Was ist denn da hinter der Tür?" Sie deutete auf dem Eingang zu Le trou noir.

"Das ist ein weiterer Saal. Er wird meist als Tanzsaal und für Bandauftritte verwendet."

"Aha. Und was ist auf der anderen Seite?" Dort befanden sich neben der Treppe zum darüberliegenden Deck noch zwei Türen.

"Dort geht es einerseits zur Bibliothek und das andere ist ein Privatraum."

"Eine Bibliothek! Können wir uns die mal ansehen?"

"Wenn du möchtest." Jean führte sie zu dem Raum. Er verstand nicht so recht das Interesse, das Anshara an Büchern aller Art hatte. Gestern hatte sie Marc losgeschickt, um einige Werke über diese Computer einzukaufen, und außerdem hatte sie mittlerweile einen ganzen Stapel Französisch-Lehrbücher und Audio-Cassetten.

Anshara sah sich neugierig um. Es gab hier bestimmt einige tausend Bücher, und die freien Stellen der Wände waren mit echten Ölgemälden dekoriert. Jean blieb an der Tür stehen, da er das Interesse seiner Gefährtin nicht teilte. Sie fand es hauptsächlich gemein, daß die meisten der Bücher in Französisch waren, obwohl es auch einige Originale in Englisch, Deutsch, Rumänisch und Latein gab.

Während Anshara von einem Regal zum nächsten schwebte wie ein Schmetterling von Blume zu Blume, lehnte sich Jean an den Türrahmen und beobachtete das Treiben im nebenan liegenden Saal.

"Guck mal", rief Anshara begeistert. "Das ist ein signiertes Exemplar von Bram Stokers Dracula!"

Jean warf einen Blick über die Schulter zurück. "So?"

"Ja, und es sind noch viele andere faszinierende Bücher hier. Sogar Sachbücher über Vampire. Oh, das ist gemein. Da steht Livre du Clan Toreador drauf, aber es ist ganz in Französisch."

"Natürlich", entgegnete Jean. "Wir sind hier in Frankreich."

"Was steht hier drin?" erkundigte sie sich und hielt ihm das Buch unter die Nase. "Auch Informationen über die Gründung des Clan, wer alles dazu gehört und so?"

"Teilweise, denke ich."

"Könntest du mal nachgucken, ob hier irgendwelche Mitglieder des Clans aus Ägypten erwähnt werden?" Jean seufzte und blätterte in dem Buch herum. "Ich möchte unbedingt herausfinden, wer wohl mein Erzeuger gewesen ist", erklärte Anshara leise.

Er überflog das Buch ohne sonderliche Begeisterung. "Über Ägypten steht hier nicht gerade viel drin."

"Seufz, aber da muß es doch mindestens einen gegeben haben..."

"Ich habe aber jetzt auch nicht viel Lust, das ganze Buch durchzulesen."

"Na gut. Was meinst du, ob ich es mir wohl mal ausleihen kann, wenn ich genug Französisch gelernt habe?"

"Ich denke schon."

"Prima." Sie beschloß, sich wieder Jean zuzuwenden, da dieser offenbar kein großer Fan des geschriebenen Wortes war. Er hatte das Buch beiseite gelegt und ließ seinen Blick durch die offene Tür über die anwesenden Kainskinder schweifen.

"Was ist eigentlich hier so los, wenn nicht gerade..." Sie sah zur Bühne. "...ein Vam- Kainskind mit Messern jongliert?"

"Kommt ganz drauf an." Jean bewunderte den Jonglierakt.

"Was für einem Clan gehört die wohl an?" fragte Anshara und betrachtete die drahtige, dunkelhaarige Frau, die ganz in Leder und Ketten gehüllt war. So ein ähnliches Bild hatte sie in Simons Buch gesehen, obwohl der abgebildete Vampir im Gegensatz zu dieser Vampirin noch zusätzlich mit Nasen-, Lippen- und sonstigen Ringen verziert war.

"Brujah", meinte Jean. Yves Rodé hatte bei der Ankündigung irgendetwas von einer Nadine so-und-so gesagt.

"Aha, eine von den Brutalen", konstatierte sie.

"Sag so etwas nicht so laut."

"Äh, bestimmt nicht..." Die beiden verließen die Bücherei und gingen in den Saal zurück.

"Sie macht das nicht schlecht", fand Jean, als Nadine mittlerweile acht Messer herumwirbeln ließ.

"Das ist wahr. Ich denke, man sollte sich lieber nicht mit ihr anlegen."

"Stimmt", meinte Jean und folgte fasziniert den fliegenden Messern. Man sah der Frau an, daß es ihr Spaß machte, ihr Können unter Beweis zu stellen. Schließlich fing sie die Messer nacheinander auf und erwartete Villons Urteil, wohl wissend, daß Mitglieder des Brujah-Clans in Paris keinen guten Stand hatten.

Zum Glück war der Prinz heute gut gelaunt und applaudierte auch ihr, bevor er sich wieder seiner Herde zuwandte. Jean warf Anshara einen fragenden Blick zu.

"Genug Bücher geguckt?"

"Ja. Vorerst. - Meinst du, es gibt noch eine Präsentation?"

"Ich habe etwas von einer Toreador-Sängerin gehört, die als letzte auftreten soll."

"Oh, darauf bin ich gespannt", äußerte Anshara. "Muß sich eigentlich jeder auf diese Art vorstellen, wenn er oder sie Paris besucht?"

"Nur wer länger als eine Woche bleiben will."

"Aha." Derweil hatte die Brujah auch ihre paar Worte mit François Villon gewechselt und mischte sich nun unter die Menge. Jean folgt ihr mit seinem Blick. Er fand Brujah interessant, vor allem, da es hier selten welche gab.

Nun eilte die Sängerin auf die Bühne. Sie war eine etwas pummelige Italienierin mit einem grandiosen Sopran. Eigentlich hatte sie es gar nicht nötig, sich zu präsentieren, da der Prinz sie von einigen Aufführungen kannte, aber sie liebte es, vor einem kunstverständigen Kainskinder-Publikum aufzutreten, das ihre Fähigkeiten wahrhaft zu schätzen wußte.

Binnen kürzester Zeit hatte sie ihr ganzes Publikum eingefangen, wobei sie eine der Clan-Fähigkeiten der Toreador nutzte, die ihrem Gesang eine wahrhaft magische Qualität verlieh. Die Anwesenden lauschten verzückt und wurden erst mit Ende der Arie aus dem Bann entlassen.

"Wow", machte Anshara, als sie aus ihrer Trance erwachte. "Welch eine Stimme! Was für eine Interpretation!"

Da die anderen ähnlicher Ansicht waren, konnte man den anschließenden Beifall nur als frenetisch bezeichnen, und diesmal hatte niemand auf François Villon gewartet.

"Ich wünschte, ich könnte so singen", seufzte Anshara.

"Lieber nicht", winkte Jean ab.

"Warum nicht?"

"Das ist mir zu laut - ich meine, vor dem Singen steht schließlich das Üben, und ich bezweifle, daß das so wohlklingend ist wie das erwünschte Ergebnis."

"Das heißt, ich sollte mich für den Anfang lieber mit einer leiseren Kunstform beschäftigen? - Was hältst du von Malerei oder Poesie?"

"Das ist akzeptiert."

"Gut. Als Toreador muß ich ja schließlich irgendetwas Künstlerisches unternehmen, oder?"

"Nun, die meisten sind Künstler..."

"Und was machen die, die keine sind?"

"Was anderes", meinte Jean vergnügt.

"Soso." Sie musterte ihn amüsiert. "Hat Simon eigentlich eine künstlerische Ader?"

"Nicht sonderlich."

"Und wieso ist er dann zum Toreador gemacht worden?"

"Weiß ich nicht", erwiderte er.

"Ob er auch ein 'Versehen' war?"

"Vielleicht legten die Toreadors früher nicht ganz so viel Wert auf die künstlerische Begabung?" sinnierte Jean.

"Gibt es eventuell einen Clan, dessen Mitglieder bevorzugt wissenschaftlich begabt sind?"

"Die Tremere."

Anshara guckte tragisch; sie mußte noch so viel lernen. "Gibt es eigentlich irgendwelche Gelehrte, die ich über die Clans ausfragen kann und die etwas gesprächiger als Simon sind?"

"Kaum. Dir gegenüber ist Simon schon ziemlich gesprächig." In diesem Augenblick erspähte Jean einen Bekannten. "Entschuldigst du mich? Ich würde gerne ein paar Freunde begrüßen."

"Darf ich dich begleiten?"

"Sicherlich." Er hakte sie unter und steuerte auf eine schlanke, rothaarige Frau mit einem modischen Lockenkopf zu.

"Bonsoir, Marie", begrüßte er sie. Die Frau war in einen extravaganten, sehr stilvollen Hosenanzug gehüllt, der ihre Figur bestens zur Geltung brachte.

"Oh, Jean - tu es revenu à Paris?" Sie strahlte ihn aus grünen Katzenaugen an, und Anshara holte tief Luft, auch wenn sie keines Atems bedurfte. Schon wieder Französisch, das wurde langsam ziemlich nervig. Sie lächelte der Frau höflich zu.

"J'espère que maintenant je puisse t'apercevoir plus souvent", meinte Marie.

"J'avait l'intention de rester à Paris pour le temps prochain."

"Bien", erwiderte Marie. "Ich könnte dich hervorragend für die Präsentation meiner neuesten Créationen gebrauchen."

"Mal sehen."

"Nun laß dich nicht so bitten!"

"Jean, wer ist die Dame?" wollte Anshara wissen. Er sah zu seiner Begleiterin herunter, die er über die Widersehensfreude fast vergessen hatte.

"Oh, das ist Marie Dupont, eine der führenden Modedesignerinnen unter den Kainskindern", erläutete er auf Englisch. Marie hob eine Augenbraue. Offenbar konnte diese ...ägyptische Prinzessin (oder was auch immer sie darstellen sollte) kein Französisch. Wo mochte Jean sie wohl aufgegabelt haben?

"Das klingt interessant", fand Anshara. "Welcherart Kleidung entwirft sie denn?"

"Mir gefällt es jedenfalls."

Marie boxte Jean in die Seite. "Ich warte auf eine Antwort, mein Lieber", machte sie ihn in Englisch aufmerksam. "Außerdem hast du mir die Dame noch nicht vorgestellt."

Er holte dies schnell nach, den Marie konnte ziemlich unangenehm werden. Anshara lächelte die Frau zuckersüß an und warf ihr einen Blick zu, der die Besitzverhältnisse in Sachen Jean unmißverständlich klären sollte. Allerdings ließ sich Marie nicht davon beeindrucken; sie sah Jean intensiv an, da sie immer noch auf seine Antwort wartete.

"Ja, ich komme", sagte er schließlich, bevor Marie ihn noch einmal schlug.

"Was will Mademoiselle Marie von dir?"

"Ich will ihn wieder auf den Laufsteg kriegen", erklärte die Modeschöpferin belustigt. "Er versteckt sich in letzter Zeit viel zu sehr."

"Als Model?" Anshara betrachtete ihn prüfend, dann nickte sie. "Ja doch, er ist bestimmt der Star." Sie warf ihm einen heißen Blick zu.

"Sagen wir einmal so - die Sachen verkaufen sich hervorragend, wenn er sie vorführt."

"Hauptsache, sie werden ihm nicht vom Leib gerissen..."

"Meine Modelle werden nur beguckt und nicht angefaßt", versicherte Marie. Jean schwieg lieber und betrachtete demonstrativ seine Schuhe.

"Gut." Anshara wirkte sichtlich beruhigt. "Entwerfen Sie auch Damenmode?"

"Manchmal."

"Es würde mich sehr interessieren, einmal ihre Kollektion zu bewundern."

"Ich habe am nächsten Wochenende eine Präsentation, und da Jean zugesagt hat, wäre es doch praktisch, wenn Sie auch kämen."

"Ich danke Ihnen für die Einladung", sagte Anshara huldvoll und lächelte Marie an, diesmal sogar ehrlich.

"Du bist so erstaunlich ruhig", wunderte sich die rothaarige Vampirin.

"Was soll ich sagen?"

"Sonst fällt dir doch auch immer etwas ein."

Amüsiert sah Anshara zu Jean hoch; sie hatte ihn eigentlich als eher ruhig kennengelernt. Er guckte auffällig in eine andere Richtung.

"Eh", machte Marie und zupfte Jean am Pferdeschwanz. "Ich rede mit dir." Anshara warf ihr einen warnenden Blick zu. Auch Jeans Pferdeschwanz war schließlich ihr Eigentum. "Tse", machte die Französin belustigt. "Wollt Ihr mich mit Blicken erdolchen?" Sie ließ ihre Hand demonstrativ auf Jeans Schulter liegen, und dieser wünschte sich nur meilenweit weg von hier. Diese Situation behagte ihm gar nicht.

"Nun, immerhin sind Jean und ich dazu übereingekommen, fortan unser Unleben zu teilen", erklärte Anshara hoheitsvoll.

"Soso?" Marie hob eine Augenbraue. "Dir hat es wohl total die Sprache verschlagen", wandte sie sich an das Subjekt der Unterhaltung.

"Nein", war dessen erschöpfende Auskunft.

Erheitert schaute Anshara zu ihm hinauf. Er brauchte offensichtlich unbedingt ein wenig Trost, aber vermutlich wäre er nicht hundertprozentig begeistert, wenn sie sich ihm hier widmete.

"Mir scheint, diesmal ist es dir sogar ernst", stellte Marie vergnügt fest. "Ausnahmsweise."

"Sicherlich ist es ernst", erklärte Anshara und legte ihren Kopf an seinen Oberarm.

"Erstaunlich", fand die Designerin und musterte ihn. "Aber du kommst trotzdem am Wochenende?"

"Ich halte mein Wort."

"Außerdem habe ich dich doch nicht an eine Leine gelegt", kicherte Anshara.

"Das kommt auch nicht in Frage", meinte Jean ärgerlich. Er haßte es, so zwischen zwei Leuten zu stehen.

"Und ich dachte schon, du wärst wirklich zahm geworden", spöttelte Marie, was ihr wieder einen leicht ungehaltenen Blick von Anshara einbrachte. Die Französin fand das zu amüsant und ließ sich nicht bei ihren Versuchen stören, Jean zu ärgern.

"Welcher Art ist Ihre Collection eigentlich?" versuchte Anshara sie von ihrem Gefährten abzulenken. Außerdem war sie neugierig.

"Die aktuelle Collection ist eine Auftragsarbeit."

"Hat Jean in Ihrem Auftrag auch schon mal etwas anderes als schwarze Sachen getragen?"

"Ja, warum?"

"Nun, ich dachte mir, er würde toll in Türkis oder Weiß aussehen, aber bislang hat er sich standhaft geweigert."

"Mich hat es auch einiges an Überredungskunst gekostet."

"Naja, ich hatte noch nicht zu lange Zeit", gab Anshara zu.

"Wenn man weiß wie, ist es auch leichter." Marie grinste ihn an, und er guckte betont weg.

"Geben Sie mir einen Tip?" erkundigte sich Anshara.

"Sollte ich?"

"Auf jeden Fall!" Sie nickte eifrig.

"Ich hüte meine Geheimnisse lieber."

"Schaaade."

"Ich würde es sehr bedauern, wenn ich Jean nicht mehr für meine Präsentationen gewinnen könnte, weil er böse ist."

"Keine Sorge, ich habe jedenfalls nichts dagegen, daß er sich präsentiert, dazu gucke ich ihn mir viel zu gerne an." Sie verschlang ihren Gefährten förmlich mit den Augen.

"Da sind Sie nicht alleine", lachte Marie. "Ich frage mich, ob es daran liegt, daß er sich so rar macht..." Sie musterte ihn herausfordernd.

"Du willst mich wohl ärgern", meinte Jean.

"Ich beschütze dich schon", versprach Anshara.

"Ich kann mich alleine wehren", knurrte er.

"Tse, der Kater faucht", kommentierte Marie, und Anshara seufzte hingerissen. Er war einfach zu süß. "Ich dachte schon, man hätte dir die Krallen gezogen." Marie knuffte ihn vergnügt, was Jean gar nicht nett fand.

"Treib es nicht zu weit", drohte er.

"Nun gut", sagte Marie. "Ich bin brav."

"Fein", erwiderte er und sah sie an. Sie grinste breit und verabreichte ihm einen weiteren Klaps.

"Ich verabschiede mich wohl besser jetzt", kicherte sie und ergriff die Flucht.

"Sie ist ziemlich frech", kommentierte Anshara, nachdem die Modeschöpferin verschwunden war.

"Ziemlich."

"Ich vermute, sie ist auch eine Toreador?"

"Ja."

Anshara sah sich in dem Raum um. "Gibt es hier eigentlich auch etwas zu trinken?"

"Natürlich. Hier entlang." Jean führte sie zur Bar, und sie lächelte ihn dankend an, bevor sie etwas bestellten. Gleich darauf nahmen sie die kostbaren Kristallkelche entgegen, die mit frischem, noch warmem Blut gefüllt waren. Prinz Villon wußte, was er seinen Gästen schuldig war.

Jean kam nicht dazu, sein Glas zu leeren, da ein Bekannter ihn erspäht hatte und nun eifrig auf ihn einredete. Es handelte sich um einen jungen Mann mit langem rotblonden Haar, Romain Destart, ebenfalls vom Clan Toreador. Jean warf Anshara einen gestreßten Blick zu, Romain redete ununterbrochen völlig belangloses Zeug. Sie stellte ihr halbvolles Glas ab und schwebte zu Jean herüber, wobei sie den anderen Mann huldvoll anlächelte.

"Seid mir bitte nicht böse, Monsieur, aber mein Gefährte wollte mich noch ein wenig herumführen", wandte sie sich an Romain.

"Ich begleite Euch gerne", beeilte dieser sich zu sagen, ehe er mit seinem Wortschwall fortfuhr. Jean seufzte gestreßt. Das konnte ja heiter werden...

Anshara warf ihm einen tragischen Blick zu. Sie wollte mit Jean herumziehen, nicht mit dieser Plaudertasche. Plötzlich trat ein tückisches Glitzern in ihre Augen.

"Ich habe gehört, daß Mademoiselle Dupont nach Euch geschickt hat", behauptete sie. "Sie will Euch unbedingt sprechen."

"Marie?" fragte Romain zurück. "Sie ist hier?"

"Oh ja! Sie erzählte, daß sie nächste Woche ihre neuste Collection präsentieren wollte. Vielleicht ist sie ja noch auf der Suche nach einigen weiteren ausgesuchten Models..."

"Es ist mir eine besondere Ehre, ihre Créationen zu präsentieren", erklärte Romain überschwenglich und machte sich sofort auf den Weg, Marie zu suchen. Anshara grinste ihren Gefährten an.

"Der ist eine Nervensäge", beklagte Jean sich.

"Stimmt. Aber jetzt hat Marie das Vergnügen."

"Armer Romain..."

"Die beiden haben sich verdient", erklärte Anshara gnadenlos.

"Ich mag Marie."

"Sie war reichlich frech."

"Heute war sie doch noch harmlos. Du hast sie wohl irritiert."

"Und was macht sie, wenn ich sie nicht irritiere?"

"Dann ist sie noch frecher."

Anshara schüttelte belustigt den Kopf. "Wie viele Leute kennst du denn noch hier?" wollte sie wissen, als ihm weitere Leute grüßend zunickten.

"Ich schätze so ein Dutzend, aber ich lebe ja schon länger in Paris."

"Ich hoffe, da sind nicht noch mehr Typen wie dieser Romain dabei..." Sie verzog das Gesicht.

"Nein, er ist einzigartig. - Obwohl, ich war jetzt fast drei Monate fort von Paris..."

"Gibt es hier vielleicht auch ein paar nette Leute, die du mir vorstellen mußt?"

"Ich weiß nicht", überlegte Jean.

"Irgendein hübsches männliches Wesen vielleicht?"

"Sowas kenne ich aus Prinzip nicht. - Wie wäre es mit einigen aufregenden Damen?"

"Wie wäre es mit einer ausgewogenen Anzahl von beiden?" fragte sie belustigt.

"Na gut." Jean sah sich um und steuerte auf einen jungen Mann namens Marcel Duchesnay zu, und Anshara mußte sich beeilen, mit ihm Schritt zu halten. Er stellte die beiden einander vor, und sie lächelte ihm zu. Der langmähnige Toreador war das Mitglied einer Rockband und sah auf jeden Fall niedlich aus.

Marcel hatte einen tragbaren Recorder dabei und stülpte Jean einen Kopfhörer über, um ihm seinen neusten Song vorzuspielen. Anshara hatte keine Probleme, dem Stück ohne separaten Hörer zu lauschen. Jean wurde das Teil möglichst schnell los, er war nach einer Minute schon fast taub.

"Ist Marcel per Zufall ein Musiker?" erkundigte sich Anshara amüsiert.

"Was?" Jean schüttelte den Kopf. "Ich glaube, ich bin taub." Prompt stellte sie sich auf die Zehnenspitzen und versuchte, Jean auf's Ohr zu küssen, um ihm Linderung zu verschaffen. Er hielt sie fest. "Marcel ist übrigens Mitglied einer Rockband, die sich La Mort Finale nennen."

"Ah. Ich nehme also an, der Sound, der diesem Recorder entströmte, war der neuste Song dieser Gruppe?"

"Genau."

"Es war ...kraftvoll", erklärte sie diplomatisch.

"Es ist eben Heavy Metal", kommentierte Jean.

"Ich muß zugeben, daß das nicht gänzlich meinem Geschmack entspricht."

"Ich finde es ziemlich laut", meinte Jean.

"Es muß laut gehört werden, sonst hat es nicht den richtigen Kick", verteidigte Marcel sich und stülpte sich den Kopfhörer wieder über, um die Güte der Aufnahme noch einmal zu überprüfen.

"Wenn man von der Musik absieht, ist er ein toller Kumpel", bemerkte Jean.

"Er sieht knuffig aus", stimmte Anshara zu und tippte Marcel an, der prompt seinen Kopfhörer von den Ohren schob. "Was unternimmst du denn noch außer Rockmusik zu spielen?" wollte sie von ihm wissen.

"Muß ich noch etwas anderes machen?" Er lünkerte unter seinen Haaren hervor und fixierte Anshara mit seinem Blick.

"Offenbar nicht..."

"Musik ist meine einzige Passion."

"Und was davon? Komposition, Gesang, Instrumente - oder alles?"

"Alles."

"Toll." Sie seufzte. "Jean meint, ich sollte lieber nicht singen lernen, weil ihm das zu laut ist..."

"Ich habe eben mehr für die Stille übrig", sagte Jean. Marcel lachte.

"Ich habe schon versucht, ihn zu überreden, bei uns mitzumachen, aber er will nicht."

"Irgendwie kann ich mir Jean nicht in einer Heavy Metal-Band vorstellen. Die Frisur und das Outfit passen nicht so recht."

"Momentan nicht."

"Hat er denn schon mal ein anderes Outfit gehabt?"

"Schon öfter", meinte Marcel vergnügt.

"Du hältst den Mund", beeilte Jean sich zu sagen.

"Ooch, erzähl mir mehr darüber", bat sie.

"Er kann aber ganz schön gemein sein", erklärte Marcel.

"Ich überzeuge ihn, daß er ganz lieb bleibt." Sie schlang schon mal präventiv die Arme um Jeans Mitte.

"Warum willst du das eigentlich wissen?" erkundigte der sich.

"Weil ich alles von dir wissen will." Sie rieb ihre Wange an seiner Brust. "Vor allem möchte ich wissen, wie du aussiehst, wenn du nicht entweder ganz schwarz oder gar nicht bekleidet bist."

"Eigentlich auch nicht anders", äußerte Jean. Der Musiker grinste.

"Ich finde, du hast deinen Stil schon ziemlich lange nicht mehr geändert", bemerkte er.

"Keine Lust", erwiderte Jean. "Außerdem habe ich mich daran gewöhnt."

"Was hat er denn bislang für Stilrichtungen durchgemacht?" Anshara versuchte, sich Jean in allerlei exzentrischen Kostümen vorzustellen.

"Alle kenne ich auch nicht, schließlich ist er viel älter als ich."

"Dann ein paar", bettelte Anshara. Marcel warf Jean einen vorsichtigen Blick zu.

"Nun, ich fand die Hippie-Phase am besten." Jean warf ihm einen tödlichen Blick zu, und Anshara streichelte ihren Gefährten beruhigend. "Ich glaube, es gibt da noch einige Fotos."

"Die würde ich zu gerne sehen." Sie versuchte, sich ihn schmuckbehängt, mit Stirnband und in einer weiten, bunten Hose mit einem knallbunden Hemd dazu vorstellen.

"Jean hat doch genügend davon."

"Oh, Jean", seufzte Anshara. "Läßt du sie mich sehen?"

"Nein."

"Ooooooch, Jean - bitte!" Sie sah ihn herzzerreißend an.

"Nein."

"Bitte!" Sie zog ihn zu sich herab und küßte ihn hingebungsvoll. Marcel grinste.

"Sie wickelt dich um den Finger", machte er Jean aufmerksam.

"Ich arbeite noch daran", korrigierte sie.

"Du schaffst es", behauptete der Musiker. Anshara war dazu übergegangen, Jean ausgiebig zu streicheln, soweit es im gesellschaftlichen Rahmen noch erlaubt war, und er hatte mittlerweile einen ziemlich abwesenden Blick. "In der Beziehung ist er ziemlich leicht zu erwischen", meinte Marcel amüsiert.

"Offenbar", bemerkte Anshara fasziniert.

"Das war er schon so lange ich ihn kenne", erzählte Marcel und betrachtete die beiden. "Meist hingen irgendwelche weiblichen Wesen an ihm, und er hörte nicht zu."

"Soso - und um wie viele andere weibliche Wesen handelte es sich?"

"Es waren meist zwei oder drei."

"Hm."

"Irgendwie sind die alle ganz wild auf ihn."

"Jetzt gehört er jedenfalls mir", erklärte sie kategorisch.

"Augenblicklich schon."

"Auch weiterhin." Sie bearbeitete ihn weiter, und er wirkte immer noch wie in tiefer Trance. Erneut verzog Marc sein Gesicht zu einem breiten Grinsen.

"So kannst du ihn jedenfalls immer zähmen."

"Ab und zu mag ich ihn aber auch etwas wilder." Nun konnte auch sie sich eines Grinsens nicht erwehren.

"Ich habe gehört, das könne er auch ganz gut", kam es trocken von Marcel.

"Allerdings..." Sie seufzte und kuschelte sich an ihn.

"Tse", machte Marcel. "Ich glaube, langsam verstehe ich, was die Frauen so an ihm finden. Er widerspricht nicht, läßt sich widerstandslos knuddeln..."

"Stimmt. Das ist auf jeden Fall sehr praktisch." Sie beguckte Marcel neugierig. "Geht das bei dir auch?"

"Wer weiß", meinte er belustigt.

"Ich frage mich nämlich, ob das bei allen Männern eingebaut ist oder nur bei ein paar."

"Jean ist jedenfalls ein schlimmer Fall." Insbesondere, wenn er noch nicht einmal mitbekam, wenn man über ihn redete... Marcel lachte und packte Jean im Nacken. "Hallo? Bist du noch anwesend?"

Jean sah seinen Freund irritiert an. "Was hast du vor?"

Anshara schüttelte amüsiert den Kopf und hörte nicht auf, Jean zu bearbeiten.

"Mir scheint, diesmal hast du dir jemanden angelacht, der dich vollständig unter Kontrolle hat."

"Pah", machte er und befreite sich aus Marcels Griff.

"Gar nicht wahr", schmollte Anshara. "Ich kontrolliere ihn nicht, ich habe ihn nur ganz lieb."

"Ihr seid alle ganz schrecklich", maulte Jean.

"Ich doch nicht", widerspracht Marcel entrüstet. "Nicht nach dem, was wir zusammen alles erlebt haben."

"Erzähl doch mal", bat die Ägypterin ihn prompt.

"Das sind aber keine Geschichten für junge Damen", machte er sie vergnügt aufmerksam.

"So jung bin ich nun auch wieder nicht", stellte sie fest.

"Ach ja? Ich lade aber lieber keine Schuld auf mein Haupt - zum Beispiel, daß dann der Haussegen schiefhängt..."

"Und warum sollte das passieren?"

"Weil das schon öfter passiert ist, wenn ich Jeans Flammen von unseren Abenteuern unterrichtete."

"Ich bin ganz harmlos", behauptete Anshara.

"Das sagen sie alle", kommentiertte Marcel. Jean war schon wieder ganz weggetreten ob der von seiner Gefährtin angebrachten Streicheleinheiten. "Leider muß ich mich jetzt verabschieden, denn ich habe noch eine Bandprobe."

"Schade. Ich würde zu gerne von diesen Abenteuern hören..."

"Ein andermal. Vielleicht können wir uns ja mal etwas privater treffen."

"Mal sehen", wich Anshara aus, und der Musiker lachte.

"Keine Panik, ich bin ganz harmlos!"

"Hm, wo habe ich das nur schon mal gehört?" sinnierte sie. Marcel grinste sie breit an. "Hm, ich glaube, langsam brauche ich doch noch ein Schlückchen zu trinken..."

"Dann laß dich nicht aufhalten", sagte Marcel und winkte ihr noch einmal zu. Anshara erwiderte die Geste und dirigierte Jean mit in Richtung Buffet.

"Wo willst du denn hin?" fragte Jean.

"Etwas zu trinken holen." Sie schenkte zwei Gläser ein und reichte ihm eins davon.

"Oh ja, ich habe auch Durst."

"Prost!" Sie nahm einen Schluck und genoß die warme, gehaltvolle Flüssigkeit. Jean leerte sein Glas und sah sich schon wieder neugierig um. "Weißt du, hier gefällt es mir", fand Anshara. "Interessante Leute, exzellente Getränke, stimmungsvolles Ambiente... Dieser Marcel ist übrigens sehr niedlich."

"Ich weiß."

"Kennst du noch mehr solcher putzigen Typen? Jetzt, wo ich meine Aufenthaltserlaubnis habe, will ich unbedingt alle Leute, die hier in Paris herumspringen, kennenlernen und mich mit ihnen anfreunden."

"Da wirst du einiges zu tun haben. Insbesondere Toreadors gibt es hier ziemlich viele."

"Das finde ich gut. Die sind mir nämlich auch am liebsten. Obwohl die Ventrues auch ganz nett zu sein scheinen."

"Meistens." Jean spähte in die Menge um zu gucken, ob er hier noch jemanden kannte.

"Willst du noch ein Glas?" Anshara hatte sich gerade ein weiteres Mal eingeschenkt, doch er winkte ab.

"Nein danke, ich bin satt."

"Gut." Sie nippte graziös an ihrem Kelch, während Jean aufgeregt auf den Fußspitzen hin und her wippte. "Ist etwas?"

"Nein, ich fühle mich bloß wohl. Ich war schon zu lange nicht mehr auf einer solchen Party."

"Ich war noch nie auf so einer Party - außer auf der von Chris, heißt das."

"Das war etwas andere", stellte Jean fest. "Hier bin ich zu Hause."

"Hm, ich muß erst einmal herausfinden, wo ich zu Hause sein kann. Aber Paris ist auf jeden Fall eine Option."

Jean grinste. "Irgendwie habe ich Lust, etwas anzustellen", überlegte er, ohne auf Ansharas Gedankengang einzugehen.

"Was denn?"

"Ich weiß noch nicht", sinnierte er. "Darüber muß ich noch meditieren, denn alles kann ich mir hier bestimmt nicht erlauben."

"Wenn es etwas intelligentes ist, dann mache ich mit", erklärte Anshara.

"Was erwartest du von mir? Intelligenz?"

"Naja, ich dachte nur..."

"Sollte man eben nicht machen."

"Kennst du denn nicht den Spruch von Descartes 'Denkend erkenne ich mich selbst', denn die Lateiner fälschlicherweise mit 'Cogito ergo sum' übersetzten?"

"Nö. Sollte ich?"

"Natürlich. Descartes war Philosoph und Mathematiker. Ein echter Klassiker. Er war sogar ein Franzose!"

"Kenne ich aber trotzdem nicht", meinte Jean und drehte sich übermütig im Kreis. "Du weißt doch, ich lese nicht. Und wenn Simon mir so etwas erzählt hat, bin ich immer eingeschlafen."

"Du bist ein Banause."

"Klar", erwiderte Jean ungerührt. "Aber was mache ich nun?"

"Du wolltest etwas anstellen", erinnerte sie ihn.

"Ja, aber was?" Er schaute sich weiter suchend um. "Es ist leider niemand da, den ich ärgern kann."

"Wen ärgerst du denn üblicherweise?"

"Nur Leute, von denen ich weiß, daß sie mich nicht gleich umbringen - aber hier sind leider keine davon. Das ist in höchstem Maße unbefriedigend."

"Dann mußt du eben abwarten, bis du einige einfachere Opfer findest."

Jean seufzte herzergreifend, und Anshara konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

"Vielleicht haben sie ja erfahren, daß du wieder da bist."

"Frust."

"Soll ich dich trösten?"

"Natürlich."

Anshara tat wie ihr geheißen, und die beiden zogen sich kurz darauf zu Jeans Haus in Paris/St.Germain zurück.

Ce conte sera continué à Paris à Nuit


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